Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Filmfest Hamburg Tag 3: Vom Schaffen

Man könn­te sagen, dass es einen neu­en Schwung an Fil­men gibt, die den Schaf­fens­pro­zess des Kinos und der Kino­ma­cher reflek­tie­ren. Man könn­te auch sagen, dass man ein wenig satt ist von die­ser Art Film, aber das wür­de zu kurz grei­fen. Es sind näm­lich ande­re Fil­me, freie­re Fil­me, die auch mit der Bild­kul­tur unse­rer Zeit in Ver­bin­dung ste­hen. Fil­me wie Res­ter ver­ti­cal von Alain Girau­die, O Orni­tó­lo­go von João Pedro Rodri­gues oder By The Time It Gets Dark von Anocha Suwichakorn­pong tre­ten zum einen in die Fuß­stap­fen von Felli­nis 12, zum ande­ren drif­ten sie weit davon entfernt.

In den Fil­men geht es letzt­lich mehr um eine Traum­lo­gik der Zwei­fel, Ablen­kun­gen und der Unmög­lich­keit des Bildermachens/​Geschichtenerzählens/​Beobachtens. In allen drei Fil­men hat man ab einem bestimm­ten Zeit­punk den Ein­druck, dass man sich in die Köp­fe der Fil­me­ma­cher (im und außer­halb des Films) ein­schleicht. Es begin­nen wil­de Asso­zia­ti­ons- und Traum­lo­gi­ken, man wird kon­fron­tiert mit Ein­sam­keit und Begeh­ren, aber alles der­art flüch­tig und irgend­wie nar­ziss­tisch ver­dor­ben, sich sicher nicht an klas­si­zis­ti­sche Logik hal­tend, dass einem letzt­lich oft das Voka­bu­lar zur Beschrei­bung sol­cher Fil­me fehlt. Viel­mehr – und das ist sehr wohl begrü­ßens­wert – muss man sich auf Erfah­run­gen, ein­zel­ne Momen­te und Anflü­ge eines erfühl­ten Ver­ständ­nis­ses beru­fen. Es gibt eine neue Frei­heit, ein Kino der Trance. Dabei wird der Pro­zess des Fil­me­ma­chens nicht mehr anhand der eigent­li­chen Arbeit betrach­tet, son­dern in sei­nem Begin­nen, sei­ner Inspi­ra­ti­on und letzt­lich Essenz. Das Beob­ach­ten bei Rodri­gues, das Leben bei Girau­die oder die Bild­me­cha­nis­men bei Suwichakorn­pong, Eine Essenz, die ins Wan­ken gerät, weil man zum einen den Bil­dern nicht mehr traut und weil die Sub­jek­ti­vi­tät der Fil­me­ma­cher sich immer zwi­schen Auge und Objekt schiebt. Weil es zu vie­le Bil­der gibt und zu wenig, das sie ver­bin­det. Es ist auch ein wenig eine Roman­ti­sie­rung und Abs­tra­hie­rung des Fil­me­ma­chens, denn berech­tigt könn­te man ein­wen­den, dass sich zwi­schen Auge und Objekt eigent­lich eine Kame­ra befindet.

bythetimeitgetsdark_04

Aber die­se Din­ge lösen sich auf in einem Rausch der Nicht-Greif­bar­keit. Es gibt zwar gele­gent­lich ganz prak­ti­sche Sze­nen, zum Bei­spiel ein Tele­fo­nat mit dem Pro­du­zen­ten bei Girau­die oder die Farb­kor­rek­tur in By The Time It Gets Dark, aber letzt­lich folgt die Logik die­ser Fil­me nicht mehr jener der Arbeit am Film, son­dern eher der Gedan­ken­ar­beit. By The Time It Gets Dark ist dabei das ein­drück­lichs­te Bei­spiel, weil er nicht mal eine Figur in sich trägt. Er wird zu einer Straw­ber­ry-Field-Pilz-Hyp­no­se, die das fil­mi­sche Begrei­fen der Ver­gan­gen­heit als etwas Davon­schwim­men­des mit den wei­chen thai­län­di­schen Stim­men betrach­tet, die wir auch von Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul ken­nen. Die Fra­ge, die sich nach die­sem und auch ande­ren Fil­men stellt: Gibt es dort eine Dring­lich­keit, eine Not­wen­dig­keit hin­ter der schein­ba­ren Will­kür? Wie kann man dar­über spre­chen? Es ist eine Spra­che der Erfah­rung, die dann hin zum Film füh­ren muss. Der Sinn liegt in der Sinn­lich­keit und in die­ser muss sich auch das Poli­ti­sche, Phi­lo­so­phi­sche, Reagie­ren­de auf­hal­ten. Es ent­fal­ten sich wirk­li­che Trips, die ohne die Geil­heit eines Gas­par Noés (zumin­dest bei Rodri­gues und Suwichakorn­pong) wie das tat­säch­li­che Erwa­chen vor dem Ein­schla­fen von Eska­pis­mus und Ver­lo­ren­heit erzäh­len. Man glaubt sich noch in einem gerad­li­ni­gen Film und plötz­lich ver­schwin­det der Halt, den man damit verbindet.Das fühlt sich gut an, man kann so wie­der erfah­ren, dass Kino auch heißt, anders zu bli­cken, anders zu leben.

Aller­dings muss man sich fra­gen, wie weit man mit die­sen Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen gehen muss, damit sie in sich Sinn­lich­keit erge­ben. Zum Bei­spiel in By The Time It Gets Dark legt sich eine mehr oder weni­ger klas­si­sche Film­mu­sik über die Traum­bil­der, eine die aus einer ande­ren Zeit des Kinos zu stam­men scheint, gefan­gen zwi­schen der Not­wen­dig­keit ver­stan­den zu wer­den, aber mit dem gleich­zei­ti­gen Des­in­ter­es­se dar­an; der Erfah­rung, die in den Vor­der­grund rückt. Das ist eigent­lich feh­len­de Kon­se­quenz. Bei Rodri­gues ver­mi­schen sich mytho­lo­gi­sche und per­sön­li­che Din­ge, aber sein Kino ist gleich­zei­tig sehr im Rea­lis­mus ver­an­kert. Es ist ein Kino, das sich bereits beim Bli­cken in der Welt befin­det nicht erst durch das Bli­cken. Das ist deut­lich schlüs­si­ger zumal sei­ne fil­mi­sche Gram­ma­tik deut­lich mehr im Kino ver­haf­tet zu sein scheint, als die bis­wei­len an Wer­be­äs­the­ti­ken erin­nern­de Vor­ge­hens­wei­se von Suwichakorn­pong oder die sehr, sehr los­ge­lös­te und meta­pho­risch ange­hauch­te Form von Girau­die. Bei Rodri­gues wird das Kino ein Erfah­rungs­raum. Man ver­hilft sich in der Beschrei­bung mit Adjek­ti­ven wie „schön“, „fas­zi­nie­rend“ oder „inter­es­sant“. Hier stellt sich dann schon die Fra­ge, ob man mehr von die­sem Kino will oder letzt­lich zu wenig.