Schilderungen aus Frankfurt: Einführung zum Grenzgang

Vor kur­zem zeig­te das Film­kol­lek­tiv Frank­furt in einer fünf­tä­gi­gen Retro­spek­ti­ve zum fran­zö­si­schen Gen­re­film – auch bekannt als »Ciné­ma Bis« – vier­zehn Fil­me, beglei­tet von Ein­füh­run­gen und Gesprä­chen. Vor allem über die pre­kä­re Kopien­la­ge der gezeig­ten Titel sowie ihre Film­mu­si­ken, kom­po­niert von Phil­ip­pe Sar­de. Die Vor­stel­lung, was Gen­re­film ist oder eher sein soll, brauch­te offen­bar nicht dis­ku­tiert zu wer­den, sie reich­te von einem dem Publi­kum tan­zend naiv-zuge­wand­ten Gar­çon! von Clau­de Sau­tet bis hin zum eher eigen­sin­nig-abge­wen­de­ten Hal­lu­ci­n­a­ti­ons sadi­ques von Jean-Pierre Bas­tid. Dass bei­de Fil­me unmit­tel­bar hin­ter­ein­an­der zuse­hen waren, darf man dahin­ge­hend wohl als Aus­sa­ge über die Brei­te oder Absa­ge an das geheg­te Schmud­del­image des Gen­re­ki­nos ver­ste­hen, genau­so könn­te man hier aber auch an der Sinn­haf­tig­keit des begriff­li­chen Zusam­men­halts zweifeln.

Über­schnei­dun­gen zwi­schen den ein­zel­nen Fil­men zeich­nen sich auch unab­hän­gig von nar­ra­ti­ven For­men ab. So zie­hen sich Phil­ip­pe Sar­des ele­gisch-reduk­ti­ven The­men durch die Fil­me, wie sich die Gesich­ter von Yves Mon­tand, Jean-Lou­is Trin­tignant oder Lino Ven­tura wie­der­ho­len. Nur in den weni­gen Aus­nah­men dre­hen sich die Fil­me auch um Frau­en, nur um dann aber zum Objekt der Gewalt zu wer­den wie Romy Schnei­der in Le train von Pierre Gra­ni­er-Defer­re oder in Le vieux fusil von Robert Enri­co. Fil­me, die viel­leicht schon eher zu den Kult­fil­men im Gewand des Okku­pa­ti­ons­film­gen­res gehö­ren. Neben Schnei­der in beson­de­re Wei­se aber auch Isa­bel­le Hup­pert in La gar­ce von Chris­ti­ne Pas­cal. Ein Film, der nach sei­nem Ver­schwin­den in den archi­va­ri­schen Abgrün­den seit ein paar Jah­ren wie­der eine gewis­se Blu­ray-Renais­sance erlebt und hier aber wie alle ande­ren Fil­me eben­so ana­log gezeigt wurde.

So han­del­te es sich bei dem Pro­gramm um Fil­me, die zum Zweck ihres Genus­ses oder des­sen Gegen­teil für den ent­spre­chen­den Con­nais­seur ange­prie­sen wer­den. Die­ses nicht sel­ten ero­ti­sche Ver­hält­nis zum Film im dop­pel­ten Sin­ne – geprägt davon, was gezeigt und nicht gezeigt wer­den kann – darf dabei wohl als cha­rak­te­ris­tisch für den Gen­re­film und sein Publi­kum gel­ten. Nicht weit davon ent­fernt liegt ein beflis­sen-selbst­iro­ni­scher Zynis­mus, bewaff­net mit einem Glas Cognac, wie Clau­de Bras­seur in Radio Cor­beau von Yves Bois­set. Oder alters­mil­de, aber immer noch am Glas wie Yves Mon­tand in ‌Le choix des armes von Alain Cor­neau. Lieb­ha­be­rei und Unge­nieß­bar­keit sehen sich hier aller­dings zum Ver­wech­seln ähn­lich. Näm­lich dann, wenn die noto­ri­schen Gewalt­es­ka­pa­den immer wie­der in Ver­ge­wal­ti­gun­gen gip­feln als han­de­le es sich um eine nar­ra­ti­ve Not­wen­dig­keit. Das, was in La Gar­ce auf irri­tie­ren­de Wei­se wohl beson­ders zärt­lich aus­se­hen soll, gibt damit fast Anlass zu glau­ben, der Ambi­va­lenz von Über­schrei­tung und Rea­li­täts­sinn mag man nur in Pari­ser Stra­ßen gerecht wer­den. Neben aller Kri­tik an der Exe­ku­ti­ve bleibt so stets ein Hang zum Düs­te­ren bestehen.

Gera­de in den drei Nacht­schie­nen der Retro­spek­ti­ve soll­ten die­se Vor­lie­ben nicht zuletzt in ihrer gro­tes­ken Form­viel­falt in abstei­gen­dem Bekannt­heits­grad zele­briert wer­den. Ange­fan­gen mit Andrzej Żuław­skis Pos­ses­si­on, der im ummau­er­ten West­ber­lin spielt und dort zwi­schen obses­si­ven Bezie­hungs­pro­ble­men eines Paa­res in Zer­flei­schungs- und Ver­schlin­gungs­sehn­süch­ten zuneh­mend audio­vi­su­ell ein­engen­der wird. Gefolgt von Doc­teur Jekyll et les femmes, in dem sich ein wild­ge­spritz­ter Udo Kier lüs­tern über die Frau­en sei­ner Freun­de und sei­ne Bediens­te­ten her­fällt, nur nicht über sei­ne eige­ne Ver­lob­te. Wie­der bei Sin­nen kann er sich aber an nichts mehr erin­nern. Und so oder ähn­lich konn­te es einem selbst dann auch nach Hal­lu­ci­n­a­ti­ons sadi­ques erge­hen, in dem ein Frau­en­mord, gefärbt in Strau­bia­ni­schen Stoi­zis­mus, sich all­mäh­lich in ein Kom­plott ver­rät­selt, gerahmt von einer Rot­wild­jagd in natur­ver­lieb­ten Bil­dern. Wäh­rend beim letz­ten Film zum ers­ten Mal ein film­künst­le­ri­scher Über­schuss her­vor­sticht, ist dem­ge­gen­über in den bei­den ande­ren das Schau­spiel von Kier und Adja­ni so berau­schend exal­tiert, dass es eher an Akti­ons- oder Per­for­mance­kunst wie jene von Mari­na Abra­mo­vić erinnert.

Bei die­sen Lieb­ha­ber­fil­men bezie­hungs­wei­se die­sen Fil­men über Lieb­ha­ber auf Irr­we­gen emp­fiehlt sich hin und wie­der auch mal ein Blick nach Links und Rechts, um sich selbst oder Bekann­te wie­der­zu­ken­nen. Der gemei­ne Gen­re­film­ki­no­gän­ger taucht dabei ent­we­der als Ein­zel­kämp­fer oder in mit­tel­gro­ßen Grup­pen, die in der Regel ange­regt Film­lis­ten aus­tau­schen, auf. (Paa­re sieht man über­ra­schen­der­wei­se wenig.) Er und sie sind dabei gegen­über ihren Fil­men eher unauf­fäl­lig geklei­det. Auf­fäl­li­ger ist statt­des­sen der Kon­sum von auf­put­schen­den Geträn­ken und dem wahl­wei­se wei­he­vol­len oder schmerz­vol­len Atem. Für den ver­ba­len Aus­druck des Unmuts reicht es vor ver­sam­mel­ter Mann­schaft eher sel­ten. Viel lie­ber teil­te man sich hier – wenn über­haupt – stöh­nend mit, und nur dann, wenn gera­de Frau­en vor­tra­gen, denen man ger­ne mal beschei­nigt, doch eigent­lich kei­ne Ahnung vom Kino zu haben.

Damit trifft die ver­meint­li­che Ahnung der Zuschau­er offen­bar die noto­ri­sche Geheim­nis­krä­me­rei der Fil­me. Man darf sich fra­gen, wofür die Schar der Ein­ge­weih­ten dann über­haupt noch Ein­füh­run­gen benö­tigt. Viel­leicht als Anstands­pro­be gegen die fil­mi­sche Unan­stän­dig­keit. Sicher­lich kann man die Film­ex­per­ti­se einer His­to­ri­ke­rin hin­ter­fra­gen, die als ein­zi­ges Kri­te­ri­um die Schön­heit von Romy Schnei­ders Gesicht gel­ten lässt und die Geschichts­gül­tig­keit eines melo­dra­ma­tisch-ver­film­ten SS-Mas­sa­kers kri­ti­siert. Gleich­zei­tig kann man dar­an aber auch fest­stel­len, dass Ein­füh­run­gen jeder Form sich sel­ten an das gan­ze Publi­kum wen­den. Oft­mals näm­lich eher an jene, die mit ihm noch nicht bis aufs Intims­te ver­traut sind, wor­an lei­der letzt­lich die meis­ten, wenn nicht alle Ein­füh­run­gen schei­tern. In die­ser Hin­sicht ist aber ein sinn­sti­mu­lie­ren­der Hin­weis oft effekt­vol­ler als die nicht all­zu ver­füh­re­ri­schen Geheim­nis­se der Kopien­be­schaf­fung. Das kann man auch aus den Fil­men des Pro­gramms ler­nen, obschon die ana­lo­gen Bemü­hun­gen sehr wohl der Rede wert ist. Nur könn­te es dann eben viel­leicht auch um das Pre­kä­re des Mate­ri­als in Ana­lo­gie zum Stil des Gen­re­films gehen, wenn man sich fragt, wodurch soge­nann­te Wie­der­ent­de­ckun­gen begüns­tigt wer­den oder auch nicht.

Die Suche nach so einer Balan­ce, hat eine gewis­se Ent­spre­chung in den Fil­men, die auf beson­de­re Wei­se zwi­schen sozia­lem Enga­ge­ment und dem Aus­tes­ten von Gren­zen chan­gie­ren. Wie bei jedem gelun­ge­nen Gen­re­film, letzt­lich auch die Gren­zen des Gen­res, was also nur bedingt für die Hoch­glanz­fil­me wie Le choix des armes oder L’armée des ombres von Jean-Pierre Mel­ville gilt. Liegt in ihrer Gen­restren­ge dann die rela­ti­ve Popu­la­ri­tät? Hin­ge­gen führt grenz­gän­ge­ri­sche Balan­ce­akt mit­un­ter zu viel inter­es­san­te­ren Ergeb­nis­sen wie in Le voleur de cri­mes von Nadi­ne Trin­tignant, wo ein jun­ger gelang­weil­ter Autor, gespielt von Jean-Lou­is Trin­tignant, ori­en­tiert an rea­len Vor­bil­dern, sich den Sui­zid einer Frau als Mör­der aneig­net und dabei aber immer wie­der befürch­tet das Inter­es­se der Poli­zei zu ver­lie­ren. Unent­schlos­se­ner, wenn auch nicht weni­ger enig­ma­tisch, ähnelt das unver­kenn­bar Michel­an­ge­lo Anto­nio­nis Milieu­stu­di­en der 1968er, wur­de aber bezeich­nen­der­wei­se von sei­ner Regis­seu­rin als miss­lun­gen beschrieben. 

Wesent­lich rei­fer, aber mit der glei­chen Ableh­nung einer durch­schau­ba­ren Dra­ma­tur­gie wäre dann noch der abschlie­ßen­de La cage von Pierre Gra­ni­er-Defer­re zu nen­nen. Dort sperrt eine ver­nach­läs­sig­te Ehe­frau ihren Ehe­mann, noch­mals Lino Ven­tura hier als viel beschäf­tig­ter Bau­meis­ter, in ein Kel­ler­ver­lies, um mit ihm wie­der mehr Zeit zu ver­brin­gen. Von die­sem Akt der Hin­ga­be zeigt er sich aller­dings wenig begeis­tert und ver­sucht ver­zwei­felt aus­zu­bre­chen. Was als Fami­li­en­ko­mö­die beginnt, zeigt so all­mäh­lich immer tie­fe­re see­li­sche Abgrün­de häus­li­cher Gewalt aber­mals in Ambi­va­len­zen auf. Mit dem Ver­such, ihren reni­ten­ten Mann durch eine umge­lei­te­te Gas­lei­tung dann umzu­brin­gen, explo­diert schließ­lich das gesam­te Haus und es dringt ein ver­stö­ren­des Lachen aus den Trüm­mern nach außen. Die Deto­na­ti­on ent­hält damit einen gewis­sen Rea­li­täts­sinn über das Pul­ver­fass der Nor­ma­li­tät, zu dem sich der Gen­re­film bewusst auf Distanz hält. Gleich­zei­tig weist er dabei auch immer wie­der selbst­ge­fäl­li­ge Momen­te auf, in denen bei­spiels­wei­se La cage sei­ne eige­nen dra­ma­tur­gi­schen Logik folgt, statt gebräuch­li­che For­men zu ver­wen­den. Gera­de wer wirk­lich Täter und Opfer ist, ver­schlei­ert sich immer wieder.

Gro­tes­ke Auf­lö­sun­gen und Irri­ta­tio­nen wie die­se, in die sich die Fil­me des behut­sam kom­bi­nier­ten Pro­gramms gera­de­zu lust­voll bege­ben, wei­sen mit ihrer ten­den­zi­el­len und oft auch the­ma­ti­schen Nähe zum Traum letzt­lich ihre sur­rea­lis­ti­sche Qua­li­tät aus. Womög­lich han­delt es sich dabei um das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um des Gen­re­films, wenn­gleich sel­ten als sol­ches begrif­fen. So ist unter dem Sur­rea­lis­ti­schen gera­de nicht Rea­li­täts­lo­sig­keit oder des­sen Tran­szen­denz zu ver­ste­hen, als stün­de man stets ahnungs­los vor den eige­nen Träu­men. Eher han­delt es sich um die plötz­li­che Dis­rup­ti­on, die sich durch den Ein­druck des Wirk­li­chen zieht, was qual­voll wie kri­tisch oder eben auch pre­kär sein kann, wenn man auf die Welt der eige­nen Vor­stel­lun­gen trifft. Dies gilt für das Erle­ben des Traums selbst, wie für sein Ende mit dem Auf­wa­chen. Mög­li­cher­wei­se soll­te man die­se Qua­li­tät nicht nur den Fil­men über­las­sen, son­dern pro­be­wei­se auch für Ein­füh­run­gen ins Kino als sprung­haft-leben­di­ges Den­ken und Träu­men beanspruchen.