Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Gebürstete Geschichte: Shifty von Adam Curtis

Im Juni hat Adam Cur­tis sei­nen neu­en Found-Foo­ta­ge-Film, Shif­ty, in fünf Tei­len beim BBC ver­öf­fent­licht. Inzwi­schen kann man die Arbeit auf You­tube (Link) sehen, was wohl mehr im Sin­ne des Fil­me­ma­chers als des aus­füh­ren­den TV-Sen­ders ist. Wie üblich col­la­giert Cur­tis äußerst fas­zi­nie­ren­de Auf­nah­men, groß­teils aus dem Archiv des BBC, um auf­zu­zei­gen, war­um es den Men­schen und der Gesell­schaft heu­te so geht, wie es ihnen geht. Man sieht TV-Repor­ta­gen, Kon­zert­mit­schnit­te, nicht­ver­wen­de­tes Mate­ri­al, poli­ti­sche Reden, Film­aus­schnit­te und so wei­ter. Das the­ma­ti­sche Spek­trum ist breit. Poli­tik, Wirt­schaft, Indi­vi­dua­lis­mus, Pop­kul­tur, Natur, digi­ta­le Welten,Vergangenheitsbewältigung, Geschlech­ter­bil­der, Kunst, alles kommt vor und brei­tet sich moti­visch aus. Sein fil­mi­sches Vor­ge­hen ist zugleich aus­ge­spro­chen kru­de und elo­quent, die aus dem asso­zia­ti­ven Strom der Archiv­auf­nah­men ent­ste­hen­den Effek­te erzäh­len immer auch vom aus dem Fugen gera­te­nen Ver­hält­nis zwi­schen Zuschau­er, Wirk­lich­keit und Bildern.

Das fühlt sich an wie eine kura­tier­te, irgend­wie intel­lek­tu­el­le­re Form des Doom­scrol­ling, denn man steu­ert dabei unent­wegt auf ein von Ängs­ten und Eska­pis­men getra­ge­nes Ende zu, aber gleich­zei­tig kommt stets nur das nächs­te Bild, der nächs­te Schre­cken und es geht wei­ter und wei­ter. Die Idee des Kinos als Zeit­kap­sel des 20. Jahr­hun­derts muss mit Cur­tis zumin­dest für die zwei­te Hälf­te des­sel­bi­gen hin­ter­fragt wer­den. Das Fern­se­hen über­nimmt bei ihm die­se Rol­le, ins­be­son­de­re das Mate­ri­al, das womög­lich nie so aus­ge­strahlt wur­de. Kei­ne Ahnung, ob sol­che Fil­me über die Zeit, in der wir heu­te leben, über­haupt mög­lich wären. Wer will im Bil­der­sturm heu­te die Über­sicht behal­ten? Eine Nar­ra­ti­on scheint unmög­lich. Alles ist frag­men­tier­tes Cha­os, wie auch David Bowie in Shif­ty fest­stellt. Viel­leicht erzählt Cur­tis auch immer wie­der von den Din­gen, die unse­rer Gegen­wart vor­aus­gin­gen, weil er von der Gegen­wart selbst gar nicht mehr erzäh­len könn­te. Ande­rer­seits ist das wohl immer so und es sind die Mit­tel der frag­men­tier­ten, asso­zia­ti­ven Gegen­wart, die Cur­tis nutz­bar macht für das Ver­ste­hen des Gegen­wär­ti­gen durch das Ver­gan­ge­ne. «Denn es ist ein unwie­der­bring­li­ches Bild der Ver­gan­gen­heit, das mit jeder Gegen­wart zu ver­schwin­den droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkann­te.» (Wal­ter Benjamin).

Dies­mal fokus­siert sich Cur­tis auf Groß­bri­tan­ni­en, was mit Aus­nah­me eini­ger loka­ler Schrul­lig­kei­ten (Unfass­bar­kei­ten) für Men­schen aus indus­tri­el­len Macht­na­tio­nen nichts an der Seh­erfah­rung ändert. Er zeich­net die Ent­wick­lung des Lan­des von der Macht­über­nah­me Mar­ga­ret That­chers 1979 bis zum Mill­en­ni­um nach und bemerkt über­all einen shift, einen Wan­del also, der den gesell­schaft­li­chen Sta­tus quo als logi­sche Fol­ge einer Viel­zahl an Pro­zes­sen ver­steht und ihn somit auch als umkehr­bar, zumin­dest angreif­bar entlarvt.

Im Gegen­satz zu eini­gen sei­ner letz­ten Arbei­ten ver­zich­tet Cur­tis, der zumin­dest im bri­ti­schen Fern­se­hen so etwas wie das Erbe John Ber­gers ange­tre­ten hat, auf einen Voice-Over und geht zudem behut­sa­mer mit dem Ein­satz bedeu­tungs­schwer rau­nen­der Musik um. Statt­des­sen füh­ren schmuck­lo­se Text­ta­feln durch das Gesche­hen, didak­tisch und kühn. Das gereicht sei­nem Anlie­gen zum Vor­teil, weil die gefun­de­nen Bil­der mehr atmen dür­fen und ihre Insze­nie­rung nicht in einer apo­ka­lyp­tisch unken­den Sau­ce erstickt wird. Man wird regel­recht dazu ein­ge­la­den, das Vor­ge­hen des Fil­me­ma­chers und damit den Umgang mit his­to­ri­schen Nar­ra­ti­ven zu hin­ter­fra­gen (am Ende des fünf­ten Teils wird das ganz expli­zit, als er sei­ne Arbeit mit der nost­al­gi­schen End­los­schlei­fe ver­gleicht, in der das Estab­lish­ment sei­ne Stel­lung bewahrt), weil sich die Bil­der nicht ganz so naht­los ver­bin­den wie in ande­ren Arbei­ten. Statt­des­sen gibt es har­te Schnit­te. Vom ver­stö­ren­den Ver­hör (so muss man das nen­nen) einer Frau, die bei der Poli­zei mel­det, dass sie ver­ge­wal­tigt wur­de, schnei­det er zu schril­len Künst­lern, die als Best Hair­dress­er aus­ge­zeich­net wur­den. Von Whams! Debüt­al­bum sind es nur Sekun­den bis zum Falk­land­krieg, von einem exhu­mier­ten Pilo­ten aus dem Zwei­ten Welt­krieg geht es zu einem Hund, der im fal­schen Kör­per lebt.

Die­ses Vor­ge­hen recht­fer­tigt sich durch die his­to­ri­sche Gleich­zei­tig­keit der gezeig­ten Ereig­nis­se und eini­ge über­ge­ord­ne­te Sym­pto­me, die Cur­tis in sei­nen Text­ta­feln eta­bliert und die auf den kom­men­den bezie­hungs­wei­se gekom­me­nen shift hin­wei­sen. So füh­ren Syn­the­si­zer bereits zur KI, die Poli­tik der Tages­zei­tun­gen zu einem Miss­trau­en gegen­über den klas­si­schen Medi­en und so wei­ter. Qua­si dia­lek­tisch lässt Cur­tis Wel­ten auf­ein­an­der­pral­len, statt einer Syn­the­se war­tet aber immer nur der nächs­te Wider­spruch. Der ein­zi­ge Weg aus die­sem asso­zia­ti­ven Rausch, so argu­men­tiert der Film selbst, ist ihn zu durch­bre­chen. Soll man also aus­schal­ten? Der Durch­bruch jedoch ist glei­cher­ma­ßen als Dau­er­zu­stand in das ver­mit­tel­te Geschichts­bild ein­ge­schrie­ben, etwa in der Auf­he­bung klas­si­scher Poli­tik hin zu einem Wirt­schafts­ma­nage­ment (eine Stan­dard­the­se im Werk von Cur­tis) oder im Ver­schwin­den eines bestimm­ten Klassenbegriffs.

In die­sem argu­men­ta­ti­ven Stru­del ent­steht ein Schwin­del, der in den bes­ten Momen­ten an die betö­ren­de und glei­cher­ma­ßen die Wahr­neh­mung einer Unwirk­lich­keit befeu­ern­de Pro­sa von W.G. Sebald erin­nert, manch­mal aber einem all­zu ein­fa­chen Zau­ber­trick gleicht. Ist es nicht zu sim­pel und zu redu­zie­rend jedes Bild der Ver­gan­gen­heit mit dem Gewicht der Gegen­wart zu bela­den? Ist der Ver­lust eines kohä­ren­ten Sinns wirk­lich Fol­ge bestimm­ter Ent­wick­lun­gen oder ist es die Bedeu­tung selbst, die hier hin­ter­fragt wer­den müss­te als künst­li­ches Pro­dukt einer Gesell­schaft, die es nicht aus­hal­ten wür­de, wenn etwas nur das wäre, was es eben ist. Inwie­fern spielt Cur­tis mit den Bedürf­nis­sen die­ser Gesell­schaft, wie oft kann man sagen «und dann, und dann und dann», ehe wer bemerkt, dass nichts am ande­ren Ende von «und dann» wartet?

Die Bil­der selbst ent­zie­hen sich glück­li­cher­wei­se der in sie hin­ein pro­ji­zier­ten Beweis­last. Sie ent­hal­ten stets mehr als die argu­men­ta­tiv ver­lang­te Ein­deu­tig­keit und nicht alle fügen sich naht­los in die Gesell­schafts­ana­ly­se ein. Man­ches schwebt als unheim­li­ches Indiz eines bis heu­te unbe­nannt geblie­be­nen Grau­ens durch die Bil­der­as­so­zia­tio­nen, etwa der wie bei­läu­fig durch die Tief­kühl­tru­he wüh­len­de Tier­prä­pa­ra­tor, der einen ver­stor­be­nen Baby­ti­ger in einer Plas­tik­ta­sche her­vor­holt und die Arbei­ten­den in einer Stoff­tier­fa­brik, die Luft in die Spiel­zeug­hül­len ein­las­sen, damit sie leben­di­ger wir­ken. Bei­de wol­len leben­dig wir­ken las­sen, was nicht lebt.

Eine Geschich­te Groß­bri­tan­ni­ens lässt sich so wohl kaum erzäh­len, eine vom in den Bil­dern über­le­ben­den Ver­dräng­ten aber schon. Kul­tu­ren, die Bil­der hin­ter­las­sen und archi­vie­ren, ermög­li­chen eine nach­träg­li­che Ana­ly­se ihrer Defek­te. Was Cur­tis betreibt, ist das Gegen­teil von Nost­al­gie, nicht als Fort­schritts­den­ken son­dern als (frei nach Ben­ja­min) Bürs­ten der Geschich­te gegen den Strich.