Denkt man an den Maler Gust­ave Cour­bet, fal­len einem wahr­schein­lich eine Rei­he Stich­wör­ter ein, die mit ihm und sei­nem Werk in Ver­bin­dung ste­hen: „Rea­lis­mus“, „sozi­al- und gesell­schafts­kri­tisch“, „Vor­rei­ter“, „Pro­vo­ka­teur“, „Revo­lu­tio­när“ usw. Sol­che kann man in jeg­li­chen Begleit­tex­ten fin­den, so wie in jenen zur Block­bus­ter-Aus­stel­lung mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel „Gust­ave Cour­bet: Rea­list und Rebell“ im Leo­pold Muse­um in Wien, eine umfas­sen­de Dar­stel­lung sei­nes Œuvres, die den Künst­ler auf sei­nem Platz als „bahn­bre­chen­der Grün­der“ des Rea­lis­mus in der Kunst­ge­schich­te sowie mit sei­ner Rol­le in den gesell­schaft­lich-poli­ti­schen Umbrü­chen in Frank­reich fest ver­or­tet. Man wan­dert von Saal zu Saal, die Augen über den Gemäl­den glei­tend, im ein­ge­schüch­ter­ten Bewusst­sein, in der Gegen­wart von „Meis­ter­wer­ken“ zu sein: zu Sym­bo­len ver­klär­te Gegen­stän­de, Land­schafts­for­men in Meta­phern ver­klei­det, schließ­lich durch sie zuge­deckt, und am Ende steht man da mit dem etwas bedrü­cken­den Gefühl, gro­ße Kunst­wer­ke eines „Meis­ters“ kon­su­miert, doch ohne etwas wirk­lich gese­hen zu haben. (Jeden­falls ist es mir so ergan­gen). Denn es ist schwie­rig, Kunst zu sehen. Noch schwie­ri­ger ist es, ein blo­ßes gedan­ken­ver­streu­tes, geis­tes­ab­we­sen­des Hin­schau­en durch das lan­ge Ver­har­ren vor den Bil­dern in eine stil­le, frucht­ba­re Betrach­tung zu ver­wan­deln, aus der dann ein wah­res Gefühl für das Gese­he­ne ent­steht, das spä­ter noch vor den Augen nach­leuch­tet. (Zum Bei­spiel die trau­rig-müden von Dun­kel­heit umge­ben­den Gesich­ter der Män­ner in L’Après-dînée à Orn­ans). Eine zusätz­li­che Schwie­rig­keit rührt von der Grö­ße des Schöp­fers her: Cour­bet ist ja ein Maler, mit dem eine völ­lig neue Wahr­neh­mungs­schu­le begann, sodass die Gefahr besteht, anstatt der Bil­der nur Begrif­fe oder ihre Bedeu­tung zu sehen. Hier mögen also ein paar Zei­len des Dich­ters Phil­ip­pe Jac­cot­tet aus sei­nem letz­ten Buch Bon­jour, Mon­sieur Cour­bet als Leit­satz fürs Kunst-Schau­en die­nen: „Also wie auch immer, das hier sind nur Phra­sen: Man ver­ges­se sie so schnell wie mög­lich und betrach­te statt­des­sen die Bilder!“

Ich sah also den Him­mel des Südens, unter des­sen blau­wei­ßen Far­ben drei Men­schen – der Künst­ler, der Mäzen und sein Die­ner – sich auf einer Land­stra­ße begeg­nen. Zu ihren Bei­nen ein schwarz­wei­ßer Hund mit aus­ge­streck­ter Zun­ge, der erwar­tungs­voll aus dem Bild schaut. Ein Baum­schat­ten auf dem Boden, rechts im Hin­ter­grund eine Pfer­de­kut­sche, wei­ter in der Fer­ne win­zi­ge Erhe­bun­gen und Gehöf­te. Zwei klei­ne rote Blü­ten im Vor­der­grund heben sich vom all­ge­mei­nen Grün­blau des Bil­des her­vor. Der Wan­der­stock des Malers in die Erde ver­pflanzt, mes­ser­schar­fer Bart, der Mal­werk­zeug­kas­ten auf sei­nem Rücken. Die zur Begrü­ßung aus­ge­streck­te lin­ke Hand des Mäzens, das wol­li­ge Dun­kel­grün sei­nes Geh­rocks, hin­ter ihm die beschei­de­ne Hal­tung des Die­ners, sei­ne zu Boden gesenk­ten Lidern, bei dem mir unwill­kür­lich der Name eines Buches von Her­man Lenz durch den Kopf ging: Die Augen eines Die­ners. (Und als ich von die­sem Bild mit dem Titel Bon­jour, Mon­sieur Cour­bet weg­ging, sag­te ich zu mir, ohne mich zu fra­gen, war­um: „Au revoir, John Ford“.)

Ich sah auch die gerö­te­te Wan­ge des Dich­ters Charles Bau­de­lai­re beim Nacht­le­sen in sei­ner kar­gen Kam­mer. Mit einer Pfei­fe im Mund, sitzt er an einem Tisch, ein­ge­hüllt in einem dicken, gegen die Käl­te schüt­zen­den dun­kel­brau­nen Mor­gen­rock (die sei­ne Dünn­heit umso mehr unter­streicht) sowie einer kar­min­ro­ten Decke, die er mit sei­ner lin­ken Hand an sich zieht. Um sei­nen Hals ein gel­ber Schal, auf dem Tisch ein klei­ner Bücher­sta­pel und eine Schreib­fe­der. Das Drei­eck sei­nes Haar­an­sat­zes, sei­ne zusam­men geknif­fe­nen Augen und die Ein­sam­keit der spä­ten Stun­de. (Und vor die­sem Bild ste­hend, habe ich dann auch die­se Zei­len von Lou Reed vor mich hin­sin­gen müs­sen: „When you’re all alo­ne and lonely/​In your mid­night hour …“)

Ich sah dann auch eine Zeder, unter ihr eine Bank, die beim lan­gen Betrach­ten „mei­ne“ Zeder und „mei­ne“ Bank wur­den: Ihre waa­ge­rech­ten in die Land­schaft hin­ein­win­ken­den Äste – Arme, die den Blick ein­la­den, bei ihm zu ver­wei­len –, das von der rech­ten Sei­te fal­len­de Nach­mit­tags­licht auf dem Stamm, das die erd­graue Far­be des Hol­zes glän­zen lässt, der in den Zwi­schen­räu­men sil­ber­blau­er Him­mel, das könig­li­che Blatt­werk, das den gesam­ten Hori­zont ein­nimmt und klei­ne Schat­ten­in­seln auf dem Boden wirft, die grü­ne Bank zum Nichts­tun und der schma­le Pfad, der an dem Baum vor­bei­läuft und ins Wald­in­ne­re zu füh­ren scheint – all die­se Eigen­schaf­ten gibt der Sze­ne etwas Stoff­li­ches, Fes­tes, Kon­kre­tes, unwi­der­ruf­lich In-die-Welt-gesetz­tes. Ein Bild, das ande­re, selbst erfah­re­ne Baum-Erleb­nis­se her­vor­ruft und an jene schö­nen, ereig­nis­lo­sen Tage im Som­mer erin­nert, an denen nichts getan wur­de, außer sit­zen, lau­schen, schau­en. (Und ich erlau­be mir hier, auch den Vogel, der gera­de an mei­nem Fens­ter vor­bei­flitzt, als ich das schrieb, die­sem Bild hinzufügen.)

Anders wirk­te ein wei­te­rer Baum, der im sel­ben Raum stand: Sein knor­ri­ger Stamm wie eine zusam­men­ge­ball­te Faust, sei­ne kah­len, in den dunk­len Him­mel hin­ein­ste­chen­den Äste, das unru­hi­ge Herbst­licht, ein Baum wie aus den alten Mär­chen, bei denen in der Natur immer etwas Bedroh­li­ches ruht und das Unheim­li­che mit­spielt. (Die­sen Baum sah ich ein­mal in einem Film von Sam Peckin­pah – der Namen des Films fällt mir jetzt nicht ein, viel­leicht ist er ja gar von ihm – und dann noch­mal in der Wirk­lich­keit auf einer Lich­tung im Wie­ner Erho­lungs­ge­biet Stein­hof­grün­de letz­ten Samstag.)

Ich sah auch zum ers­ten Mal seit einem Jahr­zehnt wie­der das Mit­tel­meer, mit einem gro­ßen, von rauch­far­be­nen Wol­ken erfüll­ten Him­mel über der Küs­te, und die ver­ein­zel­ten aufs Was­ser bli­cken­den Gestal­ten waren eine Erin­ne­rung aus der Kindheit.

Ein oran­ge­ro­ter Son­nen­un­ter­gang über dem Gen­fer See … die braun­grau­grü­nen Far­ben einer Fels­wand, so hand­fest in sei­ner Gestal­tung, dass ich sie mit den Fin­gern berüh­ren woll­te … Habe auch erlebt, wie Fluss­was­ser tat­säch­lich schwarz sein kann … Die Schwe­re eines Steins … Die von Müdig­keit umschat­te­ten und von Wein besof­fe­nen Augen beim Musik­hö­ren, das seli­ge Gefühl, dass man nach einem inni­gen Fest mit Freun­den hat und die Zeit des Zu-Bett-Gehens hin­aus­zö­gern möchte …

Wür­de mir jemand die übli­che Fra­ge stel­len, ob die Aus­stel­lung gut war, könn­te ich ein­schließ­lich des Aus­ruf­zei­chens ant­wor­ten: „Ja, denn ich habe viel Schö­nes gesehen!“