La nuit américaine von François Truffaut

Il Cinema Ritrovato 2017: La nuit américaine von François Truffaut

Rai­ner: Lass uns gleich ins kal­te Was­ser sprin­gen. Es gibt in La nuit amé­ri­cai­ne meh­re­re Sze­nen, in denen sich Cast und Crew in einen frei­en Nach­mit­tag oder Abend ver­ab­schie­den. Der Schau­spie­ler Alphon­se, der im Film von Jean-Pierre Léaud gespielt wird, sagt sei­nen Kol­le­gen dabei jedes Mal ab und geht lie­ber allein ins Kino. Eigent­lich ein run­ning gag, aber als Kino­be­geis­ter­ter fin­det man sich den­ke ich auto­ma­tisch in die­ser Figur wie­der. Es ist prin­zi­pi­ell sehr char­mant von Truf­f­aut die cine­phi­le Schrul­lig­keit – hier, aber auch in ande­ren Sze­nen – zu wür­di­gen, aber so sehr ich mich mit die­sen Figu­ren und Momen­ten iden­ti­fi­zie­ren kann, so sehr erschöpft sich die­se Ges­te aber auch, wenn ich län­ger dar­über nachdenke.

Sebas­ti­an: Du hast natür­lich recht. So char­mant die­ser Witz ist, es wirkt manch­mal fast so, als ob Truf­f­aut ver­sucht sei­ne Cine­phi­lie zu bewei­sen. Dass gera­de Jean-Pierre Léaud, die­sen Satz immer wie­der sagt, ist auch auf­fal­lend. Obwohl Truf­f­aut selbst in die­sem Film spielt, erscheint Léaud immer noch wie eine Art Alter Ego. Aber irgend­wie ist das Gan­ze sehr pas­send für den Film. All­ge­mein ent­wirft er ein Bild, das vor allem behaup­tet, dass alle Film­schaf­fen­den abso­lut ver­rückt nach Kino sind. Es gibt ja auch die Sze­ne, in der Truf­f­aut selbst ver­schie­dens­te Bücher über gro­ße Fil­me­ma­cher (Bunu­el, Godard, Drey­er…) zeigt. In einer Sze­ne in der nicht gedreht wer­den kann, und des­halb Hin­ter­grund­ge­räu­sche für den Film gemacht wer­den, muss der Ton­as­sis­tent dar­auf hin­wei­sen, dass sich bit­te nie­mand über Fil­me unter­hal­ten soll. Ob das Bild rea­lis­tisch ist, dar­über kann man wohl strei­ten. Es scheint natür­lich sehr uto­pisch, ande­rer­seits habe ich vor kur­zem ein Inter­view von Kogo­na­da gehört, in dem er erzählt, wie über­rascht er war, dass John­nie Cho ein rie­si­ger Truf­f­aut-Fan ist (wie pas­send), und das einer sei­ner Pro­du­zen­ten, der bei Twi­light mit­ge­wirkt hat, ein rie­si­ger Ozu-Fan ist. Viel­leicht ist die Dar­stel­lung der Film­land­schaft in La nuit amé­ri­cai­ne gar nicht so rea­li­täts­fern, wie man zuerst den­ken mag.

Außer­dem passt das Gan­ze (auch wenn es schon sehr dick auf­ge­tra­gen ist) ganz gut zu einem der The­men des Fil­mes. Truf­f­aut scheint zu behaup­ten: Film ist gegen­über dem wah­ren Leben zu bevorzugen.

Rai­ner: Es geht mir da gar nicht um Rea­li­täts­nä­he oder ‑fer­ne, und auch nicht dar­um, ob ein Fil­me­ma­cher sei­ne Vor­bil­der so offen­siv nach außen tra­gen soll­te, son­dern dar­um, was er dar­aus macht. Er macht das ja zunächst sehr raf­fi­niert: ein Film über das Fil­me­ma­chen, der aber nicht den Anspruch erhebt, einen authen­ti­schen Blick hin­ter die Kulis­sen eines Film­drehs zu wer­fen, son­dern eine Art Par­al­lel­welt kon­stru­iert. Die­se Welt setzt sich aus diver­sen anek­do­ten­haf­ten Epi­so­den zusam­men, bei denen auch ohne viel Fan­ta­sie vor­stell­bar ist, dass sie sich tat­säch­lich hät­ten zutra­gen kön­nen. Die Fra­ge, die ich mir stel­le, ist nur, wo dar­in die Lie­bes­er­klä­rung an das Kino auf­hört und wo eine nar­ziss­ti­sche Lie­bes­er­klä­rung an sich selbst beginnt. Das ist jetzt gar nicht als rhe­to­ri­sche oder Sug­ges­tiv­fra­ge gemeint, son­dern ich stel­le sie mir tat­säch­lich. Ich moch­te den Film auch, aber irgend­et­was dar­an, lässt mich doch sau­er aufstoßen.

Sebas­ti­an: Wenn man dem Film eines vor­wer­fen kann, dann wahr­schein­lich das. Truf­f­aut spielt sel­ber den Film­re­gis­seur und lässt sei­ne Figur kei­ne böse Tat voll­brin­gen. Er ist oft gestresst, viel­leicht sogar etwas über­for­dert (sein Kon­takt mit den Schau­spie­lern ist immer unbe­hol­fen), den­noch immer gut­mü­tig. Wenn man ihm etwas vor­wer­fen kann, dann nur, dass er einen schlech­ten Film macht. Auch die Tat­sa­che, dass er die Figur zumin­dest schein­bar bio­gra­phisch anlegt (die Epi­so­de mit dem Steh­len von Film­bil­dern in sei­ner Kind­heit) lässt das gan­ze als ver­herr­li­chen­des Selbst­bild wirken.

Die Lie­bes­er­klä­rung an das Kino ist eine Lie­bes­er­klä­rung an den Film­schaf­fen­den. Die­ser wird von Truf­f­aut gespielt. Ob der Film weni­ger selbst­ver­herr­li­chend wir­ken wür­de, wenn Truf­f­aut nicht die Rol­le des Regis­seurs selbst über­nom­men hätte?

La nuit américaine von François Truffaut

Rai­ner: Viel­leicht hilft es, sich genau­er anzu­se­hen, wel­cher Film da eigent­lich gedreht wird. Ein jun­ges Ehe­paar reist zur Fami­lie des Man­nes, um die Schwie­ger­toch­ter vor­zu­stel­len. Die brennt aber schließ­lich mit dem Vater durch. Der Cast ist inter­na­tio­nal, die Finan­zie­rung eben­falls und all­ge­mein scheint der Film eher ein mit­tel­gro­ßes Aller­welts­pro­jekt eines Stu­di­os zu sein, als ein Autoren­film. Truf­f­aut dreht hier einen Film im Film, den er auf die­se Wei­se so wohl nie gedreht hät­te, aber in einem Sys­tem und in einer Grö­ßen­ord­nung, die den Hol­ly­wood-Pro­duk­tio­nen nahe­kommt, die sei­ne cine­phi­le Gene­ra­ti­on in Frank­reich sehr stark geprägt hat. Umso mehr ich dar­über nach­den­ke, umso weni­ger sehe ich den Film vor lau­ter Verbeugungen.

Die Ver­mi­schun­gen zwi­schen tat­säch­li­cher, ima­gi­nier­ter und ver­gan­ge­ner Pro­duk­ti­ons­rea­li­tät, zwi­schen Par­odie und Lob­lied, zwi­schen Ver­herr­li­chung des Autoren­ge­nies und sei­ner Dekon­struk­ti­on sehe ich dann doch etwas pro­ble­ma­tisch, denn sie ver­lei­hen dem Film kei­ne Brü­chig­keit, son­dern neh­men ihm ganz ein­fach sei­ne Trans­pa­renz, sei­ne Ehr­lich­keit. Mit Ehr­lich­keit mei­ne ich, wie gesagt, nicht eine ver­meint­li­che Rea­li­täts­nä­he, son­dern die Fra­ge, ob sich der Film sei­nem Publi­kum auf Augen­hö­he annähert.

Sebas­ti­an: Ich ver­ste­he schon, wel­che feh­len­de Ehr­lich­keit du da aus­machst. Der Film scheint sich jeg­li­cher Hal­tung zu ent­zie­hen. Als Godard Truf­f­aut für die­sen Film kri­ti­sier­te, nann­te er ihn einen Lüg­ner. Viel­leicht ist Truf­f­aut gar nicht so sehr ein Lüg­ner. Die Fra­ge ist, ob der Film nur ein nai­ves Lob­lied aufs Kino ist, oder ob mehr dahin­ter steckt. Aller­dings ist das unmög­lich aus­zu­ma­chen. Der Film hat im End­ef­fekt kei­ne Haltung.

Das Ein­zi­ge, was ich aus­ma­chen kann, scheint die Behaup­tung zu sein, dass Fil­me­ma­chen eine Tugend ist. Dabei ist egal, ob der Film gut, oder schlecht ist. Haupt­sa­che man macht Fil­me. Gesund erscheint mir die Hal­tung nicht. Den­noch ist sie die ein­zi­ge, die ich stüt­zen kann. Truf­f­aut selbst sagt im Film „Cine­ma is King“, alles ande­re ist irrele­vant. Wenn Fil­me wirk­lich „wie Züge in der Nacht“ sind… Wohin fährt die­ser Zug?

La nuit américaine von François Truffaut

Rai­ner: Ich wür­de glaub ich nicht ganz so weit gehen, wie Godard, aber gera­de wenn man sich ansieht, wie kon­se­quent Godard in sei­nen Fil­men eine Hal­tung zur Welt arti­ku­liert, dann lässt La nuit amé­ri­cai­ne so eine Hal­tung schon ver­mis­sen. Denn, wie du sagst, inter­es­siert sich der Film weni­ger für die Welt, als für eine fil­mi­sche Sphä­re, die nach ihren eige­nen Regeln abläuft und ganz gut ohne die Welt zurecht­kommt. Die­se Fan­ta­sie ist natür­lich sehr schön und ver­füh­rend – gera­de für jeman­den, der das Kino liebt –, aber sie ist auch gefährlich.

Es tut mir fast etwas leid, dass ich so hart mit dem Film ins Gericht gehe, weil es gibt ohne Zwei­fel vie­le, vie­le Fil­me, die in vie­ler­lei Hin­sicht pro­ble­ma­ti­scher sind. Der Film hat auch mich bis zu einem gewis­sen Grad ver­führt, aber in Retro­spek­ti­ve fällt es mir ein wenig schwer zu akzep­tie­ren, dass die­se Ver­füh­rung kaum einer Reflek­ti­on standhält.

Sebas­ti­an: Man kann dem Film viel­leicht zugu­te­hal­ten, dass er sel­ber Bescheid weiß. Dar­über, wie sehr er sich der Welt ver­schließt. Er ist wie eine Ein­la­dung die­se fal­sche Welt zu akzep­tie­ren. Alles weist auf die­se Falsch­heit hin. Der Titel „Die ame­ri­ka­ni­sche Nacht“ weißt auf ein fil­mi­sches Ver­fah­ren hin, bei dem Nacht­sze­nen unter­tags gedreht wer­den mit einem beson­de­ren Fil­ter. Es könn­te also eine Ein­la­dung zu einer Abwen­dung von welt­li­chen Pro­ble­men sein. Genau­so wie eine Film­crew sich ein paar Wochen zusam­men zurück­zieht, um einen Film zu dre­hen (mit ihren eige­nen Kon­flik­ten und Pro­ble­men), so ist die­ser Film ein Rück­zug für zwei Stunden.

Das ist natür­lich legi­tim. Truf­f­aut beschränkt sich in gewis­ser Wei­se in die­sen zwei Stun­den nichts ande­res zu tun, als das Kino zu prei­sen. Es geht um Freu­de, um Emo­tio­nen und für Truf­f­aut um einen Sinn fürs Leben.