Il Cinema Ritrovato 2023: Cinema Libero – freies Kino?

Ritro­va­to – wie­der­ge­fun­den hat­te mich das Fes­ti­val in Bolo­gna die­ses Jahr nach mei­nem aller­ers­ten Besuch im ver­gan­ge­nen Juni. Wir bei­de waren um ein Jahr geal­tert. Stol­ze 37 Aus­ga­ben hat das Event in der Emi­lia-Roma­gna nun hin­ter sich gebracht. Ein Erfah­rungs­schatz, den ich selbst noch nicht mein eigen nen­nen kann. Ich fand mich auch die­ses Mal von früh bis spät am häu­figs­ten in den nach gro­ßen Namen benann­ten Spiel­or­ten und Sälen (Cine­ma Lumiè­re, Sala Mastroi­an­ni und Sala Scor­se­se), in (dem für Cine­ma­Scope kon­zi­pier­ten) Cine­ma Arlec­chi­no und im Cine­ma Jol­ly ein. Wohl­ge­merkt neben dem – wir wis­sen es alle und wie könn­te es anders sein – Gus­tie­ren diver­ser Köst­lich­kei­ten. Bolo­gna und Essen sind nicht von­ein­an­der zu tren­nen. Am bes­ten gibt man sich dem Genuss unter den Arka­den hin, die vor der Hit­ze der Son­ne und der Fri­sche der Kli­ma­an­la­gen zugleich schüt­zen. Oder man zer­fließt dort sym­bio­tisch mit einem Gela­to. Auch auf dem klei­nen Platz vor der Cine­te­ca hat sich neben dem Ein­gang ver­lo­ckend ein Eis­wa­gen posi­tio­niert. Im Nach­hin­ein lese ich, dass sich die zen­tra­le Pia­zet­ta Pier Pao­lo Paso­li­ni, die eben jenen Anker zwi­schen den ver­schie­de­nen Räum­lich­kei­ten der Cine­te­ca bil­det, auf einem ehe­ma­li­gen Schlacht­hof­ge­län­de befin­det. Ich muss an die Wie­ner Are­na den­ken und an den Tod. Wäh­rend hier frü­her der Tod zuhau­se war, ver­sucht man ihn heu­te gewis­ser­ma­ßen auf­zu­hal­ten. Den Tod des Kinos, mei­ne ich, den wir im Gegen­satz zu unse­rem eige­nen eher hin­aus­zö­gern kön­nen: Indem man das Kino zele­briert, wie­der­ge­fun­de­nen, repa­rier­ten Strei­fen nach prä­zi­sen Ein­grif­fen ein neu­es Leben ermög­licht und sie von der Cine­te­ca aus wei­ter in die Welt hin­aus­rei­sen lässt. Die Fluk­tua­ti­on und der Aus­tausch wir­ken hier eini­ge Tage lang dem Tod ent­ge­gen. Doch nicht nur die Fil­me selbst, auch die Protagonist*innen der­sel­ben und die Besucher*innen des Fes­ti­vals befin­den sich in Bewe­gung. Ziel­ge­rich­tet oder ziel­los, nach neu­en Orten, nach einem ver­trau­ten Anker oder nur nach (fil­mi­schen oder kuli­na­ri­schen) Zwi­schen­hal­ten suchend, wech­seln sie zwi­schen den immer glei­chen Cine­mas und Gäss­chen hin und her.

Selbst woll­te ich, aus Wien ange­reist und auf der Suche, am Cine­ma Ritro­va­to auch Neu­es für mich ent­de­cken. Unge­se­he­nes habe ich genug im Pro­gramm erspäht, doch sehn­te ich mich danach zual­ler­erst Fil­me ken­nen­zu­ler­nen, deren Macher*innen mir nicht ver­traut waren und die mei­nen gewohn­ten Blick erwei­tern, infra­ge stel­len, viel­leicht her­aus­for­dern könn­ten. Mei­ne Auf­merk­sam­keit galt neben den „Sor­el­le del cine­ma“ („Sis­ters of Cine­ma“) wie der Dreh­buch­au­to­rin Suso Cec­chi D’Amico, der Kame­ra­frau und Regis­seu­rin Elfie Mikesch, der Hol­ly­wood-Pio­nie­rin Doro­thy Arz­ner oder der Stumm­film-Schau­spie­le­rin Dian­ne Karen­ne, also beson­ders der Cine­ma Libe­ro Sek­ti­on. Seit 2013 wid­met die Cine­te­ca die­ses Pro­gramm Fil­men, die sich „true to their spi­rit of inno­va­ti­on and dis­co­very“ zei­gen, um der Ten­denz ent­ge­gen­zu­wir­ken, dass „cul­tu­ral dif­fe­ren­ces“ immer mehr ver­schwin­den und Sti­le sich ein­an­der anglei­chen, so die Ankün­di­gung 2013, dem ers­ten Jahr des Schwer­punkts. Doch die Geschich­te des Cine­ma Libe­ro reicht eigent­lich wei­ter als nach 2013 zurück: Unter dem Namen Mos­tra Inter­na­zio­na­le del Cine­ma Libe­ro hat­ten Bru­no Grie­co, Gian Pao­lo Tes­ta, Cesa­re Zava­tti­ni und Leo­ni­da Repa­ci 1960 ein Film­fes­ti­val in Poret­ta Ter­me gegrün­det, das eine Alter­na­ti­ve zu Vene­dig und zu der all­ge­mei­nen Markt­ge­trie­ben­heit von Wett­be­werbs­fes­ti­vals bie­ten soll­te. Es bestand bis in die 1980er Jah­re, bis es vom Cine­ma Ritro­va­to abge­löst und nach Bolo­gna ver­legt wur­de. Cine­ma Libe­ro, frei­es Kino also. Aber frei­es Kino – was ist das eigentlich?

Heu­te gibt es wohl so vie­le Film­fes­ti­vals wie nie zuvor und „frei“ Fil­me zu pro­du­zie­ren, ist, hat man Zugriff auf Pro­duk­ti­ons­mit­tel und ‑wis­sen, so güns­tig mög­lich wie nie zuvor, der Ein­stieg ist nie­der­schwel­li­ger denn je. Aber wie frei kön­nen das Kino oder Fil­me in all ihrer Kom­ple­xi­tät aus zuneh­men­den Ver­stri­ckun­gen und Abhän­gig­kei­ten in einem Netz aus staat­li­chen und pri­va­ten För­de­run­gen sein? 

Unab­hän­gig pro­du­ziert und sich selbst­aus­ge­beu­tet = frei­es Kino? 

Müss­te der Sek­ti­ons­ti­tel nicht mit einem Fra­ge­zei­chen ergänzt wer­den – „Cine­ma Libe­ro?“ -, um zu impli­zie­ren, dass Schaf­fens­pro­zes­se, Dis­tri­bu­ti­ons- und Archi­vie­rungs­ge­schich­ten bei jedem Film neu ergrün­det wer­den müss­ten? Wie frei sind wir als Zuschauer*innen in unse­rer Film­wahl? Ist es nicht eine der Beson­der­hei­ten des Kinos, dass wir ande­ren Per­spek­ti­ven als der eige­nen näher kom­men kön­nen, um deren Sicht auf die Welt mit­zu­er­le­ben? Oder wol­len wir nur den Per­so­nen zuse­hen, die unse­rem eige­nen Lebens­raum am nächs­ten sind? Was ist mit den Geschich­ten, die über unse­ren eige­nen Hori­zont hin­aus­ge­hen? In unse­rer glo­ba­li­sier­ten Welt fin­det Kul­tur­trans­fer haupt­säch­lich vom West to „the Rest“ statt. Als west­lich bezeich­ne­te Gesell­schaf­ten und ihre Geschich­ten domi­nie­ren unse­re Kinos und Watch­lists. Der Kul­tur­theo­re­ti­ker und Sozio­lo­ge Stuart Hall beschreibt in „The West and the Rest“ wie Euro­pa mit sei­nem Kon­zept von West und Nicht-West und den damit ver­bun­de­nen Attri­bu­ten und Welt­vor­stel­lun­gen sei­ne eige­ne Ein­zig­ar­tig­keit und Über­le­gen­heit mani­fes­tiert und sich gegen­über den als anders erach­te­ten Kul­tu­ren abgrenzt. Mir scheint gera­de das Kino ein gutes Bei­spiel für die­se Dyna­mik. Frei sind wir als Teil des Kino-Appa­rats nie, frei ver­füg­bar sind vor allem jene Fil­me nicht, die nicht Teil der west­li­chen Kul­tur­dis­kur­ses und Dis­tri­bu­ti­ons­kreis­laufs sind. Cine­ma Libe­ro – viel­leicht fin­de ich eher Fil­me dar­un­ter, deren Geschich­ten und Akteur*innen um Frei­heit kämpfen.

Mei­ne Cine­ma Libe­ro-Pro­gramm­wahl rich­te­te sich – hier­in beschränk­te sich mei­ne Wahl­frei­heit – natür­lich auch nach den ange­bo­te­nen Spiel­zei­ten: Yam Daabo von Idris­sa Oued­rao­go (Bur­ki­na Faso 1986), Al-Makhdu’un von Tew­fik Saleh (Syri­en 1972), Aham Al-Medi­na von Muham­mad Malas (Syri­en 1984), The Sene­ga­le­se Actua­li­ty Films von unter­schied­li­chen Fil­me­ma­chern aus den 1960er und 1970er Jah­ren, Bush­man von David Schi­cke­le (USA 1971) und Ced­do von Ous­ma­ne Sem­bè­ne (1977). Letz­te­rer blieb mir beson­ders in Erin­ne­rung, wes­halb ich kurz davon berich­ten möchte. 

Das Scree­ning von Ous­ma­ne Sem­bè­nes Film Ced­do wur­de von einer Ein­füh­rung sei­nes ange­sichts des vol­len Cine­ma Jol­ly Saals sicht­lich gerühr­ten Soh­nes Alain Sem­bè­ne beglei­tet. Ous­ma­ne Sem­bè­ne, auf­ge­wach­sen im von Frank­reich kolo­ni­sier­ten Sene­gal, wird oft als „Vater des afri­ka­ni­schen Kinos“ bezeich­net, unter ande­rem da sein 18-Minü­ter Borom Sar­ret als einer der ers­ten Spiel­fil­me gilt, die außer­halb des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents gezeigt wur­den. Er gehört einer Gene­ra­ti­on von Filmemacher*innen der Sub­sa­ha­ra an, dar­un­ter auch Diop Mam­bé­ty und Dési­ré Eca­ré, die mit der Erlan­gung der poli­ti­schen Unab­hän­gig­keit einen post­ko­lo­nia­len Film­blick auf die Welt war­fen. Vie­le der Wer­ke aus der Zeit nach dem offi­zi­el­len Ende eini­ger Kolo­nien wer­den heu­te in Archi­ven in Län­dern außer­halb Afri­kas auf­be­wahrt, sodass nur weni­ge in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen in Afri­ka zugäng­lich sind.

Ced­do – damit ist auf Wol­of, die Umgangs­spra­che des Sene­gals, die Grup­pe der Außenseiter*innen eines Dor­fes benannt, die sich als Nicht-Muslim*innen mitt­ler­wei­le in der Min­der­heit befin­den. Denn König Dem­ba War stellt sich auf die Sei­te des Imam und befür­wor­tet eine Isla­mi­sie­rung der dörf­li­chen Gemein­schaft. Aus Pro­test ent­füh­ren eini­ge Ced­do Dior Yaci­ne, die Toch­ter des Königs. Die christ­lich-fran­zö­si­schen Kolo­ni­al­her­ren ver­lie­ren gegen­über dem Imam an Macht, füh­ren aber ihren Skla­ven­han­del wei­ter. Ced­do spielt in einem Zeit­raum von weni­gen Stun­den und in einem ein­zi­gen Dorf und sei­ner Umge­bung. Auch die Hand­lung bil­det eine Ein­heit: meist lau­schen wir Gesprä­chen, die mal als poli­ti­sche Ver­hand­lun­gen zwi­schen Herr­schern und Bewohner*innen ihre Funk­ti­on erfül­len, mal per­sön­li­che Bedürf­nis­se und Mei­nun­gen preis­ge­ben. Trotz die­ser Ein­heit umspannt der zugrun­de lie­gen­de Reli­gi­ons­kon­flikt über die kon­kre­ten Sze­nen hin­aus meh­re­re Jahr­zehn­te und geht über das im Film reprä­sen­tier­te Dorf hin­aus. Die Kri­tik an reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen, die über Demo­kra­tie und Frei­heit gestellt wer­den, reprä­sen­tiert neben dem Auf­zei­gen der Aus­beu­tung durch wei­ße Kolo­nia­li­sa­to­ren eine Grund­pro­ble­ma­tik afri­ka­ni­scher Geschich­te und Lebens­rea­li­tät. Sem­bè­ne rich­tet sei­nen Film an ein afri­ka­ni­sches Publi­kum und beton­te auch, nach­dem Ced­do 1977 erschie­nen war, die ver­nach­läs­sig­te, wesent­li­che Rol­le der Frau für Gesell­schaf­ten Afri­kas. Der Kern der Kon­flik­te hält als wei­ter andau­ern­de Pro­ble­ma­tik an, sowohl was die Reli­gio­nen, Macht­an­sprü­che als auch die Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung betrifft. Füh­ren in Ced­do vor allem Män­ner das Wort und Frau­en wer­den ohne Umschwei­fe im Gegen­zug für eine Fla­sche Wein als Skla­vin­nen ver­schenkt oder als Mit­tel zum Zweck poli­ti­scher Tak­tik genutzt, über­nimmt doch am Ende die Toch­ter des Königs Dior Yaci­ne die ent­schei­dends­te Hand­lung. Als Ent­führ­te muss sie an einem Schat­ten­platz abwar­ten, wie die Ver­hand­lun­gen über ihr Schick­sal aus­ge­hen. In kei­nem Moment wirkt sie wie ein um Hil­fe rin­gen­des Opfer, son­dern eher als wäre sie jeder­zeit zum Sprung bereit. Ich möch­te das Clo­se-Up auf Dior Yaci­ne und ihren direk­ten Blick in die Kame­ra in der letz­tem Sze­ne des Films nicht uner­wähnt las­sen. Wäh­rend sei­ner zwei­stün­di­gen Lauf­zeit zeigt uns der Film bis dahin kaum Gesich­ter in Groß­auf­nah­me, son­dern betont viel mehr durch sei­ne (Halb-)Totalen und Ame­ri­ka­ni­schen Ein­stel­lun­gen das Kol­lek­ti­ve statt das Indi­vi­du­el­le der Kon­flik­te. Nun blickt Dior Yaci­ne in die Kame­ra. Ihr Blick signa­li­siert Ent­schlos­sen­heit. Ihr Blick füllt das Bild aus, nimmt es voll­stän­dig ein. Dass am Ende die Toch­ter des Königs die für das Dorf ein­zig wesent­li­che Ent­schei­dung trifft, ver­ste­he ich als Auf­bruch und als Gegen­schuss zum Besitz­an­spruch der Kolo­ni­al­her­ren und ihrer Kol­la­bo­ra­teu­re. Doch ob das kur­ze Vaku­um der Befrei­ung von einer Herr­schaft mit Frei­heit gefüllt wer­den kann, lässt sich nur erah­nen. Der Blick auf die Geschich­te lässt Frei­heit nur in Träu­men, nicht jedoch in der Rea­li­tät wahr wer­den. Sem­bè­ne fin­det einen Aus­druck, um vom Kam pf für Frei­heit zu erzäh­len. Es ist der Kampf gegen Unfrei­heit durch und in den Bil­dern des Films. Es ist der Aus­druck von Ent­schlos­sen­heit in Dior Yaci­n­es Gesicht sich selbst und zugleich uns als Publi­kum von der vier­ten Wand zu befrei­en, die der Film bis dahin auf­recht erhält. Ob wir nun nach Frei­heit in der Pro­duk­ti­on, der fil­mi­schen Form oder der Hand­lun­gen der Figu­ren suchen, stets kann sie nur als tem­po­rär oder für einen Teil der Gesell­schaft gel­ten. Oder?