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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Il Cinema Ritrovato Tag 6: I Pugni in Tasca

Der 6. Tag in Bolo­gna stand im Zei­chen drei­er unver­gess­li­cher Scree­nings, von denen ich mich auf eines fokus­sie­ren will. Die ande­ren bei­den sei­en zumin­dest genannt: Les Por­tes de la Nuit von Mar­cel Car­né, ein Film im Nebel eines traum­ar­ti­gen Netz des Schick­sals und Fle­sh & The Devil von Cla­rence Brown in einer atem­be­rau­ben­den Kopie und mit einem Fie­ber, bei dem das Licht bestän­dig von Schat­ten­spie­len gestrei­chelt wur­de. Den ver­stö­ren­den Höhe­punkt setz­te aber Mar­co Bel­loc­chi­os famo­ser Debüt­film I pug­ni in tas­ca. Ein sol­cher Schlag ins Gesicht, dass es der ein­zi­ge Film in Bolo­gna für mich blieb, bei dem das Publi­kum nicht applaudierte.

In den destruk­ti­ven Bewe­gun­gen des Films gibt es drei Aggres­so­ren: Die Krank­heit, die Begier­de und das Nichts. Alle drei sind in sich gebro­chen. Eine Begier­de, die ins Nichts einer Krank­heit läuft. Eine Krank­heit, die das Begeh­ren nach dem Nichts weckt. Ein Nichts, das sich in kran­kes Begeh­ren flüchtet.

Fists in the Pocket

Es geht um eine bür­ger­li­che Fami­lie ohne Vater. Ihr Nie­der­gang und alles, was ver­bo­ten ist. Ein psy­cho­ti­scher Sog bei dem jedes Lachen ein Schrei ist und jedes Schrei­en ein Lachen. Das grau­sa­me an I pug­ni in tas­ca ist die Aus­weg­lo­sig­keit, die der Film mit bestän­di­gen Nah­auf­nah­men und Schwenks betont. Ales­san­dro (gespielt mit ver­stö­ren­der Zer­ris­sen­heit und Leich­tig­keit von Lou Cas­tel) will das Lei­den sei­ner kran­ken Fami­lie been­den. Er will alle umbrin­gen, die auf dem Weg zum Glück stö­ren. Sei­ne Mut­ter ist blind, außer einem Bru­der lei­den alle an Epi­lep­sie. Ales­san­dro ver­sucht den Füh­rer­schein zu machen, um sei­ne Fami­lie und sich selbst bei einem Auto­un­fall umzu­brin­gen. Als er bei der Prü­fung schei­tert, tut er trotz­dem so, als ob er bestan­den hat und fährt mit allen außer sei­nem erfolg­rei­chen Bru­der zum Grab sei­nes Vaters. Er schreibt einen Abschieds­brief, aber tut es zunächst nicht. Ales­san­dros erfolg­rei­cher Bru­der liest den Abschieds­brief, aber nach einem kur­zen Moment der Panik will er lie­ber mit sei­ner Freun­din schla­fen. Es gibt immer wie­der Auf­be­geh­ren und Müdig­keit. Einer Tat folgt der Schlaf. Man sitzt faul neben dem Grab. Man hat Lust auf Sex in der Panik. Wenn die Gewalt dann wirk­lich kommt – und sie kommt – dann wirkt das fast pas­siv. Es gibt kei­nen Knall, son­dern vor allem die Stil­le vor und nach der Tat. 

Von Anfang an legt Bel­loc­chio in die destruk­ti­ve Wut des Films eine Zärt­lich­keit. Sie lässt alles erzit­tern und in sich zusam­men­bre­chen. Die titel­ge­ben­de Faust in der Tasche erschlafft stän­dig, um sich wie­der neu zu for­mie­ren. Dabei regiert etwas krank­haf­tes in den Figu­ren (nicht nur Ales­san­dro), dass man nur schwer benen­nen kann. Ein Trieb, eine Unzu­frie­den­heit und eine Frus­tra­ti­on, die glei­cher­ma­ßen eine inzes­tuö­se Lust ist. Ein wenig muss man dabei fast an Ber­to­luc­cis The Drea­mers den­ken. Das hef­ti­ge an I pug­ni in tas­ca ist jedoch, dass hier nie­mand träumt. Viel­mehr wird man – wie das so ist bei Bel­loc­chio – mora­lisch gebro­chen. Mit Sicher­heit kann man nicht sagen, dass die Gewalt, die der jun­ge Mann gegen sei­ne eige­ne Fami­lie rich­tet nicht zumin­dest in phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht gerecht­fer­tigt ist, sogar ein Akt der ver­zwei­fel­ten Lie­be ist. Sie ist sanft und bru­tal und ähnelt damit den epi­lep­ti­schen Anfäl­len, die solan­ge bru­tal sind bis Ales­san­dro sanft am Kopf berührt wird von sei­ner Schwes­ter. Bis sie es nicht mehr tut und ihn lei­den lässt. Die­ser phi­lo­so­phi­sche Ansatz wird vom Film selbst vor­ge­schla­gen, wenn sich Ales­san­dro in einer frü­hen Sze­ne des Films in Voll­endung in ein Schwert auf sei­nem Bett stürzt und wir davon aus­ge­hen müs­sen, dass er sich umge­bracht hat. Ein ers­ter Schock, doch in der nächs­ten Sze­ne lebt Ales­san­dro. Wir müs­sen ver­ste­hen, dass der Film mehr einem men­ta­len Bild gleicht, einer Zustands­be­schrei­bung zwi­schen Krank­heit, Begeh­ren und dem Nichts. Wenn wir den Film als Nach­fol­ger des Neo­rea­lis­mus eines De Sicas oder Ros­sel­li­nis (die zu die­sem Zeit­punkt bereits mit ande­ren Din­gen beschäf­tigt waren) betrach­ten, fällt der Angriff auf die huma­nis­ti­schen Moral­vor­stel­lun­gen die­ser gro­ßen Fil­me­ma­cher auf. Nicht umsonst gilt der Bel­loc­chio die­ser Tage als See­len­ver­wand­ter von Pier Pao­lo Paso­li­ni, des­sen Teo­re­ma von einer ähn­lich poe­ti­schen Fami­li­en­de­kon­struk­ti­on erzählt, weni­ger ins Gesicht, weni­ger in den Magen.

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Paso­li­ni bezeich­ne­te den Stil von Bel­loc­chio ein­mal als Pro­sa im Ver­gleich zur Poe­sie von Ber­to­luc­ci. Dar­über lässt sich strei­ten. Sicher­lich kommt Bel­loc­chio mehr über den Inhalt, aber die erdrü­cken­de Nähe der Bil­der von Alber­to Mar­ra­ma und die zum Teil abs­trak­te Art der Mon­ta­ge, die sich zwi­schen die Schwenks drückt, erin­nert doch sehr an die Nou­vel­le Vague. Figu­ren betre­ten den Bild­aus­schnitt immer wie­der ver­zö­gert und spie­le­risch. Zum Bei­spiel bei der Beer­di­gung der Mut­ter, als die Schwes­ter von Ales­san­dro von unten ins Bild rückt. Aus die­ser Art der Insze­nie­rung ent­steht dann ein Frei­heits­ge­fühl, das der­art hef­tig mit dem Inhalt kol­li­diert, dass man durch­aus von Poe­sie spre­chen kann. Kei­ne ele­gi­sche Poe­sie, son­dern eine bizar­re, brül­len­de Poe­sie der Notwendigkeit. 

Wenn das Leben selbst zur Tor­tur wird, schreit die­ser Film mit der Cool­ness einer gemein­sa­men Nacht mit Son­nen­bril­len. Man muss schon schwer schlu­cken, wenn man lachen muss (man­cher­orts gilt der Film als schwar­ze Komö­die, viel­leicht ist er nur so ertrag­bar?) im Ange­sicht die­ser Aus­weg­lo­sig­keit. Krank­heit ist hier wirk­lich ein schwar­zer Fleck, ein Virus. Der Film ist wie die­se Krank­heit. Zynis­mus ist hier nicht ein­fach eine Jugend­krank­heit. Hier ist alles unheil­bar. Dabei gelingt es Bel­loc­chio in jeder Sekun­de nicht in die bil­li­ge Pro­vo­ka­ti­on zeit­ge­nös­si­scher, dem Nihi­lis­mus naher Fil­me­ma­cher zu fal­len, son­dern eine Ehr­lich­keit an den Tag zu legen, die zur Nacht sei­ner Figu­ren wird. Womög­lich ist es gar nicht so wich­tig, mit was der Film auf­räu­men will, gegen wen er sich rich­tet. Wich­tig ist eher das Gefühl einer auf Film gebann­ten Zärt­lich­keit der Destruktion.

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