Zwei Körper lösen sich im Jetzt auf. Zeit existiert nur noch als Moment und die Liebe breitet sich allgegenwärtig aus. Nichts ist jetzt wichtiger. Bis zum nächsten Schuss. Wenn der Rausch die Blut- und Nervenbahnen verlassen hat, wohin materialisieren sich dann die Empfindungen? Vielleicht bleiben sie noch ein bisschen, werden aber zurückhaltender, nüchterner und nehmen wieder Erwartungen in den Blick. Erwartungen verstehen mehr von Zeit, von Zukunft und den Narben der Vergangenheit. Mit Liebe und Rausch vereinen sich zwei Systeme, die sich nicht vertragen und jedes für sich aus dem Gleichgewicht fällt. Zusammen schreien sie nach Chaos.
In Juliet Bashores Film Kamikaze Hearts sind es Mitch and Tigr, die zwischen Drogenexzessen, Pornodrehs und intimen Momenten ein Herz füreinander gewonnen haben. In ihrer sexpositiven, queeren Blase läuft vieles gut: Sie unterstützen einander und halten sich mit Drehs finanziell über Wasser. Es geht auf und ab wie auf Mitchs Fahrt durch San Francisco. Anfang der 1980er Jahre hat dort die Erotikfilmindustrie ihre goldene Ära eigentlich schon hinter sich, Punk, Kokain und Heroin sind hoch im Kurs. Auf dem körnigen 16 mm-Material sehen die Protagonistinnen, deren Sonnenbrillen und blondierte Haare heute aber genauso gut oder vielleicht sogar besser aus als damals.
Regisseurin und Autorin Bashore basierte ihren Film auf dem Arbeitsleben der tatsächlichen Pornodarstellerinnen Sharon Mitchell und Tigr Mennett – sowie auf Mennetts tatsächlicher langjähriger Obsession mit Mitchell, die erst in der Fiktion zu einer Romanze führte. Aus dem Off erzählt Tigr zu Beginn rückblickend wie sie Mitch an einem Set kennengelernte, sich in der gemeinsamen Sexszene sofort verliebt habe. Jetzt könnte sie sich vorstellen, miteinander alt zu werden. Mitchs kurze Haare wehen verführerisch im Fahrtwind des Cabrios, während die verspiegelte Sonnenbrille keinen Blick in ihre Augen zulässt. Sie spürt den Rausch in ihrem Körper wie die Ray Milland Figur in The Lost Weekend, bemerkt sie von der Rückbank aus. Doch der Drogenmissbrauch, der bei Protagonist Don Birnam in Billy Wilders Alkoholikerdrama in tiefe Abgründe führt, bleibt bei Mitch im Spaß der Highs noch außen vor. Als punkige Italo-New Yorkerin versprüht sie eine schlagfertige Coolness, die alle um sie herum in den Bann zieht.
Tigr, die für die geschilderte Cabrioszene noch als süßes Surfergirl gecastet wurde, hat sich jedoch mittlerweile längst einen Undercut zugelegt. Nun, als Kamikaze Hearts Plot einsetzt, dreht sie ihren eigenen erotischen Film: eine Carmen Interpretation – mit Mitch als Hauptattraktion vor der Kamera.
Alle wissen Bescheid über ihre Romanze, behauptet Tigr stolz aus dem Off. Sie sind das Powercouple, das gemeinsam die lästigen Anmachen der Männer im Business abwenden kann. Tigr fühlt sich sichtlich wohl in dieser Rolle, ebenso wohl fühlt sich Mitch in ihrem Körper und mit der Aufmerksamkeit, die ihr zukommt. Ihr stimuliertes Nervensystem sieht nur den Glanz des Ausbruchs im Rausch, in dem sie mit Tigr eine Einheit bildet. Der Dreh ist vorbei, sie liegen nebeneinander, sind glücklich, die Empfindungen suchen kein Wohin. Aber dann biegt Mitch wieder in ihren eigenen Kosmos ab, während Tigr nach einem Sinn im Leben sucht, der sich weder um die Sehnsucht nach dem nächsten Rausch noch um ihr Begehren nach Mitch dreht.

