Nachdem ich Anfang Februar im Discounter dreimal durch eine riesige Abteilung bestehend aus Herzen und Plastikblumen, Karten und Stofftieren in Rot- und Rosatönen flaniert bin, hatte ich Valentinstagsgefühle. Drei Tage vor dem 14. Februar möchte ich ein Feel-Good-Movie sehen, eine Rom-Com, die weder allzu vorhersehbar und glatt daherkommt, noch sich in das beliebte Narrativ von toxischen Affären und ungleichen Beziehungen einreiht. Ein paar Programmkinos, deren Zeiten ich durchscrolle, setzen vor allem auf Antiromantik oder ›coolere‹ Valentinstagsfilme. Die Anthology Film Archives nennen ihre Reihe »Valentine’s Day Massacre«, und wie bei anderen finden auch in Metrographs „Amour Fou“-Selektion Regisseurinnen wenig Platz. Ich erblicke Maurice Pialats Nous ne vieillirons pas ensemble auf dem mit Herzen und Rosen in rosa getauchten Flyer von Anthology und lege ihn weg. Heute möchte ich keinen unterdrückten Frauen zusehen, die schlecht behandelt und geschlagen werden, auch wenn sie sich letztlich befreien. Ich entscheide mich also für Pillion von Harry Lighton. Nicht nur, weil es eine Geschichte zwischen Männern ist, sondern auch weil ich es geschafft habe, den Trailer bis zum Ende zu sehen. Werbetrailer täuschen meistens und enttäuschen sowieso. »A deeply moving love story«, »The unlikeliest crowd-pleaser«, »A hot must see«, schreit mir das Video mit den üblichen Superlativen der nach Klicks fischenden Kritiker*innen visuell entgegen, während der Beat mit den Einblendungen synchron meine Aufmerksamkeit halten möchte. Sie überzeugen, auch wenn ich sie finster anstarre. Dem Produktions- und Verleihhaus A24 bin ich leicht verfallen und gehöre wahrscheinlich genau zu der Crowd, die hier befriedigt werden soll.
Ich spaziere zu Angelikas Film Center in Manhattan, das ich aufgrund des Vornamens für ein kleines, kuscheliges Programmkino halte, genau richtig für meine rührselige Stimmung. Diese Annahme bestätigt sich nicht. Wieder ein gutes Branding oder eines, das letztlich enttäuschen muss. Nur noch wenige Plätze sind frei und ich suche auf dem Touchscreen einen grün leuchtenden Sitz aus in der vorletzten Reihe C (die hinter G liegt). Nichtsahnend und aus Sympathie wählte ich also die Reihe C, wo dann das Rattern der Rolltreppe direkt neben dem offenen Eingang immer noch herüber dröhnt, als der Film schon beginnt. Ich starre auf die Rolltreppe. Manchmal muss man nochmal hinschauen, um sicherzugehen. Man schaut und vielleicht passiert im Sichtfeld etwas zur eigenen Zufriedenheit. Eine Person aus dem Publikum schreitet in den Gang, stellt sich in die Tür, schließt sie routiniert. New Yorker*innen haben keine Zeit zu verlieren.
Pillion eröffnet mit einer Fahrt auf dem Highway. Ein Mann, den wir später als Colin kennenlernen, sitzt in einem Auto. Vorbeizischt Ray auf seinem Motorrad, die Kamera bleibt bei Colin und wir hören:
I will follow him
Follow him wherever he may go
There isn‘t an ocean too deep
A mountain so high it can keep me away
I must follow him (follow him)
Ever since he touched my hand I knew
That near him, I always must be
And nothing can keep him from me
He is my destiny (destiny)
Meine Sitznachbarin und ich sind sofort beschwingt. Mit dem Songtext ist die Dynamik zwischen den beiden Liebhabern von Anfang an festgelegt: bereits beim kurz darauf stattfindenden ersten Kennenlernen befolgt der schmächtige Parkwächter Colin alle Befehle des durchtrainierten Bikers Ray. Dessen Stärke liegt nicht in der Konversation, nicht in Emotionen, sondern generell in seiner Präsentation von Dominanz und seiner vermeintlichen Attraktivität, die ihm zumindest von mehreren Figuren bescheinigt wird. Es ist Colins erste Liebschaft mit einem Mann. Wobei, kann man hier von Liebe sprechen? Er eifert Ray in allem nach, wird Teil der kinky Bikergang, ändert seine Frisur, seinen Kleidungsstil, beginnt auf Rays Anweisung hin Sport zu treiben. Geküsst wird nicht, die Machtverhältnisse bleiben bis zum Wendepunkt der Geschichte gleich: Colin erledigt die Hausarbeit, kocht, muss am Boden schlafen, seine Termine und Aktivitäten nach Ray ausrichten – die ungleiche Beziehung kann nur bestehen, solange Ray die Regeln festlegt. Diese spricht er nicht aus, sondern handelt, Widersprechen ist keine Option. An den harten Sex muss Colin sich erst gewöhnen, es fällt kein Wort darüber, wann eine Grenze überschritten ist. Kein Konsens. Kein Verhaltenskodex. Einverständnisse, ohne die die BDSM-Community schwer existieren könnte. Dafür: volle Hingabe. Colin lernt durch seine Erfahrung mit Ray, dass seine eigene Stärke in der Fähigkeit zu absoluter Hingabe liegt und wird in seiner nächsten sexuellen oder romantischen oder sexuell-romantischen Begegnung nach derselben Dynamik Ausschau halten. Es tut weh dabei zuzusehen, wie abschätzig Colin behandelt wird, wie er sich enttäuscht auf den Boden setzt, weil auf dem Sofa der Hund eher Platz nehmen durfte als er. Es tut weh und damit trifft die schwarze Komödie in mein Herz, das sich, noch mitleidend, nach der versprochenen Rührung sehnt. Bis kurz vor Ende des Films warte ich nach vielen Schwarze-Komödie-Momenten immer noch auf das Feel-Good, das nur für einen kleinen Augenblick auflodern darf, als Colin und Ray sich endlich emotional näherkommen. Diese Szene wirkt bewusst deplatziert, sie bringt das Ungleichgewicht durcheinander. Colins Schmerzen und Bedürfnisse werden von Ray nur kurz zur Kenntnis genommen. Am Ende fühle ich mich weder gut noch schlecht, sondern komisch. Am Ende stürmt das eilige New Yorker Publikum sofort hinaus. Am Ende sitze ich ganz alleine im Kino und frage mich, wie ich mich fühlen soll. Ich tapse aus dem Film Center, folge dem Gehsteig geradeaus unter einem Gerüst entlang. Gleich links zieht mich warmes Gebläse in einen hell beleuchteten Vorraum. Grußkarten und Luftballons laden mich ein, noch eine Runde zu drehen.

