Unlängst woll­te es der Zufall, dass es mich ins Musée Cour­bet in Orn­ans ver­schlug, wo seit weni­gen Tagen eine Son­der­aus­stel­lung mit dem Titel Réa­lis­me Ani­mal zu sehen war. Neben Tier­bil­dern von Cour­bet (die­ser gera­de von einer Schrot­ku­gel getrof­fe­ne, wie in der Luft ste­hen­de Fuchs, der die selt­sa­me Nähe von Bil­dern und Waf­fen noch ein­mal anders wen­det), Rosa Bon­heur oder den schö­nen Illus­tra­tio­nen Hec­tor Gia­co­mel­lis, der unter ande­rem das Vogel- und das Insek­ten­buch von Jules Miche­let bebil­der­te, blieb ich län­ger vor eini­gen Zeich­nun­gen Édouard Paul Méri­tes ste­hen. Unter ande­rem sol­che, die er in sei­nem bemer­kens­wer­ten Buch über Tier­fal­len ver­öf­fent­licht hatte.

Zunächst ver­moch­te ich nicht zu sagen, was genau mich an den im Ver­gleich zu ande­ren aus­ge­stell­ten Wer­ken recht farb­lo­sen und eher klein­for­ma­ti­gen Bil­dern ansprach. Vie­le von denen, die gezeigt wur­den, gli­chen wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en (Méri­te arbei­te­te unter ande­rem als Zeich­ner für das Musé­um natio­nal d’His­toire natu­rel­le de Paris), zeig­ten etwa den Flug eines Vogels in ver­schie­de­nen Sta­di­en und aus mög­lichst vie­len Per­spek­ti­ven, gar nicht unähn­lich dem Zoo­pra­xi­skop von Ead­weard Muy­bridge, das der Öffent­lich­keit zwölf Jah­re nach Méri­tes Geburt prä­sen­tiert wurde.

Erst spä­ter, als ich mir eini­ge der Bil­der an mei­nem Schreib­tisch sit­zend wie­der ver­ge­gen­wär­tig­te, wur­de mir bewusst, dass mich die Tie­re mich nicht ansa­hen auf den Bil­dern. Sie waren ganz bei sich, so als gäbe es mich nicht. Das war mit Aus­nah­me der kon­trast­rei­chen Dru­cke gra­sen­der Kühe von Charles Emi­le Jac­que anders bei die­ser Aus­stel­lung. Die Tie­re von Méri­te ent­wisch­ten fast dem Blick, die Ansamm­lung ver­schie­de­ner Per­spek­ti­ven ver­stärk­te nur den Ein­druck, das ich sie nie rich­tig sehen konn­te und ent­sprach damit dem, was mit auch auf Spa­zier­gän­gen wider­fährt, wenn ich ver­su­che, einen Vogel oder eine Eidech­se anzu­se­hen: Die Tie­re wen­den sich ab, wei­chen mir aus.

Ich bekam ich den Ein­druck, einer Krank­heit auf die Schli­che zu kom­men. Da Méri­te so viel Wert auf die Hal­tung der Bei­ne eines Rehs im Sprung oder die Sprei­zung der Flü­gel eines Fasans oder Rei­hers leg­te, wur­de mir bewusst, wie sehr ich für gewöhn­lich nach dem Gesicht und den Augen der Tie­re suche. Man könn­te die­se Krank­heit nach der Dis­ney-Indus­trie benen­nen. Ich suche mich für gewöhn­lich selbst in den Tie­ren. Wenn sie mich auf den Spa­zier­gän­gen doch ein­mal anse­hen, bemer­ke ich aller­dings nur eine voll­kom­me­ne Ver­schie­den­heit, in der ich mir sofort der Bedro­hung oder Macht bewusst wer­de, die ich habe.

Die­ser Ein­druck der dem Blick aus­wei­chen­den Tie­re in den Bil­dern Méri­tes beruh­te nicht auf einem künst­le­ri­schen Effekt. Im Gegen­satz zu den Impres­sio­nis­ten, mit denen er sei­ne Zeit teil­te, schien er an den objek­ti­ven, alles auf­neh­men­den Blick zu glau­ben. Und trotz­dem: Die Bil­der gli­chen Sil­hou­et­ten, statt eines Bemü­hens um Sym­me­trie und Aus­druck erwisch­te mich die Unför­mig­keit der Wirk­lich­keit. Sie waren so genau und beschei­den dar­in, ein Huschen fest­zu­hal­ten, dass sie selbst zum Huschen wur­den. Méri­te inter­es­sier­te sich tat­säch­lich aus­schließ­lich für das, was es zu sehen gab, nicht für das, was er dar­über hin­aus zei­gen könnte.

Gust­ave Flau­berts Tout est là, so ent­schei­dend für die Kunst, so selt­sam in einer Welt, in der immer alles im Ver­schwin­den begrif­fen scheint. Wobei das dro­hen­de Ver­schwin­den ja umso mehr Anlass gäbe, den heh­ren Wert der Kunst in der Wirk­lich­keits­treue zu suchen. Das Pro­blem damit ist eher, dass die Fik­tio­nen, die Träu­me und Ängs­te alles durch­drin­gen und es fatal oder zumin­dest leicht­sin­nig wäre, sie aus­zu­spa­ren. Zumal das blo­ße Doku­ment immer eine Lüge ist. Selt­sam nur, dass mir die wis­sen­schaft­li­che Kor­rekt­heit Méri­tes genau die­se Fik­tio­nen zu beinhal­ten schien.

Um mög­lichst prä­zi­se arbei­ten zu kön­nen, hielt der Künst­ler die Tie­re gefan­gen. Man sagt, dass sich kaum wer in Euro­pa bes­ser mit Käfi­gen aus­kann­te als er. Man­che der Lebe­we­sen goss er in Gips. Ande­re töte­te er und nagel­te sie sie in den Bewe­gun­gen fest, die er an ihnen beob­ach­tet hat­te: In der Jagd, auf der Flucht, im Sturz­flug und so wei­ter. Sein Inter­es­se galt nicht der Kunst son­dern for­schen­der Exakt­heit. Trotz­dem muss­te er sich erin­nern, an das, was er gese­hen hat­te. Er bau­te nach. Er form­te. Er wähl­te Far­ben. Er kehr­te hervor.

Dar­aus ent­steht eine Span­nung, die sich nicht ganz auf­lö­sen lässt. Ich bin weder Kunst­theo­re­ti­ker noch Tier­for­scher und trotz­dem glaub­te ich, etwas ver­stan­den zu haben, als ich in der sen­gen­den Mit­tags­hit­ze aus dem Muse­um ging. Denn die­ses Muse­um befand sich am ungüns­tigs­ten Ort, näm­lich genau in jener Land­schaft, die Cour­bet gemalt hat. Gro­ße Fens­ter und ein ver­glas­ter Boden gaben den Blick frei auf die Loue und die über dem Ort thro­nen­den Fel­sen­land­schaf­ten. Immer­zu geriet ich in Ver­su­chung, die Bil­der mit der Wirk­lich­keit abzu­glei­chen. In mei­nem Kopf leg­te ich die Bil­der neben die Land­schaf­ten, als ob ich bewei­sen müss­te, dass es sie (noch) gibt. Als wäre da etwas gleich­zu­set­zen. Am Stra­ßen­rand wei­de­ten eini­ge Kühe, die in die­ser Regi­on den berühm­ten Com­té produzieren.

Eine Kuh starr­te mich unver­hoh­len an und ich konn­te nicht anders, als sie mit den dut­zen­den Bil­dern zu ver­glei­chen, die ich kurz zuvor von Kühen gese­hen hat­te. Die Mus­keln, die Euter, die Augen, die Posi­ti­on der Bei­ne. Als ich eine Wei­le so vor der Kuh stand (oder sie vor mir), ver­such­te ich auf das zu ach­ten, was ich nicht auf den Bil­dern gese­hen hat­te. Es woll­te mir par­tout nicht gelin­gen. Die Maler hat­ten an alles gedacht oder sie hat­ten mei­nen Blick so beein­flusst, dass ich selbst nichts mehr sehen konn­te. Sogar die Fremd­heit, die ich sonst vor Tie­ren spü­re, war kurz­zei­tig wie ver­flo­gen. Alles war da. Selbst die toten Flie­gen in den feuch­ten Augen­rän­dern. Selbst die tro­cke­nen Gras­res­te zwi­schen den Klau­en. Selbst Méri­te und Cour­bet. Ja, sie und ihre Far­ben und Tech­ni­ken waren auch in die­ser Kuh und im Fel­sen, vor dem sie gras­te. Sie waren es auch, die ich jetzt in der Kuh erkann­te. Das war es doch. Ich sah mich um und woll­te rasch notie­ren, dass die Bil­der die Wirk­lich­keit ver­än­dern und wir des­halb vor­sich­tig sein müs­sen, wie wir sie machen, wie und wem wir sie zei­gen. Aber dann wand­te sich die Kuh doch ab und nur weni­ge Augen­bli­cke spä­ter erin­ner­te mich nichts mehr an sie oder ihr Bild.

Auf einem Bild Méri­tes sieht man einen Raub­vo­gel, der einen Fasan aus der Luft greift. Im Hin­ter­grund sieht man eine undeut­li­che Land­schaft. Zwei­fel­los muss er sich die­ses Vor­gang vor­ge­stellt haben, so hoch und fern wie die Vögel flie­gen, oder ist es mög­lich, dass Méri­te so exakt gear­bei­tet hat, um sei­ne Träu­me zu beweisen?