La Empresa über la empresa von El Alberto

„Noch am Abend ihrer Ver­trags­un­ter­zeich­nung stei­gen die Deut­schen einen Hügel hin­auf und ver­su­chen von dort, die Ost­sei­te des Dor­fes zu erfas­sen.“ Ein idyl­li­sches Bild des genann­ten Dor­fes im Mond­licht. Aber viel ist eigent­lich nicht zu sehen. Die Kame­ra schwenkt, zoomt rein, zoomt wie­der raus, ver­sucht zu fokus­sie­ren, sucht nach dem rich­ti­gen Bild­aus­schnitt. Ja, was suchen wir hier eigent­lich, fragt sich auch das Film­team (die Deutschen).

Das Dorf El Alber­to und sei­ne Haupt­at­trak­ti­on (Cami­na­ta Noc­tur­na), eine Simu­la­ti­on einer ille­ga­len Grenz­über­que­rung, bei der Tou­ris­tin­nen in die Rol­le von Migran­ten schlüp­fen, wäh­rend Dorf­be­woh­ner den Grenz­schutz, Schlep­per und Dro­gen­ban­den mimen. Die Deut­schen sind nicht die ers­ten, die sich für die­se Simu­la­ti­on inter­es­sie­ren, die dar­in ein reiz­vol­les fil­mi­sches Motiv sehen. Ande­re Film­teams aus der Welt waren auch schon da, haben Doku­men­tar­fil­me, Spiel­fil­me, Tele­no­ve­las, jour­na­lis­ti­sche Bei­trä­ge über die Cami­na­ta Noc­tur­na gedreht. Das Dorf ver­wal­tet neben der Attrak­ti­on der Simu­la­ti­on auch das fil­mi­sche Inter­es­se dar­an, es ist längst ein Unter­neh­men (la empre­sa) gewor­den. Und das Unter­neh­men (La Empre­sa) des deut­schen Filmteams?

Die Bil­der, die die Deut­schen dre­hen, sind schön. Sanft abge­stuf­te Schwarz-Weiß-Töne. Wei­te, mit­tel­ame­ri­ka­ni­sche Land­schaf­ten, ein paar Häu­ser, Vögel zwit­schern, Bäu­me rascheln, Men­schen gehen fried­lich ihrem All­tag, ihrer Arbeit nach. Cine­ma­tisch sind die­se Bil­der, könn­te man fast sagen. Aber das For­mat ist ein biss­chen zusam­men­ge­staucht. Cine­ma­scope ist das dann doch nicht. Das Bild­for­mat sug­ge­riert Beschei­den­heit, erin­nert – wie auch vie­le ande­re künst­le­ri­sche Fil­me heut­zu­ta­ge – eher an ein Fern­seh­for­mat, in das die fil­mi­sche Land­schaft nicht ganz rein pas­sen muss. Oder ist es viel­leicht die Erzähl­stim­me, die die Asso­zia­ti­on zum Fern­seh­for­mat weckt? Die rou­ti­nier­te Mono­to­nie der Stim­me erin­nert an die Pro­fes­sio­na­li­tät (ver­meint­li­che Objek­ti­vi­tät) eines Fern­seh­re­por­ters. Nur ist die die­se so über­trie­ben, dass sie schon ins Gelang­weil­te kippt und die Iro­nie dabei deut­lich wird. Das Unter­fan­gen der Deut­schen hat etwas Absur­des, des­sen sind sie sich bewusst. Die sorg­fäl­ti­ge Kom­po­si­ti­on macht auch deut­lich, dass die Asso­zia­tio­nen an ver­schie­de­ne media­le Zugän­ge gewollt sind. Spiel­film-Insze­nie­rung, Repor­ta­ge, Inter­views, Ree­nact­ment, Beob­ach­tung – all die­ser For­men bedient sich La Empre­sa und betont damit die Kon­struk­ti­on der Dokumentation.

Wie kann ein rea­les Ereig­nis (der ille­ga­le Grenz­über­tritt) ästhe­tisch erfahr­bar gemacht wer­den? Die Cami­na­ta Noc­tur­na bie­tet die Simu­la­ti­on einer kör­per­li­chen Erfah­rung an, indem sie das rea­le Ereig­nis als Ree­nact­ment nach­stellt. Das deut­sche Film­team doku­men­tiert die­se Insze­nie­rung. Oder insze­niert es die Insze­nie­rung? Erzählt La Empre­sa etwas über Migra­ti­on oder viel­mehr über die Dar­stel­lung von Migra­ti­on? Die Cami­na­ta Noc­tur­na ist sel­ber schon eine Dar­stel­lung von Migra­ti­on. Bleibt den Deut­schen, die Dar­stel­lung von Migra­ti­on dar­zu­stel­len? Auch das haben schon ande­re gemacht, die inter­na­tio­na­len Film­teams sind in El Alber­to nicht zu über­se­hen. Außer­dem reg­net es beim ers­ten Ver­such auch noch. Dann wer­den eben die­se schon gedreh­ten Dar­stel­lun­gen der Dar­stel­lung von Migra­ti­on dar­ge­stellt, denn die lau­fen in El Alber­to sowie­so auf den Bild­schir­men. Die fil­mi­sche Dar­stel­lung (La Empre­sa) einer fil­mi­schen Dar­stel­lung (die ande­re Doku) einer Dar­stel­lung von Migra­ti­on (die Cami­na­ta Noc­tur­na).

Bei all die­ser Insze­nie­rung und Insze­nie­rung von der Insze­nie­rung scheint die Unter­schei­dung von Doku­men­tar­film und Spiel­film nur bedingt sinn­voll. Den Mit­ar­bei­tern aus El Alber­to ist das sowie­so klar. Tele­no­ve­las oder Doku­men­tar­fil­me mit Schau­spie­le­rin­nen, alles wird in einem Atem­zug genannt, denn so oder so: „Wir ver­kau­fen eine Geschich­te“, aber das Per­sön­li­che der Dorf­ge­mein­schaft ist dabei nicht im Ver­trag ent­hal­ten. Gedrängt in die Distanz rich­ten die Deut­schen ihren Blick auch auf die eige­ne Posi­ti­on. Und von dort aus der Außen­per­spek­ti­ve wer­den die Spu­ren, die Aus­wir­kun­gen, die media­len Ver­mitt­lun­gen der Migra­ti­on in den Blick genom­men, die Geschich­ten. Ein ‚tat­säch­li­ches‘ Bild des Grenz­über­tritts ist für die­ses Unter­neh­men das Unwich­tigs­te. Wich­ti­ger scheint ein Schmun­zeln über das doku­men­ta­ri­sche Fil­me­ma­chen, über die ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten ästhe­ti­scher Darstellung.

Es bleibt eine Unsi­cher­heit dar­über, ob die­se distan­zier­te Iro­nie viel­leicht auch bequem ist. Weil man beim Her­stel­len von Nähe so viel falsch machen kann. Eine Unsi­cher­heit dar­über, wie offen die Selbst­re­fle­xi­on eigent­lich ist, oder ist es insze­nier­te Trans­pa­renz? Wie kal­ku­liert ist die dar­ge­bo­te­ne Rat­lo­sig­keit? Geht es denn mehr um Simu­la­ti­on als um Migra­ti­on? Und wer­den in die­sem Schmun­zeln all die­se Fra­gen auf­ge­wor­fen oder umgangen?

von Anna Stocker