Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Off to Nowhere: Plätze in Städten von Angela Schanelec

In Plät­ze in Städ­ten drif­tet Ange­la Scha­nelec durch gewohnt ver­lo­re­nes Gebiet. Der Film folgt, ohne dass es die Kame­ra zwangs­läu­fig tun müss­te, der Schü­le­rin Mim­mi durch das Leben oder bes­ser der Suche danach. Im Halb­dun­kel und der häu­fig von hin­ten oder am Rand des Bild­aus­schnitts foto­gra­fier­ten Prot­ago­nis­tin, sam­meln sich, wie in einer von ver­las­se­nem Neon­licht schimm­rig beleuch­te­ten Pfüt­ze, dring­li­che Gefüh­le von Ein­sam­keit, Sehn­sucht und Unsi­cher­heit. Häu­fig erahnt man Mim­mi und ihren Kör­per nur, immer aber spürt man ihre Kör­per­lich­keit. Die Fil­me­ma­che­rin hat davon gespro­chen, dass sie ihre Schau­spie­ler schüt­zen wür­de und sie den Bli­cken der Kame­ra so nicht aus­lie­fe­re. Sie foto­gra­fiert durch Rah­men, Spie­gel­fas­sa­den, sie dekadriert, sie hängt am schon benann­ten Halb­dun­kel, in der Tie­fe oder Unschär­fe des Bil­des, aber damit macht Scha­nelec stren­ge­nom­men etwas ganz ande­res, als ihre Schau­spie­ler zu schüt­zen, viel­mehr dringt sie näm­lich in sie ein (viel­leicht nicht in die Spie­len­den, aber in die Gespiel­ten, wobei der Unter­schied hier weni­ger die Dif­fe­renz der See­len ist, als die Gleich­at­mig­keit der Kör­per). Es ist eine Welt­sicht der inti­men Ent­frem­dung, die aber eigent­lich ganz gewöhn­lich im Kino ist/​sein soll­te. Denn Scha­nelec beob­ach­tet und benutzt dazu eine Spra­che und eine Maschi­ne. Durch ihre Beob­ach­tung kom­men wir den Men­schen nahe, durch die Spra­che und die Maschi­ne eta­bliert sich eine not­wen­di­ge Distanz, die uns erst sehen lässt.

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Im Film gibt es eine der bes­ten U‑Bahn-Fahr­ten, die ich je in einem Film sehen durf­te. Mim­mi sitzt mit dem Rücken zur Kame­ra und ihr gegen­über sitzt ein Mann, der aus dem Off leicht von einer Hand an der Schul­ter berührt wird. Der Schnitt in die rüt­teln­de U‑Bahn ist merk­wür­dig sanft. Neben ihm sitzt zunächst eine frem­de Frau. Man könn­te die Ein­stel­lung, die über fast die gan­ze Fahrt bestehen bleibt, fast als eine Over-Should­er Mim­mi bezeich­nen, obwohl die Kame­ra ein biss­chen zu weit weg steht, um nicht auch Mim­mi in ihr zu erken­nen. Das ist also die­ser Schutz, der uns die Figur zugleich näher­bringt. Sie wird dem Blick nicht aus­ge­lie­fert, aber gleich­zei­tig herrscht den gan­zen Film über (so zum Bei­spiel auch gegen Ende als Mim­mi ihren fran­zö­si­schen Freund durch Fens­ter beob­ach­tet) eine Unsi­cher­heit über die mög­li­che Sub­jek­ti­vi­tät einer Ein­stel­lung. Die­se Ver­un­si­che­rung gegen­über dem Blick spie­gelt die Suche nach sich selbst in der Figur und der Kör­per­lich­keit der Dar­stel­le­rin. Men­schen kreu­zen den Blick, die U‑Bahn hält, ein­mal blickt der jun­ge Mann im Zen­trum des Bil­des genervt ins Off, viel­leicht zu der Per­son, die sei­ne Schul­ter berührt. Die Bahn fährt wie­der los und kurz dar­auf scheint sein Blick direkt auf Mim­mi zu fal­len. Eine gegen­läu­fi­ge U‑Bahn pas­siert, sein Blick geht wie­der zur Sei­te (fast kraft­los), er gibt sich dem Rüt­teln des Wagons hin. Dann rücken plötz­lich die Augen der Frau neben ihm sit­zend ins Bild. Sie schaut nach oben. Eigent­lich wur­de sie von Mim­mi blo­ckiert, aber eine leich­te Kopf­be­we­gung reicht, um den Blick auf sie frei­zu­ge­ben. Die U‑Bahn hält wie­der, die Frau steht auf und ver­lässt den Wagen. Der Mann dreht sich um und die Frau, die sei­ne Schul­ter berühr­te, setzt sich neben ihn, wird zunächst ver­deckt, ver­deckt dann ihr eige­nes Gesicht mit den Hän­den und legt sich dann an die Schul­ter ihres Part­ners, der sich nach hin­ten lehnt. Von dort an erzählt Scha­nelec eine die­ser span­nen­den Geschich­ten, die man jeden Tag sehen kann. In den Kör­pern und Bli­cken die­ses Paa­res ver­ste­cken sich Dyna­mi­ken, Geheim­nis­se und Kon­flik­te, die wir nur erah­nen kön­nen. Ein Blick der sich ver­passt, eine fal­sche Bewe­gung, alles könn­te eine Bedeu­tung haben unter dem fokus­sier­ten, ent­lar­ven­den Blick der Kame­ra und der Emotion.

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Man kann sich durch­aus die Fra­ge stel­len wie es mög­lich ist, dass die Kame­ra all die­se Din­ge aus einer Ent­fer­nung wahr­nimmt, wäh­rend wir im Leben ganz nah sein müs­sen, um (viel­leicht im Irr­tum) sol­che klei­nen Regun­gen zu spü­ren. Viel­leicht ist es auch eher so, dass wir auch im ech­ten Leben nicht nah sein müs­sen, um es zu spü­ren, wir müs­sen ledig­lich nah sein, um uns zu inter­es­sie­ren. Schließ­lich schnei­det Scha­nelec in eine pro­fi­li­ge Nah­auf­nah­me des Man­nes, sodass im Bild­hin­ter­grund sei­ne Part­ne­rin an sei­ner Schul­ter sicht­bar ist. Hier sucht Scha­nelec die­se Inti­mi­tät, die vom dunk­len Schat­ten um die Augen des Man­nes gehin­dert und gelockt wird zugleich. Es ist der ver­zwei­fel­te und gelun­gen Ver­such, mit einem Blick zu berüh­ren. Im Gesicht des Man­nes offen­bart sich für die Sekun­de einer mög­li­chen Illu­si­on jenes ver­steck­te Lächeln, nach­dem auch Straub&Huillet such­ten. Man spricht dann von einem Huschen und in die­sem Huschen liegt die gan­ze Sehn­sucht nach einem ande­ren Leben, das Aus­stei­gen aus die­ser Bahn, die unend­li­chen neu­en Mög­lich­kei­ten, die ohne psy­cho­lo­gi­sche und/​oder dra­ma­tur­gi­sche Geset­ze in die Leben von Scha­nelec plat­zen kann. Die Ein­stel­lung hält län­ger als die­ses Huschen und erzählt damit zugleich von der Ent­täu­schung, jenen Augen­bli­cken, in denen uns der Mut ver­lässt, in denen wir uns Ver­ant­wor­tun­gen bewusst wer­den. Aber natür­lich sind das alles Inter­pre­ta­tio­nen. Was wir sehen – und die letz­te Ein­stel­lung die­ser Fahrt, eine Halb­na­he auf Mim­mi von der Sei­te – zeigt dies ganz deut­lich: Im Kino von Scha­nelec geht es um Prä­senz und Sinn­lich­keit. Dabei geht sie kei­nes­wegs so hap­tisch und bru­tal vor wie etwa Clai­re Denis. Statt­des­sen ver­legt sie die Prä­senz in den Blick selbst. Ein Blick, der in sei­ner Vor­sicht die glei­che Gewalt trägt wie ein Schnitt bei Gran­drieux. Mim­mi ist dort, die Bli­cken­de, die Ange­blick­te, durch sie hin­durch ist das Kino von Scha­nelec zunächst, es ent­steht eine Nähe, die einen in ihrer Distanz erdrückt. In ihr voll­zieht sich die An- und Abwe­sen­heit des Blicks der Kame­ra, die nicht unbe­dingt das Gesicht „nicht-fimt“, son­dern den Hin­ter­kopf filmt und den­noch immer zugleich auch von dem erzählt, was wir nicht sehen.

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Wun­der­bar zeigt sich die­ses Vor­ge­hen in den Tanz­sze­nen in den Fil­men der Aale­ne­rin, die immer zugleich vor dem Raum der Kame­ra und dafür bestehen und doch völ­lig iso­liert aus ihr huschen, sich ver­lie­ren, nicht unbe­dingt, weil die Kame­ra kein Inter­es­se an ihnen hät­te, son­dern weil sie kein Inter­es­se an der Kame­ra haben. Es gehen hier zwei Bewe­gun­gen vor sich, die zum Bei­spiel an John Cas­sa­ve­tes, einen ande­ren Schauspieler/​Regisseur erin­nern: Die ers­te Bewe­gung ist die Form und die Fra­ge des Blicks und die zwei­te Bewe­gung ist der Schau­spie­ler und die Fra­ge des Lebens. Statt die bei­den zu einer Ein­heit zu ver­schmel­zen, gewinnt das Kino von Scha­nelec an der Dif­fe­renz dazwi­schen. Was zwschen Dun­kel­heit und Licht in Plät­ze in Städ­ten pas­siert, ent­spricht genau die­sem Unter­schied, der einen Raum und eine Zeit für die Gegen­wär­tig­keit des Kinos öffnet.

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Plötz­lich sehen wir Bil­der aus Jean Eusta­ches gran­dio­sem La Rosiè­re de Pes­sac. Scha­nelec führt mit die­sem Film­aus­schnitt einen Orts­wech­sel nach Frank­reich ein, aber es liegt noch mehr dar­in, denn La Rosiè­re de Pes­sac ist auch ein Film über die Zeit und den Blick bezie­hungs­wei­se die zwei Fil­me La Rosiè­re de Pes­sac erge­ben die­sen Ein­druck, denn Eusta­che film­te die glei­che Zere­mo­nie einer Rosen­kö­ni­gin­nen­wahl 1968 und 1979 (wobei Eusta­che eine umge­kehr­te Pro­jek­ti­ons­rei­hen­fol­ge wünscht). Ähn­lich wie etwa bei Mau­rice Pia­lat kann bei einem Schnitt von Scha­nelec eine Sekun­de oder ein Jahr ver­ge­hen. Scha­nelec, die in einem schö­nen Text auch mal dar­über nach­ge­dacht hat, ist ver­wandt mit Eusta­che. Bei­de tra­gen die­sen Tschechow-Blick der kur­zen Sinn­lich­kei­ten, dis­pa­ra­ten Augen­bli­cke und Gesprä­che in sich, der ein Leben for­miert, füt­tert und ent­kräf­tet. Wie bei Eusta­che ist es auch bei Scha­nelec eine Sinn­lich­keit die an die Zeit und die Gesell­schaft gebun­den ist, die sich selbst ken­nend am liebs­ten ver­schwin­den wür­de und trotz­dem in einer offe­nen Ver­zweif­lung und ver­zwei­fel­ten Wär­me wei­ter-exis­tiert und im Kino zu einer Exis­tenz wird, die einen tief im Mark trifft und zwar nicht trotz des schein­bar distan­zier­ten Blicks, son­dern gera­de des­halb. In die­sem Blick sind Inti­mi­tät und Abgrund ver­eint und sie erzeu­gen so eine voll­ende­te Illu­si­on wahr­haf­ti­gen Lebens, also Gefühle.