Text: Anton Schroeder

»To be in the land of Nod«, heißt eine eng­li­sche Rede­wen­dung. Über­setzt heißt das so viel wie „im Land der Träu­me“ sein, ent­springt einer Mischung aus bibli­scher Refe­renz und bri­ti­schem Wort­witz. Nach­dem Kain sei­nen Bru­der Abel erschlägt, wird er von Gott ver­bannt und zieht »ins Land Nod, öst­lich von Eden«. Der iri­sche Schrift­stel­ler Jona­than Swift ver­wen­de­te »to be in the land of Nod« als Umschrei­bung fürs Träu­men. Nod, nicken, einnicken.

Die Rede­wen­dung steht in einem Buch, das ich als Teen­ager von mei­nem Vater geschenkt bekom­men habe. Bri­tish Slang hieß das Buch, hun­der­te sol­cher Phra­sen stan­den dar­in. Als ich »to be in the land of Nod« heu­te Mor­gen zum ers­ten Mal lese, ver­ste­he ich es falsch, viel­leicht absicht­lich. Ich den­ke an einen Sehn­suchts­ort, ein tat­säch­li­ches Land. Die Bei­läu­fig­keit des »Land of Nod« gefällt mir. Land der Träu­me, das klingt kit­schig und groß. Ein Land of Nod, das nickt man ab, es braucht kei­ne gro­ße Geste.

Als jun­ger Mann ist mein Vater mit einem Freund nach Irland getrampt, das immer sein Land of Nod war. Auf dem Dach­bo­den mei­nes Kind­heits­hau­ses lag eine Vio­li­ne, die er dort wäh­rend einer kur­zen Leh­re als Gei­gen­bau­er gezim­mert hat. Mei­ne Eltern haben ihre Flit­ter­wo­chen in Irland ver­bracht, oft wur­de von der inzwi­schen ein­ge­stell­ten Fähr­ver­bin­dung von Ham­burg nach Eng­land erzählt. Ein­fach ein­stei­gen konn­te man da, ein paar Tage spä­ter war man dort, wo mit Frem­den musi­ziert wird – in den Pubs, bei den Klip­pen und Möwen. Durch die­se Geschich­ten ist Irland auch mein Land of Nod gewor­den, bevor ich irgend­et­was Belast­ba­res dar­über wuss­te, etwas, das man im Geschichts­un­ter­richt lernt über Kar­tof­feln und Hun­ger und die IRA.

Todes­fäl­le soge­nann­ter Pro­mi­nen­ter sind eine selt­sa­me Ange­le­gen­heit. Am 25. Juni 2009, ich war in der sechs­ten Klas­se und gera­de zwölf gewor­den, spra­chen auf dem Schul­hof alle über Micha­el Jack­son. Micha­el Jack­son ist tot, der King of Pop. Ich hat­te damals das Musik­vi­deo von »Thril­ler« auf mei­nem iPod nano, das gefiel mir. Dass der Typ, der da zwi­schen Grä­bern her­um­tanzt, ein rich­ti­ger Mensch war, der ster­ben kann und eine Mut­ter hat, war mir nur abs­trakt bewusst. Dass Micha­el Jack­son jetzt tot war, inter­es­sier­te mich also nicht groß, da war er doch, auf mei­nem Bild­schirm, in der roten Leder­ja­cke, die sich nicht ver­än­dert hat­te an die­sem Junitag.

Ges­tern ist Glen Han­sard gestor­ben. Lan­ge hat­te ich nicht an Glen Han­sard gedacht, sei­ne Musik nicht gehört. Zum ers­ten, viel­leicht zwei­ten Mal rühr­te sich etwas in mir beim Lesen über den Todes­fall eines Men­schen, den ich nie gese­hen habe, zumin­dest nicht in Fleisch und Blut. Mit drei­zehn habe ich zum ers­ten Mal den Film Once von John Car­ney gese­hen, mein Vater woll­te ihn mir zei­gen. Once spielt in Dub­lin, in Irland, das ich mit drei­zehn also zum ers­ten Mal ›bewegt‹ sah, außer­halb von Bild­bän­den und Kopf­ki­no-Anek­do­ten. Ich weiß nicht, wie oft ich den Film gese­hen habe, erin­ne­re mich vor allem an den ers­ten Abend eines sechs­mo­na­ti­gen Dub­lin-Auf­ent­halts. Ich wuss­te nicht so recht wohin mit mir, im Sechs­bett-Zim­mer eines Hos­tels war ich allein. Dann habe ich Once geschaut, auf dem Han­dy, und war froh, da zu sein.

Schaut man Fil­me, die einem in jun­gen Jah­ren viel bedeu­tet haben, gibt es da immer auch eine Angst, die Erin­ne­rung zu demo­lie­ren. Viel­leicht ist der Film eigent­lich bescheu­ert, ein Witz, eine nost­al­gi­sche Irrung, die in sich zusam­men­stürzt beim erneu­ten Anse­hen. Ges­tern Abend woll­te ich einen ande­ren Film schau­en, einen, der bes­ser gemacht ist als Once, einen, den man »gese­hen haben muss« als jemand, der sich mit Film aus­ein­an­der­setzt. Einen Pflicht­film. Manch­mal aber geht das nicht, nach zehn Minu­ten nickt man inner­lich weg, denkt an etwas ande­res, ist in einem ande­ren Film. Das war ges­tern so, der ande­re Film war Once.

Glen Han­sard spielt sich ein wenig selbst in dem Film, jeden­falls glau­be ich das. Tags­über spielt er auf sei­ner klapp­ri­gen Gitar­re bekann­te Lie­der in der Dub­li­ner Fuß­gän­ger­zo­ne, nachts spielt er selbst­ge­schrie­be­ne, dann ist da ohne­hin nie­mand mehr, der Geld geben wür­de. Die­se Lie­der han­deln von einer Frau, die inzwi­schen in Lon­don lebt und nicht mehr in Dub­lin. Glen Han­sard haut dann beson­ders kräf­tig in die Sai­ten und ver­zieht sein Gesicht so gequält oder sehn­süch­tig, dass man nicht weiß, ob er es mit dem Schau­spiel über­treibt oder das Gefühl es mit ihm. Die Lon­do­ne­rin sieht man den gan­zen Film über nicht, zumin­dest nicht wirk­lich. Statt­des­sen kommt eine ande­re, eine tsche­chi­sche Frau (Mar­ké­ta Irg­lo­vá) ins Bild, noch eine Musi­ke­rin. Auch sie hat sich not­dürf­tig in der Pre­ka­ri­tät ein­ge­rich­tet, wie eigent­lich alle Figu­ren in dem Film, in die­ser Stadt, deren Pro­me­na­de inzwi­schen von unap­pe­tit­li­chen Glastür­men von Face­book oder Goog­le zuge­baut ist und in der ein WG-Zim­mer 800 Euro kostet.

Der Film hat vie­le Zuta­ten, die ihn kit­schig machen müss­ten, was mei­ne Angst bestärkt. Er hat sogar einen Oscar gewon­nen für sei­ne Musik, sel­ten ein gutes Zei­chen. Die Lie­der sind auch nicht frei von Kitsch, aber mir scheint etwas Wahr­haf­ti­ges in den simp­len Akkor­den, den ver­wa­ckel­ten Auf­nah­men zu lie­gen. Wahr­schein­lich liegt die­ses Wahr­haf­ti­ge eigent­lich woan­ders, in mei­ner Erin­ne­rung oder Ver­bin­dung zu dem Film. Das kann man nicht tren­nen, eigent­lich ist Once aber auch gar nicht so ver­kitscht: Glen Han­sard und Mar­ké­ta Irg­lo­vá ver­lie­ben sich nicht, zumin­dest nicht auf die Art, die Küs­sen oder Händ­chen­hal­ten nach sich zieht. Bei­de sind sie Sehn­süch­ti­ge, deren Her­zen woan­ders leben als in Dub­lin, außer­halb des fil­mi­schen Raums. Wenn sie dann zusam­men sin­gen und die Augen schlie­ßen, ahnt man, dass sie für einen Moment da sind, in ihren Lands of Nod. Wie fast alle Irland-Fil­me endet der Film damit, dass jemand das Land verlässt.

Auf You­Tube gibt es eine Live-Auf­nah­me von Dani­el John­s­ton, er singt »Life in Vain«. Der Auf­tritt ist sehr fern­seh­taug­lich, ein Kin­der­chor tritt auf, ein Gei­ger ver­sucht mehr schlecht als recht, das Lied mit Sen­ti­men­ta­li­tät zu über­tün­chen. Dani­el John­s­ton trägt ein grau­es Polo­shirt, er muss sei­nen eige­nen Song­text vom Blatt able­sen. Das Video ist kit­schig, ich schaue es ger­ne – vor allem wegen sei­ner Ele­men­te, die die­sen Kitsch für einen Moment auf­bre­chen. Ein gro­ßer Schweiß­fleck auf John­s­tons Ober­teil, das aus­ufern­de Zit­tern sei­ner Hän­de, der schlech­te Gesang des Chors. Noch bevor das Lied vor­bei ist, ver­ab­schie­det sich John­s­ton. »Good­bye, thank you, good night.« Gebückt geht er dann von der Büh­ne, das hat etwas sehr Rüh­ren­des. Die Kin­der sin­gen noch ein wenig wei­ter. Fast habe ich ver­ges­sen, dass auch Glen Han­sard auf der Büh­ne steht, ver­mut­lich ist es eigent­lich sein Kon­zert. Wäh­rend des Lie­des macht er nicht viel, oder anders gesagt: Er macht das ein­zig Rich­ti­ge, über­lässt sei­nem Kol­le­gen den Raum. »Dani­el John­s­ton!«, ruft er am Ende, da ist John­s­ton schon ver­schwun­den und Glen Han­sards Augen glän­zen etwas. Augen­schein­lich ist er in dem Moment froh, wo er ist.