Das gebotene Nichtstun bei unerwarteten Hitzewellen lässt sich mit einem Radrennen am besten ausfüllen, weil es mit vier bis fünf Stunden in der Regel eine Länge beträgt, die zeitliche Wahrnehmung außer Kraft setzt. Keine knapp bemessenen neunzig Minuten Spiel, geteilt in zwei Halbzeiten. Keine Kurzstreckenläufe oder Sprünge, die nur wenige Sekunden betragen wie im olympischen Zehnkampf. Keine bis zur Unzählbarkeit wiederholten Rundfahrten wie in der Formel 1. Und auch ganz anders als beim Tennis, das von der Dauer in einer ähnlichen Liga spielt: Die bevorstehende Dramatik liegt mit dem Höhenprofil und Kurvenverläufen im Bereich des Erwartbaren. Trotzdem überschlagen sich die Superlative in sprachlichen Verrenkungen, wie bei der gestrigen Königsetappe des Giro d’Italia von Feltre nach Alleghe. Allerhand Bergwertungen standen bevor, die das Feld auseinanderreißen sollten. Außerdem ein Favorit, der Gönnerhaft seinem Domestik den Etappensieg überlassen will. Jonas Vingegaard ist Familienmensch und auch in seinem Team herrscht harmonisch-familiäre Stimmung. Ein wahrer Familiensport, der wohl keinen Platz für Exzentriker bereithält. Der größte Widerspruch des Radsports: altbackenes Einzelgängertum und moderner Zusammenhalt. Ein Widerspruch, der sich vor allem in der Langeweile komprimiert und ausdrückt. Sie richtet sich aufs Individuum, auf den Zuschauer wie den Fahrer.
Radsport kann ein einschläferndes Idyll sein, das in den sanft bewegten Bergpanoramen seine visuelle Entsprechung findet, was allerdings nicht jedem passt, vor allem nicht jungen Männern, von denen es im Peloton einige gibt. Dahinter steht wie immer der sehnsuchtsvolle Wunsch nach folgenreichen Überraschungen, der von den Kommentatoren bereitwillig in jeder live übertragenen Rennbewegung beschwört wird. Nichts soll ungesehen bleiben. So stellt sich aber zugleich eine doppelbödige Rede zwischen Abschätzung und Erregung ein. Allen Mühen zum Trotz unterliegt ein erwarteter Ausbruch dabei seltsamerweise am Ende dem Gesetz des Vergessens, was nur noch hastig aufgenommene Podcasts oder eilig verfasste Berichterstattungen einige Momente länger zu bewahren suchen. Jede kleinste Veränderung kommt der schwerfälligen Allgemeinbewegung des Pelotons wieder unter die Räder.
Als bei angenehmen 26 Grad Celsius um 12:32 Uhr die gestrige Königsetappe des Giros begann, formte sich etwa eine Stunde später am ersten Anstieg eine Gruppe an der Rennspitze. Die Protagonisten waren bereits allesamt vorgestellt. Wolken hängen in den Bergen. Zwischen den zahlreichen Kurven, in denen sich die Fahrer vor den Kameramotorrädern verstecken, setzt sich Giulio Ciccone allmählich nach vorn. Generell wirkt es, als versuchen die Bilder, den riesigen Begleittross auszublenden, sodass nur der einsam-einzelne Fahrer zu sehen bleibt. Am Rand nur wenige Zuschauer, später auf den breiten sonnigen Bergwiesen deutlich mehr. Ciccone kommt nach einem kurzen Sprint als erster am ersten Gipfel an – ein ruhig gelegener Einschnitt zwischen Lärchen. Seinem Team fehlten bislang die großen Erfolge beim Giro.
Von nun an arbeitet er mit dem Fahrer eines anderen Teams, Einer Rubio, zusammen und gewinnt damit immer mehr Abstand zum Rest des Feldes. Ihre Stimmen sind in der Übertragung nicht zu hören und anhand der Gesten beginnen die Kommentatoren ihre Dialoge zu imaginieren. Zu hören ist allein das Schreien der im Leerlauf befindlichen Rennräder sowie das schrille Quietschen ihrer Bremsen. Augenkontakt hinter den großen Brillen – meist blau und verspiegelt – kaum vorstellbar. Allein Sepp Kuss trägt Rot. Es ist mittlerweile wieder eine Stunde vergangen, die zu somnambulen Beobachtungen verleiten wie das Pendeln einer Goldkette an einem Fahrer mit verzerrtem Gesicht im Peloton. Die Rennspitze fährt am steilsten Berg der Etappe und ist wieder größer geworden. Plötzlich biegt die Straße links ab. Immer enger werdende Kurven schlängeln sich über eine von Fichten gesäumte Wiese. Dann ein Haus, an dem eine Fahne von Schalke 04 hängt, worauf die Kamera irritiert zoomt. Die Wolkendecke lichtet sich und gibt einen steinernen Riesen frei. Flugaufnahmen überschätzen Größendimensionen, so wie sie die Schroffheit unterschätzen – ein Traumgesetz.
Bei den nächsten Bergwertungen kommt nach kurzen unsicheren Sprints Ciccone erneut als erster oben an und erhält damit das Bergtrikot. Es scheint sich um eine gemeinsame Abmachung der beiden zu handeln, die allerdings nicht bis zum Ende bestehen wird. Um 16:20 Uhr erreichen die Spitzenfahrer den Passo Falzarego während die Übertragung immer wieder zwischen Spitze und Peloton hin und her schaltet, als warte sie endlich auf ein wirkliches Ereignis der Protagonisten im Klassement, verstärkt durch das bedrohliche Helikopterschweben über dem Tal. Am Zwischensprint attackiert jetzt aber Rubio, was zu einigen unverständlichen Diskussionen und Kopfschütteln an der Rennspitze führt, wo man sich doch auf Kooperation geeinigt hatte. Verwirrung lässt sich an den Gesichtern ablesen. Nach einem weiteren aufbrausenden Sprint von Rubio gegen Ciccone und sichtbaren Auseinandersetzungen stürzt sich schließlich Ciccone auf eigene Faust vor Wut in die letzte Abfahrt, womit er jedoch gleichzeitig seinen Teamkollegen Derek Gee-West zurücklässt. Anstatt ihm weiterzuhelfen, sieht er rot, fährt eine vergebliche Minute heraus, die ihm letztlich aber nichts bringen wird. Kuss und Gee-West überholen ihn wenige Kilometer vor dem Ziel. Eine vermeidbare Überreaktion, alles umsonst, würde man mit kühlem Blick denken.
Dramatik und Komödie liegen hier für ein paar Minuten fast ununterscheidbar nah nebeneinander, weshalb diese anspruchsvollste Etappe vielleicht aber die humanste des Giros bildet. Fernab der familiären Doktrin, dem gesellschaftlichen Miteinander, forderte sie den Einzelnen. Dabei versucht der Kommentar verzweifelt richtige oder falsche Entscheidungen zu erläutern, stellt Mutmaßungen und Prophezeiungen an. Ohne allerdings Begriffe für das offenbar Irrationale finden – außer, es handele sich etwa bei Ciccone um ein wahres Radsport-Original. Gegen 17:30 Uhr ist alles vorbei, Vingegaard freut sich über den Sieg seines Domestik Kuss, der mit einem stoisch schwenkenden Kopf gewinnt, hinter dem das Leiden verborgen bleibt. Ebenso unerschrocken rollen die restlichen Mitfavoriten ein, als solle nun wieder Ruhe einkehren und man den unbegreiflichen Ausbruch von Ciccone wieder vergessen, um sich wieder den wesentlichen Dingen zu widmen. Das Wichtigere, das könnte das Klassement sein oder das restliche Weltgeschehen, das man glaubt, mit dem gelangweilten Zuschauen ignorieren zu können.
Wie man bei Ciccone und Rubio aber sehen kann, drängt Langeweile unvermeidlich zur Selbstzentrierung, um sich schließlich in eine selbstgewählte (auch selbstzerstörerische) Reaktion nach Außen zu wenden. Die Langeweile verkörpert das Irrationale des Aufschiebens selbst, wodurch Spannung mittels Reflexion auf und nicht abgebaut wird. Sie wird leiblich, auch beim Sehen. Dahingehend mag die Besonderheit der Langeweile des Sports ihr Hang zum Vergessen sein. Ein Ausbruch versteht sich in der Geschichte der Ausbrüche und streift seine individuelle Erklärungsnotwendigkeit ab. Ihm entgegen stehen aber zahllose filmende Telefone am Rand, die das Scheitern des Versuchs abstrafen, indem sie festhalten, was sich verflüchtigt. Damit bildete das kopflose Ausbrechen zwar ein konstituierendes Supplement, was aber nur noch solang zulässig bleibt, wie es von Erfolg gekrönt wird. Es herrscht eine neue Spannung von Außen, gegen die sich selbstsichere Familienauftritte abdichten. Die Folge der äußeren Anspannung ist ein eingeübtes Aushalten, kultivierte Resilienz. Womöglich gerade, weil er so altmodisch und ungefährlich ist, darf der unkontrollierte innere Ausbruch im modernen schnelllebigen Radsport im überschaubaren Rahmen des Vergessens weiterleben, bleibt aber weiterhin unverstanden. Auch das heißt Langeweile.

