Im Rahmen unseres Workshops auf der 49. Duisburger Filmwoche spazierten wir durch die Stadt. Wir trafen auf Menschen weit weg vom Kino. Die Teilnehmenden berichten hier von Begegnungen und Gedanken zwischen der sogenannten Wirklichkeit und den Filmen, die in ihr existieren.
Komplementärasphalt (Nele Kaiser)
Eigentlich wollte ich über den Obdachlosen schreiben, der unweit meiner Unterkunft in Duisburg schlief. Fast jede Nacht. Aber ich sah nie sein Gesicht. Es war abgewandt im Schlaf. Der Traum, in den er sich eingerollt hatte und in den er sich hinabneigte mit der Krümmung seines Halses, war sein Schlafgewand. Sein Schädel war kürzlich rasiert worden. Ich weiß, wie kalt das ist im Winter. Es ist wie ein Eishelm, der über den Hals tropft und in die Ohren läuft. Es fühlt sich schrecklich gut an. Sein Hinterkopf war nie ganz bedeckt. Ich konnte die Schutzlosigkeit spüren, die sich in die Kopfhaut eingeschrieben hat. Sie wird irgendwann zu Hitze, die über das Gesicht strahlt. Eisbrand. Kälteschläge.
Er war immer schon da, als ich während des Festivals morgens zum Filmforum lief und nachts auf dem Nachhauseweg war er es noch nicht. Ich frage mich, wann er sich auf den Asphalt gelegt, wann sein Traum begonnen hat. In seinem Schlafsack, an dessen Farbe ich mich nicht erinnern kann. War er gelb oder blau. Vielleicht war er auch rot. Gletscherröte. Wie ich das vergessen konnte. Die monochromen Farbflächen aus Nika Sons Ton-und-Bild-Werk Ein Wasserglas kippt haben sich in meine Netzhaut gebrannt, hinterlassen einen Negativabdruck der jeweiligen Komplementärfarbe, die das folgende Schwarz leise verfärbt. Brennendes Blau. Gelb. Weiß. Gleißender als in die Sonne zu schauen. Sie ist ja nur ein Punkt. Das Blau ist ein anderes als das Blau in Jarmans Blue. Auch ist es nicht wie ein monochromes Gemälde von Yves Klein. Es ist blendend rein. Es schreit fast, die Augen an. Sie sterben einen blinzelnden Indigotod. Ich muss das Sehen verlernen.
Ein Pferd namens Blue hat sich direkt neben mir erleichtert, als ich an ihm vorbei ging. Was das Blaue wohl mit dem Vulgären zu tun hat. Rahel trat in Hundekacke bei unserem Spaziergang. Die Brauntöne ihres Mantels gehen in den Herbst über. Da habe ich nicht mitbekommen, wie eine Frau von einem Film über Geschlechtskrankheiten sprach, den sie vor langer Zeit auf der Duisburger Filmwoche gesehen hat. Eine Frau auf Bänken – sie trug keinen Hermelin, aber hatte einen bräunlichen Hund. Hier wachsen Pilze, sagt Rahel. Ich sah sie erst nicht. Zu intensiv hatten wir die ockerfarbenen Blätter betrachtet und nicht auf den Boden geschaut. Sie waren überall. Hört ihr, wie laut es hier ist, meint Patrick. Goldgelber Lärm. Geschlechtskrankheiten sind schrecklich schön, wenn man sie nicht hat und sie betrachtet wie ein Expressionist, oder wie Rimbaud. Sie sind farbenfroh. Die Haut ist eigentlich bunt, nicht nur bei Rubens. Blau unter den Augen, gelb um den Mund.
Stattdessen muss ich jetzt darüber schreiben, wie ich Menschen vermeiden wollte. Und darüber, wie mir das allzu Menschliche in den Filmen, die an ihre Stelle gerückt sind, begegnet ist. Ich frage mich, was der Unterschied ist. Er liegt wohl auf dem Asphaltboden. Aber ich kann sein Gesicht nicht sehen. Es ist schwer, den Betonrealitäten und Bildschirmwahrheiten in Duisburg zu entfliehen. Ein roter Screen. Eine junge Frau, die literweise Blut aus ihrem Rachenraum erbricht. Sie kann nicht sprechen, sie erbricht. Ich sitze mit über der Brust verschränkten Armen tief im dunkelroten Kinosessel. Die Hände halten die Schultern. Die Schultern die Hände. Darüber der Pullover, scharlachfarben. Ich sehe eine andere Frau in ihr. Sie starb an Leukämie. Sie sei ganz gelb und wenig gewesen, als man sie das letzte Mal sah. Zu viele weiße Blutkörper. Es war Winter in Berlin.
Eine kindliche Stimme, die in klarer, direkter Sprache vom jahrelangen sexuellen Missbrauch durch ihren Vater berichtet. Ich dachte, ich könnte davon kaputtgehen. Ich werde ihre Stimme nicht vergessen. Ich vergesse nicht, dass ich sie habe tanzen sehn. Auf der Party nach der Preisverleihung. In blauem Licht.
Königliche Unterhaltung (Marie Stockinger)
«Bamischeibe», komisches Teil. Gebratene Nudeln als rundes Fischstäbchen, quasi ein Nudelschnitzel – paniert und frittiert. «Ist gar nicht ganz so schlecht, wie es klingt», verteidige ich die einzige fleischlose Alternative der legendären Duisburger Pommesbude, dem CityGrill (ausgesprochen mit Z, ausgesprochen günstig). Natürlich hätten sie auch Pommes gehabt, aber nachdem die goldenen Knusperstäbchen seit Tagen meine Ernährung dominieren, war es Zeit für eine Abwechslung, ein kulinarisches Abenteuer. «Solange du nicht zu genau darüber nachdenkst, was es ist, schmeckt es eigentlich echt gut.»
Da lacht es am benachbarten Stehtisch. Ein stämmiger Einheimischer, um die 50, hat bestimmt einen festen Handgriff, denke ich. Vor ihm dampfen sie, besagte Pommes, große Portion, mindestens viererlei Soßensorten. «Ist die Bamischeibe typisch für Duisburg?» frage ich, sein Lachen intensiviert sich. «Die Scheibe nicht. Der Kiosk ist es mal gewesen. Früher haben sie dir auf jede Portion Pommes gebratene Zwiebeln gegeben. Das war so simpel und so geil. Das kriegst du sonst nicht.« So oder so ähnlich schwelgt der geborene Duisburger in würzigen Erinnerungen. Alles hätte sich geändert, erzählt er weiter, Mike heißt er.
Die Stadt sei kaum wiederzuerkennen. Die Arbeitslosigkeit gestiegen, seine Brauerei verkaufe nur noch einen Bruchteil dessen, was sie früher ausschenkte. Weil die Jugend nicht mehr genug trinke, erklärt er, sichtlich bemüht, nicht zu vorwurfsvoll auf meine Coladose zu linsen. (Wobei mein Bamischeiben-Dosencolamenü jeden Vorwurf verdient hätte.) Außerdem sei es ein Problem, dass die Kegelbahnen, Schützenvereine und die Stammkneipen der Männerrunden immer häufiger fremdes Bier ausschenkten (seine Beispiele für Freizeitaktivitäten sprechen für sich). Der ZityGrill halte zumindest in Sachen Bier seine Qualität und zum königlichen Pilsner. Ich bereue inzwischen brennend meine Colawahl. Doch das fremde Bier scheint nicht Mikes größte Sorge zu sein. Laut ihm hätte die ganze Veränderung, der Niedergang seiner Stadt auch (und hauptsächlich) mit denen zu tun, die nun hier leben.
Mike ist sympathisch, Mike ist aber leider auch ziemlich rassistisch. Ich bemühe mich, ihm zuzuhören, ohne ihn zu verurteilen. Einiges von dem, was er erzählt, ist interessant, vieles könnte auf blauen Wahlplakaten stehen. Ich bemühe mich, wo es geht und wo es drängt, zu widersprechen, eine andere Perspektive einzubringen. Seine Wut von den Armen auf die Reichen zu lenken. Zu beteuern, dass «die Ausländer» keine Arbeitsplätze gefährden und nicht grundsätzlich weniger lang ins Gefängnis müssen als die Deutschen. Zwei Stunden zuvor, zwei Straßen weiter, am Dellplatz, waren unsere Gespräche ganz anders. Da stritt man sich nicht darüber, ob ALLE Flüchtlinge im Sinne der Fairness am Turnhallenboden schlafen sollten, sondern über Schweizer Wohlstandsimpressionismus im Dokumentarfilm.
Ob er auch manchmal ins Kino gehe, fragen wir Mike. Wieder lacht er, dieses Laster könne er sich nicht leisten. Immerhin zahle er Alimente in drei verschiedenen Währungen. Dass das Unterhaltssystem nicht fair sei, sagt er. Und dass die Jugend immer schneller älter würde, belegt er mit einem TikTok-Tanzvideo seiner dreizehnjährigen Tochter. Er verrät außerdem, dass die jungen Kollegen mit neuen Verträgen in der Brauerei, während der Schichten, nicht mehr trinken dürften und dass das auffällige Trinken der Alten besser komme als das heimliche. Immer wieder unterbricht er seine Erzählungen, um zu seinem Kofferraum zu schlendern und uns Getränke zu schenken. Erst die alkoholfreien, dann auch die richtigen. Das Malzbier sei klasse, würde man es mit dem echten Bier mischen, hätte man ein Radler, ohne das Reinheitsgebot zu brechen.
Dank Mike entkommen wir kurz der Frage nach dem Reinheitsgebot im Dokumentarfilm. Er macht mir Spaß mit seiner Direktheit und mit seinem Witz. Trotzdem betrübt mich sein Blick auf die Welt, bis ich diesen nicht mehr ertrage. Ob wir ihn, als Dank für die Getränke, ins Kino einladen dürfen, fragen wir schließlich. Er sei zu beschäftigt, lehnt er dankend ab, das Angebot freue ihn aber ehrlich.
Einen Kinobesuch erinnern (Paula Valk)
Google: Park Duisburg Dellviertel: Böninger Park. Rund um die Uhr geöffnet. 824 Rezensionen. Drei Komma neun von fünf.
elke sinz: Drei von fünf. Tägl. Gassigänge. Sehr schön Anlage, aber der Dreck (Müll)… Der Ordnungsamt macht oft und viele Kontrollfahrten durch den Park. Ahnden aber nur die Hundehalter, wenn die Hunde nicht angeleint sind. Diese 55 € werden wohl dringend in der Stadtkasse benötigt. Duisburg sollte den Hundeführerschein einführen und den erzogenen Hunden den Freilauf zu gestatten, den sie brauchen.
Paula Valk: Auge entspannt sich im Grün, alles angenehm rund und hügelig. Voller Dreieckskonstellationen, in der Mitte ein Klettergerüst, diamantenähnlich geformt. Gestattet mir den Freilauf, den ich brauche. Gern macht man Pause auf den Bänken, auf die die Sonne scheint.
Was sind Sie für eine Führung?
Leute, die aus dem Kino kommen und dahin zurückgehen, die zwischendurch im Park eine Runde drehen, die über Kino sprechen und über die Gegend.
Am Dellplatz? Ich bin über 70 Jahre alt und gehe nur am Dellplatz.
Vor über 70 Jahren war ich quasi drei mal nicht geboren. Heute gehe ich vom Dellplatz aus um den Block, wenn sich eine Pause ergibt. Die Route hängt ab von der Zeit, die bis zum nächsten Film bleibt. Es geht mir ums Laufen. 10 Minuten: Goldstraße, Friedrich-Wilhelm-Straße, Wallstraße, Dellplatz. 30 Minuten: Immanuel Kant-Park, Fußgängerzone, Goldstraße, Dellplatz. 60 Minuten: durch die Innenstadt zum Innenhafen, dort sitzen und gucken, Innenstadt, Dellplatz. Mir begegnen: Zebrafans, Hundesalon „Amigo“, WDR2 aus dem Radio einer kleinen Yacht. Alles wäre anders, ginge ich auch nur am Dellplatz. Wäre das Kino nicht nur eine Woche das Zentrum, um das wir kreisen.
Vor 60 Jahren habe ich da einen Film gesehen über Geschlechtskrankheiten.
Google: Kinofilm Geschlechtskrankheiten Sechziger Jahre. Vielleicht war es Richard Oswalds Dreiteiler Es werde Licht! (1917÷18), in dem Menschen nach unverhütetem Geschlechtsverkehr an Syphilis und Gonorrhö erkranken und sterben, oder erkranken, geheilt und in ihrer Menschenverachtung bekehrt werden, eine Geschlechtskrankheit habe man sich durch moralisches Fehlverhalten immer auch verdient. Vielleicht war es ein anderer Sittenfilm, zum Beispiel Reinhard Clausens Sabine (1974), vergleichbare Handlung. Der Filmdienst dazu: „optisch zurückhaltender als das Gros der deutschen Sexfilme der 70er Jahre“.
Alle sind raus.
Es juckt, es schmerzt, es brennt. Wer rausgeht traut dem Film nicht. Vielleicht ist das manchmal okay.
Aber ich bin geblieben.
Initiierung (Urs Kamber)
Die Erinnerung überkam sie unverhofft, beim Anblick des rot gelockten und elegant gekleideten jungen Herrn, der ihr, als sie auf der Parkbank am Eingang des Böninger Parks saß, grinsend einen schönen Tag wünschte. An einem späten Nachmittag vor mehr als sechzig Jahren hing ein diesiger Herbsthimmel über dem Dellplatz, den sie atemlos hinter sich ließ, als die Kirchuhr schon aufgehört hatte zu läuten. Vor dem Eingang des Kinos stand der ältere Sohn der Nachbarin, der einen Blick zu ihr aufschlug, den sie seither nicht vergessen hatte.
Sie stieg die mit rotem Samt verkleidete Treppenflucht empor und betrat den Saal, in dem der Vorfilm bereits lief. Ein Mann, der ihr Vater hätte sein können, gab den mit Hut und Schal beladenen Sitz neben sich widerwillig frei. Im Vorbeischleichen streifte sie seine nachlässig angezogenen Knie, was jener mit einem Grollen quittierte.
Ich stelle mir vor, wie sie Tage zuvor beeindruckt das geheimnisvolle Raunen der Freundinnen ihrer großen Schwester belauscht, bei ihren Eltern nach einem Vorschuss auf ihr Taschengeld fragt, und wie sie vor ihren Klassenkameradinnen geheim hält, was sie vorhat, weil sie genau weiß, dass bestimmte unter ihnen sogleich sich bei ihren Müttern beschweren würden, dass jemandem erlaubt war, was ihnen allen mit aufgebrachter Stimme verboten wurde.
Mit welchem Unglauben sieht sie jetzt nach und nach ausnahmslos alle Besuchenden zum Ausgang strömen? Der mittelalte Mann an ihrer Seite gehört zu den ersten, die nun ihrerseits an fremde Knie stoßen und um Verzeihung bitten, bevor sie kopfschüttelnd hinaustreten.
Sie bleibt alleine im Saal, durch die kollektive Abneigung gleichsam bestärkt, in ein unverständlicherweise riskantes Geheimnis eingeweiht. In der Folge erfährt sie die wiederholte Ernüchterung, wie viele Männer nach ihren verbohrten Vätern kamen, darunter auch jener Junge, dessen Blick sie gelegentlich zu erhaschen suchte, und wie sie ihr allzu bereitwillig das Wort und die Glaubwürdigkeit abzusprechen suchten. Bis eines Tages der Skandal verfliegt und auf einmal alle ihrer Meinung sind.
Falls es einen Titel braucht, wäre es dieser (Teoman Yüzer)
Ich kann den Film nicht mehr sehen, weil ich an andere Gesichter denke. Die beständige Masse dieser Woche ist heruntergeschnitzt auf ihren sonntäglichen Kern, spräche ich hier von ‚wir‘, würde es sich weniger falsch anfühlen als im halbanonymen Gewirr der letzten Tage. Abgereiste und Verkaterte lassen den leeren Saal, ohnehin in alle Dimensionen etwas zu viel, noch weiter ins Unendliche wachsen. All das unbesetzte Rot ruft in meine Richtung, jeder leere Sitz eine Person, der ich nicht begegnet bin. Wenn ich von einem Menschen schreiben soll, der mir abseits der Filmwoche aufgefallen ist, kommt meine Suche zwischen diesen unbelebten Samtbezügen ins Stolpern. Auch wenn es scheint, man könne sich hier von zehn Uhr morgens bis Mitternacht zwischen Kinosaal und Diskussionsraum hin- und herpferchen, müsse dabei nie an die frische Luft, nie etwas trinken, essen, nicht einmal selbst sprechen, muss ich doch sagen, dass ich das meiste der vergangenen Woche nicht in Dellplatz‘scher Massenabfertigung verbracht habe. Und doch sitzen all die Ungetroffenen, Unangesprochenen, Ungefragten und Unbeobachteten hier mit mir und starren mich mit ihren Ungesichtern an. Ich war diese Woche nicht oft im Kino, der leere Saal sagt mir, dass ich aber ganz bestimmt auch nicht draußen war. Dieser rotgetränkte Raum ist auch ihre Schuhe, ihre gleichroten Socken, die die Schuhe noch etwas länger andauern lassen. Ich weiß nicht mehr, wie die Bank aussieht, auf der sie sitzt, oder wie die jüngere Frau neben ihr aussieht, ich weiß kaum einmal mehr, wie sie aussieht, außer, dass sie nach unten hin rot wird und ich in diesem Rot von einer hohen Leinwand erschlagen werde, die unbekümmert weiterläuft. Ich denke daran, wie wir uns zögerlich stotternd von ihr lösen wollen, ein schüchterner Tanz, bei dem wir zwei- oder dreimal ansetzen, dieses rote Knäuel zu öffnen, bevor sie uns mit einem nächsten Satz nochmal anhalten lässt. Ich denke daran, wie ich eine Stunde vorher den anderen beschreiben sollte, was ich sehe, und dabei etwas erfinden. Wenn ich diese Worte schreibe, merke ich, dass ich nicht erfinden will, genauso wie ich ungern andere beschreibe, überschreibe, die nichtmal wissen können, dass sie jetzt Beschreibung sind. Welcher Rest bleibt dann dem Schreiben? Ich denke daran, wie ich während meiner Rückfahrt vom Landschaftspark, wo ich dem insularen Sitzen in immergleichen Kreisen zu entkommen suche, wieder sitze, merke, dass diese Woche so oder so im Sitzen vergeht, man kann sich wohl nur aussuchen, wie bequem es ist. In der Stadtbahn sitze ich eher eng, als würde die bedrückende Schwere der Stahlkonstruktionen im Park erst hier, wenn es mich wegdrängt, gegen mein Schienbein pressen. Eigentlich wollte ich von einer Begegnung auf diesem Rückweg schreiben, denke ich, als sich die minimalgepolsterte Stadtbahnfahrt hart und flach über den stationären Samtkomfort stülpt, dessen perfide konstruiertes In-sich-Versinken-lassen zum Vergessen drängt: Vergiss, dass es draußen ein anderes Rot gibt, ein anderes Sitzen, ein anderes Gesicht, all die Dinge, denen du begegnet bist, denen mit der abdunkelnden Wandbeleuchtung Verschwinden befohlen wird, Verschwinden in den Ritzen und Schatten dieser falschen Nacht. Der Film wird noch etwas weitergehen, ich laufe in meinen Gedanken eher an ihm vorbei, sitze weiter in der Erinnerung an eine Begegnung, von der ich nichts zu schreiben weiß, von der ich weiß, nicht zu schreiben.
Warum ich ins Kino gehe (Wendelin Wimmer)
Ich hatte zwei Begegnungen auf der Duisburger Filmwoche, eine Im Kinosaal und eine beim Imbiss. Beide trafen einen sensiblen Punkt in mir.
Der Mann beim Imbiss kann es sich nicht leisten, seine Kinder ins Kino einzuladen. Er spricht von Luxus, wenn er sich Cola und CPM (Currywurst-Pommes-Mayo) beim City Grill bestellt: «Warum bekommen die einen Flüchtlinge eine Wohnung und müssen nicht wie die anderen in die Turnhalle? Das ist doch nicht fair.» Gegenfrage: «Also alle eine Wohnung?» «Nein, alle in die Turnhalle!»
Die zweite Begegnung, war parasozial. Es handelt sich um eine Arbeiterin aus dem Film Personale: Eine Putzfrau, deren Arbeitsbedingungen schon beim Zusehen unaushaltbar waren und die 1200 Euro verdient. Über die Arbeitsbedingungen von Praktikanten, die 600 Euro verdienen, sagt sie: «Als wir jung waren, mussten wir auch schlecht bezahlt die Sachen machen, die andere nicht erledigen wollten. Das ist eben so.»
Diese beiden stehen nur beispielhaft. Ich möchte noch empfehlen, in die Kommentarspalten von Posts zu Arbeitszeitverkürzungsforderungen zu gehen: Da kann man dann von Männern lesen, die stolz schreiben, dass sie in 40 Jahren nur zwei Tage Krankenstand hatten und dass sich wir jungen mal weniger anstellen sollen.
Wie entkommt man aus dieser (oft scheinbaren) Bedürfnislosigkeit, die die Benachteiligten der Verhältnisse zu ihrem weiteren Nachteil auch noch auf andere Benachteiligte übertragen wollen, hin zu «Das kann doch nicht alles gewesen sein»?
Der nicht-cineastische Teil meines Antwortversuchs lautet zusammengedampft: Gewerkschaftskampf von unten, den man fühlen kann. Damit man fühlen kann, dass es eben nicht so sein müsste. Aber hier komme ich zu meiner Kinoerfahrung: Bei der Leinwand handelt es sich um eine dual-use Technologie: Wir können Schauen und uns betäuben oder sehen und verstehen. Abschalten, entspannen, runterkommen, um morgen wieder zu funktionieren. Oder die eigene kleine Welt von einem Punkt aus sehen, von dem aus die Gegensätze einander verwandt werden. Ein Film kann mich melancholisch stimmen: dann wird mir diese Welt fremd und ich sehne mich nach dem großen Anderen. So eine Melancholie kann mächtig sein: Melancholische Menschen sind untauglich für diese Welt. Sie eignen sich nicht für Wettbewerb und Wehrhaftigkeit. Weswegen ich ins Kino gehe.
Kreise (Đana Kurtović)
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen.
die sich über die Dinge ziehen.
Rilke
Carl Jung sah den Kreis als archetypisches Symbol der Ganzheit, weil er in seiner therapeutischen Arbeit immer wieder erlebte, dass Menschen in Krisen spontan Kreis- oder Mandalaformen zeichneten als unbewussten Versuch, innere Ordnung und Balance wiederzufinden. Louise Bourgeois wiederum arbeitete so beharrlich mit Spiralen, weil sie deren unendliche Wandelbarkeit faszinierte: als spannungsgeladene Windungen, schützende Kokons oder sogar als fangende Spinnennetze. Zusammengedacht zeigen Kreis und Spirale zwei verbundene Wege innerer Orientierung. Der Kreis als beruhigender Fixpunkt der Ganzheit, die Spirale als lebendiger, heilender Prozess, der sich immer weiter entfaltet.
Ich drehe mich im Kreis. Vielleicht liegt es nicht nur an diesem schwebenden Zustand, einem leise vibrierenden Körper nach mehr als vierundzwanzig Stunden Busfahrt von Sarajevo nach Duisburg, sondern an einer Orientierungslosigkeit. Das Zeitgefühl beim Reisen wird beinahe transzendental: Es löst sich aus der Linearität, verliert Konturen, schwebt. Während der Fahrt werde ich mir meiner Existenz zugleich überdeutlich und flüchtig bewusst. Was lässt sich in vierundzwanzig Stunden schaffen? Irgendwo ankommen und gleich wieder verschwinden. Eine grenzüberschreitende Erfahrung machen?
Ich mache Fotos von Gebäuden, versuche, sie mit dem Blick eines Heinz Emigholz zu sehen: ruhig, unaufgeregt, unbewegt. Ich bleibe stehen, verweile, überlasse die Stasis der Kamera. Das vermeintlich Starre soll sich selbst offenbaren. Eine Serie von Bauten entsteht in der überladenen Bildwelt meines Handys, mein Versuch, das Unbewegte neu zu sehen. Darunter ein brauner Block, ornamentlos, in sich ruhend. Keine Spur von Gier, sich seiner Umgebung architektonisch anzupassen. Erfahre später, dass es sich um das Landesarchiv NRWs handelt.
Beim Spaziergang denke ich über Musik nach, die den Herbst beschreiben könnte. Wie lassen sich fallende Blätter in Töne übersetzen? Welches Instrument würde wohl zum Rascheln des Laubs unter den Füßen passen? Ich höre im Gespräch, Filmemachen sei wie das Komponieren eines Liedes: Kameraarbeit als architektonische Praxis, filmische Einstellungen als rhythmische Zerlegung von Raum. Der Mittwoch wird so zum Musiktag, richtungsweisend für den darauffolgenden Donnerstag, eine Art stilles Metronom. Ich sah einen Ausschnitt aus Divina Obsession von Volko Kamensky und war sofort gefesselt, ohne dass ich mir diese unmittelbare Faszination erklären konnte. Vielleicht liegt es an der Verbindung von Musik und etwas so Alltäglichem wie einem Kreisverkehr, der darin seine reine Funktionalität überschreitet oder an etwas Tieferem, das mich in die Geborgenheit des kreisenden Flusses hineinzog. Wie auch es sein möge: Seitdem betrete ich Kreisverkehre mit einem anderen Blick und einer neuartigen Empfindung.
Zwischen all den Filmen, deren Musik zur Hauptfigur wurde, hatte ich die ganze Zeit einen einzigen Ohrwurm: Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Ich hatte das Lied beim Bäcker aufgeschnappt, als ich mir im Festivaltrubel hastig etwas zu essen holte. Es blieb, beständig, wie ein Kinderreim, eine hartnäckige Begleitmelodie gegen die Überforderung der Eindrücke.
Um der Zeit (un)bewusster zu begegnen, kaufte ich mir spontan eine Uhr. Schlicht, reduziert, im Angebot. Als bekäme ich mit dem Preisnachlass ein Stück Zeit geschenkt. Funktionalität, Ästhetik und eine verlängerte Zeitspanne, eine Gleichung, die nur für den kurzen Moment aufging. Obwohl die Uhr mir eine Illusion von Ordnung versprach, führte mich der nächste Film zurück in ein anderes Maß des Sehens.
Der Film Silent Observers von Eliza Petkova half mir, Menschen über Tiere und Tiere über Menschen zu erkennen. Und obwohl ich eine Schwäche für Tierfilme habe, bedrückte mich die Musikauswahl: sie zwang ein Gefühl auf, das ich nicht wollte. Doch der Trost lag in den Tieren selbst. Und wie oft geschieht es, dass man etwas bekommt, das man nicht begehrt und dennoch bleibt. Diese Empfindung erinnerte mich an eine Erzählung, die mir eine alte Dame in Park schenkte. Vor sechzig Jahren wurde im Filmforum in Duisburg ein Dokumentarfilm über Geschlechtskrankheiten gezeigt, eine Projektion der Aufklärung, die an diesem Abend nicht alle sehen wollten. Stolz sagte sie mir, sie sei bis zum Ende geblieben.
Womöglich dachte ich an sie, als ich später selbst im Kino saß, dieser unbeirrte Blick nach vorn, selbst wenn die Situation eine gewisse Unruhe in sich trug. Da tippte mir eine Frau von hinten auf die Schulter, mein Zopf störe ihre Sicht. Ich drehte den Kopf, der Zopf folgte. „Dann setzen Sie sich doch woanders hin“, sagte ich. In seinem Buch Kino. Kleine Philosophie der Passionen schreibt Willi Winkler: «Im Kino bist du bloß als einsamer Massenmensch.» Das Kino ist der Ort, an dem man gern gemeinsam allein ist.»

