Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Menschen in Duisburg

Im Rah­men unse­res Work­shops auf der 49. Duis­bur­ger Film­wo­che spa­zier­ten wir durch die Stadt. Wir tra­fen auf Men­schen weit weg vom Kino. Die Teil­neh­men­den berich­ten hier von Begeg­nun­gen und Gedan­ken zwi­schen der soge­nann­ten Wirk­lich­keit und den Fil­men, die in ihr existieren.

Komplementärasphalt (Nele Kaiser)

Eigent­lich woll­te ich über den Obdach­lo­sen schrei­ben, der unweit mei­ner Unter­kunft in Duis­burg schlief. Fast jede Nacht. Aber ich sah nie sein Gesicht. Es war abge­wandt im Schlaf. Der Traum, in den er sich ein­ge­rollt hat­te und in den er sich hin­ab­neig­te mit der Krüm­mung sei­nes Hal­ses, war sein Schlaf­ge­wand. Sein Schä­del war kürz­lich rasiert wor­den. Ich weiß, wie kalt das ist im Win­ter. Es ist wie ein Eis­helm, der über den Hals tropft und in die Ohren läuft. Es fühlt sich schreck­lich gut an. Sein Hin­ter­kopf war nie ganz bedeckt. Ich konn­te die Schutz­lo­sig­keit spü­ren, die sich in die Kopf­haut ein­ge­schrie­ben hat. Sie wird irgend­wann zu Hit­ze, die über das Gesicht strahlt. Eis­brand. Kälteschläge.


Er war immer schon da, als ich wäh­rend des Fes­ti­vals mor­gens zum Film­fo­rum lief und nachts auf dem Nach­hau­se­weg war er es noch nicht. Ich fra­ge mich, wann er sich auf den Asphalt gelegt, wann sein Traum begon­nen hat. In sei­nem Schlaf­sack, an des­sen Far­be ich mich nicht erin­nern kann. War er gelb oder blau. Viel­leicht war er auch rot. Glet­scher­rö­te. Wie ich das ver­ges­sen konn­te. Die mono­chro­men Farb­flä­chen aus Nika Sons Ton-und-Bild-Werk Ein Was­ser­glas kippt haben sich in mei­ne Netz­haut gebrannt, hin­ter­las­sen einen Nega­tiv­ab­druck der jewei­li­gen Kom­ple­men­tär­far­be, die das fol­gen­de Schwarz lei­se ver­färbt. Bren­nen­des Blau. Gelb. Weiß. Glei­ßen­der als in die Son­ne zu schau­en. Sie ist ja nur ein Punkt. Das Blau ist ein ande­res als das Blau in Jarm­ans Blue. Auch ist es nicht wie ein mono­chro­mes Gemäl­de von Yves Klein. Es ist blen­dend rein. Es schreit fast, die Augen an. Sie ster­ben einen blin­zeln­den Indi­go­tod. Ich muss das Sehen verlernen.


Ein Pferd namens Blue hat sich direkt neben mir erleich­tert, als ich an ihm vor­bei ging. Was das Blaue wohl mit dem Vul­gä­ren zu tun hat. Rahel trat in Hun­de­ka­cke bei unse­rem Spa­zier­gang. Die Braun­tö­ne ihres Man­tels gehen in den Herbst über. Da habe ich nicht mit­be­kom­men, wie eine Frau von einem Film über Geschlechts­krank­hei­ten sprach, den sie vor lan­ger Zeit auf der Duis­bur­ger Film­wo­che gese­hen hat. Eine Frau auf Bän­ken – sie trug kei­nen Her­me­lin, aber hat­te einen bräun­li­chen Hund. Hier wach­sen Pil­ze, sagt Rahel. Ich sah sie erst nicht. Zu inten­siv hat­ten wir die ocker­far­be­nen Blät­ter betrach­tet und nicht auf den Boden geschaut. Sie waren über­all. Hört ihr, wie laut es hier ist, meint Patrick. Gold­gel­ber Lärm. Geschlechts­krank­hei­ten sind schreck­lich schön, wenn man sie nicht hat und sie betrach­tet wie ein Expres­sio­nist, oder wie Rim­baud. Sie sind far­ben­froh. Die Haut ist eigent­lich bunt, nicht nur bei Rubens. Blau unter den Augen, gelb um den Mund.


Statt­des­sen muss ich jetzt dar­über schrei­ben, wie ich Men­schen ver­mei­den woll­te. Und dar­über, wie mir das all­zu Mensch­li­che in den Fil­men, die an ihre Stel­le gerückt sind, begeg­net ist. Ich fra­ge mich, was der Unter­schied ist. Er liegt wohl auf dem Asphalt­bo­den. Aber ich kann sein Gesicht nicht sehen. Es ist schwer, den Beton­rea­li­tä­ten und Bild­schirm­wahr­hei­ten in Duis­burg zu ent­flie­hen. Ein roter Screen. Eine jun­ge Frau, die liter­wei­se Blut aus ihrem Rachen­raum erbricht. Sie kann nicht spre­chen, sie erbricht. Ich sit­ze mit über der Brust ver­schränk­ten Armen tief im dun­kel­ro­ten Kino­ses­sel. Die Hän­de hal­ten die Schul­tern. Die Schul­tern die Hän­de. Dar­über der Pull­over, schar­lach­far­ben. Ich sehe eine ande­re Frau in ihr. Sie starb an Leuk­ämie. Sie sei ganz gelb und wenig gewe­sen, als man sie das letz­te Mal sah. Zu vie­le wei­ße Blut­kör­per. Es war Win­ter in Berlin.


Eine kind­li­che Stim­me, die in kla­rer, direk­ter Spra­che vom jah­re­lan­gen sexu­el­len Miss­brauch durch ihren Vater berich­tet. Ich dach­te, ich könn­te davon kaputt­ge­hen. Ich wer­de ihre Stim­me nicht ver­ges­sen. Ich ver­ges­se nicht, dass ich sie habe tan­zen sehn. Auf der Par­ty nach der Preis­ver­lei­hung. In blau­em Licht.

Königliche Unterhaltung (Marie Stockinger)

«Bami­schei­be», komi­sches Teil. Gebra­te­ne Nudeln als run­des Fisch­stäb­chen, qua­si ein Nudel­schnit­zel – paniert und frit­tiert. «Ist gar nicht ganz so schlecht, wie es klingt», ver­tei­di­ge ich die ein­zi­ge fleisch­lo­se Alter­na­ti­ve der legen­dä­ren Duis­bur­ger Pom­mes­bu­de, dem City­Grill (aus­ge­spro­chen mit Z, aus­ge­spro­chen güns­tig). Natür­lich hät­ten sie auch Pom­mes gehabt, aber nach­dem die gol­de­nen Knus­per­stäb­chen seit Tagen mei­ne Ernäh­rung domi­nie­ren, war es Zeit für eine Abwechs­lung, ein kuli­na­ri­sches Aben­teu­er. «Solan­ge du nicht zu genau dar­über nach­denkst, was es ist, schmeckt es eigent­lich echt gut.»
Da lacht es am benach­bar­ten Steh­tisch. Ein stäm­mi­ger Ein­hei­mi­scher, um die 50, hat bestimmt einen fes­ten Hand­griff, den­ke ich. Vor ihm damp­fen sie, besag­te Pom­mes, gro­ße Por­ti­on, min­des­tens vie­rer­lei Soßen­sor­ten. «Ist die Bami­schei­be typisch für Duis­burg?» fra­ge ich, sein Lachen inten­si­viert sich. «Die Schei­be nicht. Der Kiosk ist es mal gewe­sen. Frü­her haben sie dir auf jede Por­ti­on Pom­mes gebra­te­ne Zwie­beln gege­ben. Das war so sim­pel und so geil. Das kriegst du sonst nicht.« So oder so ähn­lich schwelgt der gebo­re­ne Duis­bur­ger in wür­zi­gen Erin­ne­run­gen. Alles hät­te sich geän­dert, erzählt er wei­ter, Mike heißt er.
Die Stadt sei kaum wie­der­zu­er­ken­nen. Die Arbeits­lo­sig­keit gestie­gen, sei­ne Braue­rei ver­kau­fe nur noch einen Bruch­teil des­sen, was sie frü­her aus­schenk­te. Weil die Jugend nicht mehr genug trin­ke, erklärt er, sicht­lich bemüht, nicht zu vor­wurfs­voll auf mei­ne Cola­do­se zu lin­sen. (Wobei mein Bami­schei­ben-Dosen­co­la­menü jeden Vor­wurf ver­dient hät­te.) Außer­dem sei es ein Pro­blem, dass die Kegel­bah­nen, Schüt­zen­ver­ei­ne und die Stamm­knei­pen der Män­ner­run­den immer häu­fi­ger frem­des Bier aus­schenk­ten (sei­ne Bei­spie­le für Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten spre­chen für sich). Der Zity­Grill hal­te zumin­dest in Sachen Bier sei­ne Qua­li­tät und zum könig­li­chen Pils­ner. Ich bereue inzwi­schen bren­nend mei­ne Cola­wahl. Doch das frem­de Bier scheint nicht Mikes größ­te Sor­ge zu sein. Laut ihm hät­te die gan­ze Ver­än­de­rung, der Nie­der­gang sei­ner Stadt auch (und haupt­säch­lich) mit denen zu tun, die nun hier leben.
Mike ist sym­pa­thisch, Mike ist aber lei­der auch ziem­lich ras­sis­tisch. Ich bemü­he mich, ihm zuzu­hö­ren, ohne ihn zu ver­ur­tei­len. Eini­ges von dem, was er erzählt, ist inter­es­sant, vie­les könn­te auf blau­en Wahl­pla­ka­ten ste­hen. Ich bemü­he mich, wo es geht und wo es drängt, zu wider­spre­chen, eine ande­re Per­spek­ti­ve ein­zu­brin­gen. Sei­ne Wut von den Armen auf die Rei­chen zu len­ken. Zu beteu­ern, dass «die Aus­län­der» kei­ne Arbeits­plät­ze gefähr­den und nicht grund­sätz­lich weni­ger lang ins Gefäng­nis müs­sen als die Deut­schen. Zwei Stun­den zuvor, zwei Stra­ßen wei­ter, am Dell­platz, waren unse­re Gesprä­che ganz anders. Da stritt man sich nicht dar­über, ob ALLE Flücht­lin­ge im Sin­ne der Fair­ness am Turn­hal­len­bo­den schla­fen soll­ten, son­dern über Schwei­zer Wohl­stand­sim­pres­sio­nis­mus im Doku­men­tar­film.
Ob er auch manch­mal ins Kino gehe, fra­gen wir Mike. Wie­der lacht er, die­ses Las­ter kön­ne er sich nicht leis­ten. Immer­hin zah­le er Ali­men­te in drei ver­schie­de­nen Wäh­run­gen. Dass das Unter­halts­sys­tem nicht fair sei, sagt er. Und dass die Jugend immer schnel­ler älter wür­de, belegt er mit einem Tik­Tok-Tanz­vi­deo sei­ner drei­zehn­jäh­ri­gen Toch­ter. Er ver­rät außer­dem, dass die jun­gen Kol­le­gen mit neu­en Ver­trä­gen in der Braue­rei, wäh­rend der Schich­ten, nicht mehr trin­ken dürf­ten und dass das auf­fäl­li­ge Trin­ken der Alten bes­ser kom­me als das heim­li­che. Immer wie­der unter­bricht er sei­ne Erzäh­lun­gen, um zu sei­nem Kof­fer­raum zu schlen­dern und uns Geträn­ke zu schen­ken. Erst die alko­hol­frei­en, dann auch die rich­ti­gen. Das Malz­bier sei klas­se, wür­de man es mit dem ech­ten Bier mischen, hät­te man ein Rad­ler, ohne das Rein­heits­ge­bot zu bre­chen.
Dank Mike ent­kom­men wir kurz der Fra­ge nach dem Rein­heits­ge­bot im Doku­men­tar­film. Er macht mir Spaß mit sei­ner Direkt­heit und mit sei­nem Witz. Trotz­dem betrübt mich sein Blick auf die Welt, bis ich die­sen nicht mehr ertra­ge. Ob wir ihn, als Dank für die Geträn­ke, ins Kino ein­la­den dür­fen, fra­gen wir schließ­lich. Er sei zu beschäf­tigt, lehnt er dan­kend ab, das Ange­bot freue ihn aber ehrlich.

Einen Kinobesuch erinnern (Paula Valk)

Goog­le: Park Duis­burg Dell­vier­tel: Bönin­ger Park. Rund um die Uhr geöff­net. 824 Rezen­sio­nen. Drei Kom­ma neun von fünf.

elke sinz: Drei von fünf. Tägl. Gas­sigän­ge. Sehr schön Anla­ge, aber der Dreck (Müll)… Der Ord­nungs­amt macht oft und vie­le Kon­troll­fahr­ten durch den Park. Ahn­den aber nur die Hun­de­hal­ter, wenn die Hun­de nicht ange­leint sind. Die­se 55 € wer­den wohl drin­gend in der Stadt­kas­se benö­tigt. Duis­burg soll­te den Hun­de­füh­rer­schein ein­füh­ren und den erzo­ge­nen Hun­den den Frei­lauf zu gestat­ten, den sie brauchen.

Pau­la Valk: Auge ent­spannt sich im Grün, alles ange­nehm rund und hüge­lig. Vol­ler Drei­ecks­kon­stel­la­tio­nen, in der Mit­te ein Klet­ter­ge­rüst, dia­man­ten­ähn­lich geformt. Gestat­tet mir den Frei­lauf, den ich brau­che. Gern macht man Pau­se auf den Bän­ken, auf die die Son­ne scheint.

Was sind Sie für eine Führung?

Leu­te, die aus dem Kino kom­men und dahin zurück­ge­hen, die zwi­schen­durch im Park eine Run­de dre­hen, die über Kino spre­chen und über die Gegend.

Am Dell­platz? Ich bin über 70 Jah­re alt und gehe nur am Dellplatz.

Vor über 70 Jah­ren war ich qua­si drei mal nicht gebo­ren. Heu­te gehe ich vom Dell­platz aus um den Block, wenn sich eine Pau­se ergibt. Die Rou­te hängt ab von der Zeit, die bis zum nächs­ten Film bleibt. Es geht mir ums Lau­fen. 10 Minu­ten: Gold­stra­ße, Fried­rich-Wil­helm-Stra­ße, Wall­stra­ße, Dell­platz. 30 Minu­ten: Imma­nu­el Kant-Park, Fuß­gän­ger­zo­ne, Gold­stra­ße, Dell­platz. 60 Minu­ten: durch die Innen­stadt zum Innen­ha­fen, dort sit­zen und gucken, Innen­stadt, Dell­platz. Mir begeg­nen: Zebra­f­ans, Hun­de­sa­lon „Ami­go“, WDR2 aus dem Radio einer klei­nen Yacht. Alles wäre anders, gin­ge ich auch nur am Dell­platz. Wäre das Kino nicht nur eine Woche das Zen­trum, um das wir kreisen.

Vor 60 Jah­ren habe ich da einen Film gese­hen über Geschlechtskrankheiten.

Goog­le: Kino­film Geschlechts­krank­hei­ten Sech­zi­ger Jah­re. Viel­leicht war es Richard Oswalds Drei­tei­ler Es wer­de Licht! (1917÷18), in dem Men­schen nach unver­hü­te­tem Geschlechts­ver­kehr an Syphi­lis und Gonor­rhö erkran­ken und ster­ben, oder erkran­ken, geheilt und in ihrer Men­schen­ver­ach­tung bekehrt wer­den, eine Geschlechts­krank­heit habe man sich durch mora­li­sches Fehl­ver­hal­ten immer auch ver­dient. Viel­leicht war es ein ande­rer Sit­ten­film, zum Bei­spiel Rein­hard Clau­sens Sabi­ne (1974), ver­gleich­ba­re Hand­lung. Der Film­dienst dazu: „optisch zurück­hal­ten­der als das Gros der deut­schen Sex­fil­me der 70er Jahre“.

Alle sind raus.

Es juckt, es schmerzt, es brennt. Wer raus­geht traut dem Film nicht. Viel­leicht ist das manch­mal okay.

Aber ich bin geblieben.

Initiierung (Urs Kamber)

Die Erin­ne­rung über­kam sie unver­hofft, beim Anblick des rot gelock­ten und ele­gant geklei­de­ten jun­gen Herrn, der ihr, als sie auf der Park­bank am Ein­gang des Bönin­ger Parks saß, grin­send einen schö­nen Tag wünsch­te. An einem spä­ten Nach­mit­tag vor mehr als sech­zig Jah­ren hing ein die­si­ger Herbst­him­mel über dem Dell­platz, den sie atem­los hin­ter sich ließ, als die Kirch­uhr schon auf­ge­hört hat­te zu läu­ten. Vor dem Ein­gang des Kinos stand der älte­re Sohn der Nach­ba­rin, der einen Blick zu ihr auf­schlug, den sie seit­her nicht ver­ges­sen hat­te.
Sie stieg die mit rotem Samt ver­klei­de­te Trep­pen­flucht empor und betrat den Saal, in dem der Vor­film bereits lief. Ein Mann, der ihr Vater hät­te sein kön­nen, gab den mit Hut und Schal bela­de­nen Sitz neben sich wider­wil­lig frei. Im Vor­bei­schlei­chen streif­te sie sei­ne nach­läs­sig ange­zo­ge­nen Knie, was jener mit einem Grol­len quit­tier­te.
Ich stel­le mir vor, wie sie Tage zuvor beein­druckt das geheim­nis­vol­le Rau­nen der Freun­din­nen ihrer gro­ßen Schwes­ter belauscht, bei ihren Eltern nach einem Vor­schuss auf ihr Taschen­geld fragt, und wie sie vor ihren Klas­sen­ka­me­ra­din­nen geheim hält, was sie vor­hat, weil sie genau weiß, dass bestimm­te unter ihnen sogleich sich bei ihren Müt­tern beschwe­ren wür­den, dass jeman­dem erlaubt war, was ihnen allen mit auf­ge­brach­ter Stim­me ver­bo­ten wur­de.
Mit wel­chem Unglau­ben sieht sie jetzt nach und nach aus­nahms­los alle Besu­chen­den zum Aus­gang strö­men? Der mit­tel­al­te Mann an ihrer Sei­te gehört zu den ers­ten, die nun ihrer­seits an frem­de Knie sto­ßen und um Ver­zei­hung bit­ten, bevor sie kopf­schüt­telnd hin­aus­tre­ten.
Sie bleibt allei­ne im Saal, durch die kol­lek­ti­ve Abnei­gung gleich­sam bestärkt, in ein unver­ständ­li­cher­wei­se ris­kan­tes Geheim­nis ein­ge­weiht. In der Fol­ge erfährt sie die wie­der­hol­te Ernüch­te­rung, wie vie­le Män­ner nach ihren ver­bohr­ten Vätern kamen, dar­un­ter auch jener Jun­ge, des­sen Blick sie gele­gent­lich zu erha­schen such­te, und wie sie ihr all­zu bereit­wil­lig das Wort und die Glaub­wür­dig­keit abzu­spre­chen such­ten. Bis eines Tages der Skan­dal ver­fliegt und auf ein­mal alle ihrer Mei­nung sind.

Falls es einen Titel braucht, wäre es dieser (Teoman Yüzer)

Ich kann den Film nicht mehr sehen, weil ich an ande­re Gesich­ter den­ke. Die bestän­di­ge Mas­se die­ser Woche ist her­un­ter­ge­schnitzt auf ihren sonn­täg­li­chen Kern, sprä­che ich hier von ‚wir‘, wür­de es sich weni­ger falsch anfüh­len als im halban­ony­men Gewirr der letz­ten Tage. Abge­reis­te und Ver­ka­ter­te las­sen den lee­ren Saal, ohne­hin in alle Dimen­sio­nen etwas zu viel, noch wei­ter ins Unend­li­che wach­sen. All das unbe­setz­te Rot ruft in mei­ne Rich­tung, jeder lee­re Sitz eine Per­son, der ich nicht begeg­net bin. Wenn ich von einem Men­schen schrei­ben soll, der mir abseits der Film­wo­che auf­ge­fal­len ist, kommt mei­ne Suche zwi­schen die­sen unbe­leb­ten Samt­be­zü­gen ins Stol­pern. Auch wenn es scheint, man kön­ne sich hier von zehn Uhr mor­gens bis Mit­ter­nacht zwi­schen Kino­saal und Dis­kus­si­ons­raum hin- und her­pfer­chen, müs­se dabei nie an die fri­sche Luft, nie etwas trin­ken, essen, nicht ein­mal selbst spre­chen, muss ich doch sagen, dass ich das meis­te der ver­gan­ge­nen Woche nicht in Dellplatz‘scher Mas­sen­ab­fer­ti­gung ver­bracht habe. Und doch sit­zen all die Unge­trof­fe­nen, Unan­ge­spro­che­nen, Unge­frag­ten und Unbe­ob­ach­te­ten hier mit mir und star­ren mich mit ihren Unge­sich­tern an. Ich war die­se Woche nicht oft im Kino, der lee­re Saal sagt mir, dass ich aber ganz bestimmt auch nicht drau­ßen war. Die­ser rot­ge­tränk­te Raum ist auch ihre Schu­he, ihre gleich­ro­ten Socken, die die Schu­he noch etwas län­ger andau­ern las­sen. Ich weiß nicht mehr, wie die Bank aus­sieht, auf der sie sitzt, oder wie die jün­ge­re Frau neben ihr aus­sieht, ich weiß kaum ein­mal mehr, wie sie aus­sieht, außer, dass sie nach unten hin rot wird und ich in die­sem Rot von einer hohen Lein­wand erschla­gen wer­de, die unbe­küm­mert wei­ter­läuft. Ich den­ke dar­an, wie wir uns zöger­lich stot­ternd von ihr lösen wol­len, ein schüch­ter­ner Tanz, bei dem wir zwei- oder drei­mal anset­zen, die­ses rote Knäu­el zu öff­nen, bevor sie uns mit einem nächs­ten Satz noch­mal anhal­ten lässt. Ich den­ke dar­an, wie ich eine Stun­de vor­her den ande­ren beschrei­ben soll­te, was ich sehe, und dabei etwas erfin­den. Wenn ich die­se Wor­te schrei­be, mer­ke ich, dass ich nicht erfin­den will, genau­so wie ich ungern ande­re beschrei­be, über­schrei­be, die nicht­mal wis­sen kön­nen, dass sie jetzt Beschrei­bung sind. Wel­cher Rest bleibt dann dem Schrei­ben? Ich den­ke dar­an, wie ich wäh­rend mei­ner Rück­fahrt vom Land­schafts­park, wo ich dem insu­la­ren Sit­zen in immer­glei­chen Krei­sen zu ent­kom­men suche, wie­der sit­ze, mer­ke, dass die­se Woche so oder so im Sit­zen ver­geht, man kann sich wohl nur aus­su­chen, wie bequem es ist. In der Stadt­bahn sit­ze ich eher eng, als wür­de die bedrü­cken­de Schwe­re der Stahl­kon­struk­tio­nen im Park erst hier, wenn es mich weg­drängt, gegen mein Schien­bein pres­sen. Eigent­lich woll­te ich von einer Begeg­nung auf die­sem Rück­weg schrei­ben, den­ke ich, als sich die mini­mal­ge­pols­ter­te Stadt­bahn­fahrt hart und flach über den sta­tio­nä­ren Samt­kom­fort stülpt, des­sen per­fi­de kon­stru­ier­tes In-sich-Ver­sin­ken-las­sen zum Ver­ges­sen drängt: Ver­giss, dass es drau­ßen ein ande­res Rot gibt, ein ande­res Sit­zen, ein ande­res Gesicht, all die Din­ge, denen du begeg­net bist, denen mit der abdun­keln­den Wand­be­leuch­tung Ver­schwin­den befoh­len wird, Ver­schwin­den in den Rit­zen und Schat­ten die­ser fal­schen Nacht. Der Film wird noch etwas wei­ter­ge­hen, ich lau­fe in mei­nen Gedan­ken eher an ihm vor­bei, sit­ze wei­ter in der Erin­ne­rung an eine Begeg­nung, von der ich nichts zu schrei­ben weiß, von der ich weiß, nicht zu schreiben.

Warum ich ins Kino gehe (Wendelin Wimmer)

Ich hat­te zwei Begeg­nun­gen auf der Duis­bur­ger Film­wo­che, eine Im Kino­saal und eine beim Imbiss. Bei­de tra­fen einen sen­si­blen Punkt in mir.

Der Mann beim Imbiss kann es sich nicht leis­ten, sei­ne Kin­der ins Kino ein­zu­la­den. Er spricht von Luxus, wenn er sich Cola und CPM (Cur­ry­wurst-Pom­mes-Mayo) beim City Grill bestellt: «War­um bekom­men die einen Flücht­lin­ge eine Woh­nung und müs­sen nicht wie die ande­ren in die Turn­hal­le? Das ist doch nicht fair.» Gegen­fra­ge: «Also alle eine Woh­nung?» «Nein, alle in die Turnhalle!»

Die zwei­te Begeg­nung, war para­so­zi­al. Es han­delt sich um eine Arbei­te­rin aus dem Film Per­so­na­le: Eine Putz­frau, deren Arbeits­be­din­gun­gen schon beim Zuse­hen unaus­halt­bar waren und die 1200 Euro ver­dient. Über die Arbeits­be­din­gun­gen von Prak­ti­kan­ten, die 600 Euro ver­die­nen, sagt sie: «Als wir jung waren, muss­ten wir auch schlecht bezahlt die Sachen machen, die ande­re nicht erle­di­gen woll­ten. Das ist eben so.»
Die­se bei­den ste­hen nur bei­spiel­haft. Ich möch­te noch emp­feh­len, in die Kom­men­tar­spal­ten von Posts zu Arbeits­zeit­ver­kür­zungs­for­de­run­gen zu gehen: Da kann man dann von Män­nern lesen, die stolz schrei­ben, dass sie in 40 Jah­ren nur zwei Tage Kran­ken­stand hat­ten und dass sich wir jun­gen mal weni­ger anstel­len sollen.

Wie ent­kommt man aus die­ser (oft schein­ba­ren) Bedürf­nis­lo­sig­keit, die die Benach­tei­lig­ten der Ver­hält­nis­se zu ihrem wei­te­ren Nach­teil auch noch auf ande­re Benach­tei­lig­te über­tra­gen wol­len, hin zu «Das kann doch nicht alles gewe­sen sein»?

Der nicht-cine­as­ti­sche Teil mei­nes Ant­wort­ver­suchs lau­tet zusam­men­ge­dampft: Gewerk­schafts­kampf von unten, den man füh­len kann. Damit man füh­len kann, dass es eben nicht so sein müss­te. Aber hier kom­me ich zu mei­ner Kino­er­fah­rung: Bei der Lein­wand han­delt es sich um eine dual-use Tech­no­lo­gie: Wir kön­nen Schau­en und uns betäu­ben oder sehen und ver­ste­hen. Abschal­ten, ent­span­nen, run­ter­kom­men, um mor­gen wie­der zu funk­tio­nie­ren. Oder die eige­ne klei­ne Welt von einem Punkt aus sehen, von dem aus die Gegen­sät­ze ein­an­der ver­wandt wer­den. Ein Film kann mich melan­cho­lisch stim­men: dann wird mir die­se Welt fremd und ich seh­ne mich nach dem gro­ßen Ande­ren. So eine Melan­cho­lie kann mäch­tig sein: Melan­cho­li­sche Men­schen sind untaug­lich für die­se Welt. Sie eig­nen sich nicht für Wett­be­werb und Wehr­haf­tig­keit. Wes­we­gen ich ins Kino gehe.

Kreise (Đana Kurtović)

Ich lebe mein Leben in wach­sen­den Rin­gen.
die sich über die Din­ge zie­hen.
Ril­ke

Carl Jung sah den Kreis als arche­ty­pi­sches Sym­bol der Ganz­heit, weil er in sei­ner the­ra­peu­ti­schen Arbeit immer wie­der erleb­te, dass Men­schen in Kri­sen spon­tan Kreis- oder Man­dal­a­for­men zeich­ne­ten als unbe­wuss­ten Ver­such, inne­re Ord­nung und Balan­ce wie­der­zu­fin­den. Loui­se Bour­geois wie­der­um arbei­te­te so beharr­lich mit Spi­ra­len, weil sie deren unend­li­che Wan­del­bar­keit fas­zi­nier­te: als span­nungs­ge­la­de­ne Win­dun­gen, schüt­zen­de Kokons oder sogar als fan­gen­de Spin­nen­net­ze. Zusam­men­ge­dacht zei­gen Kreis und Spi­ra­le zwei ver­bun­de­ne Wege inne­rer Ori­en­tie­rung. Der Kreis als beru­hi­gen­der Fix­punkt der Ganz­heit, die Spi­ra­le als leben­di­ger, hei­len­der Pro­zess, der sich immer wei­ter ent­fal­tet.
Ich dre­he mich im Kreis. Viel­leicht liegt es nicht nur an die­sem schwe­ben­den Zustand, einem lei­se vibrie­ren­den Kör­per nach mehr als vier­und­zwan­zig Stun­den Bus­fahrt von Sara­je­vo nach Duis­burg, son­dern an einer Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Das Zeit­ge­fühl beim Rei­sen wird bei­na­he tran­szen­den­tal: Es löst sich aus der Linea­ri­tät, ver­liert Kon­tu­ren, schwebt. Wäh­rend der Fahrt wer­de ich mir mei­ner Exis­tenz zugleich über­deut­lich und flüch­tig bewusst. Was lässt sich in vier­und­zwan­zig Stun­den schaf­fen? Irgend­wo ankom­men und gleich wie­der ver­schwin­den. Eine grenz­über­schrei­ten­de Erfah­rung machen?
Ich mache Fotos von Gebäu­den, ver­su­che, sie mit dem Blick eines Heinz Emig­holz zu sehen: ruhig, unauf­ge­regt, unbe­wegt. Ich blei­be ste­hen, ver­wei­le, über­las­se die Sta­sis der Kame­ra. Das ver­meint­lich Star­re soll sich selbst offen­ba­ren. Eine Serie von Bau­ten ent­steht in der über­la­de­nen Bild­welt mei­nes Han­dys, mein Ver­such, das Unbe­weg­te neu zu sehen. Dar­un­ter ein brau­ner Block, orna­ment­los, in sich ruhend. Kei­ne Spur von Gier, sich sei­ner Umge­bung archi­tek­to­nisch anzu­pas­sen. Erfah­re spä­ter, dass es sich um das Lan­des­ar­chiv NRWs han­delt.
Beim Spa­zier­gang den­ke ich über Musik nach, die den Herbst beschrei­ben könn­te. Wie las­sen sich fal­len­de Blät­ter in Töne über­set­zen? Wel­ches Instru­ment wür­de wohl zum Rascheln des Laubs unter den Füßen pas­sen? Ich höre im Gespräch, Fil­me­ma­chen sei wie das Kom­po­nie­ren eines Lie­des: Kame­ra­ar­beit als archi­tek­to­ni­sche Pra­xis, fil­mi­sche Ein­stel­lun­gen als rhyth­mi­sche Zer­le­gung von Raum. Der Mitt­woch wird so zum Musik­tag, rich­tungs­wei­send für den dar­auf­fol­gen­den Don­ners­tag, eine Art stil­les Metro­nom. Ich sah einen Aus­schnitt aus Divina Obses­si­on von Vol­ko Kamen­sky und war sofort gefes­selt, ohne dass ich mir die­se unmit­tel­ba­re Fas­zi­na­ti­on erklä­ren konn­te. Viel­leicht liegt es an der Ver­bin­dung von Musik und etwas so All­täg­li­chem wie einem Kreis­ver­kehr, der dar­in sei­ne rei­ne Funk­tio­na­li­tät über­schrei­tet oder an etwas Tie­fe­rem, das mich in die Gebor­gen­heit des krei­sen­den Flus­ses hin­ein­zog. Wie auch es sein möge: Seit­dem betre­te ich Kreis­ver­keh­re mit einem ande­ren Blick und einer neu­ar­ti­gen Emp­fin­dung.
Zwi­schen all den Fil­men, deren Musik zur Haupt­fi­gur wur­de, hat­te ich die gan­ze Zeit einen ein­zi­gen Ohr­wurm: Later­ne, Later­ne, Son­ne, Mond und Ster­ne. Ich hat­te das Lied beim Bäcker auf­ge­schnappt, als ich mir im Fes­ti­val­tru­bel has­tig etwas zu essen hol­te. Es blieb, bestän­dig, wie ein Kin­der­reim, eine hart­nä­cki­ge Begleit­me­lo­die gegen die Über­for­de­rung der Ein­drü­cke.
Um der Zeit (un)bewusster zu begeg­nen, kauf­te ich mir spon­tan eine Uhr. Schlicht, redu­ziert, im Ange­bot. Als bekä­me ich mit dem Preis­nach­lass ein Stück Zeit geschenkt. Funk­tio­na­li­tät, Ästhe­tik und eine ver­län­ger­te Zeit­span­ne, eine Glei­chung, die nur für den kur­zen Moment auf­ging. Obwohl die Uhr mir eine Illu­si­on von Ord­nung ver­sprach, führ­te mich der nächs­te Film zurück in ein ande­res Maß des Sehens.
Der Film Silent Obser­vers von Eli­za Pet­ko­va half mir, Men­schen über Tie­re und Tie­re über Men­schen zu erken­nen. Und obwohl ich eine Schwä­che für Tier­fil­me habe, bedrück­te mich die Musik­aus­wahl: sie zwang ein Gefühl auf, das ich nicht woll­te. Doch der Trost lag in den Tie­ren selbst. Und wie oft geschieht es, dass man etwas bekommt, das man nicht begehrt und den­noch bleibt. Die­se Emp­fin­dung erin­ner­te mich an eine Erzäh­lung, die mir eine alte Dame in Park schenk­te. Vor sech­zig Jah­ren wur­de im Film­fo­rum in Duis­burg ein Doku­men­tar­film über Geschlechts­krank­hei­ten gezeigt, eine Pro­jek­ti­on der Auf­klä­rung, die an die­sem Abend nicht alle sehen woll­ten. Stolz sag­te sie mir, sie sei bis zum Ende geblie­ben.
Womög­lich dach­te ich an sie, als ich spä­ter selbst im Kino saß, die­ser unbe­irr­te Blick nach vorn, selbst wenn die Situa­ti­on eine gewis­se Unru­he in sich trug. Da tipp­te mir eine Frau von hin­ten auf die Schul­ter, mein Zopf stö­re ihre Sicht. Ich dreh­te den Kopf, der Zopf folg­te. „Dann set­zen Sie sich doch woan­ders hin“, sag­te ich. In sei­nem Buch Kino. Klei­ne Phi­lo­so­phie der Pas­sio­nen schreibt Wil­li Wink­ler: «Im Kino bist du bloß als ein­sa­mer Mas­sen­mensch.» Das Kino ist der Ort, an dem man gern gemein­sam allein ist.»