Der Gesang der Zikaden an den Südhängen des Ventoux in der Zwölfuhrsonne: Ich stelle mir vor, wie Jean-Henri Farbre mit einem kleinen Fangnetz stehengeblieben wäre, um die Zirpen im Blättergewirr der Steineichen und Buchen ausfindig zu machen. Ich stelle mir vor, dass der Dichter und Entomologe über ein Radrennen nur hätte lachen können. Die Insekten schreien lauter gegen den Himmel als an anderen Tagen. Ich kann nicht sagen, ob sie aufgeregter sind oder verzweifelter. Es beruhigt mich, sie zu hören, ihre Gegenwart zu spüren, trotz des Lärms, trotz des den Berg einnehmenden Trubels. Ab und an fegt ein kalter Windstoss durch den sommerlichen Hain, das erschreckt hier niemanden, dieser Wind kommt vom im fernen Dunst liegenden Mittelmeer, von den nahen Bergen oder aus den Tiefen des Ventoux selbst. Er ist da und nichts hält ihn auf. Die Straßen sind besetzt von surrenden Rädern, einem im Sonnenlicht glitzernden Meer aus Campern, in Megaphone grölenden Jugendlichen, Kindern, die Namen auf den Asphalt schreiben, und der wuselnden Erwartung von wenigen Sekunden, in denen sich die Menschen einbilden, der steile Weg in die menschengemachte Mondlandschaft auf dem Gipfel würde für manche von uns zum Himmel führen.
Die Tour de France besucht an diesem Tag zum 19. Mal den Riesen der Provence, in dessen Schatten Jean Giono einst das Paradies entdeckte. Man sagt, dass eine der berühmtesten Figuren des Romanciers, ein forstwirtschaftlich tätiger Mann, just in dieser Landschaft begann, Bäume zu pflanzen, um der menschlichen Rodung mit einer unsagbaren Urkraft entgegenzutreten. Wenn sich jedoch zwischen den Bäumen der Blick zum Gipfel öffnet, muss man sich eingestehen, dass Gionos Geschichte erträumt wurde. Die gepflanzten Bäume finden keinen Halt mehr in diesem Gelände. Die Forstaufsicht ist in Panik. Sie platzieren mehrere dutzend Feuerwehrautos an den Wegen, die in den Wald führen. Bilder des brennenden Bergs, vom Wind angestachelte Flammen wären selbst den mythenliebenden Menschen zu apokalyptisch, die sich zum Anlass eben sich fortschreibender Mythen am Berg versammeln. Die Behörden fürchten den Leichtsinn der Menschen und die trockene Erde. Krankenwagen heulen gen Gipfel. Mancher übergibt sich bereits betrunken am Straßenrand. Es riecht nach Sonnencreme und Bier. Ich habe die Straße längst verlassen, um auf einem Forstweg nach oben zu steigen. Im Geröll ist es weniger steil als auf der Straße. Und es ist still. Ich höre nur die Zikaden und meine beharrlichen Schritte. Seltsam, denke ich, wie allgegenwärtig etwas an einer Stelle wirken kann und wie fern nur zwanzig Meter weiter.
Bevor ich gekommen bin, waren mir fünf Bilder des Ventoux ganz präsent. Zunächst eine Photographie von Constantin Beyer im schmalen Band über Francesco Petrarcas Besteigung des Berges von der anderen, der nördlichen Seite, der in der Insel-Bücherei erschienen ist. Darauf sieht man einen blauen Nebel aus Himmel und Weite und ganz unten im Bild die tote Kalksteinwüste. Dann ein Bild, in dem ein futuristisch anmutendes Auto in eben jener Wüste steht, es war in einem Automobil-Quartett, das ich als Kind gespielt habe. Die anderen Bilder entspringen dem Radsport, in dem der Name Ventoux zu jenen gehört, die nie ohne das schwere Schlucken der größtmöglichen Bedeutung, die man in ein Wort legen kann, ausgesprochen wird. Die tausendfach wiederholte Aufnahme des schlangenlinienfahrenden Briten Tom Simpson, der vollgestopft mit illegalen Tabletten zwischen den Steinen kollabierte und starb. Das trotzige Jo-Jo-Gefahre bald hinter, bald vor den anderen Fahrern Marco Pantanis, der hier vor fünfundzwanzig Jahren eine Etappe gewann. Sein Name wird noch immer auf die Straße geschrieben und ich stelle mir vor, dass er sich nie aus dem Asphalt waschen lässt. Schließlich der durch eine Menschenmasse rennende Chris Froome, der sein defektes Rad zurückließ, um sich mit wirrem Blick zu Fuß auf den Weg zum Gipfel zu machen in einer schwer zu begreifenden Panik vor der Zeit, dem Stehenbleiben. Diese Bilder schreiben sich in diese Landschaft ein wie jene des Kinos in New York oder Paris. Mich beschleicht das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein, schon hundertmal hier gewesen zu sein. Nur die Zikaden habe ich nie gehört in diesen Bildern.
Tatsächlich finde ich weiter oben im Berg gleich neben der Straße in einer Kurve eine leerstehende Hütte, in der an Farbre erinnert wird, in dem einige seiner Zeichnungen von Pflanzen und ein Bild von ihm auf Silberplatten ausgestellt werden. Zigtausende gehen an dieser Hütte vorüber, ich sehe keinen, der sie betritt. Höchstens verweilen sie kurz an der Schwelle, um ein wenig Schatten zu finden. Mein Weg trifft wieder auf die Straße etwas oberhalb des Chalet Reynard, jener am Waldsaum liegenden Schutzhütte unterhalb des Gipfels, um die sich die meisten Menschen sammeln. Ich finde einen einsam im Weiß stehenden Strauch unter den ich krieche, um mich vor der Sonne und dem Wind zu schützen. Nach und nach versammeln sich mehr Menschen im um das Gewächs wandernden Schatten, um auf die Fahrer der Tour de France zu warten.
Dieses Warten bestimmt die Erfahrung des Radsports an der Strecke. Man begegnet diesem Sport wie einem seltenen Vogel: Man harrt stundenlang aus, schaut und schaut, für diese drei oder vier Sekunden des Glücks, in der die Sportler wie ein Schatten an einem vorüberfliegen. In der Zwischenzeit bildet man sich allerhand ein. Je länger man wartet, desto größer und bedeutender werden die Sekunden. Freilich kündigen sich die Sportler mit größerem Getose an als die Vögel. Manche der Wartenden reagieren auf jedes Zucken, schreien sich plagenden Amateurfahrern oder offiziellen Autos auf der Straße zu, weil sie verstehen, dass ein solches Rennen nicht nur von jenen gefahren wird, die eine Startnummer auf ihren Rücken kleben haben. Andere schlafen und liegen in der Sonne wie Erschöpfte am Strand. Die meisten bewachen ihre teuren Rennräder, mit denen sie bis hierher gekommen sind. Wieder andere versuchen bei schlechter Verbindung auf ihren Telefonen, Bilder des Rennens zu erhaschen. Aufgeregt berichten sie den Umstehenden von dem, was sie sehen. Irgendwann kommt die Werbekarawane, ein nicht enden wollender Strom bizarrer Fahrzeuge, der Geschenke wie Mützen oder T‑Shirts verteilt. Entlang der Straße sehe ich tausende Menschen, die ihre Hände flehend nach vorne strecken, als wären sie Verdurstende unter einem Wasserfall. Um Teil des Spektakels zu sein, wird jeder Müll umarmt, den das Rennen abwirft. Niemand hört die Zikaden in diesem Lärm.
Später hört man die Hubschrauber im Tal und dann sieht man sie langsam näher kommen. Mehr und mehr Motorräder und Autos kommen. Irgendwann passieren mich die ersten Fahrer. Die Menschen schreien und springen. Ich kenne die Fahrer. Sie sind etwas kleiner und schmaler als im Fernsehen, ihre Formen und ihr Ausdruck ist der gleiche wie in den Bildern, die es von ihnen gibt. Aber sie sehen ganz körperlos aus. Das ist wohl der Leistungssport, denke ich. Alles ist Körper, aber die Sportler lassen es so aussehen, als wäre alles körperlos. Sie schweben. Man sagt über Radfahrer, die schnell fahren, sie würden fliegen. Manche wurden deshalb nach Vögeln benannt. Es gibt Adler und Falken und Milane. Nur die, die ich sehe, schweben. Ihre Gesichter deuten auf eine Anstrengung hin, aber obwohl mich manche ganz nah passieren, höre ich sie nicht atmen. Sie riechen nach nichts. Sie sind ohne Gewicht. Geschwindigkeit und die vollendete Überwindung der Physik führen in ein Nichts. Die Fahrer auf der Strecke werden unsichtbar, sie werden eine bloße Sekunde, ein Aufflackern in Farben, die nur in diesem Augenblick etwas bedeuten.
Als mich mehr und mehr Fahrer passieren, überfällt mich mit einem Mal der Eindruck einer Betäubung, einer völligen Unwirklichkeit. Ich meine plötzlich zu begreifen, dass das alles gar nicht geschieht. Diese Fahrer, diese Zuschauer, diese Straße, die Geschichten, die Zeitnahme, ja dieser ganze Berg, das sind alles nur Geschichten, die wir uns erzählen, damit es uns besser geht. Morgen wird es so sein, als wäre nichts geschehen. Ein paar Namen stehen auf der Straße. Sie bedeuten nichts. Ich merke, dass ich mich nun wie Petrarca in mich selbst wenden und den Berg als Pforte zu meinem Inneren erschließen könnte, aber auch davor verweigere ich mich, bin ich doch selbst Teil des Spektakels. Und dann vernehme ich mitten im Rausch des Rennens noch einmal die Zikaden, die völlig unbeeindruckt weitersingen, die wissen, dass die Sonne untergehen wird und dass ihre die einzige Zeit ist, die in die Gesamtwertung einfließt. Was wäre, denke ich, würden wir die Welt wahrnehmen, statt sie immerzu erfinden zu wollen?

