Mont Ventoux, 22. Juli 2025, in Erinnerung an Francesco Petrarca und Marco Pantani

Der Gesang der Zika­den an den Süd­hän­gen des Ven­toux in der Zwöl­fuhr­son­ne: Ich stel­le mir vor, wie Jean-Hen­ri Farb­re mit einem klei­nen Fang­netz ste­hen­ge­blie­ben wäre, um die Zir­pen im Blät­ter­ge­wirr der Stein­ei­chen und Buchen aus­fin­dig zu machen. Ich stel­le mir vor, dass der Dich­ter und Ento­mo­lo­ge über ein Rad­ren­nen nur hät­te lachen kön­nen. Die Insek­ten schrei­en lau­ter gegen den Him­mel als an ande­ren Tagen. Ich kann nicht sagen, ob sie auf­ge­reg­ter sind oder ver­zwei­fel­ter. Es beru­higt mich, sie zu hören, ihre Gegen­wart zu spü­ren, trotz des Lärms, trotz des den Berg ein­neh­men­den Tru­bels. Ab und an fegt ein kal­ter Wind­stoss durch den som­mer­li­chen Hain, das erschreckt hier nie­man­den, die­ser Wind kommt vom im fer­nen Dunst lie­gen­den Mit­tel­meer, von den nahen Ber­gen oder aus den Tie­fen des Ven­toux selbst. Er ist da und nichts hält ihn auf. Die Stra­ßen sind besetzt von sur­ren­den Rädern, einem im Son­nen­licht glit­zern­den Meer aus Cam­pern, in Mega­pho­ne grö­len­den Jugend­li­chen, Kin­dern, die Namen auf den Asphalt schrei­ben, und der wuseln­den Erwar­tung von weni­gen Sekun­den, in denen sich die Men­schen ein­bil­den, der stei­le Weg in die men­schen­ge­mach­te Mond­land­schaft auf dem Gip­fel wür­de für man­che von uns zum Him­mel führen.

Die Tour de France besucht an die­sem Tag zum 19. Mal den Rie­sen der Pro­vence, in des­sen Schat­ten Jean Gio­no einst das Para­dies ent­deck­te. Man sagt, dass eine der berühm­tes­ten Figu­ren des Roman­ciers, ein forst­wirt­schaft­lich täti­ger Mann, just in die­ser Land­schaft begann, Bäu­me zu pflan­zen, um der mensch­li­chen Rodung mit einer unsag­ba­ren Urkraft ent­ge­gen­zu­tre­ten. Wenn sich jedoch zwi­schen den Bäu­men der Blick zum Gip­fel öff­net, muss man sich ein­ge­ste­hen, dass Gio­nos Geschich­te erträumt wur­de. Die gepflanz­ten Bäu­me fin­den kei­nen Halt mehr in die­sem Gelän­de. Die Forst­auf­sicht ist in Panik. Sie plat­zie­ren meh­re­re dut­zend Feu­er­wehr­au­tos an den Wegen, die in den Wald füh­ren. Bil­der des bren­nen­den Bergs, vom Wind ange­sta­chel­te Flam­men wären selbst den mythen­lie­ben­den Men­schen zu apo­ka­lyp­tisch, die sich zum Anlass eben sich fort­schrei­ben­der Mythen am Berg ver­sam­meln. Die Behör­den fürch­ten den Leicht­sinn der Men­schen und die tro­cke­ne Erde. Kran­ken­wa­gen heu­len gen Gip­fel. Man­cher über­gibt sich bereits betrun­ken am Stra­ßen­rand. Es riecht nach Son­nen­creme und Bier. Ich habe die Stra­ße längst ver­las­sen, um auf einem Forst­weg nach oben zu stei­gen. Im Geröll ist es weni­ger steil als auf der Stra­ße. Und es ist still. Ich höre nur die Zika­den und mei­ne beharr­li­chen Schrit­te. Selt­sam, den­ke ich, wie all­ge­gen­wär­tig etwas an einer Stel­le wir­ken kann und wie fern nur zwan­zig Meter weiter.

Bevor ich gekom­men bin, waren mir fünf Bil­der des Ven­toux ganz prä­sent. Zunächst eine Pho­to­gra­phie von Con­stan­tin Bey­er im schma­len Band über Fran­ces­co Petrar­cas Bestei­gung des Ber­ges von der ande­ren, der nörd­li­chen Sei­te, der in der Insel-Büche­rei erschie­nen ist. Dar­auf sieht man einen blau­en Nebel aus Him­mel und Wei­te und ganz unten im Bild die tote Kalk­stein­wüs­te. Dann ein Bild, in dem ein futu­ris­tisch anmu­ten­des Auto in eben jener Wüs­te steht, es war in einem Auto­mo­bil-Quar­tett, das ich als Kind gespielt habe. Die ande­ren Bil­der ent­sprin­gen dem Rad­sport, in dem der Name Ven­toux zu jenen gehört, die nie ohne das schwe­re Schlu­cken der größt­mög­li­chen Bedeu­tung, die man in ein Wort legen kann, aus­ge­spro­chen wird. Die tau­send­fach wie­der­hol­te Auf­nah­me des schlan­gen­li­ni­en­fah­ren­den Bri­ten Tom Simpson, der voll­ge­stopft mit ille­ga­len Tablet­ten zwi­schen den Stei­nen kol­la­bier­te und starb. Das trot­zi­ge Jo-Jo-Gefah­re bald hin­ter, bald vor den ande­ren Fah­rern Mar­co Pan­ta­nis, der hier vor fünf­und­zwan­zig Jah­ren eine Etap­pe gewann. Sein Name wird noch immer auf die Stra­ße geschrie­ben und ich stel­le mir vor, dass er sich nie aus dem Asphalt waschen lässt. Schließ­lich der durch eine Men­schen­mas­se ren­nen­de Chris Froo­me, der sein defek­tes Rad zurück­ließ, um sich mit wir­rem Blick zu Fuß auf den Weg zum Gip­fel zu machen in einer schwer zu begrei­fen­den Panik vor der Zeit, dem Ste­hen­blei­ben. Die­se Bil­der schrei­ben sich in die­se Land­schaft ein wie jene des Kinos in New York oder Paris. Mich beschleicht das Gefühl, schon ein­mal hier gewe­sen zu sein, schon hun­dert­mal hier gewe­sen zu sein. Nur die Zika­den habe ich nie gehört in die­sen Bildern.

Tat­säch­lich fin­de ich wei­ter oben im Berg gleich neben der Stra­ße in einer Kur­ve eine leer­ste­hen­de Hüt­te, in der an Farb­re erin­nert wird, in dem eini­ge sei­ner Zeich­nun­gen von Pflan­zen und ein Bild von ihm auf Sil­ber­plat­ten aus­ge­stellt wer­den. Zig­tau­sen­de gehen an die­ser Hüt­te vor­über, ich sehe kei­nen, der sie betritt. Höchs­tens ver­wei­len sie kurz an der Schwel­le, um ein wenig Schat­ten zu fin­den. Mein Weg trifft wie­der auf die Stra­ße etwas ober­halb des Cha­let Rey­nard, jener am Wald­saum lie­gen­den Schutz­hüt­te unter­halb des Gip­fels, um die sich die meis­ten Men­schen sam­meln. Ich fin­de einen ein­sam im Weiß ste­hen­den Strauch unter den ich krie­che, um mich vor der Son­ne und dem Wind zu schüt­zen. Nach und nach ver­sam­meln sich mehr Men­schen im um das Gewächs wan­dern­den Schat­ten, um auf die Fah­rer der Tour de France zu warten.

Die­ses War­ten bestimmt die Erfah­rung des Rad­sports an der Stre­cke. Man begeg­net die­sem Sport wie einem sel­te­nen Vogel: Man harrt stun­den­lang aus, schaut und schaut, für die­se drei oder vier Sekun­den des Glücks, in der die Sport­ler wie ein Schat­ten an einem vor­über­flie­gen. In der Zwi­schen­zeit bil­det man sich aller­hand ein. Je län­ger man war­tet, des­to grö­ßer und bedeu­ten­der wer­den die Sekun­den. Frei­lich kün­di­gen sich die Sport­ler mit grö­ße­rem Geto­se an als die Vögel. Man­che der War­ten­den reagie­ren auf jedes Zucken, schrei­en sich pla­gen­den Ama­teur­fah­rern oder offi­zi­el­len Autos auf der Stra­ße zu, weil sie ver­ste­hen, dass ein sol­ches Ren­nen nicht nur von jenen gefah­ren wird, die eine Start­num­mer auf ihren Rücken kle­ben haben. Ande­re schla­fen und lie­gen in der Son­ne wie Erschöpf­te am Strand. Die meis­ten bewa­chen ihre teu­ren Renn­rä­der, mit denen sie bis hier­her gekom­men sind. Wie­der ande­re ver­su­chen bei schlech­ter Ver­bin­dung auf ihren Tele­fo­nen, Bil­der des Ren­nens zu erha­schen. Auf­ge­regt berich­ten sie den Umste­hen­den von dem, was sie sehen. Irgend­wann kommt die Wer­be­ka­ra­wa­ne, ein nicht enden wol­len­der Strom bizar­rer Fahr­zeu­ge, der Geschen­ke wie Müt­zen oder T‑Shirts ver­teilt. Ent­lang der Stra­ße sehe ich tau­sen­de Men­schen, die ihre Hän­de fle­hend nach vor­ne stre­cken, als wären sie Ver­durs­ten­de unter einem Was­ser­fall. Um Teil des Spek­ta­kels zu sein, wird jeder Müll umarmt, den das Ren­nen abwirft. Nie­mand hört die Zika­den in die­sem Lärm.

Spä­ter hört man die Hub­schrau­ber im Tal und dann sieht man sie lang­sam näher kom­men. Mehr und mehr Motor­rä­der und Autos kom­men. Irgend­wann pas­sie­ren mich die ers­ten Fah­rer. Die Men­schen schrei­en und sprin­gen. Ich ken­ne die Fah­rer. Sie sind etwas klei­ner und schma­ler als im Fern­se­hen, ihre For­men und ihr Aus­druck ist der glei­che wie in den Bil­dern, die es von ihnen gibt. Aber sie sehen ganz kör­per­los aus. Das ist wohl der Leis­tungs­sport, den­ke ich. Alles ist Kör­per, aber die Sport­ler las­sen es so aus­se­hen, als wäre alles kör­per­los. Sie schwe­ben. Man sagt über Rad­fah­rer, die schnell fah­ren, sie wür­den flie­gen. Man­che wur­den des­halb nach Vögeln benannt. Es gibt Adler und Fal­ken und Mila­ne. Nur die, die ich sehe, schwe­ben. Ihre Gesich­ter deu­ten auf eine Anstren­gung hin, aber obwohl mich man­che ganz nah pas­sie­ren, höre ich sie nicht atmen. Sie rie­chen nach nichts. Sie sind ohne Gewicht. Geschwin­dig­keit und die voll­ende­te Über­win­dung der Phy­sik füh­ren in ein Nichts. Die Fah­rer auf der Stre­cke wer­den unsicht­bar, sie wer­den eine blo­ße Sekun­de, ein Auf­fla­ckern in Far­ben, die nur in die­sem Augen­blick etwas bedeuten.

Als mich mehr und mehr Fah­rer pas­sie­ren, über­fällt mich mit einem Mal der Ein­druck einer Betäu­bung, einer völ­li­gen Unwirk­lich­keit. Ich mei­ne plötz­lich zu begrei­fen, dass das alles gar nicht geschieht. Die­se Fah­rer, die­se Zuschau­er, die­se Stra­ße, die Geschich­ten, die Zeit­nah­me, ja die­ser gan­ze Berg, das sind alles nur Geschich­ten, die wir uns erzäh­len, damit es uns bes­ser geht. Mor­gen wird es so sein, als wäre nichts gesche­hen. Ein paar Namen ste­hen auf der Stra­ße. Sie bedeu­ten nichts. Ich mer­ke, dass ich mich nun wie Petrar­ca in mich selbst wen­den und den Berg als Pfor­te zu mei­nem Inne­ren erschlie­ßen könn­te, aber auch davor ver­wei­ge­re ich mich, bin ich doch selbst Teil des Spek­ta­kels. Und dann ver­neh­me ich mit­ten im Rausch des Ren­nens noch ein­mal die Zika­den, die völ­lig unbe­ein­druckt wei­ter­sin­gen, die wis­sen, dass die Son­ne unter­ge­hen wird und dass ihre die ein­zi­ge Zeit ist, die in die Gesamt­wer­tung ein­fließt. Was wäre, den­ke ich, wür­den wir die Welt wahr­neh­men, statt sie immer­zu erfin­den zu wollen?