Text: Pau­la Valk

Eine Frau mit Ver­ant­wor­tung (1978) schaue ich mit einer Rezep­ti­ons­hal­tung, die mich irri­tiert. Ich glei­che den Film ab mit der Gegen­wart, den­ke «Hete­ro­fa­ta­lis­mus», «Care-Arbeit», «Men­tal Load». Das ein­zi­ge Urteil, das die­ser Blick ermög­licht, ist: Gut geal­tert? Oder schlecht geal­tert? Dann könn­te ich loben oder kor­ri­gie­ren, aber über den Film ist wenig gesagt. Eine frag­wür­di­ge Flos­kel, aber was ich gesagt haben will: Der Film ist immer noch aktu­ell. Anders: In ers­ter Linie emp­fin­de ich beim Schau­en eine Dring­lich­keit, die mei­nen Blick bestimmt.

Trotz­dem ist Eine Frau mit Ver­ant­wor­tung wie jeder Film in der Gegen­wart sei­ner Ent­ste­hung ver­an­kert. Die BRD der Sieb­zi­ger Jah­re, in der Väter sagen, schwan­ge­re Frau­en müss­ten für ihre Taten gera­de­ste­hen, und in der Töch­ter den­ken, sie müss­ten mit einem Mann schla­fen, nur weil sie begon­nen haben, die Pil­le zu neh­men. Hel­ga macht die Arbeit ihrer Mut­ter, nach­dem der Vater sich schei­den ließ. Spä­ter ist sie selbst Ehe­frau und Mut­ter und arbei­tet wei­ter. Sie fügt sich dem Vater, spä­ter dem Ehe­mann, den sie nie woll­te und nur hei­ra­ten muss­te, weil sie schwan­ger wur­de. Wäh­rend eines Auf­ent­halts als Au Pair in Paris kann sie kurz selbst­be­stimmt leben, aber sie muss zurück. «Genie­ße froh, was Gott dir beschie­den, ent­beh­re gern, was du nicht hast» steht auf einer Schür­ze, die sie als Teen­age­rin beim Put­zen trägt. Das ist so zynisch, dass man es kaum aus­hal­ten kann.

Stöckl ver­öf­fent­lich­te 1968 mit Neun Leben hat die Kat­ze einen der ers­ten deut­schen, femi­nis­ti­schen Kino­fil­me. Vor­her stu­dier­te sie als ers­te Frau Film an der Hoch­schu­le für Gestal­tung in Ulm, nach­her mach­te sie wei­ter Spiel- und Doku­men­tar­fil­me, die das Geschlech­ter­ver­hält­nis beleuch­ten. Die 68er-Paro­le „Das Pri­va­te ist poli­tisch“ nennt sie als Prin­zip ihrer Film­pra­xis und zeigt, wie die intims­ten Ver­hält­nis­se gesell­schaft­lich ver­mit­telt sind. In vie­len ihrer Fil­me ver­han­delt Stöckl unter­schied­li­che weib­li­che Lebens­ent­wür­fe und erkun­det deren Eman­zi­pa­ti­ons­po­ten­ti­al. Eine Frau mit Ver­ant­wor­tung bleibt beim Elend der Ehe.

Man­ches hat sich seit­dem ver­än­dert, man­ches nicht. Zwei Zwan­zig­jäh­ri­ge ler­nen sich ken­nen und sie­zen sich. Ein viel zu alter Mann beläs­tigt Hel­ga auf dem Bahn­steig. Ein Stu­dent emp­fiehlt ihr her­ab­las­send ein Buch, das man gele­sen haben muss. Wir sehen eine Ver­ge­wal­ti­gung durch Hel­gas Ehe­mann, die erst 21 Jah­re spä­ter so bezeich­net wer­den darf. Frau­sein bedeu­tet Gewalt erfahren.

Es ist kei­ne ein­zel­ne Kata­stro­phe, unter der Hel­ga lei­det, es ist ihr All­tag. Gemes­sen am Ablauf eines bür­ger­li­chen Lebens erzählt Stöckl anti­kli­mak­tisch. Die gro­ßen Ereig­nis­se, die Mei­len­stei­ne im Fami­li­en­le­ben, lässt Stöckl aus: Hei­rats­an­trag, Hoch­zeit, Gebur­ten. Sie ver­wei­gert die Idea­li­sie­rung, spielt nicht mit bei der Lüge, die die­se Fes­te bedeu­ten kön­nen. Auch Dis­kus­sio­nen und jene Momen­te, in denen gro­ße Ent­schei­dun­gen gefällt wer­den, zeigt sie nicht. Kei­ne Dis­kus­si­on dar­über, ob Hel­ga ihre Schwan­ger­schaft abbricht, kei­ne Debat­te um die Hoch­zeit, kaum ein Streit dar­über, dass Hel­ga eigent­lich nach Paris zurück­keh­ren will. Statt­des­sen Sät­ze, die die Nor­ma­li­tät zemen­tie­ren: «Wir waren uns doch einig». «Stell dich nicht so an». «Es gibt kei­nen Grund, es nicht zu schaffen».

Hel­gas Begeh­ren fin­det kei­nen Raum. Sie ent­wi­ckelt eine Neu­ro­se. Ein Putz­zwang bleibt lan­ge unbe­merkt, wenn man als Haus­frau arbei­tet. Rein­lich­keit ist die wich­tigs­te Eigen­schaft einer guten Haus­frau, der Putz­zwang ist die längs­te Zeit sym­pa­thi­sche Eigen­schaft eines demü­ti­gen Mäd­chens. Erst als sie ihren Mann zu oft zur Sau­ber­keit ermahnt und die Woh­nung zu chao­tisch ist, wird Hel­gas Neu­ro­se ein Pro­blem. Bis dahin kann sie als erfolg­rei­che Zurich­tung gel­ten, die auch dann funk­tio­niert, wenn ein Patri­arch abwe­send ist.»Ich darf mich ein­fach nicht so gehen las­sen», sagt sie ihrer Schwiegermutter.

Stöckl erklärt Hel­gas Putz­zwang psy­cho­lo­gisch: «Aber die unter­drück­ten, ver­nach­läs­sig­ten Pflich­ten sich selbst gegen­über wol­len ihr Recht». Hel­ga flieht in die Krank­heit, bleibt phy­sisch aber anwe­send. Sie flüch­tet in den Bereich, den sie kon­trol­lie­ren kann und macht sich gleich­zei­tig selbst als funk­tio­nie­ren­des Objekt unmög­lich. Nach die­ser Les­art ist der Putz­zwang ein Schei­tern der Zurich­tung dadurch, dass sie auf die Spit­ze getrie­ben wird. Ein unbe­wuss­ter, selbst­zer­stö­re­ri­scher Wider­stand. Erst die Eska­la­ti­on ihrer Krank­heit bringt ihre Schwie­ger­mut­ter dazu aus­zu­spre­chen, was sie schon weiß: «So geht’s nicht weiter».

Das Arse­nal Film­in­sti­tut zeigt Eine Frau mit Ver­ant­wor­tung 05. August um 19:00 Uhr in neu­er Restaurierung.