Wie sich Besucher in einem Museum bewegen, kann man hier besonders gut betrachten. Man muss sich gar nicht erst die Kunstwerke ansehen, bei denen es sich sowieso nur um Fälschungen handelt. Wie die Cellini-Venus aus dem Familienbesitz Bonnet, die von Nicole Bonnet, Audrey Hepburn, und dem Undercover-Kunstdetektiv Simon Dermott, Peter O’Toole, aus der laufenden Ausstellung gestohlen werden soll. Der Grund: sie vor der Echtheitsprüfung bewahren. Davon bekommt der gemeine Kunstgenießer allerdings nicht viel mit, auch nicht von den Observationen des sich annähernden Liebespaares. Stattdessen steht er in respektvollem Abstand zum Werk. Weder zu nah, als gäbe man vor, Experte zu sein, noch zu fern, um die Aufmerksamkeit am einzelnen Objekt nicht zu verlieren. Ebenso darf auch die Verweildauer aus denselben Gründen nicht zu kurz und nicht zu lang ausfallen. Mehr darüber kann man bei Silvia Bovenschen nachlesen. Wyler braucht dafür gerade einmal einen Raum des fiktiven Museums Kléber-Lafayette, in allen anderen spielt sich ohnehin ähnliches ab. Meist drängt sich ein Paar an den Rand der Menge. In einer langsamen Bewegung zur Seite schweift der Blick von oben herab bis zum Sockel. Dort angekommen, hält das Paar für einen Moment inne, ein impulsiver Kommentar wird geteilt, wonach diese Bewegung in zweimaliger Ausführung nochmals wiederholt wird. So entsteht ein autochoreographischer Menschenring um das Exponat, der nur durch das Diebespaar und ein paar Kopisten etwas durcheinander gerät. Trotzdem bleibt die müde Drehbewegung erhalten, als säße sie tief im Museum und werde durch die Anwesenheit der Museumsaufsicht aufrechterhalten. Hin und wieder richten einige Männer mit Armen hinter dem Rücken ihre Blicke in leere Ecken des Museums. Auch sie planen für einen gelangweilten Moment vielleicht einen Raub oder zumindest ihre Flucht. Dann, wenn andere den Kopf detektivisch zur Seite legen oder penibel die Beschreibungen der Broschüre studieren – von dem, was vor ihnen zu sehen ist. Ablenkung genug, um sich hinter den Stuckmarmorsäulen zu verstecken, wovon die Aufsicht noch viel weniger mitbekommt, die viel zu beschäftigt mit der Betrachtung der Werke ist, sodass sie darüber nicht mal Auskunft geben kann. Als Simon Dermott dann den Überwachungs‑, Pausen- und Kontrollraum betritt, nimmt er plötzlich entgegen aller sonstigen Fälschungen seine echte noch unbekannte Rolle als Museumsinspektor ein, womit er nicht nur das vom stundenlangen Stehen erschöpfte Personal der Lächerlichkeit preisgibt, sondern sich auch gleich mit. Die aufgesetzte Härte gegen die einfachen Angestellten verdeckt etwas von seiner subtileren, wenngleich gewichtigeren Geschmackshärte, mit der er Originale von Fälschungen unterscheiden kann. Anders als der Kunstliebhaber durchleuchtete sein Blick die Venus sofort, in der er Nicole wieder erkennen will. Nicht nur ein Liebeszeichen, auch eine Gefahr für das Geheimnis der Fälschung. Wie Nicole später verrät, ist die Venus ihrer Großmutter nachempfunden, also nicht aus dem Cinquecento, aber trotzdem alt und eigentlich von unschätzbarem Wert für ihren Vater Charles Bonnet, Fälscher von aristokratischem Rang, dem Wolfgang Beltracchi übrigens ziemlich ähnlich sieht. Wyler betrachtet hier vom Balkon aus, versteckt unter den Stufen, im Museumshof, an seiner Einfahrt und auch mitten im Aufruhr die Schichten der Geschmacksbildung, jedoch nie direkt beim Ausdruck der Selbstdarstellung. Weniger wie Pierre Bourdieu, eher wie ein Angestellter des Museums, der schon viele Werke wie Kuratoren Kommen und Gehen sah. Wer auch immer Bestenlisten schreibt, sollte sich mit dem Auftrag der Geschmacksbildung und zugleich dem lächerlichen Authentizitätsversprechen auseinandersetzen.

