Notiz zu How to steal a Million von William Wyler

Wie sich Besu­cher in einem Muse­um bewe­gen, kann man hier beson­ders gut betrach­ten. Man muss sich gar nicht erst die Kunst­wer­ke anse­hen, bei denen es sich sowie­so nur um Fäl­schun­gen han­delt. Wie die Cel­li­ni-Venus aus dem Fami­li­en­be­sitz Bon­net, die von Nico­le Bon­net, Audrey Hepb­urn, und dem Under­co­ver-Kunst­de­tek­tiv Simon Der­mott, Peter O’Toole, aus der lau­fen­den Aus­stel­lung gestoh­len wer­den soll. Der Grund: sie vor der Echt­heits­prü­fung bewah­ren. Davon bekommt der gemei­ne Kunst­ge­nie­ßer aller­dings nicht viel mit, auch nicht von den Obser­va­tio­nen des sich annä­hern­den Lie­bes­paa­res. Statt­des­sen steht er in respekt­vol­lem Abstand zum Werk. Weder zu nah, als gäbe man vor, Exper­te zu sein, noch zu fern, um die Auf­merk­sam­keit am ein­zel­nen Objekt nicht zu ver­lie­ren. Eben­so darf auch die Ver­weil­dau­er aus den­sel­ben Grün­den nicht zu kurz und nicht zu lang aus­fal­len. Mehr dar­über kann man bei Sil­via Boven­schen nach­le­sen. Wyler braucht dafür gera­de ein­mal einen Raum des fik­ti­ven Muse­ums Klé­ber-Lafay­et­te, in allen ande­ren spielt sich ohne­hin ähn­li­ches ab. Meist drängt sich ein Paar an den Rand der Men­ge. In einer lang­sa­men Bewe­gung zur Sei­te schweift der Blick von oben her­ab bis zum Sockel. Dort ange­kom­men, hält das Paar für einen Moment inne, ein impul­si­ver Kom­men­tar wird geteilt, wonach die­se Bewe­gung in zwei­ma­li­ger Aus­füh­rung noch­mals wie­der­holt wird. So ent­steht ein auto­cho­reo­gra­phi­scher Men­schen­ring um das Expo­nat, der nur durch das Die­bes­paar und ein paar Kopis­ten etwas durch­ein­an­der gerät. Trotz­dem bleibt die müde Dreh­be­we­gung erhal­ten, als säße sie tief im Muse­um und wer­de durch die Anwe­sen­heit der Muse­ums­auf­sicht auf­recht­erhal­ten. Hin und wie­der rich­ten eini­ge Män­ner mit Armen hin­ter dem Rücken ihre Bli­cke in lee­re Ecken des Muse­ums. Auch sie pla­nen für einen gelang­weil­ten Moment viel­leicht einen Raub oder zumin­dest ihre Flucht. Dann, wenn ande­re den Kopf detek­ti­visch zur Sei­te legen oder peni­bel die Beschrei­bun­gen der Bro­schü­re stu­die­ren – von dem, was vor ihnen zu sehen ist. Ablen­kung genug, um sich hin­ter den Stuck­mar­mor­säu­len zu ver­ste­cken, wovon die Auf­sicht noch viel weni­ger mit­be­kommt, die viel zu beschäf­tigt mit der Betrach­tung der Wer­ke ist, sodass sie dar­über nicht mal Aus­kunft geben kann. Als Simon Der­mott dann den Überwachungs‑, Pau­sen- und Kon­troll­raum betritt, nimmt er plötz­lich ent­ge­gen aller sons­ti­gen Fäl­schun­gen sei­ne ech­te noch unbe­kann­te Rol­le als Muse­ums­in­spek­tor ein, womit er nicht nur das vom stun­den­lan­gen Ste­hen erschöpf­te Per­so­nal der Lächer­lich­keit preis­gibt, son­dern sich auch gleich mit. Die auf­ge­setz­te Här­te gegen die ein­fa­chen Ange­stell­ten ver­deckt etwas von sei­ner sub­ti­le­ren, wenn­gleich gewich­ti­ge­ren Geschmacks­här­te, mit der er Ori­gi­na­le von Fäl­schun­gen unter­schei­den kann. Anders als der Kunst­lieb­ha­ber durch­leuch­te­te sein Blick die Venus sofort, in der er Nico­le wie­der erken­nen will. Nicht nur ein Lie­bes­zei­chen, auch eine Gefahr für das Geheim­nis der Fäl­schung. Wie Nico­le spä­ter ver­rät, ist die Venus ihrer Groß­mutter nach­emp­fun­den, also nicht aus dem Cin­que­cen­to, aber trotz­dem alt und eigent­lich von unschätz­ba­rem Wert für ihren Vater Charles Bon­net, Fäl­scher von aris­to­kra­ti­schem Rang, dem Wolf­gang Bel­trac­chi übri­gens ziem­lich ähn­lich sieht. Wyler betrach­tet hier vom Bal­kon aus, ver­steckt unter den Stu­fen, im Muse­ums­hof, an sei­ner Ein­fahrt und auch mit­ten im Auf­ruhr die Schich­ten der Geschmacks­bil­dung, jedoch nie direkt beim Aus­druck der Selbst­dar­stel­lung. Weni­ger wie Pierre Bour­dieu, eher wie ein Ange­stell­ter des Muse­ums, der schon vie­le Wer­ke wie Kura­to­ren Kom­men und Gehen sah. Wer auch immer Bes­ten­lis­ten schreibt, soll­te sich mit dem Auf­trag der Geschmacks­bil­dung und zugleich dem lächer­li­chen Authen­ti­zi­täts­ver­spre­chen auseinandersetzen.