Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notiz zu The Philadelphia Story von George Cukor

Im Rah­men der herr­lich non­cha­lant und im Sin­ne ihrer Namens­ge­ber durch­aus anar­chis­tisch zusam­men­ge­stell­ten Mar­xis­mus-Rei­he, die tra­di­tio­nell zwi­schen den Jah­ren das Werk der Marx-Brot­hers auf die Lein­wand des Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­ums bringt, wur­de im Dia­log mit Ani­mal Cra­ckers Geor­ge Cukors kano­ni­sche Screw­ball­ro­man­ze The Phil­adel­phia Sto­ry auf einer 35mm-Kopie gezeigt. 85 Jah­re nach deren Ver­öf­fent­li­chung kann man auch heu­te für die gesam­te Spiel­dau­er des Films lächeln­de Gesich­ter im Kino sehen, die sich in den Bann die­ser ver­füh­re­ri­schen Ver­qui­ckung aus per­fekt besetz­ten Stars (K. Hepb­urn, C. Grant, J. Ste­wart), einer sich gera­de­zu in der Hand­lung (und den sich zei­gen­den, poly­amo­ren Begeh­ren) auf­lö­sen­den Kame­ra und dem von Hol­ly­wood einst beherrsch­ten Huma­nis­mus begeben.

Woher die­se unver­meid­li­che Woh­lig­keit beim Sehen rührt, ist gar nicht so leicht zu sagen. Die roman­tisch Glot­zen­den wer­den hier jeden­falls kei­nes­falls ertappt, obwohl der Film ihre Bli­cke immer wie­der bricht und angreift. Sie sit­zen nicht bequem, sie sit­zen immer beque­mer. Jede Lage an Roman­tik, die abge­tra­gen wird, offen­bart nur eine wei­te­re Lage, die einem noch auf­rich­ti­ger und roman­ti­scher vor­kommt. Die­se Lagen wer­den zudem von ver­schie­de­nen Prot­ago­nis­ten auf- und abge­tra­gen, es weht ein sich hin­ter Wort­gir­lan­den ver­ste­cken­der Wind in den Sze­nen, des­sen Rich­tung man manch­mal erst Minu­ten oder Tage spä­ter begreift, ganz so wie die klei­ne Ges­te eines Bekann­ten, die man nicht beach­te­te, die aber alles hät­te bedeu­ten kön­nen. Dabei begreift man die gan­ze Zeit über, dass das hier ein Gip­fel der Fik­ti­on, des make belie­ve ist. Man­che wür­den es Kitsch nen­nen, aber das ist es nicht. Viel­mehr ist es ein Sich-Erken­nen im Überschuss.

Die Stars füh­ren hier ein Innen­le­ben in nach außen gestülp­ten Dia­log­feu­er­wer­ken vor, sie reden immer zugleich mit ihrem Gegen­über (schlag­fer­tig) und sich selbst (stot­ternd). Das bes­te Bei­spiel dafür, wenn der lächer­li­che Ver­lob­te sagt: But a man expects his wife to…, wor­auf­hin Hepb­urns Tra­cy Lord sagt: Behave hers­elf. Natu­ral­ly, wor­auf Grants C:K: Dax­ter Haven (die­se Namen von Grants Figu­ren…) sagt: To behave hers­elf natu­ral­ly. Mehr als blo­ßes Wort­spiel zei­gen sich in die­sem kur­zen Dia­log ver­schie­de­ne Rol­len­bil­der, die sowohl von außen als auch von innen auf die Haupt­fi­gur ein­wir­ken. Ein Kom­ma oder ein Punkt, ein voll­ende­ter Satz, ein Kom­men­tar von der Sei­te. Anhand des wie bei­läu­fig Vor­ge­tra­ge­nen ent­steht das, was eine Welt bedeu­ten kann.

Cukor, der die naht­lo­se Abge­schlos­sen­heit und Grö­ße lieb­te, gelingt in die­sem Fall auch des­halb alles, weil sein so kon­trol­lie­ren­der Stil auf eine Welt trifft, die aus­ein­an­der­fällt. Die Figu­ren tor­keln, spie­len sich selbst Rol­len vor, sie schla­fen ein (das pas­siert die gan­ze Zeit) und ver­lie­ren die Con­ten­an­ce. Es ist ein biss­chen, als wür­de einem wer mit ganz ruhi­ger Stim­me sagen, wie kaputt doch alles und wie schön das Leben des­halb wäre. Die Kame­ra ord­net und behält Über­sicht, obwohl alle inein­an­der stür­zen. Manch­mal ist sie sogar eine hal­be Sekun­de vor den Prot­ago­nis­ten da. Sie weiß, was geschieht und dar­aus ent­steht eine Sou­ve­rä­ni­tät, die der emo­tio­na­len Panik ent­ge­gen­wirkt. Je siche­rer Cukor erzählt, des­to mehr zer­fa­sert die Hand­lung, bis sich dut­zen­de Strän­ge neben­ein­an­der auf­span­nen, die alle bis zur Per­fek­ti­on betrach­tet, aber eigent­lich nicht zu Ende erzählt wer­den kön­nen. Und je weni­ger die ver­schie­de­nen Strän­ge ver­ein­bar schei­nen, des­to logi­scher ver­knüpft sie der Film.

Das Schmach­ten­de ist in die­sem Film zugleich iro­nisch und wahr­haf­tig. Die Men­schen spie­len sich was vor, aber eigent­lich glau­ben sie an das, was sie nicht zei­gen bezie­hungs­wei­se doch zei­gen, obwohl sie so tun, als wür­den sie nicht dar­an glau­ben. Sie wis­sen es selbst nicht mehr, aber als Zuschau­er weiß man es ganz genau. Die Ges­ten sind über­trie­ben, aber es gibt ande­re, die sich nur des­halb zei­gen, weil es die gibt, die über­trie­ben sind. Die Flucht aus dem Ein­ge­üb­ten, dem Kon­ven­tio­nel­len, dem Erwar­te­ten gelingt nur im Rausch und in prä­zi­se gesetz­ten Nah­auf­nah­men. Das liegt an der aris­to­kra­ti­schen Welt, die hier gezeigt wird, aber auch an Geschlech­ter­rol­len und sexu­el­len Unsi­cher­hei­ten. Aber sie gelingt, die Flucht.

Der Film ist so vie­les zugleich, dass man ihn nie zu fas­sen bekommt, obwohl man jede Sekun­de an ihm kör­per­lich begreift: Es han­delt sich um ein erstaun­lich bio­gra­fi­sches Por­trät sei­ner Haupt­dar­stel­le­rin Hepb­urn. Es han­delt sich um eine bis zur letz­ten Sekun­de durch­kom­po­nier­te Remar­ria­ge-Sto­ry. Es han­delt sich um einen Coming-of-Age Film für alle Figu­ren außer einer, die aller­dings ein eben­sol­ches Erwach(s)en unmit­tel­bar vor der Hand­lung durch­ge­macht hat. Es han­delt sich um eine anar­chi­sche und/​oder femi­nis­ti­sche Kri­tik her­kömm­li­cher Bezie­hungs­for­men. Es han­delt sich um eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Vor­ur­tei­len und Rol­len­bil­dern. Es han­delt sich um ein Essay, das Trieb und Ver­nunft gegen­ein­an­der aus­zu­tau­schen ver­sucht. Es han­delt sich um eine sen­sa­tio­na­lis­tisch, kit­schi­ge Schlüs­sel­loch­ge­schich­te und ein inti­mes Dra­ma, wodurch eine Dis­kre­panz ent­steht zwi­schen den Bil­dern, die wir (uns) als Gesell­schaft machen und dem, was sich hin­ter den Bil­dern abspielt. Es han­delt sich um eine Stu­die mensch­li­cher Eitel­kei­ten, die Mensch­lich­keit ver­de­cken. Und so weiter.

Dabei kann einen auch beschäf­ti­gen, wie leicht­fü­ßig man vor 85 Jah­ren eine Hand­lung zeig­te, für die man heu­te meh­re­re Staf­feln einer Serie auf­wen­den wür­de. Wahr­schein­lich ist es das, was Jac­ques Rivet­te ein­mal mein­te, als er davon schrieb, dass man in Fil­men heu­te so viel län­ger brau­che, um bei­spiels­wei­se zu zei­gen, dass sich jemand ver­lieb­te. Hier ist es eine Sekun­de und noch bes­ser ist, dass das nichts bedeu­ten muss. Die nächs­te Sekun­de kommt bestimmt, das unter­schei­det den Film von den Schnapp­schüs­sen der Bou­le­vard­pres­se, die am Ende auf der Lein­wand ste­hen, sodass man sich dabei erwi­schen kann, wie man auf den nun ste­hen­den Bil­dern nach einer Ein­deu­tig­keit sucht, die einen doch nur unglück­lich machen würde.