Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notiz zu The Scenic Route von Mark Rappaport

Beglü­cken­der Film über die Schön­heit von Tape­ten­mus­tern, der einst vom Klei­nen Fern­seh­spiel des ZDF pro­du­ziert wur­de. Es gibt Stern- und Mohn­blu­men­mus­ter, spä­ter auch schlich­tes Rot und Oze­an­blau sowie einen Son­nen­un­ter­gangs­see und ein Berg­mo­tiv. Selbst das Kino wird zur Tape­te, wenn die Figu­ren mit dem Rücken zur Lein­wand sit­zen, auf der sich zwei Gesich­ter in Nah­auf­nah­me küs­sen. Die Welt ist irgend­wo da drau­ßen, hin­ter den Tape­ten, aber die Figu­ren blei­ben gefan­gen in den lieb­li­chen Mus­tern, die eigent­lich Ver­spre­chen einer Schön­heit, eines Frie­dens und eines erfüll­ten Begeh­rens sind.

Mark Rap­pa­port zeigt geschult an Opern, Bres­son und Mythen, wie nah das Uner­träg­li­che und das Lächer­li­che zusam­men­ste­hen. Dazu arbei­tet er mit eini­gen über den Tape­ten hän­gen­den Bil­dern, zwei Schwes­tern und einem Mann. Sie ver­lie­ren die Con­ten­an­ce in Augen­bli­cken eksta­ti­scher Erha­ben­heit, sie fin­den eine klei­ne Schön­heit im wür­de­lo­sen Her­um­al­bern. Eigent­lich ist es ein klas­si­sches Melo­dram mit inzes­tuö­sen Ten­den­zen und einem iro­nisch-kri­ti­schen Blick auf schwer zu tole­rie­ren­de Männlichkeiten.

Die­je­ni­gen Fil­me, die ihre Hand­lung über ein Voice-Over der Figu­ren erzäh­len, die gera­de im Bild zu sehen sind, bil­den sowie­so einen eige­nen, nicht zu unter­schät­zen­den Zweig der Film­ge­schich­te, in ihnen klappt etwas aus­ein­an­der, was den Pro­zess des Schau­ens mit einer sen­ti­men­ta­len Selbst­fin­dung zusam­men­bringt, die von den Prot­ago­nis­ten auf die Zuschau­er über­geht. Man könn­te an India Song von Mar­gue­ri­te Duras den­ken. Ein wich­ti­ges Ele­ment die­ser fil­mi­schen Stra­te­gie ist die im moder­nen Kino so stark in Ver­ges­sen­heit gera­te­ne Kraft ein­zel­ner Ges­ten. The Scenic Rou­te weiß so eini­ges davon, bei­spiels­wei­se, dass die Ges­te nie ganz ein­deu­tig wird und gera­de das ihre Fra­gi­li­tät aus­macht. Wenn Ent­schei­dun­gen von Ges­ten getra­gen wer­den, gibt es nichts, was sie bin­dend macht, des­halb sind sie so ver­füh­re­risch und unwirk­lich. Ein Film, der auf Ges­ten beruht, mul­ti­pli­ziert sei­ne Bedeutungen.

Ob wir eigent­lich nur in Bil­dern leben, ist eine ande­re Fra­ge. Rap­pa­port nähert sich ihr femi­nis­tisch und exis­ten­zia­lis­tisch. Sei­ne Moral mit Hil­fe des berühm­ten Blau­ra­cken­flü­gel von Dürer, der einer der Schwes­tern aus der Schul­ter zu wach­sen scheint: Man zuckt mit den Schul­tern, man wehrt sich, aber man ist macht­los gegen die Natur, wenn man flie­gen will. Oder auch: So oder so ist es bes­ser, man zer­reißt die alten Bil­der und behält nur das, was einem gefällt.