Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Am Siel

Text: David Perrin

Die fünf­te Ein­stel­lung besteht aus einem Kame­ra­schwenk von rechts nach links über das Pan­ora­ma des titel­ge­ben­den Siels, mit den schein­bar sinn­lo­sen, schief in den Schlamm gehäm­mer­ten Holz­pfäh­len ver­schie­de­ner Grö­ßen, die die Gren­ze zwi­schen Was­ser und Land bil­den; das Was­ser selbst wirkt bewe­gungs­los, es spie­gelt nicht ein­mal den grau­en Him­mel; am Ende des Schwenks Häu­ser, die in der trü­ben Land­schaft von ihrer eige­nen Ein­sam­keit zer­drückt wer­den. Eine trü­ge­ri­sche Macht­lo­sig­keit geht vom Siel aus, und im Wahr­neh­men des Bil­des könn­ten einem Wor­te wie „schön“, „poe­tisch“ und „künst­le­risch“ ein­fal­len. Aber das Bild auf sol­che zu redu­zie­ren, wäre nichts wei­ter als eine Zier­de, um die eige­ne Blind­heit zu ver­tu­schen.
Was also gibt es zu sehen?
Auf den ers­ten Blick erscheint das Dorf, an des­sen Ende das alte Siel liegt, trotz der Zei­chen der Zivi­li­sa­ti­on, leer, unheim­lich, ver­ges­sen. Doch dann zeigt sich das ers­te Wesen: Ein Kind mit Schul­ta­sche auf dem Rücken und Müt­ze auf dem Kopf, das eine mat­schi­ge, von Regen­pfüt­zen und kah­len Bäu­men gesäum­te Stra­ße ent­lang­geht. Auf der lin­ken Sei­te zwei­stö­cki­ge Häu­ser mit offe­nen Fens­ter­lä­den, jedes Gebäu­de von Mau­ern umzäunt; auf der rech­ten dün­ne, höl­zer­ne Strom­mas­ten, die zusam­men mit der Stra­ße und dem sich von der Kame­ra ent­fer­nen­den Kind, den Blick zum Hori­zont lei­ten. Dann, für einen flüch­ti­gen Moment (blin­zelt man, ist er schon weg) dreht sich das Kind um, und schaut in die Kame­ra, schaut auf uns. Die­ses Über-die-Schul­ter-Schau­en mag als Sinn­bild für Nest­lers Gesamt­werk gel­ten: Ein Blick in die Ver­gan­gen­heit, auf das, was frü­her mal war und nie wie­der zurück­keh­ren wird, was aber zugleich fluss­ähn­lich, trä­ge oder tobend, in die Gegen­wart fließt, sie überschwemmt.

Was gibt es noch?
Eine alte Frau, die einen Brief in einen Brief­kas­ten wirft, die Back­stei­ne des Post­amts teil­wei­se weiß gebleicht; das an der Mau­er befes­ti­ge Schild mit der komi­schen Auf­schrift „Kraft­post“. Wei­ße Tücher auf einer Wäsche­lei­ne, die hef­tig im Wind flat­tern – unvor­stell­bar, dass sie bei die­sem nas­sen Wet­ter jemals trock­nen.
Was noch?
Arbei­ten­de und trin­ken­de See­män­ner, Kin­der, die Stö­cke als Lan­zen durch die Luft wer­fen, mor­sche, von Sträu­chern über­wu­cher­te Holz­schup­pen, ros­ti­ge Boo­te, die wie tote Tie­re am Ufer her­um­lie­gen, Schiffs­tei­le, die schon längst ihren Zweck auf­ge­ge­ben haben, welt­ab­ge­kehr­te Häu­ser mit wie für immer geschlos­se­nen Vor­hän­gen; Schlamm­be­spritz­te Autos, Mopeds, ölver­schmier­te Gesich­ter, ein Denk­mal aus Stein für die „gefal­le­nen Hel­den“ der bei­den Welt­krie­ge, der Wind, der Hori­zont, der schma­le Him­mel. Das Siel ist der lebens­mü­de Beglei­ter, der mit distan­zier­ter Für­sor­ge beob­ach­tet und mit­er­lebt, wie die Kin­der groß wer­den, wie die See­män­ner ihre Bli­cke auf das wei­te Meer wer­fen, und wie die Alten ihre Gedan­ken an Ver­gan­gen­heit und Zukunft mit Bier und Schnaps weg­spü­len. Ein gedul­di­ges Beob­ach­ten des lang­sa­men Ver­schwin­dens des Dor­fes, das gefan­gen ist zwi­schen einem fer­nen, nie wie­der­keh­ren­den Damals und einem pre­kä­ren Jetzt. „Und ich möch­te wirk­lich manch­mal wis­sen, was zu erzäh­len ist“, sagt das Siel über die Brie­fe schrei­ben­den Ein­woh­ner. Ja, doch irgend­wann wird die Zeit kom­men, wenn es nichts mehr zu erzäh­len gibt.