Notizen zu Peter Nestler: Rheinstrom

Text: Alex­an­der Scholz

Der Rhein fließt. Dar­in trennt und ver­bin­det er. Dort, wo der Strom schnellt, kurz unbe­herrsch­bar erscheint, ist er Anlass zu mythi­schen Erzäh­lun­gen. Zumeist aller­dings schlän­gelt er sich gebän­digt, gar ein­ge­mau­ert, gen Meer: als Handelsroute.

Peter Nest­lers Film Rhein­strom nimmt die­se so basa­len wie gegen­sätz­li­chen Eigen­schaf­ten des Flus­ses auf. Er schmiegt sich ihnen an, um Men­schen und Maschi­nen auf sei­nen Was­sern und an sei­nen Ufern zu zei­gen: ein klei­ner Win­zer, ein Schiffs­ka­pi­tän, Tourist:innen und Trinker:innen, Taue und Kräne.

Wir sehen jene, deren Tag­werk die Natur­be­herr­schung ist, ande­re, die sich vom Tag­werk erho­len, und Maschi­nen, die die­sen Unter­schied nicht ken­nen und nach ihrem eige­nen Takt schlagen.

Nest­ler folgt dem Rhyth­mus einer Mon­ta­ge, die die­se dis­pa­ra­ten Bil­der in immer neue Bezie­hun­gen setzt. Die Hand­grif­fe, die Aus­beu­tung von Mensch und Natur, die Zer­streu­ung, das Dik­tat des Rhein- als Waren­stroms. Der Film stellt die­se Ein­drü­cke ein­an­der nicht als Wider­sprü­che gegen­über, son­dern als Bedin­gun­gen neben­ein­an­der – als Tei­le gesell­schaft­li­chen Han­delns: Die Arbeit am Reb­stock und das Ver­ges­sen der Arbeit, das der Wein erlaubt. Die Pfle­ge der Schif­fe, die es ermög­licht, in ihren Bäu­chen
bald wie­der gif­ti­ge Ladung zu tra­gen. Mate­ria­lis­ti­sche Dia­lek­tik als poe­ti­sche Fügung und Bil­der aus dem Her­zen eines Lan­des, das gut dar­in ist, sei­ne Wider­sprü­che und Bedin­gun­gen zu verdrängen.

Rhein­strom lässt sei­ne Zuschauer:innen mit die­sen Bil­dern nicht allein. Deren Fluss unter­bricht dann und wann eine Stim­me, die meist beschrei­bend, mal ima­gi­nie­rend, Gedan­ken zwi­schen die Bli­cke setzt. „Die Arbeit am Seil erfor­dert Geschick­lich­keit“, heißt es knapp über die Grif­fe eines See­manns. Etwas wei­ter strom­ab­wärts ruft uns die raue Stim­me jene ins Gedächt­nis, die das Pro­spe­rie­ren des Rheins als Wirt­schafts­wun­der­rou­te nicht mehr erle­ben durf­ten. Eine Alte den­ke „sich ihren Sohn zwi­schen den Schup­pen und Schif­fen“ inter­pre­tiert Nest­ler das ein­sa­me Geba­ren einer Frau am Duis­bur­ger Hafenbecken.

Der Film folgt dem Fluss. Das Was­ser gibt die Bewe­gung vor, wäh­rend Män­ner Schif­fe wider die Strö­mung manö­vrie­ren. Unter­wegs hören wir statt der Wogen das Glu­ckern von Schiffs­mo­to­ren – auf Syn­chron­ton ver­zich­tet Nest­ler. Dort, wo die Ufer von Schlö­ten statt Wein­ber­gen gesäumt sind, fließt kein Ries­ling mehr durch Klein­bür­ger­keh­len, son­dern zapft die Wir­tin den Arbei­tern zum Fei­er­abend Bier.

Die Bedingt­heit von Arbeit und Frei­zeit, Pro­duk­ti­on und Rekrea­ti­on, insze­niert Nest­ler genau: Wer schaut von wo? Wel­che Erzäh­lung kommt durch wes­sen Hän­de Arbeit zustan­de? Wel­che Geschich­ten hält der Rhein als eine His­to­rie zusam­men? Wer ist ein­sam? Auf die­se Fra­gen gibt Rhein­strom kei­ne sche­ma­ti­sche Ant­wor­ten, nie­mals wird hier ein Gedan­ke als The­se still­ge­stellt, dem Fluss enthoben.

Wir wer­den in die­ser kur­zen Arbeit aller­dings nicht etwa Zeug:innen des sub­jek­ti­ven Bewusst­seins­stroms eines Auteurs. Viel­mehr sehen wir, wie die Bedin­gun­gen des­sen, was bloß zu sein scheint, neu geord­net wer­den. Der Film traut uns zu und ermun­tert uns, mit ihm zu den­ken. Die betö­ren­de Genau­ig­keit sei­ner Bil­der und Töne sowie deren Fügung wer­den zu einer ein­la­den­den, demü­ti­gen Geste.