Notizen zu Peter Nestler: Ar freden författningsfientlig?

Text: Stefan Ramstedt (aus dem Englischen von David Perrin)

Är freden författningsfientlig? beginnt auf eine eigenartigen Weise. Ein Titelblatt sagt uns, was wir wissen müssen: 

7. November 1978: Der Lehrer Bitterwolf wird zum zweiten Mal verhört. REKONSTRUKTION – Auszüge aus dem Protokoll. 

Drei Männer und eine Frau nehmen Platz an einem Holztisch vor einem Gemälde eines Mannes. Die Frau, offenbar eine Sekretärin, sitzt zwischen den Männern. Zwei von ihnen, die uns zugewandt sind, tragen vor ihren Gesichtern seltsame durchsichtige Masken. Sie sprechen Schwedisch. Der dritte Man, mit dem Rücken zu uns, antwortet auf Deutsch. Ihm wird vorgeworfen, aufgrund seiner Mitgliedschaft der Deutschen Friedens-Union (DFU), ein Kommunist zu sein. Der Mann ist Gerhard Bitterwolf, ein Lehrer, der 1974 wegen seiner politischen Aktivitäten mit einem Berufsverbot belegt wurde. Er versucht zu erklären, warum er keinen weiteren Atomwaffenkrieg will. 

Viele der Filme von Nestler, die er für das schwedische Fernsehen gemacht hat, sind als Antworten auf Fragen entstanden. Wie macht man Glas? Wie wird Eisen hergestellt? Wie funktioniert der Buchdruck? Der Titel Är freden författningsfientlig? endet zwar mit einem Fragezeichen, aber die Frage ist eine rhetorische. Der Film wurde 1981 realisiert und gehört zu einer seiner letzten Filme für das schwedische Fernsehen. Zusammen mit Hiroshima, Fredshuset mitt i krutdurken, und Farlig kunskap,bildet er den Teil eines pazifistischen Aufrufs gegen die unmittelbare Gefahr eines neuen Atomwaffenkriegs. Der Ausgangpunkt des Films war der NATO-Doppelbeschluss, in dessen Folge US-amerikanische Raketen in Westdeutschland stationiert wurden.

Nestler, in Zusammenarbeit mit Schriftsteller und Fernsehproduzenten Kristian Romare, dokumentierte die Aktivitäten der Friedensbewegung zu diesem Zeitpunkt. Doch wie in vielen früheren Filmen von Nestler für das schwedische Fernsehen liegt ein historischer Rahmen den aktuellen Ereignissen zugrunde. Nach der brechtschen Rekonstruktion am Anfang sehen wir Bitterwolf im Büro der DFU, wo er uns Propagandaplakate der vergangenen Jahrzehnte zeigt, auf denen die Friedensbewegung mit der Roten Gefahr in Verbindung gebracht wird. Danach führt ein Mitstreiter von Bitterwolf die beiden durch Nürnberg und zeigt ihnen die Spuren des Zweiten Krieges an den wenigen Resten der alten Architektur in der Stadt, die während des Krieges fast vollkommen zerstört wurde. Gegen Ende des Films fügt Nestler Nachrichtenmaterial von der Ankunft der Atomic Annie in Mainz ein. 

Der Kalte Krieg dauerte schon jahrzehntelang; und sich gegen das Wettrüsten aufzulehnen wurde mit einem antisozialen, fast kriminellen Akt gleichgesetzt. „Demonstriert auf der anderen Seite, wo ihr hingehört!“, schreit eine Dame den Aktivisten der DFU während einer Unterschriftenaktion zu – mit der „anderen Seite“ ist die DDR gemeint. Indem Nestler solche Ausschnitte mit Archivmaterialien, Zeugenaussagen, und visuellen Spuren des Zweiten Weltkriegs verbindet, offenbart er die mächtige Logik der psychologischen Kriegsführung und deren Ausnutzung des Rechtssystems. Är freden författningsfientlig? ist ein einfacher Film. Er ist auch etwas einseitig und deshalb vielleicht selbst verfassungsfeindlich.