Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Die Nordkalotte

Text: Patrick Holzapfel

Ein Film, der sprach­los macht. Dass wir Men­schen über­haupt noch auf dem Pla­ne­ten sind, grenzt an ein Wun­der. Kein Grund, stolz zu sein. Nur Scham und Wut. Peter Nest­ler begibt sich ins Gelän­de der Samen, die man frü­her Lap­pen genannt hat, in den höchs­ten Nor­den Fen­no­skan­di­na­vi­ens also. Dort folgt er Men­schen, his­to­ri­schen Zusam­men­hän­gen und einer Land­schaft, die seit Jahr­zehn­ten aus­ge­beu­tet und zer­stört wird. Dass es anders gin­ge, wird zu Beginn und Ende des Films deut­lich: Tra­di­tio­nel­le For­men des Hand­werks (Flecht­kunst mit Bir­ken­wur­zeln), des Seins nicht bloß in son­dern mit der Welt. Es ist, als hät­te Nest­ler sei­nen Film mit die­sen Bil­dern gerahmt, damit der durch das Gezeig­te auf­kom­men­de Ärger nicht all­zu hoff­nungs­los ermat­tet. Es wäre mög­lich, man sieht es. Aber doch stellt man erschro­cken fest, dass die­ser Film vor über 30 Jah­ren ent­stand. Heu­te schmel­zen in den­sel­ben Gebie­ten Per­ma­frost-Moo­re und set­zen Unmen­gen von Methan frei. Es hilft nichts, man muss hin­se­hen, um zumin­dest zu ver­ste­hen. Es fällt heu­te schwer, noch an Bes­se­rung zu glau­ben. Nest­ler zeigt mons­trö­se Maschi­nen, deren Namen er in sei­nem Voice-Over in aller Bru­ta­li­tät erklin­gen lässt, aus Schlo­ten damp­fen­des Gift, ein Denk­mal für erschos­se­ne Par­ti­sa­nen, das Ster­ben der Fel­chen im See, Waf­fen­fa­bri­ken, Müll­hal­den. Eine Frau berich­tet vom Unheil, das der Ener­gie­kon­zern Vat­ten­fall für sie und ihr Haus gebracht hat. Ein Kind sitzt auf ihrem Schoß. Man fragt sich, wo es ein­mal leben wird, ob es nicht längst aus­wan­dern muss­te. Wer in die­ser Land­schaft das Sagen hat, wird in jedem Bild klar. Die Kame­ra schwenkt unent­wegt, sie zieht auf, wie beim Film gesagt wird, um das Aus­maß einer für Mensch und Umwelt töd­li­chen Kata­stro­phe ein­zu­fan­gen. Wie­der­holt kreu­zen Ren­tie­re das Bild. Sie suchen nach Nah­rung und flie­hen. Die für sie über­le­bens­wich­ti­gen Flech­ten gibt es nicht mehr. Statt­des­sen huschen sie durch eine unend­li­che Geröll­wüs­te, stol­pern über die Anla­ge eines Erz­berg­werks. Wie so oft fasst der Fil­me­ma­cher das sich vor der Kame­ra abspie­len­de Grau­en mit einem so schlich­ten wie wir­kungs­vol­len Satz zusam­men: Man hat aus einem Berg ein Tal gemacht. Heu­te wol­len vie­le sol­che Fil­me dre­hen, als wäre die soge­nann­te Kli­ma­kri­se eine neue Ent­wick­lung oder noch schlim­mer, als wäre sie ein Gen­re. Nest­ler leis­tet genau das, was zu leis­ten wäre: Statt ästhe­ti­scher Ergöt­zung am fil­mi­schen Spek­ta­kel einer zer­stör­ten Land­schaft ein ana­ly­ti­sches Erkun­den der Ursa­chen und Wir­kun­gen. Statt des roman­tisch ver­klär­ten Wider­spruchs zwi­schen Mensch und soge­nann­ter Natur, ein Auf­zei­gen der Zusam­men­hän­ge allen Lebens. Statt einer ohn­mäch­tig vor­ge­tra­ge­nen Empö­rung oder mani­pu­la­ti­ver Schock­bil­der betrof­fe­ner Lebe­we­sen der Ver­such, den geschicht­li­chen Ablauf in den Bil­dern sicht­bar zu machen.