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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Picasso in Vallauris

Text: Ralph Eue

La guer­re et la paix, die monu­men­ta­le Aus­ge­stal­tung einer Kapel­le in Val­lau­ris, ent­stan­den in den Jah­ren 195152, war für Picas­so ein „Werk gegen alle Krie­ge“, etwas, das die Kir­che zum pan­the­is­ti­schen „Tem­pel des Frie­dens“ qua­li­fi­zie­ren soll­te. Als eines sei­ner bekann­tes­ten Wer­ke, war es ver­mut­lich Aus­lö­ser und Anlass für Nest­lers Film, der im Zusam­men­hang der Köl­ner Aus­stel­lung Der geteil­te Picas­so. Der Künst­ler und sein Bild in der BRD und der DDR (2021) pro­du­ziert wur­de. Dem kom­ple­xen Dyp­ti­chon wird viel Raum im Film ein­ge­räumt. Und ja, es ist die Haupt­sa­che, dabei aber nur ein Wesent­li­ches unter anderen. 

Prä­sen­ter Ein­druck, von den ers­ten Momen­ten des Films an, dass Nest­lers Annä­he­rung an Picas­so mit dem Vor­satz geschah, über den Maler mit größt­mög­li­cher Ein­fach­heit zu spre­chen. Auch mög­lichst die Kom­men­ta­re, Exege­sen und Über­trei­bun­gen zu ver­ges­sen, die sein Werk her­vor­ge­ru­fen haben, „um die­se mys­ti­fi­zie­ren­de Schicht, die sei­ne Bil­der bedeckt, abzu­wa­schen“. Clau­de Roy, ein Freund Picas­sos, hat die­sen Gedan­ken for­mu­liert. Er wird im Film zitiert. 

Picas­so in Val­lau­ris beginnt mit der Abbil­dung eines Exem­plars der Radie­rung Mino­tau­ro­ma­chie, gefolgt von einer nahen Ein­stel­lung auf die Signa­tur mit Zueig­nung und Datie­rung unten rechts. Zu hören ist: „Die Wid­mung an die Freun­de, den Dich­ter Paul Éluard und sei­ne Frau Nusch, Paris 5. März 1936“. 

Ein lako­ni­scher Satz, gespro­chen von Nest­ler selbst, in unver­kenn­ba­rer Son­o­ri­tät, ent­schie­den, fest und apo­dik­tisch. Er scheint das ohne­hin zu Sehen­de nur zu ver­dop­peln, stellt indes aber eine Set­zung dar, die im Wei­te­ren unbe­irr­bar ver­zweigt und ver­tieft wird, dabei Haupt- und manch­mal auch Neben­we­ge einschlägt.

Über einer Foto­gra­fie aus Picas­sos Ate­lier, wie­der­um Nest­lers Stim­me: „Éluard und Picas­so waren wie Brü­der. Links Éluard, der wäh­rend des Krie­ges im Wider­stand war. Zu Picas­so sag­te er: ‚Du hältst die Flam­me zwi­schen dei­nen Fin­gern und du malst wie ein Feu­er‘. 1944 wur­de Picas­so Mit­glied der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Frankreichs.“ 

Einer der Fäden, denen Nest­ler in Picas­so in Val­lau­ris durch­ge­hend folgt, ist das Netz­werk der Freun­de des Malers und, orga­nisch dazu­ge­hö­rig, die Stel­lung die­ses Netz­werks im Ver­hält­nis zum Natio­nal­so­zia­lis­mus bezie­hungs­wei­se der deut­schen Beset­zung Frank­reichs bezie­hungs­wei­se dem Vichy Régime bezie­hungs­wei­se der fran­zö­si­schen Résis­tance. Bei allen Freun­den des Malers, die im Zusam­men­hang von Nest­lers Betrach­tun­gen Raum bekom­men, fin­det aus­drück­lich auch deren Schick­sal im Zusam­men­hang der dun­kel­grau­en Jah­re Erwähnung.

Über Michel Sima etwa hört man Nest­ler sagen: „Die­se Foto­gra­fien stam­men von Michel Sima, Bild­hau­er und Foto­graf. Schon vor dem Krieg gehör­te er zu Picas­sos und Ger­tru­de Steins Freun­des­kreis. Er hat Ausch­witz über­lebt.» Mehr als ein dut­zend­mal ist vom Netz­werk der Freun­de die Rede. 

Wei­te­re Fäden, die für Nest­ler eine Rol­le spie­len: das Krea­tür­li­che in Picas­sos Arbeit, sei­ne Ver­wur­ze­lung in einer Welt, wor­in der Mensch bloß ein Wesen unter ande­ren ist und nicht die Kro­ne der Schöp­fung. Ein­mal trägt der Fil­me­ma­cher eine Über­le­gung des Malers dazu vor: „Mein gan­zes Leben lang habe ich nur geliebt. Wenn nie­mand mehr auf der Welt wäre, wür­de ich eine Pflan­ze lie­ben oder einen Tür­knopf. Ein Leben ohne Lie­be ist undenk­bar.“ Die Wor­te sind zu hören, wäh­rend ein Foto von Picas­so zu sehen ist, auf dem er ein gro­ßes Insekt in sei­ner Hand betrach­tet – eine Got­tes­an­be­te­rin, die auch Son­nen­an­be­te­rin heißt.

Den gan­zen Film prägt tie­fer Respekt vor der Hän­de Arbeit. Picas­so damals: eine Pas­sa­ge aus Incon­tra­re Picas­so (1953), einem Film von Lucia­no Emmer. Picas­so in einer Kera­mik­werk­statt. Im Bild­hin­ter­grund ein Töp­fer­kol­le­ge an der Dreh­schei­be, der das Tun Picas­sos rät­selnd beäugt. Vorn Picas­sos Hän­de. Sie ver­wan­deln das, was ein­mal eine Vase war, um dar­aus, wie selbst­ver­ständ­lich, einen Vogel erste­hen zu las­sen. Etwas Leben­di­ges. Dazu ein Zitat Coc­teaus, der zu Picas­so gesagt haben soll: „Du drehst ihnen den Hals um, und sie begin­nen zu leben.“

In einer ande­ren Sequenz: Val­lau­ris heu­te. Die Begeis­te­rung eines 91-jäh­ri­gen Kera­mi­kers, den die Erin­ne­rung an Picas­so zu ent­flam­men scheint und der spä­ter die siche­re Arbeit der Hän­de eines jun­gen Hand­wer­kers an der Dreh­schei­be andäch­tig bewun­dert. Dazu die stil­le Betrach­tung des Hoch­zie­hens einer Vase. 

„Es ließ sich leich­ter über­le­gen, wenn man ging oder etwas tat, oder wenn man Leu­te sah, die etwas taten, wor­auf sie sich ver­stan­den“. Das wird nicht im Film gesagt. Heming­way notier­te den Satz, aber mir scheint, als sei dar­in auch gesagt, was die­sen Film auszeichnet.

Picas­so in Val­lau­ris endet mit einer lan­gen ‚Kin­der­se­quenz‘: Beob­ach­tun­gen in der Mal­klas­se einer Schu­le von Val­lau­ris heu­te. Momen­te der kon­zen­trier­ten Stil­le. Augen­bli­cke des frei­en kind­li­chen Spiels, das zugleich erfüll­te Arbeit ist. Beleb­te Gegenwart.