Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Bilder fran Vietnam

Text: David Perrin

Die Bil­der der von den USA im Viet­nam­krieg began­ge­nen Kriegs­ver­bre­chen (wie auch in Laos und Kam­bo­dscha) sind welt­be­kannt. Doch die Bil­der, die in die­sem Film vor­kom­men, sind ande­re. Die Foto­gra­fien von Tho­mas Bill­hardt, der aus der ehe­ma­li­gen DDR stammt, zei­gen ein Volk, das nicht erlaubt wider­stands­los ver­nich­tet zu wer­den. Bil­der einer Volks- sowie eine Kulturverteidigung.

Am Anfang ein Son­nen­auf­gang unter einem gro­ßen Him­mel; klei­ne Wol­ken über einer Gebirgs­land­schaft. Dazu Zsó­ka Nest­lers Stim­me aus dem Off: „Wenn die Son­ne auf­geht über Viet­nam, Laos und Kam­bo­dscha, wis­sen die Men­schen dort, dass es ein schlech­ter Tag wird.“ Spä­ter im Film ist die Ursa­che für jene schlech­ten Tage zu sehen: Ein US-ame­ri­ka­ni­scher Kriegs­pi­lot, der gefan­gen genom­men wur­de, nach­dem sein Flug­zeug abge­schos­sen wur­de. Die Bau­ern fra­gen ihn, war­um er Bom­ben auf sie wirft. Der Pilot starrt sie ahnungs­los an.
Die Bil­der zei­gen auch eine Kehr­sei­te: Kin­der, die all­täg­li­che Gegen­stän­de in Spiel­zeu­ge ver­wan­deln; Dorf­hand­wer­ker, die Farb­holz­schnit­te auf Papier dru­cken, selbst wenn Papier rar ist in Nord­viet­nam: „Sie machen auch das Papier und sie machen die Far­ben wie seit vie­len hun­dert Jahren.“

Zsó­ka Nest­lers Kom­men­tar zu den Bil­dern besteht aus ein­fa­chen Sät­zen, und es ist eben die­se Ein­fach­heit, bei­na­he Tro­cken­heit, die den Bil­dern eine zusätz­li­che Kraft ver­leiht und einen inner­lich ver­stum­men lässt. Sät­ze wie: „Nach­dem sie Nord­viet­nam vier Jah­re lang bom­bar­diert hat­ten, mach­ten die USA eine Bom­ben­pau­se. Sie war­fen wohl Bom­ben, aber nicht so oft.“ „Die Ame­ri­ka­ner sind wie­der weg­ge­flo­gen. Sie bom­ben woan­ders. Oder sie kom­men spä­ter zurück.“ „Eine Woche nach­dem die­se Fotos gemacht wur­den, ist das Dorf bom­bar­diert wor­den. Die meis­ten Kin­der sind tot.“
Jeder ihrer Sät­ze ist eine Fest­stel­lung. Die Stim­me ist mono­ton, sach­lich, ohne beson­de­re Into­na­ti­on, ohne geküns­tel­te Sprech­me­lo­dik oder Sen­sa­ti­ons­gier, wie es bei den Nach­rich­ten­re­por­tern in den Mas­sen­me­di­en üblich ist, mit ihrem schein­hei­li­gen Mit­leid und ihrer emo­tio­na­len Mani­pu­la­ti­on, die nichts ande­res in den Zuschau­ern aus­löst als eine kör­per­li­che Ermü­dung. Die Sach­lich­keit, die aus Zsó­ka Nest­lers Stim­me dringt, regt an, – gera­de weil sie nicht von den dar­ge­stell­ten Gräu­el­ta­ten ablenkt – tat­säch­lich zuzu­hö­ren und sich dar­über hin­aus, die Bil­der wirk­lich anzu­schau­en. Anders gesagt: Erst durch Zsó­ka Nest­lers Stim­me wer­den die Bil­der sicht­bar, wahrnehmbar.

Was man in die­sem Film der Nest­lers lernt (denn bei ihren Fil­men kann man tat­säch­lich etwas ler­nen), ist, dass sich nichts ver­än­dert hat. Alles bleibt beim Glei­chen. Die Ver­su­che, ein gan­zes Volk zu zer­stö­ren, wo auch immer, gehen wei­ter. (Nicht ein­mal die Metho­den schei­nen sich ver­än­dert zu haben.) Dies mag zynisch, resi­gniert klin­gen. Man muss hier an den Anfang von Väfor är des Krieg? den­ken, als Nest­ler sagt: „Man­che sagen, Krieg hat es immer gege­ben. Es wird Krieg immer geben. Wenn sie so reden, geben sie sich selbst auf oder sie wol­len die Leu­te betrü­gen.“ Doch was Bil­der från Viet­nam auch lehrt, ist, dass es die Mög­lich­keit gibt, ande­re, men­schen­wür­di­ge­re Bil­der zu zei­gen, die anders sind als die, die täg­lich in den Nach­rich­ten gelie­fert wer­den; Bil­der, die einen wei­te­ren Blick über den beschränk­ten Rah­men des Fern­seh­bild­schirms hin­aus ermög­li­chen. Das ist auch ein Widerstand.