Notizen zu Peter Nestler: I Budapest

Text: Frederik Lang

Schneetreiben. Die Aufschrift auf der Seitentür eines Lastwagens mit Pritsche verrät den Ort: Budapest. Blick vom Budaer Burgberg hinab nach Pest, auf die Donau, das Parlament. Bauarbeiten. Der Lastwagen gehört wohl dazu. Die Kamera verweilt länger auf zwei Männern, Bauarbeitern. Die Bilder werden dadurch zu Porträts. Die Porträtierten geben sich Mühe, das Porträtiertwerden nicht zu zeigen. Es gelingt ihnen nicht wirklich. Kurz darauf ein dritter Mann. Er lächelt in die Kamera. Aus dem Off erklingen ungarische Worte. Ein kurzes Erschrecken: Ob in der Archivdatenbank eine falsche Sprachfassung der 16-mm-Kopie verzeichnet ist? Nach einigen Sätzen setzt die vertraute Stimme Nestlers ein. Er wiederholt wohl das auf Deutsch, was zuvor auf Ungarisch gesagt wurde. Die ungarische Stimme verstummt. Nestler spricht alleine weiter.

Der lächelnde Mann ist die Person, um die es fortan gehen wird. Ein Korbflechter, 1909 geboren. Er ist also zum Zeitpunkt der Aufnahme sechzig Jahre alt. Er spricht von der Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren, die 1929 am schlimmsten war: Volksküchen servierten dünne Suppen, um die Menschen überhaupt auf den Beinen zu halten. Viele schliefen im Volkspark, dessen Name so einen anderen Klang bekommt. Wohl auch bei solchem Wetter, wie es im Film zu sehen ist. Schneetreiben in den Straßen, Menschen mit Hüten, Eisschollen auf der Donau. Schöne Bilder aus einer tristen Jahreszeit. Ein Kind schaut sich neugierig zur Kamera um.
Den Bauern geht es heute besser, sagt Nestler, damals war Elend. In den Gesichtern der Holzfiguren, die er vermutlich in einer Kirche aufgenommen hat, ist das Leiden festgehalten; Leiden aus einer anderen Zeit, das aber für viele Zeiten stehen kann: Für den Krieg, die Zerstörung der Stadt, das Elend danach. Beiläufig eingefangen ein Plakat: 1918-1968. Unabhängigkeit und gerade vergangene Gegenwart. Die zweite Jahreszahl ist in meiner Vorstellung mit anderen Orten verknüpft: Prag, Paris, Berlin.

Frauen montieren Elektrogeräte. Ein Bruch. Sie verrichten aber ebenso Handarbeit wie der Korbflechter, dessen Erzählstimme Nestler übernimmt, vorführt: 1953 haben sie die Kooperative gegründet, mit fünfzehn Leuten. Heute sind es zweihundertachtzig Mitglieder. Die Gegenrevolution von 1956 warf sie nur vorübergehend zurück, sagt er; in nicht-sozialistischen Geschichtsbüchern heißt sie anders.
Bücher in einer Bibliothek. Ernst dreinblickende Menschen schreiben, lesen, denken. Die Mitarbeiterinnen im weißen Kittel an der Ausleihtheke schwatzen miteinander. Die Korbflechter-Kooperative exportiert, vor allem Rohrmöbel sind im Ausland gefragt. Es gibt aber einen Mangel an Arbeitskräften, „es gibt keine Arbeitslosigkeit mehr in Ungarn“, sagt Nestler. Er wird bald in Pension gehen, sagt der Korbflechter. Seine ungarische Stimme ist nun zurück, kündigt das Ende des Films an.

Noch einmal Eindrücke der Stadt, Menschen am Bahnhof, ein Blick über die Dächer. Diesmal von weiter unten, direkt aus der Stadt gefilmt. Fahles Winterlicht. Es war ein grauer Tag. Vielleicht umfasst der Film nur einen einzigen Tag. Doch da war der Sonnenstrahl auf der Wange des lächelnden Korbflechters; ebenfalls ein einziger.