Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Varför är det krig?

Text: Max Grenz

War­um ist Krieg? Die Fra­ge scheint zu kom­plex, um sie in einem Kurz­film beant­wor­ten zu kön­nen, zugleich stellt sie sich zu dring­lich, um es nicht zu ver­su­chen. Denn wer sie ernst nimmt, ver­sucht nicht ein­fach die fort­wäh­ren­de Exis­tenz von Krie­gen zu begrün­den, son­dern fragt nach ihren Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen, die es zu über­win­den gilt. Das In-Fra­ge-stel­len des Krie­ges muss Grund­vor­aus­set­zung jedes ernst­haf­ten Ant­wort­ver­suchs sein, wie die ein­lei­ten­den Sät­ze klar­stel­len: „Man­che sagen ‚Krieg hat es immer gege­ben, es wird immer Krieg geben.‘ Wenn sie so reden, geben sie sich selbst auf oder sie wol­len die Leu­te betrü­gen. Ent­we­der sind sie zu faul gegen Krieg zu kämp­fen, oder sie sind dabei Krieg zu orga­ni­sie­ren.“ Erst nach­dem die Fra­ge vom Gleich­mut auf der einen, und der Kom­pli­zen­schaft mit dem Krieg auf der ande­ren Sei­te abge­grenzt wur­de, erscheint sie als Titel des Films.

Die ers­te Ein­stel­lung wie­der­um zeigt an, für wen die Fra­ge gestellt wird: Bild­fül­lend erschei­nen die Augen eines Klein­kin­des in Groß­auf­nah­me. Den Kopf leicht zur Sei­te geneigt, schau­en sie mit so neu­gie­ri­gem wie unver­ständ­li­chem Aus­druck gen Kame­ra. Wie eine stum­me Inter­punk­ti­on taucht die­ser Blick immer wie­der zwi­schen den Epi­so­den des Films auf, die nichts Gerin­ge­res ver­su­chen als eine Her­lei­tung des Kriegs von den Anfän­gen der Mensch­heits­ge­schich­te bis zur Gegen­wart. Es ist ein Blick, der nichts vor­aus­zu­set­zen scheint, ide­al für eine unvor­ein­ge­nom­me­ne Suche nach der Wahr­heit. Gleich­zei­tig gibt der kind­li­che Blick Ton­fall und Struk­tur der Erzäh­lung vor, die in ein­fa­chen All­ge­mein­aus­sa­gen gehal­ten ist. Sät­ze begin­nen mit For­mu­lie­run­gen wie „Es geschah oft, dass …“, „Nach einer Wei­le …“, oder „In man­chen Tei­len der Welt …“. Selbst his­to­risch so ein­ma­li­ge und spe­zi­fi­sche Vor­gän­ge wie Revo­lu­tio­nen wer­den resü­miert in dem Satz: „Es kam vor, dass sie Revo­lu­ti­on mach­ten.“ In sei­ner Form nähert sich der Text teil­wei­se Mär­chen und Mythen an, inhalt­lich aber weist er sie als mög­li­che Erklä­rungs­an­sät­ze zurück. So wer­den gleich zu Beginn mit Blick auf Kain und Abel Hass oder Wut als Ursa­chen des Krie­ges abge­lehnt: „Krieg wird vor­be­rei­tet. Das braucht Zeit.“

Genau­so ent­steht die Kom­ple­xi­tät des Films erst all­mäh­lich. Erst im Lau­fe der Erzäh­lung fin­det ein zuneh­men­der Pro­zess der Dif­fe­ren­zie­rung statt: vom „Sta­di­um der Wild­heit“ aller Men­schen hin zum ein­zi­gen nament­lich genann­ten Kriegs­trei­ber Hit­ler; von einer unbe­stimm­ten Viel­zahl von Kämp­fen zwi­schen Stäm­men zum deut­schen Über­fall auf Polen am 1. Sep­tem­ber 1939. Mit der Zeit wird die Geschich­te der Kolo­nia­li­sie­rung als christ­li­ches Pro­jekt, die Kriegs­men­ta­li­tät als männ­li­che prä­zi­siert. Außer­dem wer­den wie­der­keh­ren­de Mus­ter in der Geschich­te erkenn­bar. Etwa beginnt die Vor­be­rei­tung zum Töten bereits in der Kind­heit durch Ideo­lo­gie und Pro­pa­gan­da, sei es bei der Ver­mitt­lung männ­li­cher Tugen­den für Rit­ter und Adli­ge oder im rück­sichts­lo­sen Kon­kur­renz­den­ken der US-ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft. In die­sem Sin­ne, so könn­te der Leit­satz des Films lau­ten, muss die Wahr­heit auf eine Wei­se ver­mit­telt wer­den, die auch Kin­der ver­ste­hen kön­nen, bevor es zu spät ist.

Zur Illus­tra­ti­on der Indok­tri­nie­rung wer­den nicht etwa Bei­spie­le von poli­ti­scher Pro­pa­gan­da her­an­ge­zo­gen, son­dern Kunst­wer­ke gezeigt, die den Schre­cken der resul­tie­ren­den Kata­stro­phen fest­ge­hal­ten haben. So doku­men­tiert War­um ist Krieg? par­al­lel zur Genea­lo­gie des Krie­ges auch eine Geschich­te der Kunst, die es ver­mocht hat, gegen die Inter­es­sen der Mäch­ti­gen dem Leid der Macht­lo­sen ein Bild zu geben. Denn für jede Zeit gilt: „Die am schlech­tes­ten dran waren im Frie­den, lit­ten am meis­ten im Krieg.“