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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Der offene Blick

Text: Eh-Jae Kim

Zwei Frau­en, Git­ta Martl und ihre Toch­ter Nico­le Sevik, sit­zen neben­ein­an­der auf einer höl­zer­nen Bank. Jede von ihnen hält das Buch »Bleib Stark« von Martl vor sich auf­ge­schla­gen. Abwech­selnd lesen die Frau­en aus ihm vor, zuerst auf Deutsch, dann auf Roma­nes. Wie auf die bei­den Sei­ten eines auf­ge­schla­ge­nen Buches sieht man auf die zwei Geschwis­ter­fil­me Unrecht und Wider­stand und Der offe­ne Blick von Peter Nest­ler. Der ers­te Film spricht von der Wider­stands- und Bür­ger­rechts­be­we­gung der Sintizze und Romnja in Deutsch­land, der letz­te­re von ihrer künst­le­ri­schen Arbeit in Euro­pa. Bei­de Fil­me sind mit­ein­an­der ver­floch­ten, öff­nen sich jedoch ande­ren Fra­gen und Stimmen.

Der offe­ne Blick. Am Moritz­platz in Ber­lin. Gale­rie Kai Dik­has. Der Kura­tor der Gale­rie Moritz Pan­kok erklärt, ihr Name ist Roma­nes und steht für »Wo du siehst« oder »Ort des Sehens« oder »Wo du sehen wirst«.

Vie­le For­men des Bli­ckens, des Hörens, des Spre­chens, des Füh­lens kom­men im Lau­fe des Fil­mes zusam­men: Ein phil­har­mo­ni­sches Orches­ter oder ein allein ange­stimm­tes Lied neben dem Mur­meln des Baches. Gedich­te und Kurz­ge­schich­ten, die von Leid und Erin­ne­rung erzäh­len. Sozia­le Räu­me, in denen Kin­der ler­nen, sich krea­tiv aus­le­ben und spie­len kön­nen. Abblät­tern­de Far­ben der Por­träts, die sich ihrem Ver­ges­sen wider­stre­ben, oder ein fil­mi­sches Por­trät einer Künst­le­rin und ihrer Bil­der, die eine Kind­heit im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger erinnern.

Es stellt sich die Fra­ge, wes­sen offe­ner Blick? Was heißt offen? Ist es eine Auf­for­de­rung, sich dem Film und dem Sujet mit einem offe­nen Blick zu nähern? Sind es die offe­nen Bli­cke der Prot­ago­nistinnen, an denen wir teil­ha­ben dür­fen? Oder ist es eine Pro­kla­ma­ti­on der eige­nen Arbeits­wei­se, also so wie die Fil­me­ma­cherinnen sich dem The­ma nähern?

Vor allem ist es eine Form der Selbst­re­fle­xi­on. Die Film­wis­sen­schafl­te­rin Rad­mi­la Mla­de­no­va erklärt, dass anti­zi­ga­nis­ti­sche Erzäh­lun­gen und Figu­ren bereits seit Beginn der Film­ge­schich­te exis­tie­ren. Film ist dem­nach nicht zu tren­nen von sei­ner Geschich­te der Ver­brei­tung ras­sis­ti­scher Vor­ur­tei­le. Im Erbe um eine sol­che Geschich­te geht Der offe­ne Blick noch einen Schritt wei­ter und hin­ter­fragt das eige­ne Schaf­fen, was es heißt einen Film zu machen, wel­cher – wie es im Titel heißt – die Künst­le­rin­nen und Künst­ler der Sin­ti und Roma the­ma­ti­siert ohne eine gleich­zei­ti­ge Mar­gi­na­li­sie­rung und ein­engen­de Rah­mung ihrer Kunst zu wiederholen.

Der Film gewinnt an enor­mer Span­nung, da er sich des eige­nen Bli­ckens bewusst ist, und an Kraft, da er die­se Span­nung nie auf­löst. Die Gedan­ken und Moti­ve, die über den Film hin­weg in ver­schie­de­nen Arbei­ten und Lebens­ge­schich­ten her­vor­tre­ten – beson­ders ein­dring­lich das des Por­träts –, machen eine Form des Sehens mög­lich, wel­che mit jeder neu­en Wie­der­ho­lung die Kom­ple­xi­tät des Bli­ckens ver­stärkt. Der Film erschafft kei­nen Ort, von dem man aus sicher beob­ach­ten kann, aber kre­iert genug Raum für ein Den­ken, er löst nicht das Pro­blem des fil­mi­schen Bli­ckes, aber wagt ein Sehen, und er fin­det kei­ne kla­re Ant­wort zu den Fra­gen, die er sel­ber auf­wirft, aber lässt uns hören, was die Prot­ago­nistinnen des Films erzäh­len kön­nen. Er ver­weist auf das Werk der zahl­rei­chen Künst­lerinnen, mit denen man sich wei­ter beschäf­ti­gen sollte.