Notizen zu Peter Nestler: Die Hasen fangen und braten den Jäger

Text: Ivana Miloš

Mit Unterdrückung kann es nie gut laufen und was nicht gut läuft, kann auch nicht gut enden. Eine einfache Lektion, die bis heute nicht bei den Menschen angekommen zu sein scheint. Peter Nestler übersetzt sie in seinem Film Hararna fångar och steker jägaren in eigene monochrome Kohlezeichnungen basierend auf Meistersinger Hans Sachs’ gleichnamigem Gedicht über die „verkehrte Welt“. In dieser Fabel sind die Hasen diejenigen, die den Jäger fangen. Aber nicht nur der Jäger hat vor ihrer überwältigenden Anzahl und Wut etwas zu fürchten – die Hunde, seine Helfer, werden auch nicht verschont. Füchse und Wölfe andererseits, die vermeintlichen Feinde des Hasen, werden zu einem gemeinsamen Essen eingeladen, wo die Hunde verspeist werden. Die wilden Tiere einigen sich gegen ihre Peiniger: Alle nehmen teil, weil dieses Fest eine Anregung zum Gleichgewicht ist, zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit. Mit dieser Zukunft vor Augen kann auch Hase neben Fuchs ruhig sitzen. In der unwürdigen Behandlung und Qual vonseiten der Menschen sind alle Wildtiere gleichgestellt und vereint.

Eine mutmaßliche Warnung an die Herrschenden nach einem niedergeschlagenen Bauernaufstand im 16. Jahrhundert. Sachs’ Gedicht wurde auf einem Blatt zusammen mit einem Holzschnitt von Georg Pencz gedruckt. Pencz, der als einer von drei „gottlosen“ Nürnberger Maler verurteilt und aus seiner Stadt verbannt wurde, stellt in seinem Druck die Basis für Nestlers Auseinandersetzung mit dem Gedicht dar. Ausnahmsweise erkundet der Filmemacher in diesem Film nicht die Kunst anderer – Penczs Holzschnitt ist nie zu sehen – sondern illustriert selbst die Ungerechtigkeit der Welt und ihre Wendung. Dazu gehört nicht nur der Aufstand der Hasen, sondern auch Beispiele der Tyrannei, wie die Julius Caesars, die Sachs im Gedicht zitiert.

Der dunkle Wald am Anfang des Gedichts und Films wird durch die Kohlezeichnungen zu einem atmosphärischen Zustand, der sich auf die darauffolgenden Bilder überträgt und den Erzähler umhüllt. Erst sein zufälliger Blick in Richtung des Flüsterns, das er „neben der Straße“ hört, lässt ihn die Hasen und ihr Fest erblicken. Abseits vom Weg sind viele Geschichten zu finden, und oft widersprechen sie dem gut eingeschlagenen Kurs. Der Jäger wurde gerade gefangen, als der Erzähler auf die Festlichkeit stößt: seine Untaten, über die ein alter Hase berichtet, bevor das Hasenvolk sein Urteil über ihm fällt, werden zuerst von Nestler gezeigt. Die Masse bindet ihn an einen Bratspieß erst, nachdem 350 Hasen-Totenschädel, Opfer des Jägers, bereits vorliegen. Ohne Zusammenhalt wäre nie etwas passiert, meint der Alte. Nicht ohne die neuen Generationen, die mit dem Wissen aufgezogen wurden, was der Jäger ihren Vorfahren angetan hat, und ihrem inneren Bedürfnis, sich dagegen zu wehren.

Wie so oft bei Nestler stellt sich die Frage: Wie kann der aufgezeichnete Widerstand spürbar gemacht und kommuniziert werden? Bevor sich die Hasen zusammentun und die Welt auf den Kopf stellen, hat jeder für sich noch die Chance zu erkennen, ob man in dieser am Ende des Tages lieber ein Hase oder Jäger wäre. Die daraus entstehenden Folgen lassen sich nicht herunterspielen, die Macht der Hasen aber auch nicht.