Notizen zu Peter Nestler: Die Hohlmenschen

Text: Eva Kirsch

Das Orchester spielt sich ein. Töne werden angestimmt, das Zusammenspiel schwillt zu einem vielstimmigen Chaos an. Die Geräusche klingen ab, dann: das erste Bild. Die Aufnahme einer Holzmaske, auf moosbewachsenem Stein. Offener Mund, offene Augen, dahinter leer, ausgehöhlt. In ihren Gesichtszügen eine Spur von Trauer, von Schrecken, gepaart mit eigentümlicher Ruhe. Eine unergründliche Schwere scheint hinter ihren leeren Augen zu liegen. Dieser kurze Moment des Innehaltens verstreicht und der Film galoppiert los. Tuschezeichnungen Peter Nestlers folgen rhythmisch aufeinander, seine dunkle Stimme legt sich ausdrucksstark über die Tonfolgen des Orchesters. Der Filmemacher liest eine Kurzgeschichte des israelischen Autors Etgar Keret: Im Zentrum des Erzählten steht das Band zwischen einem Jungen und seinem Vater. Die Geschichte entspinnt sich anhand des gesprochenen Texts sowie der simultan eingeblendeten Tuschezeichnungen, die das Erzählte bebildern: Die Hohlmenschen, die da draußen an die Tür hämmern, erklärt der Vater, sind Menschen ohne Körper, ohne alles, bloß Stimmen. Er hält seinen Sohn im Arm, auf dem Teppich mit dem Rücken am Klavier. Flüsternd nimmt er die Aussagen der da draußen vorweg, als würde er ihnen soufflieren. Als der Sohn selbst beginnt, die Sätze den Hohlmenschen vorzusagen, verfliegt das Gefühl der Bedrohung. Was bleibt, ist die starke Dichotomie zwischen dem Innen und Außen, dem Wir und Sie. Hier drinnen das geschützte Zuhause, die Familie und da draußen, die Anderen, die in den Schutzraum, das Versteck eindringen wollen. Die diffuse Bedrohung vom Anfang wird abgelöst von tatsächlichen Verlusterfahrungen: die Mutter stirbt, der Vater auch. Am Ende stellt sich der Junge die Frage, ob er selbst „einer von ihnen“, denen da draußen, den Hohlmenschen ist.

Kindheitserinnerungen zwischen Geborgenheit und Bedrohung: Etgar Kerets (alb-)traumähnliche Erzählung ist gleichsam konkret wie flüchtig und eröffnet dadurch unterschiedliche Deutungsräume. Beim Versuch das Gesehene und Gehörte zu fassen, ihm eine finale Interpretation zuzuschreiben, entgleitet mir die Geschichte jedoch immer wieder. Nestlers reduzierte, gleichweg poetische Miniatur lässt sich nicht analysieren, sperrt sich dem Versuch der Dechiffrierung, oder anders formuliert: ich verstehe sie nicht. Also beschwichtige ich den langjährig kultivierten Drang, dem Wahrgenommenen einen konkreten Sinn zuschreiben zu wollen, die Deutungswut gewissermaßen, die sich die allegorischen Elemente des Films einverleiben und mit klugen Erklärungen ausstaffieren möchte. Auch die historischen Assoziationen und die um Kerets Familiengeschichte kreisenden Gedanken schiebe ich beiseite. Wozu versuchen immer alles zu entschlüsseln?

Stattdessen lasse ich mich hineinfallen – oder eher hineinziehen? – in den eigenwilligen Sog, den die atmosphärische Dichte von Erzählung und Bebilderung erzeugt, versuche nachzufühlen, statt nachzudenken. Tauche ein in die in ihrem Hang zum Surrealen an Kafka erinnernde Welt zwischen Prosa und Tuschelinien, starrem Maskengesicht, auf- und abschwillendem Orchester. Das Musikstück von Alban Berg treibt die Geschichte vor sich her, wobei ich Nestlers körperlose Stimme zunehmend als ein weiteres Instrument wahrnehme. Mal verspricht sie Geborgenheit, mal evoziert sie ein Gefühl von Bedrohung. Sie verschränkt sich mit der Bildebene, vornehmlich geprägt durch Nestlers Zeichnungen, dazwischen immer wieder Aufnahmen der Holzmaske und einmal ein Gemälde vor steinernem Hintergrund. Es zeigt die Rückansicht eines kleinen und eines großen Menschen – Elternteil und Kind? Sie scheinen gemeinsam im Sonnenuntergang auf einen Wald zuzulaufen, während Nestler vom Tod der Mutter spricht. Mit seinen roten Farbakzenten steht das Gemälde im Kontrast zu den Zeichnungen mit schwarzen Tuschestrichen auf weißem Grund. Diese wirken dynamisch, skizzenhaft, mit lockerer Hand geführt. Die dargestellten Gesichter sind expressiv moduliert, fast maskenhaft, Hintergründe werden ausgespart oder bleiben angedeutet. So oder so ähnlich verhält es sich auch mit meiner Seherfahrung: ich konzentriere mich auf die Protagonist*innen, ihre von mir antizipierten Emotionen, und kann den Kontext, das Außen, die Gesamtsituation nur schwer fassen. Das Kind, der Vater, die Anderen verschwimmen miteinander. Ich werde Beobachterin einer Introspektion kindlicher Angst, die durch die Vermischung von Allegorischem und Assoziativem ein eindringliches Bild des von außen bedrohten Familienlebens zeichnet. Dabei bleibe ich bis zuletzt hin- und hergerissen: versucht zu dechiffrieren, anstatt mich hinzugeben