Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Fos-sur-Mer

Text: Patrick Holzapfel

Die Kame­ra­schwenks in Peter und Zsó­ka Nest­lers Fos-sur-Mer sind hek­ti­scher und erup­ti­ver als in ande­ren ihrer Arbei­ten. Es ist, als suche das Objek­tiv auf dem von Pipe­lines und Metall­ge­stän­ge domi­nier­ten Gelän­de im Rhô­ne-Del­ta bei Mar­seil­le nach einem Halt oder gar Sinn. Zu sehen ist aber haupt­säch­lich ein auf­klaf­fen­der Abgrund in den von kapi­ta­lis­ti­schen Inter­es­sen errich­te­ten Schlo­ten. Der müde Blick eines Arbei­ters, eine Dis­tel­blu­me am Meer, das schon, dann aber wie­der das schep­pern­de Getüm­mel eines seit den 1960er Jah­ren aus­wu­chern­den Tief­ha­fen­pro­jekts, von dem man in jeder Sekun­de erkennt, dass es ins sinn­bild­li­che Nichts oder zumin­dest ins Destruk­ti­ve gebaut wird. Der wirt­schaft­li­che Nut­zen wird im Film scho­nungs­los mit den ent­ste­hen­den Schä­den an Land­schaft und Mensch gegen­ge­wo­gen. Die Aus­wir­kun­gen rei­chen weit ins Lan­des­in­ne­re, von den Tie­fen des Mee­res ganz zu Schwei­gen. Die Nest­lers wer­fen sich auf der Bild­ebe­ne in ein unüber­sicht­li­ches Getüm­mel aus Aus­beu­tung, Natur­zer­stö­rung, Ras­sis­mus und Arbeits­all­tag, wäh­rend der Voice-Over ver­sucht geschicht­lich ein­zu­ord­nen, zu erläu­tern. Manch­mal spre­chen auch Men­schen vor der Kame­ra. Arbei­ter, die davon erzäh­len, wie bru­tal sie behan­delt wer­den, aber auch der Direk­tor der Bau­stel­le, der vom not­wen­di­gen Ein­däm­men der Unord­nung berich­tet. Sei­ne Flos­keln wir­ken lächer­lich, Nest­ler zoomt weg von ihm, als kön­ne er nicht mehr zuhö­ren oder als wol­le er allen zei­gen, wo die­ser Mann mit sei­nem Anzug sitzt, an einem gro­ßen Büro­tisch mit Blu­men, umge­ben von schö­nen Möbeln und klei­nen Tier­sta­tu­en. Die Arbei­ter dage­gen leben in Bar­racken, karg und unwirt­lich. Die Hal­tung wird hier nicht über­be­tont, der Film pro­tes­tiert, indem er zeigt. Nicht die in zeit­ge­nös­si­schen Doku­men­tar­fil­men so domi­nan­te Stim­me der Insti­tu­tio­nen ist wich­tig son­dern jene der Men­schen. Heu­te ist Fos-sur-Mer trau­ri­ger Anschau­ungs­un­ter­richt für die Bil­der, die blei­ben wer­den von einer Welt, die von sie aus­beu­ten­den Sys­te­men abge­schafft wird. Jeden Som­mer lie­gen hier tau­sen­de Men­schen am kilo­me­ter­lan­gen Mit­tel­meer­strand und igno­rie­ren den über die Wel­len krie­chen­den Dampf der Erd­öl­raf­fi­ne­rie. Die Fein­staub­be­las­tung is enorm. 2021 dreh­te Amé­lie Bar­get­zi an sel­ber Stel­le einen Doku­men­tar­film mit dem Titel Là où nous som­mes. Sie zeigt, was geblie­ben ist, seit die Nest­lers dort dreh­ten: Nicht viel, viel­leicht der Ver­such einer mensch­li­chen Gemein­schaft. Den gibt es auch in Fos-sur-Mer, als der rhyth­mi­sche Klang einer Oud zu hören ist, ihre von Arbei­tern gespiel­ten Töne, die sie und uns an einen ande­ren Ort trans­por­tie­ren, weil es sich an die­sem nicht aus­hal­ten lässt.