Notizen zu Peter Nestler: Lófotr

Text: Simon Wiener

Auf der Lofoten-Insel Vestvågøya, die Peter Nestler hier portraitiert, liegen die Dinge im Offenen. Während vielbevölkerte Landschaften und Städte sonst Palimpseste sind, zahllose übereinanderliegende und unentwirrbare Schichten an Einprägungen, die der Mensch und seine Besiedelung abwechselnd hinterlassen und wieder zerstört haben, überwiegt an einem Ort wie Vestvågøya Klarheit; und keine Bäume, Hecken, keine musealen Einfriedungen, Zäune, Betonmauern schützen hier das Liegengebliebene voriger Zeiten. Entweder es erodiert; ein Leichtes dem Wind, dem Meer, hier Beute vorzufinden und mitzureissen – immer wieder weist uns Nestlers nüchterne Stimme in knappen Worten auf Fischer hin, die der gefährlichen Strömung, oder auf Holzkirchen, die dem Sturm zum Opfer gefallen sind. Oder es liegt eben da, im Offenen; im leuchtend hellen Grün, das die Insel selbst im Nebel überzieht wie ausgegossene Glasur – Überreste der Steinzeit, der Wikinger, der Hanseaten, der Nationalsozialisten. Grundrisse prähistorischer Bauten und Friedhöfe, Mulden ehemaliger Bootshäuser, Burgen und Bunker als Zeugnisse des Krieges: blank fügen sie sich in ihre Umgebung ein wie kleine, von wohlwollender Lava umschmeichelte Felsinseln. Stellte man sich einen Ort vor, an dem es Erinnerung nicht gibt, käme ihm Vestvågøya wohl nahe, bedarf Erinnerung doch eines Geflechts halb durchlässigen, halb verdeckenden, scheckigen Garnes, das ihr Objekt schattiert, an ihm klebt, seine Umrisse vergrössert, verwischt, im Abschirmen aber zugänglich macht. Ein Ort ohne Erinnerung, flecht-, dickichtlos, ist deswegen kein zeitloser Ort, im Gegenteil: zeitdurchflutet gar. Spuren aller möglicher Zeiten sind dort dem Blick der Tiere, Menschen, Meere hilflos ausgeliefert, und jedes Schauen ist zwangsläufig auch eins in die Vergangenheit, wie jenes abendliche, zum Firmament. Wenn Erinnerung als Vermittlerin agiert, als in Zeichen kleidende Schrift, deren Entzifferung den Erinnernden das Gefühl gibt, irgend verloren Geglaubtes, Verdunkeltes wieder für sich beanspruchen zu dürfen, ein schützender Schirm beider, des Gegenstandes und der Erinnernden, dann ist der erinnerungslose Ort ein solcher, der allem Aushorchen und Inspizieren widerstrebt, weil er sich ihm sofort ausliefert. Er ist einfach da, zugleich überwältigend und unwirtlich. Das eifrige Stethoskop unserer Blicke, das sich schon fröhlich Landschaftsbrüsten entgegenwirft, daran sich saugt, konstatiert schliesslich ernüchtert: hierunter kein Hohlraum, dadrunter kein verborgener Herzschlag – und drucklos an der Oberfläche fliessend verlieren Pulse ihre Rhythmen.

Und doch ist Lófotr ein Film voller Erinnerung; voller Landkarten, Stiche, Gemälde, Photographien, voll alter Schrifttafeln, Briefe, geprägter Münzen; an das während des Krieges niedergeschossene Mädchen erinnert ein Gedenkstein vor der Stamsunder Kirche; Glasmalereien mit deutschen Schriftzügen mahnen der einstigen Hansemacht. Nicht nur die Landschaft trägt, ganz Ausbund ihres Früheren, Vergangenes mit sich, in sich; im auf der Insel gelebten Fachwissen vom Bau der Nordland-Boote schlägt sich die Erinnerung an einen alten Bootsbauer nieder. Und Möwen umkreisen das Fischerboot in Trauben, harren jenes erinnerten Moments, in dem nicht verwertbare Kabeljaureste wieder ins Meer zurückgeworfen werden, um sich im sonnenbeschienenen, blitzenden Kielwasser sogleich darauf zu stürzen.