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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Die Römerstraße im Aostatal

Text: Ron­ny Günl

Wann ein Weg ent­stand, lässt sich meist schwer ermit­teln und ist wahr­schein­lich sogar unmög­lich. Peter Nest­ler zeigt den Weg der Römer durchs Aos­ta­tal anhand einer alter­tüm­li­chen Land­kar­te. Ver­nach­läs­sigt man für einen Moment das Gegen­wär­ti­ge des Films, dann könn­te auf­fal­len, wie sich eine Sei­te der Stra­ße zu erken­nen gibt, die Kunst­wer­ken nicht unähn­lich ist. Die genutz­ten Fahr­rin­nen waren weder natur­ge­ge­ben noch sind sie durch zufäl­li­ge Benut­zung ent­stan­den, son­dern stam­men aus der pla­ne­ri­schen Hand römi­scher Inge­nieu­re. Es han­delt sich um Ein­grif­fe der Men­schen in die Land­schaft zum Zweck ihrer Befah­rung, eben­so wie die Lini­en­füh­rung auf Land­kar­ten Ori­en­tie­rung ver­spricht. Kaum so gerad­li­nig wie die rau­schen­de Auto­bahn, muss­te sich die­ser Weg dabei immer ein wenig ver­bie­gen und – wenn nötig – Täler und Flüs­se über­brü­cken, um Orte zu ver­bin­den. Zwar mag es oft so aus­se­hen, als ob der Weg einem natür­li­chen Ver­lauf der Land­schaft fol­ge, jedoch wur­de er unter har­ter Arbeit ein­ge­mei­ßelt und an das Gebir­ge ange­passt, so dass er bis heu­te über­dau­ern konn­te. Die ele­gan­ten Bögen des Films erzäh­len davon, dass die Geschich­te eines Weges stets zwi­schen den Uneben­hei­ten des Gelän­des und den Kon­struk­tio­nen dar­über verläuft:

1) In der Kir­che von San Ber­nar­di­no ein groß­flä­chi­ges Fres­ko von Gio­van­ni Mar­ti­no Span­zot­ti. Die zün­geln­den Schre­cken, pro­me­thi­scher Hin­weis auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Bögen.

2) Am Beginn des Aos­ta­tals in Pont-Saint-Mar­tin die ers­te Brü­cke. Angeb­lich soll der Bischof von Tours einen Pakt mit dem Teu­fel geschlos­sen haben, der die Brü­cke im Tausch gegen die ers­te See­le, die sie über­quert, in einer Nacht erbaut haben soll. Ein armer Schä­fer­hund soll es gewe­sen sein, der Teu­fel grämt sich.

3) Ein Bogen an der Tras­se bei Don­nas stützt den frei­ge­schla­ge­nen Hang. Zur Zeit des Films unmit­tel­bar neben einer Auto­bahn und Zugstrecke.

4) Miss­ach­te­ter Bogen in Bard, mit Grä­sern überwachsen.

5) Direkt dane­ben im Gast­haus Bar del Pon­te, der Name macht alle Ehre. Als Möbel­stück nicht weni­ger unscheinbar.

6) Fens­ter­bö­gen am Wegesrand.

7) Schma­ler Brü­cken­bo­gen im Wald, dazu ein Zitat von Sue­ton, das unter der Laut­stär­ke des Flus­ses versiegt.

8) Bogen­rui­ne, besetzt mit Mar­mor­ka­cheln. Ver­fal­len bil­det sie die Rück­sei­te des Fort­schritts, der ins Tal geschrie­ben steht.

9) Kurz vor Aos­ta der römi­sche Bogen von Châ­til­lon. Etwas gedrängt, wirkt es, als sei er zwi­schen Bäu­men aufgehängt.

10) Der Augus­tus­bo­gen in Aos­ta, heu­te mit Kru­zi­fix. Geschich­te im Zen­trum, aber doch umfahren.

11) Die Römer­brü­cke über den But­hi­er. Dar­un­ter drei spie­len­de Kinder.

12) Por­ta Pre­to­ria Mit­ten in der Stadt. Sou­ve­nir­shops, Sitz­bän­ke, Blu­men­käs­ten und Fußgänger.

13) Düs­te­re Bogen­hal­le im Forum. Ein Brief über die Skla­ven von Sene­ca an Luci­us gele­sen von zwei Per­so­nen endet im Schwarz.

14) Der Aquä­dukt von Pont d’Aël zur Was­ser­füh­rung mög­li­cher­wei­se für den Betrieb eines Stein­bruchs, um neue Bögen zu errichten.

15) Drei Stra­ßen, drei Epo­chen über­ein­an­der, unten ein Autobahntunnel.

16) Kapi­tä­le im Kreuz­gang der roma­ni­schen Kol­le­gi­ats­kir­che in Sant‘Orso. Im Reli­ef Stein­bö­cke, Kame­le, Wesen aus Äsops Fabeln.

17) Noch­mal ein Fres­ko im Schloss Isso­gne. All­tags­sze­ne mit mör­de­ri­schem Ende.

18) Ein Trep­pen­halb­rund beim Ausgang.

19) Gebo­ge­ne Holzsplei­ße für einen Heukorb.

20) Streich­bo­gen und Volkslieder.