Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Flucht

Text: Ale­jan­dro Bachmann

„Ich wuss­te nichts von Léo Mail­let. Erst vor einem Jahr habe ich in Stock­holm Bil­der von ihm gese­hen. Vor sieb­zig Jah­ren war er Meis­ter­schü­ler von Max Beck­mann im Frank­fur­ter Kunst­in­sti­tut Stä­del“. So beschreibt Nest­ler sei­nen Bezug zu dem Maler, des­sen Geschich­te Flucht als rei­sen­de Spu­ren­su­che auf­fä­chert. Der jüdi­sche Maler muss Deutsch­land 1934 ver­las­sen, kehrt 1935 zurück. Als ihm Berufs­ver­bot erteilt und die Staats­an­ge­hö­rig­keit aberkannt wird, geht er nach Frank­reich und wird auch dort von den Deut­schen unter Mit­hil­fe des Vichy Regimes ver­folgt. Nest­ler, Kame­ra­mann Rai­ner Kom­ers und Mail­lets Sohn Dani­el, der wie der Vater mit der Feder malt, fol­gen den Flucht­be­we­gun­gen kreuz und quer durch Frank­reich, begeg­nen Land­schaf­ten, vor­über­ge­hen­den Wohn­or­ten und Men­schen, die mal nichts von May­ers, so der Geburts­na­me des Künst­lers, Geschich­te wis­sen, ihm mal sogar begeg­net sind oder, im Fal­le eines Fami­li­en­aus­flugs ehe­ma­li­ger Har­kis, von ihrer ganz eige­nen Flucht­ge­schich­te zu berich­ten wis­sen. So beschei­den Nest­ler sei­nen eige­nen Bezug zum Maler ein­gangs beschreibt, so kennt­nis­reich und unprä­ten­ti­ös erweist sich der Blick des Fil­me­ma­chers auf May­ers Bil­der im Ver­lauf des Films. Immer wie­der wer­den sie in die Rei­se­be­we­gung ein­ge­wo­ben und mit kur­zen, prä­zi­sen Wor­ten kon­tex­tua­li­siert: Her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den wie­der­keh­ren­de Moti­ve, bio­gra­phi­sche Bezü­ge und mate­ri­el­le Eigen­schaf­ten, die auch etwas über den (vir­tuo­sen Umgang mit dem) Man­gel an Mög­lich­kei­ten auf der Flucht erzählen.

Im Ver­lauf der rund neun­zig Minu­ten fal­tet Flucht den Tep­pich drei­er Bli­cke auf, die Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart mit­ein­an­der ver­we­ben, ohne sie voll­ends inein­an­der auf­ge­hen zu las­sen: Die tro­cke­nen Anmer­kun­gen Nest­lers zur Rei­se der drei Män­ner ver­kno­ten sich mit den Tage­buch­ein­trä­gen Leo­pold May­ers, die Bil­der des Vaters spre­chen mit den auf der Rei­se ent­ste­hen­den Bil­dern des Soh­nes, der Blick von Kom­ers sucht wie­der­keh­rend die Moti­ve der Bil­der des Vaters auf und beob­ach­tet ein­dring­lich den Sohn bei der künst­le­ri­schen Arbeit.

Das kla­re, hel­le Som­mer­licht der vier­wö­chi­gen Rei­se, das Zir­pen der Zika­den, die Begeg­nung mit ande­ren Rei­sen­den in Funk­ti­ons­klei­dung, das Fah­ren und Lau­fen durch Land­schaf­ten sowie das Anek­do­ti­sche (unver­gess­lich bleibt eine Sze­ne, in der Dani­els Mal­uten­si­li­en aus der Hand glei­ten und sich auf dem Boden ver­tei­len oder die nach Tusche suchen­de Zun­ge eines Hun­des) ver­dich­ten sich stel­len­wei­se zu einer som­mer­ur­laub­ähn­li­chen Atmo­sphä­re. Nur geht es eben gera­de nicht um Erho­lung oder Pro­kras­ti­na­ti­on son­dern das Auf­spü­ren von Geschich­te als Gegen­wart, die einer der Welt, den Men­schen und den Din­gen zuge­wand­ten Auf­merk­sam­keit bedarf. Die Flucht der drei Rei­sen­den aus den Rhyth­men des All­tags legt die Flucht Leo­pold May­ers Schicht um Schicht frei und öff­net dabei den Blick auf eine Nah­be­zie­hung zwi­schen den Wer­ken zwei­er Maler und dem doku­men­ta­ri­schen Schaf­fen Nest­lers: Gemein ist allen das Her­stel­len von Bil­dern, die auf eigen­ar­ti­ge Wei­se eine Zwi­schen­zeit arti­ku­lie­ren, die sich über den grö­ße­ren Teil des 20. Jahr­hun­derts erstreckt.