Notizen zu Peter Nestler: Pachamama – Unsere Erde

Text: Sebastian Bobik

Pachamama – Unsere Erde ist ein Film über Ecuador. Er beginnt in der Hauptstadt Quito und endet am Land. Eine der ersten Einstellungen führt eine Straße hinab. Die Häuser sind schlicht und großteils weiß bestrichen. Die Straße beinahe leer. Die Kameralinse fährt nicht an der Häuserfassade entlang, sondern blickt direkt die Straße hinunter, ein bisschen wie in den frühen Filmen des Kinos, den Phantom Rides, Aufnahmen aus fahrenden Zügen oder anderen Fahrzeugen. Bald nach Beginn der Einstellung setzt ein Voice-Over ein. Die Stimme erzählt uns, dass sich die meisten reichen Menschen nicht auf diese Straße trauen, weil sie meinen hier wäre es unsicher.

Wenig später fährt die Kamera von rechts nach links eine Straße in der Altstadt entlang. Hier betreiben die armen Leute Handel, suchen Arbeit für ein paar Stunden oder Tage um sich über Wasser zu halten. Im Voice-Over wird diese Straße “Geschäftsstraße der kleinen Leute” genannt. Es sind genau diese “kleinen Leute”, für die sich Nestler interessiert. Die Unterdrückten, die Ausgeschlossenen, diejenigen, die ums Überleben kämpfen. Von ihnen berichtet dieser Film. Oft hört Nestler den Menschen und deren Umgebung zu, er sieht hin. Er lässt die Leute über die schwierigen und unsicheren Arbeitsverhältnisse reden. Er filmt sie bei der dieser Arbeit, oder hält inne in ihren Landschaften und Lebensumständen. Wir dürfen einfach beobachten.

Später sehen wir eine ähnliche Kamerafahrt, diesmal von links nach rechts fahrend auf einer Straße voller Banken, Konzerne und Hochhäuser. “Die Geschäftsstraße der Mächtigen”, sagt uns die Stimme. Es zeigt sich ein von Ungerechtigkeit geprägtes Spannungsfeld zwischen diesen zwei Geschäftsstraßen und Welten. Die Banken auf dieser Straße stehen im direkten Verhältnis mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen Ecuadors. Das Land, welches für die indigene Bevölkerung heilig war und ist, wird rücksichtslos missachtet. Wo manche eine Landschaft sehen, sehen andere nur Profit.

Der Film zeigt uns Fallstudien dieses Systems. Wir sehen zum Beispiel ein Landgut indigener Bauern. Es gehörte einst einem reichen Gutsbesitzer, der nichts damit anzufangen wusste. Ein Gesetz erlaubte den Bauern eine Enteignung, um das Land selbst zu beackern. Es folgte ein langer harter Kampf mit zwei Toten. Sie müssen weiterhin kämpfen, denn die Bank will ihnen keine Kredite geben, um eine gute Bewirtschaftung zu ermöglichen.

Diejenigen, die um ihr Überleben kämpfen, sind es auch, die mit der Erde arbeiten: Kartoffelernte auf dreitausend Metern Höhe unter katastrophalen Arbeitsbedingungen und mit unsicherer Entlohnung. Dann etwas anderes: Eine Töpferin stellt einen großen Krug her. In der Erde gibt es auch Geschenke in der Form archäologischer Funde: alte Gegenstände aus einer lang vergangenen Zeit. Es gibt kein Geld für diese wissenschaftliche Arbeit. Die Leute aus dem Dorf graben Seite an Seite mit den Archäologen.

Immer wieder kann man zwischen den Bildern, im Übergang einer Einstellung zur nächsten die Gegensätze und Missstände finden, die der Film beleuchtet: Eine Totale des Urwaldes, während es auf der Tonspur heißt, dass dreißig Ölfirmen hier alles Land mit Bohrungen und Rodungen zerstören. Direkt darauf folgt ein Bild in dieser Landschaft. Ein junger Mann sitzt alleine im Freien und singt ein Lied. Der Film bleibt bei ihm, hört ihm zu.

In den letzten Minuten des Films stellt Nestler diese teilweise fast widersprüchlichen Gegensätze in einer Szene dar: Wir hören eine wunderschöne Melodie, die nur beim Todesfall eines Kindes gespielt wird. Der tragische Verlust eines Kindes verbindet sich mit dem Trost der Musik. Schönheit und Trauer finden sich Seite an Seite. Pachamama zeigt uns Ecuador als ein Land voller solcher Gegensätze.