Notizen zu Peter Nestler: Mit der Musik groß werden

Text: Marius Hrdy

Budapest. Erst: Brigitta, zwölf, und Tünde Makó, zehn Jahre alt, beim Geigeüben. Dann: ein Hauskonzert im Familienkreis. Es ist Großvaters einundsiebzigster Geburtstag. Der Sekt steht am Tisch, auch Sahnetorte samt Spritzkerze sind bereit. Dann wird gratuliert, geklatscht, geküsst und natürlich gemeinsam musiziert. Musizieren bei den Makós im Wohnzimmer ist Familienereignis mit Tradition: Schon der Großvater war Teil einer Band. Wir sehen ein Foto von ihm mit achtzehn in einem Gartencafé. In der Mitte ein Herr am Spinett, umringt von Geigern. Nun versammeln sich Gina, Vater, Tünde, Brigitta, Lilla – mehrere Generationen Makó an Geigen, Cello und Klavier, während die anderen vom Wohnzimmersofa aus zuschauen. Später, im „Musikhaus der Roma“, wo Vater Makó gelernt hat, spielen die Größeren Brahms Ungarischer Tanz Nr. 5 mit Entschlossenheit und Verve, inklusive Hackbrett- und Klarinettensolo. Ein Spektakel, das bald zu virtuoser Geschwindigkeit anhebt.

Vieles in Mit der Musik groß werden, einer Reportage über die Musikerziehung der Schwestern Brigitta und Tünde, drückt sich über die Haptik oder das Angreifen aus. Die Kamera sieht den Musikerinnen genau auf die Hände und hält fest, wie die Musiklehrerin Körperhaltungen ordnet und die Wichtigkeit der Ruhe beim Bogenwechsel und der Saitenauflage betont: „der Finger soll da nur so hinfallen“. Doch nicht nur die Feinabstimmung am Instrument erzählt von der gemeinsam gelebten Tradition. Alles scheint rituell choreographiert – von der Adjustierung beim Üben bis zum Richten von Brigittas Haar durch ihre Mutter im Warteraum vor einem Wettbewerbsauftritt. Wie die Haare richtig zusammenkommen müssen, um mit dem Band in einem Zopf zu halten, drückt ebenso die Spannung der Konzentration vor dem Konzert aus, wie sie die richtige Spannung des Geigenbogens widerspiegelt. Alles berührt und verbindet sich hier und nach und nach wird auch das Generationenverbindende greifbarer.

Nestlers Beobachtungen rücken vor allem das Spielerische und den Spaß am Musikmachen in den Vordergrund. Sie betonen das Wesen der Musik nicht nur im Spektakel der Aufführung, sondern in den vermeintlich banaleren Momenten davor und danach. Im Warteraum zum Beispiel, wo Brigitta mit der Schnecke ihrer Geige spielt oder dann Tünde beim Spielen zuhört und mit ihren Fingern auf ihrer Geige parallel auf den Saiten mittippt. Beim Schnurspringen in der Schule, beim Kleider-Richten vor dem Auftritt, beim Vier-Sorten-Cola-Bestaunen. Mit seinem Fokus auf das Dazwischen fängt der Film somit auch den Ausdruck einer lebendigen Kultur des gemeinsamen Tuns und Wachsens ein.