Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Hur bygger man en orgel?

Text: Fre­de­rik Lang

Eine Fra­ge als Titel. Ein Film als Ant­wort. Stun­den­lang möch­te ich zuse­hen, Nest­lers Stim­me lau­schen, die wun­der­ba­re Wor­te spricht, um die Tei­le einer zu Orgel benen­nen: Wind­kas­ten, Ober­la­bi­um oder: „Der Wind dringt durch die Kern­spal­te und streift die Kan­te der Ober­lip­pe. Die gerät ins Schwin­gen. Die Schwin­gung wird im Pfei­fen­kör­per ver­stärkt und der Ton ist da.“ Fei­er­lich tau­chen Son­nen­strah­len die fer­ti­ge Holz­pfei­fe in war­mes Licht, in der Orgel­werk­statt am Ran­de eines Wal­des in Schwe­den. Einer der Tisch­ler hat sich auch eine Holz­pfei­fe gedrech­selt, aber eine für Tabak. Sie steckt bei der Arbeit zwi­schen sei­nen Lippen.

Nach vier­und­zwan­zig Minu­ten endet der Film abrupt. Es sind nur zwei Pfei­fen gebaut: eine Holz­pfei­fe und eine Trom­pe­ten­pfei­fe aus Blei und Zinn. Die Pfei­fen wer­den aus­pro­biert: quä­ken­des Metall, bezau­bernd klin­gend das Holz, auf meh­re­ren Regis­tern gespielt. Als Nach­hall ein fei­ner Vor­hall der Barock­mu­sik, mit der der Film ein­ge­stimmt hat­te auf die Arbeit, die hin­ter dem Klang liegt. Aus­ge­hend von Auf­nah­men einer Kir­che – Barock wird von Nest­lers Kom­men­tar­stim­me als Höhe­punkt der Orgel­bau­kunst bezeich­net – führt der Film hin­ein in die Werk­statt. Die neue Orgel ist nicht orna­men­tal ver­ziert, ihre Funk­ti­on, ihre Her­stel­lung aber iden­tisch mit der baro­cken. Zur Musik Bau­plä­ne, Werk­zeu­ge, irgend­wann auch Menschen.

Bereits im ers­ten Bild des Films, ist auf einer anti­ken Reli­ef­dar­stel­lung eine Orgel zu sehen, dazu Nest­lers Stim­me: „Orgeln hat man schon lan­ge gebaut, vor mehr als zwei­tau­send Jah­ren. Aber die waren ein­fach in der Kon­struk­ti­on.“ Der Film fin­det nach­voll­zieh­ba­re Bil­der, um die kom­ple­xe Kon­struk­ti­ons­wei­se einer neu­zeit­li­chen Orgel zu prä­sen­tie­ren. Denn Nest­ler erklärt mit einer den Orgel­bau­ern ver­wand­ten Prä­zi­si­on, wie die­se ihrer Arbeit nach­ge­hen. Orgel­bau ist exak­tes Hand­werk und doch mehr. Es sind völ­lig unter­schied­li­che Gewer­ke: Tisch­le­rei, Metall­ver­bei­tung, Guss bei drei­hun­dert Grad, sorg­fäl­ti­ges Test­wie­gen in der Hand zur Bestim­mung der Legie­rungs­mi­schung für die Trom­pe­ten­pfei­fe, deren Mate­ri­al so weich ist, dass es aus­ge­walzt mit einer Sche­re geschnit­ten wer­den kann. Die Tisch­ler­werk­statt wirkt bei­na­he grob­schläch­tig dage­gen, mit Sägen, Schlei­fen und Ver­lei­men. In bei­den Werk­stät­ten herrscht oft Stil­le, nur manch­mal ist O‑Ton zu hören. In die Stil­le hin­ein Nest­lers Stim­me, prä­zi­se gewähl­te Wor­te zu den prä­zi­sen Hand­grif­fen der Orgel­bau­er. Auch das ist Hand­werk: Kame­ra­ar­beit, Ton, Text, Spre­chen, Mon­ta­ge. Wie eine Orgel wirk­lich funk­tio­niert, wie ihre Mecha­nik arbei­tet, was Regis­ter sind: Das alles glaub­te ich, beim Sehen ver­stan­den zu haben. Nest­lers Film, Nest­lers Text ist so klar, dass ich fol­gen konn­te, begrei­fen konn­te, wie man eine Orgel baut; er ist aber auch so dicht und kom­plex, dass ich die Vor­gän­ge nicht wie­der­ge­ben kann.

Wie zwei Orgel­pfei­fen her­ge­stellt wer­den, habe ich gese­hen. Wie man eine Orgel baut, hät­te ich ger­ne gese­hen. Aber das hät­te mehr Zeit gebraucht, mehr Zeit, als das Fern­se­hen bereit war zu geben.

Der Film ist ein Anfangs­mo­ment in Nest­lers Werk. Ihm fol­gen wei­te­re Fil­me über Her­stel­lungs­pro­zes­se: Glas, Stoff, Papier, Erz­berg­bau, die Erfin­dung des Buch­drucks. Fil­me, die ein viel weit­rei­chen­de­res mate­ria­lis­tisch-poli­tisch-his­to­ri­sches Spek­trum abde­cken. Am Anfang die­ser Serie aber stand eine Fra­ge: Wie baut man eine Orgel?