Notizen zu Peter Nestler: Sightseeing

Text: Frederik Lang

Stockholm ist eine schöne Stadt an diesem Tag. Der Himmel ist noch blauer als das Meer. Die repräsentativen Gebäude sind renoviert, die Straßen sauber, über dem Kastellet weht die schwedische Flagge. Es gibt viel moderne Architektur und Kunst zu sehen, im öffentlichen Raum wie in den Museen. Die hübschen und immer lächelnden blonden Menschen genießen den Sommer in ihrer farbenfrohen Kleidung, die auf dem 16mm- Umkehrmaterial, auf dem Sightseeing gedreht wurde, noch intensiver leuchtet. Wir folgen einer Stadtrundfahrt auf dem Wasser. Die Fremdenführerin, wie man damals wohl noch sagte, weist in englischer Sprache auf das 1628 gesunkene und nun im Hafen geborgene Kriegsschiff Vasa hin, das für eine museale Nutzung restauriert wird.

Peter Nestlers Stimme unterbricht: „Das zeigt, dass die Gesellschaftsstruktur und das Lebensmuster der Demokratischen Republik Vietnam intakt sind. Keine Bombardierung, wie umfassend sie auch sein wird, kann sie zerschlagen.“ Bild- und Textebene gehen fortan getrennte Wege. Peter Nestler spricht über den Krieg in Vietnam, über Flächenbombardierungen, die Kriegsführung gegen die Zivilbevölkerung, die Infrastruktur und die Landwirtschaft, während die Kamera den friedlichen Alltag der schwedischen Hauptstadt einfängt.

Man hätte bereits zu Beginn misstrauisch werden können, denn das erste Bild des Films war eine im Wind wehende US-amerikanische Flagge, unterlegt mit dem von Peter Nestler gesprochenen Vorspann: „Sightseeing. Film von Peter Nestler, der aus einem Bericht von Peter Weiss zitiert. Gemacht 1968. Kamera: Arne Palm.“

Einzelne Bilder stechen heraus, stören die Anmutung eines Imagefilms fürs Stockholmer Tourismusbüro: Im Yachthafen brennt ein Boot, ein kurzer Moment des Kontrollverlustes in dieser so aufgeräumten und sauberen Stadt. Später steht ein adrett gekleideter Polizist in einiger Entfernung vor einem modernen Gebäude. Die Kamera zoomt an ihm vorbei: „Embassy of the United States of America“ ist auf der Fassade zu lesen. Auch die Griechische Botschaft – die Militärdiktatur kam im Jahr zuvor mit Unterstützung der CIA an die Macht – und das US Trade Center werden bewacht. Im Schaufenster das Modell einer Concorde der TWA, eine gescheiterte Vision, militärische Technologie für die zivile Luftfahrt zu nutzen. Vor dem königlichen Palast steht ein Soldat mit Bajonett, aufgepflanzt auf ein Maschinengewehr.

Aber das alles scheint niemanden weiter zu stören. Während in Stockholm hemmungslos konsumiert wird, pflanzt man um „die großen Bombenkrater (…) Spinat und Melonen. In den wassergefüllten Kratern setzt man Fische aus. Wenn ein Fahrweg oder ein Damm zerstört wird, ist bereits ein neuer gebaut ihn zu ersetzen. Wenn eine Brücke getroffen wird, geht man an einer anderen Stelle über den Fluss. Der Feind kann nicht alles gleichzeitig bombardieren. (…) Eines Tages wird die Frage gestellt werden: Können die Vereinigten Staaten dieses Massaker ohne Nachrechnungen durchführen? Wir müssen schon jetzt eine weltumfassende Meinung schaffen, die die Vereinigten Staaten vor die Forderung stellt, mindestens die Kosten für den Wiederaufbau Vietnams zu zahlen.“
Mit diesen Worten endet Sightseeing. Dazu zu sehen ist eine trist wirkende Straße. Die Fenster der Häuser sind teilweise vernagelt. Im Hintergrund steht ein Militärfahrzeug.
Das war vor sechsundfünfzig Jahren. Was hat sich seitdem verändert, außer den Ländernamen in den Nachrichten?