Es war schon nach Mit­ter­nacht, als ich auf die Metro war­te­te. Ich starr­te auf die kata­la­ni­schen Zei­len in dem klei­nen Pro­gramm­heft, das ich aus dem Kino mit­ge­nom­men hat­te. Die bedroh­lich mit einem Mes­ser zu ihrem Baby durch das hohe Gras schlei­chen­de Jen­ni­fer Law­rence hat­te sich in mein Gedächt­nis ein­ge­brannt. Schon wie­der eine Frau, die in der Rol­le, die die Gesell­schaft ihr zuschreibt, einen men­ta­len Zusam­men­bruch erlebt. Sie erstickt im Kern­fa­mi­li­en­le­ben. Die My Love und mit ihr die Hoff­nung auf ein erfüll­tes Dasein. Wie eine gemei­ne Behaup­tung von Glück legt sich die roman­ti­sche Lie­be zwi­schen Grace und ihr Bedürf­nis zu schrei­ben. Sie kann nicht mehr schrei­ben, nicht mehr den­ken, als sie allei­ne mit dem frisch gebo­re­nen Baby einen Tag nach dem ande­ren in Haus und Gar­ten ver­bringt. In wel­chem Jahr­zehnt wir uns befin­den, möch­te Lyn­ne Ramsay nicht so genau fest­le­gen – es könn­te heu­te oder vor Jahr­zehn­ten sein. Ich den­ke an Syl­via Plaths Alter Ego Esther in The Bell Jar, deren Ver­zweif­lung, nicht mehr schla­fen und schrei­ben zu kön­nen, sich mit ihrem ers­ten depres­si­ven Schub deckt. Esther wächst in einer Bos­to­ner Vor­stadt mit klar defi­nier­ten Geschlech­ter­rol­len auf. Sie lernt früh, wel­che Form von Erfül­lung sie in einer Ehe, für die sie sich auch ihre ers­ten sexu­el­len Erfah­run­gen auf­spa­ren soll, zu erwar­ten hat: »What a man is is an arrow into the future and what a woman is is the place the arrow shoots off from.« Esthers kli­ni­sche Depres­si­on und der Kampf gegen die restrik­ti­ven Regeln, die Frau­en sexu­el­le und krea­ti­ve Frei­heit erschwer­ten, schrei­ben sich früh und tief in ihr Leben ein. Inmit­ten des New Yor­ker Tru­bels, den sie als Neun­zehn­jäh­ri­ge erst­mals erlebt, fin­det sie eine eige­ne Ant­wort auf das Lebens­mo­dell ihrer Mut­ter: »That’s one of the reasons I never wan­ted to get mar­ried. The last thing I wan­ted was infi­ni­te secu­ri­ty and to be the place an arrow shoots off from. I wan­ted chan­ge and exci­te­ment and to shoot off in all direc­tions mys­elf, like the colo­red arrows from a Fourth of July rocket.«

Drei par­al­lel neben­ein­an­der mon­tier­te idyl­li­sche schwarz-weiß Auf­nah­men von Nan Gold­ins Schwes­ter vor einem Bil­der­buch­haus Ende der 1950er Jah­re. Genau vor einem Jahr hat­te ich ihren kur­zen Film Sis­ter, Saint, Sibyls in der Neu­en Natio­nal­ga­le­rie in Ber­lin gese­hen. This Will Not End Well wur­de ihr Schaf­fen dort retro­spek­tiv beti­telt. Neben unzäh­li­gen Fotos, die im Dia­show-Tem­po mon­tiert über die Lein­wän­de lie­fen, konn­te ich mich an den 35-Minü­ter am bes­ten erin­nern. Die Video­in­stal­la­ti­on reprä­sen­tier­te das emo­tio­na­le Fun­da­ment von Gold­ins Gesamt­werk und ihrem Leben. Kon­ser­va­ti­vis­mus und Sub­ver­si­on. Das eng­stir­ni­ge Bos­to­ner Vor­stadt­um­feld schick­te die rebel­li­sche Schwes­ter in die Psych­ia­trie, immer wie­der, bis zu ihrem Sui­zid. Psy­chi­sche Dis­po­si­tio­nen, patri­ar­cha­le Unter­drü­ckung und Ernüch­te­run­gen über die Vor­stel­lung von roman­ti­scher Lie­be bewei­sen in den Geschich­ten von Bar­ba­ra Gol­din, Syl­via Plath und Aria­na Har­wiczk – deren Roman die Grund­la­ge für Ramsays Film lie­fer­te –, auch ihre Wech­sel­wir­kun­gen. Auf dem Nach­hau­se­weg aus dem Kino zer­mürbt mich der Gedan­ke über die Kon­ti­nui­tät die­ser Nar­ra­ti­ve. Ich möch­te die Sze­nen, in denen sich die Figu­ren von Law­rence und Pat­ti­son in Die My Love durch das Ehe­le­ben quä­len, ver­drän­gen. Viel­leicht soll­te man nicht aus New York City ins länd­li­che Mon­ta­na zie­hen, um dort ein­sam ein Kind groß­zu­zie­hen, auch wenn das gemüt­li­che Leben dort leist­ba­rer ist als im Schmelz­tie­gel der Groß­stadt. Viel­leicht soll­te es kei­ne ein­sa­men Häu­ser und von­ein­an­der abge­schirm­ten Vor­stadt­mi­kro­kos­men geben, in denen frei­wil­li­ge und unfrei­wil­li­ge Trad­wi­ves auf sich selbst gestellt sind.

Stres­sig blin­ken­de Fest­tags­lich­ter hän­gen über dem fast lee­ren Pass­eig de Gràcia, den ich bis zur Pla­ça de Cata­lu­nya her­un­ter­spa­zie­re, in der Hoff­nung dar­auf, mein kino-auf­ge­wühl­tes Ner­ven­sys­tem zu beru­hi­gen. Nur ver­ein­zelt fah­ren Autos oder Bus­se die brei­te Stra­ße ent­lang. Als ich in der U‑Bahn-Sta­ti­on ankom­me, bemer­ke ich, wie meis­tens um die­se Zeit in den ver­schie­dens­ten Städ­ten, größ­ten­teils Män­ner um mich. Einer davon beginnt sich ner­vös hin und her zu bewe­gen, als ich mei­nen Steh­platz nahe der War­te­an­zei­ge ein­neh­me. Ich habe nichts zu befürch­ten, hel­le Lam­pen über uns und genü­gend ande­re Men­schen ste­hen hier, sage ich mir. Ein Gefühl des Ärgers über­kommt mich, als er sich deut­lich neben mir plat­ziert. Aus dem Win­kel mei­nes auf das Pro­gramm­heft gerich­te­ten Augen­paa­res bemer­ke ich, wie er zuerst zwei­mal kurz den Kopf zu mir dreht, dann wie­der auf das Schild mit dem Namen der Sta­ti­on blin­zelt. Wie spät es ist, fragt er mich schließ­lich auf Spa­nisch. Ich schütt­le mit über­trie­be­ner Ges­te den Kopf und schie­be die Schul­tern hoch. Er fragt noch ein­mal, als hät­te sein ers­ter Ver­such gar nicht statt­ge­fun­den, ich schütt­le wie­der den Kopf und ant­wor­te auf Eng­lisch. Er wie­der auf Spa­nisch. Dann deu­te ich auf die Anzei­ge über uns, die neben der War­te­zeit auch eine klei­ne ana­lo­ge Uhr inklu­diert. So geht das Spiel noch eine Wei­le wei­ter. Er gibt mir zu ver­ste­hen, dass er die Anzei­ge nicht erken­nen kön­ne. Ach so. Plötz­lich tut er mir leid. Ich zei­ge ihm die Zah­len auf mei­nem Han­dy­dis­play und wun­de­re mich, ob sein Akku leer war und ob er viel­leicht doch ein­fach nur die Uhr­zeit wis­sen woll­te. Wir ver­stum­men bei­de. Ein Blick nach oben: Noch sechs Minu­ten. Mit einer plötz­li­chen Bewe­gung streckt er die Hand aus – der Rücken ist nach unten gewandt, fast als woll­te er mich zum Tanz auf­for­dern – und teilt mir sei­nen Namen mit. Ich nen­ne mich Blan­ca, und ver­such sei­ne Hand nur flüch­tig zu umgrei­fen, obwohl ich Hän­de ger­ne fest drü­cke. Ich läch­le gnä­dig, als wür­de ich einen Pati­en­ten nach einer nur halb erfolg­rei­chen Behand­lung ent­las­sen. Noch immer sechs Minu­ten? Wie­der setzt er an, um mich etwas zu fra­gen, aber ich kom­me ihm zuvor. »Adiós«, sag­te ich und war­te kei­ne Reak­ti­on ab, um ans ande­re Ende der Sta­ti­on zu gehen. Einen Moment spä­ter bin ich über­zeugt, dass er mich für arro­gant hal­ten wird. Ich kann mich nicht erin­nern, wann mich zuletzt jemand nach der Uhr­zeit gefragt hat. Mei­ne Mut­ter, wur­de mir als Kind erzählt, hat­te mei­nen Vater nach der Uhr­zeit gefragt. In einer Bar. Damals dach­te ich, hät­te sie selbst eine Uhr gehabt, wür­de es mich heu­te nicht geben. Oder hät­te sie die Uhr­zeit nicht inter­es­siert … die Zeit kann Men­schen zusam­men­brin­gen. Auch Esther wird in The Bell Jar nach der Uhr­zeit gefragt, als sie vor der Wide­ner Libra­ry am Har­vard Cam­pus steht. Irwin, so der Name des Auf­rei­ßers, trägt in Wahr­heit auch eine Uhr – kaputt sei sie. Die Fra­ge nach der Uhr­zeit oder nach dem Weg, es ist ein ers­ter, unver­fäng­li­cher Satz. Es könn­te nur die­ser eine Satz sein, der eine*n von der gro­ßen Lie­be trennt. Oder vorm gro­ßen Zusammenbruch.