Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Pachamama – unsere Erde

Über die Arbeit mit dem Doku­men­tar­film­re­gis­seur Peter Nestler

Text: Rai­ner Komers

WIR HABEN DIE WORTWAHL DES AUTORS BEI DER ENTSTEHUNG DES TEXTES 1995 ÜBERNOMMEN. SEINE UND UNSERE HALTUNG RICHTEN SICH UNEINGESCHRÄNKT GEGEN JEDE DISKRIMINIERUNG INDIGENER VÖLKER.

Ein Jahr nach der Urauf­füh­rung erhält Peter Nest­ler für sei­nen Ecua­dor-Film Pacha­ma­ma den mit 40 000 DM dotier­ten Hes­si­schen Film­preis. Zum glei­chen Zeit­punkt lese ich in der Fach­zeit­schrift Film&TV Kame­ra­mann einen Bericht über Dreh­ar­bei­ten bei den Kogi-India­nern in Kolum­bi­en, in dem betont wird, dass dort an einem Super­film mit und nicht über die Kogi gear­bei­tet wor­den sei. Die­se For­mu­lie­rung erregt mei­nen Wider­spruch, weil sie sug­ge­riert, man müs­se sei­ne Prot­ago­nis­ten nur ordent­lich genug am Dre­hen betei­li­gen, dann wür­den sie einen schon an ihrer Pri­vat­sphä­re und an ihren hei­li­gen Riten teil­neh­men las­sen und so käme man dann zu sei­nem Super­film mit den Kogi.

Ich will mich mit mei­nem Wider­spruch nicht gegen Fil­me mit eth­no­gra­phi­schem oder ent­wick­lungs­po­li­ti­schem Ansatz rich­ten, wie ihn der Kogi-Film mög­li­cher­wei­se hat. Ich will hier für einen spre­chen wie Peter Nest­ler, der uns sei­ne Sicht der Din­ge mit­teilt, und der sol­che Bli­cke hin­ter die Gar­di­nen, von denen oben die Rede ist, für sich ablehnt. Mit die­ser Hal­tung des Respekts vor der per­sön­li­chen Sphä­re eines Men­schen gilt er heu­te vie­len als alt­mo­disch. Als Kame­ra­mann von Pacha­ma­ma möch­te ich etwas von unse­rer Zusam­men­ar­beit an die­sem Film erzäh­len und von Erfah­run­gen, die ich dabei gemacht habe.

Zwei­ein­halb Jah­re vor dem Beginn der Dreh­ar­bei­ten erhielt ich von Peter eine Syn­op­sis des geplan­ten Films:

„Ein 80 Minu­ten lan­ger Doku­men­tar­film über India­ner­kul­tu­ren in drei Gebie­ten Ecua­dors – dem Alti­pla­no (Hoch­land der Anden), der Ama­zo­nia und der Pazi­fik­küs­te – gran­dio­se Kul­tur­epo­chen, die bis 3500 v. Chr. zurück­rei­chen. Der Film zeigt, was geblie­ben ist und vor weni­gen Jah­ren erst ent­deckt wur­de, und was noch immer bei Aus­gra­bun­gen ent­deckt wird; zeigt auch die Spu­ren der Kolo­ni­al­zeit in der Kunst und das Leben der India­ner heu­te in den Gebie­ten der alten Kulturen …“

Sie­ben Wochen vor unse­rer Abrei­se nach Qui­to, es war um die Nochebue­na, um Hei­lig­abend her­um, rief mich Peter aus Stock­holm an und über­rasch­te mich mit der Fra­ge, wel­che Bild­vor­stel­lun­gen ich mir für Pacha­ma­ma und Ecua­dor gemacht hät­te. Ich ant­wor­te­te zunächst aus­wei­chend und sehr all­ge­mein, dass es mir dar­auf ankä­me, mich auf die Men­schen vor der Kame­ra ein­zu­las­sen, ihnen und uns die Zeit zu geben, sich mit­ein­an­der ver­traut zu machen. Mit Zeit mein­te ich nicht die rea­le Zeit von Minu­ten und Sekun­den, son­dern auf den rich­ti­gen Zeit­punkt zu war­ten, wenn alles bereit ist für die Auf­nah­me. Dann erzähl­te ich von einer Dreh­erfah­rung im Jemen, wo die­se Metho­de zu einem über­ra­schen­den Erfolg geführt hatte.

Kara­wan­se­rei

Unser Team hat­te den Auf­trag bekom­men, in der Alt­stadt von Sana’a eine ziem­lich her­un­ter­ge­kom­me­ne Kara­wan­se­rei auf­zu­neh­men, in der aber noch gear­bei­tet wur­de. Bei dem Film ging es dar­um, wie sol­che vom Ver­fall bedroh­ten und his­to­risch wert­vol­len Gebäu­de erhal­ten und restau­riert wer­den kön­nen. Nach­dem wir die Kara­wan­se­rei betre­ten und uns in dem dunk­len Innen­hof ein wenig umge­se­hen hat­ten, bau­te ich zwei Lam­pen auf, mach­te etwas umständ­lich eini­ge fes­te Ein­stel­lun­gen und Schwenks, erfass­te dabei zwei indisch aus­se­hen­de Schnei­der halb­ver­deckt in einem Raum in der über mir gele­ge­nen Gale­rie, und behielt gleich­zei­tig stän­dig zwei Män­ner auf glei­cher Höhe im Augen­win­kel, einen älte­ren, der neben einer Säu­le saß und irgend­wel­che Kör­ner abfüll­te, und sei­nen jün­ge­ren Gehil­fen, der einen lan­gen Mili­tär­man­tel trug und die­se Kör­ner in einem Sieb hin und her schüt­tel­te. Dann war der Augen­blick gekom­men, mich den bei­den zuzu­wen­den. Hani, unser Dol­met­scher, hat­te bereits ein Gespräch mit dem Kör­ner­händ­ler ange­fan­gen, und ich brauch­te die Kame­ra nur noch einzuschalten.

Wäh­rend die Män­ner ihre Arbeit wei­ter ver­rich­te­ten und anfangs noch auf die Kame­ra reagier­ten, kam der Älte­re bald auf den Kern der Sache zu spre­chen: Vor vie­len, vie­len Jah­ren – er saß an der sel­ben Stel­le wie jetzt und han­tier­te mit sei­nen Kör­nern – hat­te sich oben im Dach­ge­wöl­be ein schwe­rer Stein gelöst und ihm den lin­ken Unter­schen­kel zer­schmet­tert. Und wäh­rend er von die­sem Ereig­nis berich­te­te, das sehr kon­kret das Anlie­gen unse­res Films unter­strich, zog er lang­sam den Rock hoch bis zum Knie und deu­te­te auf sei­ne Pro­the­se. Da ich durch mei­nen Sucher aber weder die Pro­the­se erkannt, noch ein Wort von sei­ner Erzäh­lung ver­stan­den hat­te, ent­deck­te ich erst im fer­ti­gen Film, was uns allen in die­ser alten Kara­wan­se­rei von Sana’a gelun­gen war, und was mit gegen­sei­ti­gem Ver­ste­hen (und Sym­pa­thie) und nicht bloß mit Neu­gier zu tun hatte.

Viel­leicht lag es an der Tele­fon­ver­bin­dung nach Stock­holm oder dar­an, dass ich mich nicht deut­lich hat­te aus­drü­cken kön­nen, jeden­falls spür­te ich, dass mei­ne Erzäh­lung nicht das war, was Peter von mir hat­te hören wol­len. Da ich mir aber sicher war, nah dar­an gewe­sen zu sein, wor­auf es mir beim Dre­hen auch ankommt, ließ ich mich nicht ent­mu­ti­gen und äußer­te noch den Wunsch, dass wir einen ‚schö­nen’ Film machen soll­ten in Ecuador.

Schloss Cap­pen­berg

Fünf Tage vor unse­rem Abflug aus Frank­furt mach­te ich in Abspra­che mit Peter einen Vor­dreh in Schloss Cap­pen­berg bei Unna. Dort gab es eine Aus­stel­lung, die in einer gefalz­ten Brief­kar­te so ange­kün­digt wurde:

„Im Jahr 1868 bra­chen die deut­schen For­scher Alphons Stübel und Wil­helm Reiss nach Hawaii auf, um dort die Vul­ka­ne zu erfor­schen. Auf der Hin­rei­se war ein kur­zer Abste­cher nach Süd­ame­ri­ka geplant. Doch die Fas­zi­na­ti­on der Anden ließ sie bald ihr ursprüng­li­ches Rei­se­ziel ver­ges­sen. Hawaii erreich­ten sie nie. Aus eini­gen Wochen wur­de fast ein Jahr­zehnt, aus einem kur­zen Abste­cher die gründ­lichs­te und ergeb­nis­reichs­te For­schungs­rei­se in der gan­zen ame­ri­ka­ni­schen Ent­de­ckungs­ge-schich­te. (…) In ihren ers­ten Jah­ren bestie­gen sie fast alle Vul­ka­ne Ecuadors …“

Auch wenn von dem Mate­ri­al des Vor­drehs nichts in den spä­te­ren Film über­nom­men wur­de, so war doch die­se Aus­stel­lung die bes­te Vor­be­rei­tung und Ein­stim­mung auf das, was mich in dem Land am Äqua­tor erwar­te­te. Neben den Farb­a­qua­rel­len, wel­che die For­scher von ihren india­ni­schen Fund­stü­cken anfer­ti­gen lie­ßen, neben den Pan­ora­men, die sie kar­to­gra­fisch genau von den andi­nen Gebirgs­land­schaf­ten gezeich­net hat­ten, war es vor allem ein Ölge­mäl­de von der bizar­ren Glet­scher­welt des Chim­bo­ra­zo, Ecua­dors höchs­tem Vul­kan, das mei­ne Phan­ta­sie am meis­ten beschäf­tig­te. Die Eis- und Fels­for­ma­tio­nen auf die­sem Bild soll­te ich mehr als 120 Jah­re nach sei­ner Ent­ste­hung genau­so und in den­sel­ben von Weiß­grün bis Schwarz­braun rei­chen­den Farb­tö­nen vor mei­ner Film­ka­me­ra wiederfinden.

Peter erzähl­te uns spä­ter auf der Rei­se durch Ecua­dor von sei­nem Groß­va­ter, der in Süd­ame­ri­ka und in Afri­ka aus­ge­gra­ben und um die Jahr­hun­dert­wen­de an Expe­di­tio­nen teil­ge­nom­men hat­te: Die Gegen­stän­de, die er gesam­melt hat, zum Teil bei sich zuhau­se, zum Teil in Muse­en, haben mich tief beein­druckt. Und auf die Fra­ge, war­um er sich bei sei­ner Film­ar­beit von his­to­ri­schen Ereig­nis­sen und Zusam­men­hän­gen so in Bann gezo­gen füh­le, ant­wor­te­te Peter: „Weil mir die­se Ereig­nis­se aus der Ver­gan­gen­heit so nahe sind, wenn ich dar­über lese, wenn ich his­to­ri­sches Mate­ri­al sehe und in die Hän­de bekom­me. Ich habe ein stär­ke­res Gefühl von Zusam­men-hang mit dem, was vor 500 Jah­ren pas­siert ist, als das all­ge­mein üblich ist.“ Und viel­leicht sei das Gan­ze schon in der Kind­heit und durch sei­nen Groß­va­ter in Gang gesetzt wor­den. Aus dem Ver­ste­hen für die­ses his­to­ri­sche Inter­es­se her­aus und mit dem Ergeb­nis des fer­ti­gen Films vor Augen ver­su­che ich mir noch ein­mal das Pro­gramm, das hin­ter der Pacha­ma­ma- Syn­op­sis von 1992 stand, zu ver­ge­gen­wär­ti­gen: das Leben der India­ner heu­te auf­spü­ren in den Gebie­ten der alten Kul­tu­ren und der Kolo­ni­al­zeit – erwei­tert um die beson­de­re Rol­le der Musik, die Ave­ni­da de los Vol­ca­nos (so benannt von dem Süd­ame­ri­ka-For­scher Alex­an­der von Hum­boldt) ent­lang­zu­fah­ren, von dort aus wei­ter an die Pazi­fik­küs­te mit ihren archäo­lo­gi­schen Fund­stät­ten und zu den Lar­ven­fi­schern von Holón, und wie­der zurück über die Ber­ge an den Rand des ama­zo­ni­schen Regen­walds, und dabei Land­schaf­ten, Flo­ra und Fau­na, Wol­ken und Wind (in sich) auf­zu­neh­men und einen Weg nach­zu­zeich­nen, der von den schnee­be­deck­ten Gip­feln der Anden bis an die war­men Wel­len des Pazi­fiks herunterführt.

Die­ses Pro­gramm bedeu­te­te: mit dem Gelän­de­au­to 6000 Kilo­me­ter zurück­zu­le­gen in 6 Wochen und dabei Höhen­un­ter­schie­de von 5000 Metern zu über­win­den, wenig rea­le Zeit zu haben an einem ein­zel­nen Ort, das heißt zu kom­men, zu sehen und zu dre­hen, dafür aber die­sen gro­ßen Bogen zu span­nen, den Ver­such zu machen, ein gan­zes Land, sei­ne vom Kolo­nia­lis­mus über­schat­te­te Geschich­te, sei­ne Natur und sei­ne in vie­len Aspek­ten bei uns noch unbe­kann­te Kul­tur zu ent­de­cken und zu erfassen.

Dis­kus­si­on

Wo Span­nung ist, da gibt es auch Druck. Der mach­te sich gele­gent­lich Luft beim Drink in abend­li­chen Hotels. Der Drit­te in unse­rer Run­de war Micha­el Busch, der Ton­meis­ter aus Frank­furt. Micha­el schien die­sen Druck nicht zu spü­ren, der mir anfangs, ange­sichts der Macht der unmit­tel­bar auf mich ein­stür­men­den Ein­drü­cke, zu schaf­fen mach­te, bis ich all­mäh­lich zur Grund­kon­struk­ti­on des Films hin­durch- und zurück­fand, die schon in der zwei­ein­halb Jah­re alten Syn­op­sis ganz klar zu erken­nen gewe­sen war.

Trotz­dem ging es mir manch­mal ein­fach zu schnell. Es gab Orte, zum Bei­spiel bei den India­nern in Cota­cachi und in Tuni­bam­ba, wo wir sehr gute Bedin­gun­gen hat­ten und freund­lich auf­ge­nom­men wur­den, wo ich ger­ne län­ger geblie­ben wäre, um noch mehr von ihnen zu erfah­ren (und dafür muss man län­ger blei­ben). Da revol­tier­te ich inner­lich gegen die Kon­struk­ti­on und den Plan. Auch wäre ich manch­mal ger­ne Über­ra­schun­gen nach­ge­gan­gen, die zwar neben dem vor­ge­zeich­ne­ten Weg lie­gen kön­nen, in denen man sich auch ver­lie­ren und ver­zet­teln kann, die aber eben doch Über­ra­schun­gen sind, die einem so ganz neben­bei geschenkt wer­den. Aber dies waren eigent­lich nur klei­ne Neben­schau­plät­ze, über die wir schnell zum Haupt­punkt unse­rer Dis­kus­si­on kamen. Die Fra­ge, die wir uns stell­ten, und die eine der Mensch­heits­fra­gen ist, lau­te­te: Wie kön­nen bedroh­te Kul­tu­ren, wie die der Indi­ge­nas von Ecua­dor, in einer moder­nen, von der ers­ten und wei­ßen Welt beherrsch­ten Zivi­li­sa­ti­on und außer­halb von Muse­en oder geschütz­ten Reser­va­ten über­le­ben? Und wie sol­len wir, Fil­me­ma­cher aus der ers­ten Welt, die­se Fra­ge behan­deln und dar­stel­len? Kön­nen die Indi­ge­nas ihre Kul­tur über­haupt mit eini­ger Aus­sicht auf Erfolg bewah­ren, wenn sie sich abgren­zen und auf ihren eige­nen Wer­ten und Tra­di­tio­nen behar­ren, oder soll­ten sie sich den Her­aus­for­de­run­gen der wei­ßen Zivi­li­sa­ti­on nicht viel­mehr stel­len, um zu ent­schei­den, solan­ge sie noch das Bewusst­sein und die Kraft dazu haben, was sie davon für ihre eige­ne Kul­tur ver­wen­den wol­len und was nicht? Peter leg­te die Beto­nung ganz auf das Bewah­ren, ich mehr auf den Pro­zess, der Begeg­nung und Aus­tausch der Kul­tu­ren mit ein­schließt. Aber eine Kapi­tu­la­ti­on vor der wei­ßen Dyna­mik, wie wir sie z. B. in Qui­to mit sei­nem Apart­heid- ähn­li­chen Sys­tem erleb­ten, die darf es nicht geben. In die­ser prin­zi­pi­el­len Fra­ge waren wir uns einig, auch wenn es im Eifer der Dis­kus­si­on nicht immer so schien.

Wahr­heit, Rück­grat, Gewicht

Was sind die wah­ren Momen­te beim Film, Peter?

Ja – das, was in den Bil­dern drin­steckt. Es kön­nen Tei­le einer Land­schaft sein, es kön­nen Ges­ten sein, die rich­tig kom­men. Die­se Din­ge kön­nen ein Gefühl von Wahr­heit aus­lö­sen, das man emp­fin­det, wenn alles stimmt. Das ist sehr schwer ein­zu­krei­sen, und es bleibt etwas verborgen.

Gehört es zur Wahr­heit, dass etwas ver­bor­gen bleibt?

Sicher, das hat auch damit zu tun, dass man die Din­ge aus dem Rücken her­aus macht und nicht aus dem Bauch.

Im Rücken steckt das ‚Rück­grat’.

Ja, und das ist eigent­lich das Wesent­li­che beim Fil­me­ma­chen: Wann bekommt ein Film Gewicht? Wann wird es wich­tig für den Betrach­ter und für einen selbst? Dar­über kön­nen vie­le ande­re Din­ge lagern, die man als Erkennt­nis wich­tig fin­det. Aber das eigent­li­che Gewicht ist eben nicht zu packen. Es ent­steht, und man spürt bei der Auf­nah­me: Jetzt stimmt es. Und das ist auch in ande­ren Fil­men zu sehen. Es for­dert eine gro­ße Offen­heit bei der Arbeit mit Film.

Ein Film bekommt Gewicht, was bedeu­tet das für Dich?

Dass man etwas als schmerz­haft oder wie eine Art Glück emp­fin­det, dass man stark bewegt wird von dem, was man sieht. Ich mei­ne nicht die­se Gerührt­heit, die man manch­mal an sich ver­dammt, wenn man eine Sze­ne sieht, die man im Grun­de als sen­ti­men­tal emp­fin­det. Ich mei­ne ein tie­fe­res Gefühl: dass man selbst betrof­fen ist, dass das eige­ne Leben betrof­fen ist, dass man einen Zusam­men­hang spürt mit dem, was sich da im Film tut.

Pacha­ma­ma, eini­ge kom­men­tier­te Sze­nen aus der Ein­stel­lungs­fol­ge (per 9.6.95, vor dem Negativschnitt)

82. Tota­le: Min­ga (Qui­chua: unbe­zahl­te Gemein­schafts­ar­beit). Das Arbei­ten am Bergbach

83. Halb­nah: Los­rei­ßen von Erd­reich mit Wurzeln

84. Nah: Pickeln und Trans­port des Lehm­klum­pens mit dem gerissenen/​geflickten Pickel

    Bei unse­ren Fahr­ten mit dem Auto hat­ten wir uns dar­an gewöhnt, dass Peter, sobald wir für eine Auf­nah­me anhiel­ten, die Heck­klap­pe des Mitsu­bi­shi auf­mach­te, das Sta­tiv her­aus­nahm und schon nach einer Kame­ra­po­si­ti­on im Gelän­de such­te, wäh­rend ich die Gerä­te noch fer­tig mach­te. Ich habe bis­her nie jeman­den getrof­fen, der bei die­ser Suche ein so schnel­les und siche­res Auge an den Tag gelegt hät­te wie er; und sei­ne Posi­ti­on war fast immer die end­gül­ti­ge, auch wenn er nicht durch den Sucher der Kame­ra sah.

    Wie schon gesagt, blieb uns bei dem Pro­gramm, das Peter aus­ge­ar­bei­tet hat­te, für die ein­zel­nen Auf­nah­men nicht viel Zeit. Der schnel­le Zugriff galt in der Regel nicht nur für Land­schaf­ten, son­dern auch für Auf­nah­men, in denen Men­schen agier­ten, und er galt auch für die Ein­stel­lun­gen 82 bis 84. Dort zei­gen wir india­ni­sche Bau­ern im Cui­co­cha-Mas­siv, die von ihrer kraft­voll zupa­cken­den Erd­ar­beit im Berg­bach so in Anspruch genom­men sind, dass sie die Anwe­sen­heit der Kame­ra kaum bemer­ken. Erst als ich im Eifer des Gefechts alle Hem­mun­gen ver­lie­re und einem der Arbei­ter, der sich wohl nach einem har­ten Wochen­en­de ein blau­es Auge ein­ge­fan­gen hat­te, mit der Kame­ra zu nah auf den (geschun­de­nen) Pelz rücke, schnei­det mir die­ser demons­tra­tiv eine Gri­mas­se und zwingt mich so, die Auf­nah­me abzu­bre­chen. Aber was wir brauch­ten, hat­ten wir schon im Kasten.

    In Sicht­wei­te den Bach abwärts ist eine zwei­te Grup­pe damit beschäf­tigt, ein Fil­ter­be­cken für die pro­jek­tier­te Abwas­ser­lei­tung zu mau­ern – eine fili­gra­ne, von stän­di­gem Kon­trol­lie­ren und Mes­sen beglei­te­te Arbeit, die viel weni­ger Kraft als Geschick erfor­dert. Hier wird die Anwe­sen­heit der Kame­ra sofort bemerkt und wir hät­ten das oben geschil­der­te Warm­ing-up mit dem War­ten auf den rich­ti­gen Zeit­punkt gebraucht, um eine ver­wend­ba­re Auf­nah­me zustan­de zu bringen.

    Es gibt also Situa­tio­nen, in denen man schnell dre­hen, ja über­rum­peln muss, weil die­se Situa­ti­on u. U. Sekun­den spä­ter schon nicht mehr exis­tiert; und es gibt ande­re Situa­tio­nen, wo die­se Metho­de ein­fach nicht funk­tio­niert. Das ist mir klar gewor­den bei den India­nern am Cuicocha.

    160. Halb­nah: die Kame­ra schwen­kend, die Grup­pe Canar Man­ta spielt und singt das Liebeslied/​den Tanz Cha­ri­ni Mana Charini

    Die Musik­auf­nah­men mach­ten wir mit e i n e r Kame­ra und in einer durch­lau­fen­den Ein­stel­lung, die in der Regel beim ers­ten Mal sit­zen muss­te. Eine Wie­der­ho­lung war nicht mög­lich. Aller­dings nah­men wir meh­re­re Stü­cke auf, aus denen Peter spä­ter dann aus­wäh­len konn­te. Nach eini­gem Suchen hat­ten wir für die Grup­pe Canar Man­ta eine Posi­ti­on im Gelän­de gefun­den, die qua­si einer Natur­büh­ne glich, und die einen guten Durch­blick auf die ber­gi­ge Land­schaft dahin­ter gestat­te­te. Neben den Musi­kern und tan­zen­den, mas­kier­ten Kin­dern, gehör­ten zur Grup­pe zwei jun­ge Frau­en, die san­gen. Irgend­et­was trieb mich dazu, die glo­cken­hel­len Stim­men der Frau­en im On zu haben, d. h. ich muss­te beim lang­sa­men Schwenk über die Musi­ker und die Kin­der genau dann bei den Frau­en ankom­men, wenn sie ihren Ein­satz hat­ten. Und sie hat­ten ihn. Alles stimm­te bei allen. Und die glo­cken­hel­len Stim­men? Die hat­te ich schon gehört bei Gesän­gen der Inu­it und der Ukrai­ner und hör­te sie jetzt wie­der bei den Cana­ris im Süden von Ecuador.

    Nächs­te Einstellung:

    161. Tota­le-halb­nah-Tota­le, Mit­schwen­ken: Auf dem Inka-Weg nähern sich ein Mann zu Fuß und sei­ne etwa elf­jäh­ri­ge Toch­ter auf einem Pferd – und ent­fer­nen sich, wer­den von einer Wol­ke verschluckt.

    Wir gin­gen mit india­ni­scher Beglei­tung und einem Last­pferd in die Ber­ge, um Res­te der ehe­ma­li­gen Inka­fes­tung Pare­do­nes auf­zu­neh­men. Dabei gerie­ten wir in dich­ten Nebel und einen leich­ten Regen. Einer der Pfer­de­füh­rer hat­te sei­ne klei­ne Toch­ter mit­ge­nom­men, die nur dünn beklei­det war und fror. Um die Ein­stel­lung zu machen, muss­ten wir gerau­me Zeit war­ten, bis der Wind den Nebel wenigs­tens für einen Moment auf­rei­ßen wür­de. Eine India­ne­rin, die zwei mit Zucker­rohr-Bün­deln bela­de­ne Pfer­de mit sich führ­te, mach­te bei uns Rast. Auf einer Erhe­bung ober­halb stand lan­ge und unbe­weg­lich ein wei­te­rer India­ner, der eine uralte Büch­se im ange­win­kel­ten Arm trug und eben­falls auf gute Sicht war­te­te. Dann gaben wir das Start­zei­chen, der Pfer­de­füh­rer mit sei­ner Toch­ter konn­te los­ge­hen. Die Grup­pe, zu der noch ein Hund gehör­te, kam über den gepflas­ter­ten Inka-Weg auf die Kame­ra zu, Schwenk nach oben auf das Mäd­chen und wie­der zurück auf die gan­ze Grup­pe, die, wäh­rend sie sich ent­fern­te und klei­ner wur­de, vom Nebel ganz ver­schluckt wurde.

    Ursprüng­lich hat­te ich die Ein­stel­lung 161 hier gar nicht erwäh­nen wol­len. Aber weil sie unmit­tel­bar auf das Tanz­lied der Cana­ris folgt und ähn­li­che Asso­zia­tio­nen im Moment der Auf­nah­me bei mir aus­ge­löst hat, tat ich es doch. Und, weil auch dies­mal alles stimm­te, selbst beim Wind.

    Vor­letz­te Ein­stel­lung in die­ser Aufzählung:

    233Weit: der jun­ge Indio Ernes­to Var­gas sitzt auf einem auf den Sand­strand gezo­ge­nen Ein­baum und singt; dahin­ter der Fluss Bobonaza

    Wir haben den Fuß der Anden erreicht, nach­dem die Bri­ga­da de Sel­va, die Urwald-Bri­ga­de, uns ihren Stem­pel in den Pass gedrückt hat. Wir befin­den uns jetzt im Quell­ge­biet des Ama­zo­nas, der nach 3000 Kilo­me­tern (Luft­li­nie), die größ­ten­teils durch tro­pi­schen Regen­wald füh­ren, in den Atlan­tik mün­det. Wenn man von der alten Erd­öl­stadt Puyo her­un­ter Rich­tung Canelos fährt, dann hat man an einer Kur­ve einen schier end­lo­sen Blick über wol­ken­be­kränz­te Baum­wip­fel, der die rie­si­ge Stre­cke erah­nen lässt.

    In Canelos gibt es eine Schu­le für die ab hier nur noch spär­lich besie­del­te Regi­on Pas­ta­za. Wir haben noch kei­ne kon­kre­te Vor­stel­lun­gen für die Auf­nah­men. Wir fra­gen, ob Schü­ler viel­leicht auf Qui­chua Gedich­te auf­sa­gen können.

    Nein, aber sie kön­nen sin­gen. Etwas umständ­lich stel­le ich in einem Klas­sen­raum die Kame­ra auf, räu­me Stüh­le weg, ver­su­che mit den jun­gen Sän­gern vor der Tafel, wo sie der Leh­rer hin­ge­stellt hat, ein Bild zu bau­en. Aber bevor sie mit ihrem Lied­chen begin­nen kön­nen, ist mir schon klar, dass aus der Auf­nah­me nichts wer­den kann. Etwas stimmt nicht zwi­schen den Betei­lig­ten. Ich hat­te mir vor­ge­stellt, dass die Kin­der da blie­ben, wo wir sie zuerst ange­trof­fen hat­ten, in ihren Bän­ken. Da hät­ten sie genau­so gut sin­gen kön­nen und ohne die stö­ren­de Räu­me­rei. Und außer­dem san­gen sie nicht gut. Die gan­ze Situa­ti­on behag­te ihnen nicht. Und uns auch nicht.

    Da hat plötz­lich jemand eine Idee: Ernes­to wird sin­gen, auf Qui­chua, unten am Bobo­na­za, der vom gest­ri­gen Gewit­ter braun ange­schwol­len ist. So ent­steht aus einer Frus­tra­ti­on her­aus eine der schöns­ten Auf­nah­men des Films. Mit wel­chem Selbst­be­wusst­sein der jun­ge Bur­sche sein Lie­bes­lied vor der Kame­ra vor­trägt, a capella!

    Spä­ter konn­te ich beob­ach­ten, wie ein jun­ges Mäd­chen von der Hän­ge­brü­cke tief hin­un­ter in den Fluss sprang und sich wie ein Fisch im Was­ser dreh­te; wie ein Jun­ge in Gum­mi­stie­feln auf einem unge­sat­tel­ten Pferd, die Hän­de in die Mäh­ne gekrallt, über die Gras­nar­be einer in den Wald geschla­ge­nen Lan­de­bahn auf uns zupresch­te (zu schnell und zu plötz­lich, um die Kame­ra noch ein­zu-rich­ten) und an uns vor­bei­jag­te auf den Fluss zu, den bei­de – Jun­ge und Pferd – halb schwim­mend durch­quer­ten. Hier in Canelos wäre ich viel­leicht auch ger­ne ein Jun­ge gewe­sen, ging es mir durch den Kopf. Und als habe der Bobo­na­za mei­ne Gedan­ken erra­ten, setz­te er sich noch ein­mal in Pose und beschenk­te uns zum Abschied mit einem mär­chen­haf­ten Tableau:

    240. Tota­le: zwei Mäd­chen sta­ken im Ein­baum auf dem Urwald­fluss Bobo­na­za Rückreise

    Als unser Flug­zeug eine wei­te Schlei­fe flog über die blen­dend wei­ßen Kegel der Vul­ka­ne, den Coto­pa­xi im Süden, den Cayam­be im Osten, beob­ach­te­te ich Peter, der auf der ande­ren Sei­te des Gan­ges neu­gie­rig aus dem Fens­ter sah. Auch ich such­te ange­strengt die Erd­ober­flä­che ab, um Orte wie­der­zu­fin­den, an denen wir gewe­sen waren: das Mais­feld mit der Hüt­te des Har­fen­spie­lers Gua­din­an­go, den Cui­co­cha-Kra­ter­see, um den her­um die sel­te­nen, wind­be­weg­ten Blu­men und Pflan­zen ste­hen, und wei­ter im Nor­den, schon an der Gren­ze zu Kolum­bi­en, das Val­le de Cho­ta, an des­sen Hän­gen die Ban­da Mocha Auf­stel­lung nahm und zum Tanz auf­spiel­te, wäh­rend India­ner­jun­gen ein Stroh­feu­er gegen die Mücken ent­fach­ten. Micha­el saß ein paar Rei­hen vor mir und sah auch aus dem Fens­ter. So flo­gen wir drei, jeder für sich, zurück über unse­re Erde Pachamama

    © Rai­ner Kom­ers 1995

    Die Inter­view-Pas­sa­gen mit Peter Nest­ler wur­den, leicht bear­bei­tet, ent­nom­men aus dem 3sat-Pres­se­spe­cial Doku­men­ta­risch arbei­ten – Sechs Regis­seu­re im Gespräch mit Chris­toph Hüb­ner.