Simone Barbès ou la Vertu von Marie-Claude Treilhou

Paris, Stadt der Verrückten: Simone Barbès ou la Vertu von Marie-Claude Treilhou

Als ich vor unge­fähr zwei Jah­ren in Paris ankam, schien mir die Stadt wie ein rie­si­ger Raum der Zufäl­le, der Gefah­ren und der komi­schen Begeg­nun­gen. Ich fühl­te mich win­zig klein zwi­schen den Hausmann‘schen Gebäu­den, auf den schwin­gen­den Stra­ßen in den weni­ger üppi­gen Bezir­ken oder in den alten, staub­be­deck­ten Gän­gen der Sor­bon­ne. Die Bequem­lich­keit, mit der die ande­ren sich die Stadt zu eigen mach­ten, war mir ein Rät­sel – und ist es noch immer. Wie der Mann des Mobs im Gedicht von Charles Bau­de­lai­re habe ich in Paris nichts als die unan­ge­neh­me und zugleich lehr­rei­che Erfah­rung der Durch­sich­tig­keit gemacht. Man wan­dert durch die Stra­ßen und ist zugleich von der Stim­mung der Stra­ßen durch­wan­dert. Hie und da ein rascher Blick­aus­tausch, gleich­gül­tig, ver­wun­dert, unheim­lich. Auf den Stra­ßen bin ich nie glück­lich gewe­sen, auch nicht son­der­lich ver­spannt, ich war ein­fach ein Gespenst. Ein Obdach hat die­ses Gespenst in der Dun­kel­heit der Kinos gefunden.

Man hört oft, beson­ders in cine­phi­len Krei­sen im Aus­land, Paris sei die Stadt der Kino­sä­le, ja, wenn nicht sogar die Haupt­stadt des Kinos schlecht­hin. Auf einer sach­li­chen Ebe­ne lässt sich das heu­te noch bestä­ti­gen. Schon im berühm­ten „Quar­tier Latin“ ste­hen dem anspruchs­vol­len Film­süch­ti­gen unglaub­lich vie­le Säle zur Ver­fü­gung, von denen man­che über die Jah­re hin­weg zu ech­ten Insti­tu­tio­nen gewor­den sind, wie zum Bei­spiel das Cham­pol­li­on oder die Fil­mo­thè­que. Zudem besucht das Publi­kum die­se Vor­füh­run­gen auch eif­rig. Ange­sichts die­ser Fak­ten­la­ge stellt sich mir aber ein neu­es Rät­sel: Wor­an könn­te die­se Begeis­te­rung für die Film­ge­schich­te lie­gen? Sind die Pari­ser, wie ein alter Spruch lau­tet, ein ange­bo­ren film­be­geis­ter­tes Volk? Mit einer sol­chen Ansicht kann ich, oder will ich mich nicht zufrie­den­ge­ben. Es scheint mir da eine schlich­te­re, wenn auch viel­leicht etwas plum­pe­re Ant­wort zu geben.

Zunächst aber, eine Anek­do­te: In (fast) allen Vor­füh­run­gen his­to­ri­scher Fil­me im Chris­ti­ne 21 – einem Kino, wel­ches frü­her als „Action 21“ bekannt war, das kürz­lich aber von Isa­bel­le Hup­pert über­nom­men, und zu die­sem Anlass umge­tauft wor­den ist – in denen ich gewe­sen bin, war im Publi­kum eine Frau anwe­send. Sie war etwa Mit­te vier­zig, dünn, blond, immer mit einem schüch­ter­nen Lächeln im Gesicht. Eher schlicht und alters­los beklei­det – ein Woll­pul­li, ein schwar­zer Rock. Jedes Mal, ob an der Kas­se oder gleich im Kino­saal, vor dem Beginn der Vor­füh­rung, wür­de sie sich fal­len las­sen, als wären ihr ihre Bei­ne von einem bösen Geist weg­ge­zo­gen wor­den. Jedes Mal aber, wenn der Film begann, wür­de sie sich wie­der zurecht­fin­den und sich von der Hand­lung bezau­bern las­sen, als wäre gar nichts gesche­hen. Aus mei­ner Sicht bie­tet die­se Figur eine über­zeu­gen­de Erklä­rung des­sen, was die Lie­be der Pari­ser fürs Kino aus­macht: Es ist ein Raum, der auf sie wie ein Schutz­ort wirkt. Ein Raum, der ihnen ermög­licht, die Wirk­lich­keit der Stadt für ein paar Stun­den zu ver­ges­sen. Nicht das Elend der Welt an sich, son­dern das Elend von Paris hört auf, sei­nen per­ver­sen Klang in die Ohren der Men­schen zu trei­ben. Man stirbt auf dem Fuß­weg und erwacht nur ein paar Schrit­te wei­ter, um sich vor der Lein­wand zu ver­ges­sen. In Paris war es eigent­lich schon immer die­ser Zustand des erwach­ten Ein­schla­fens, wel­cher mich ins Kino getrie­ben hat. Ja, ab einem gewis­sen Punkt wur­den mir die Fil­me zur Dro­ge, weni­ger auf­grund ihres Wesens als Kunst­werk, son­dern weil sie mir die erhol­sa­me Gele­gen­heit boten, mein gespens­ti­sches Schick­sal in Ruhe zu vervollkommnen.

Nach einem Jahr in der Stadt, nach Unter­richts­en­de und wenn die Son­ne die klei­ne Woh­nung zur Sau­na macht, fällt es einem aus irgend­ei­nem Grund schwie­ri­ger, den Kino­saal zu errei­chen. Wegen der uner­träg­li­chen Hit­ze kriegt man nicht genü­gend Schlaf, und wenn man erwacht, ist die Stadt schon seit meh­re­ren Minu­ten in Bewe­gung, brül­lend, unhöf­lich, ärger­lich. Es wirkt siche­rer, mit den ver­streu­ten Büchern und den zer­knüll­ten Klei­dern in der Woh­nung zu ver­blei­ben, als die Wucht der Stra­ßen ins Gesicht zu bekom­men. Dann will man aber doch ins Kino, weil man fest­stellt, dass man dem einen Buch, das man gera­de lesen woll­te, nicht aus­rei­chend Auf­merk­sam­keit schen­ken kann. Kaum hat man einen Fuß auf die Stra­ße gesetzt, schon fängt das Hemd an, an der Haut zu kle­ben. Als man die Schrit­te beschleu­nigt, aus Angst, man wür­de sonst den Anfang des Fil­mes ver­pas­sen, merkt man, dass man ver­ges­sen hat, die Ärmel hoch­zu­krem­peln. Ein gro­ßer Feh­ler, denn spä­tes­tens wenn man aus der U‑Bahn aus­steigt, sind sie mit unele­gan­ten Schweiß­spu­ren bedeckt. Und genau dar­auf legt man viel Wert, die weni­gen Male, an denen man sich das belas­ten­de Ver­gnü­gen gönnt, in die Öffent­lich­keit des Pari­ser Dschun­gels zu tre­ten: man will – selbst für eine fünf Minu­ten lan­ge Fahrt – ele­gant sein. Nicht bloß, um aus der Men­ge her­aus­zu­ste­chen, son­dern viel­mehr weil das unduld­sa­me Gesetz der fran­zö­si­schen Haupt­stadt einem kei­ne ande­re Wahl lässt: Nur von den Selbst­be­wuss­ten (oder den selbst­be­wusst Erschei­nen­den) lässt sich die Stadt ein wenig beherrschen.

Als ich die Trep­pe der U‑Bahnstation Car­di­nal Lemoi­ne zur Rue Mon­ge hoch­ge­he, füh­le ich mich wie in einen unge­wis­sen Zeit­raum ver­setzt. Ich bin mir unsi­cher, ob ich mir wie ein Mann der Ver­gan­gen­heit vor­kom­me, oder ob gera­de umge­kehrt die Stadt in ihrer Ver­gan­gen­heit gefan­gen zu sein scheint. Es war der Schrift­stel­ler Ulrich Pelt­zer, der mir vor ein paar Mona­ten nach einem Gespräch mit dem Sozio­lo­gen Didier Eri­bon am Goe­the Insti­tut gesagt hat­te, er emp­fin­de Paris wie eine Art Dorf, wel­ches sich nie wirk­lich moder­ni­siert habe. Knapp zwan­zig Jah­re nach sei­nem ers­ten lan­gen Auf­ent­halt in Paris, habe sich die Stadt wenig ver­än­dert. Aus mei­ner Erfah­rung als Pari­ser Wan­de­rer schlie­ße ich mich die­sem Gedan­ken an – ich wür­de aber sogar wei­ter gehen: Paris ist weni­ger die Haupt­stadt Frank­reichs als eine Haupt­stadt des 19. Jahr­hun­derts. Eine sol­che Behaup­tung zu recht­fer­ti­gen ist nicht so ein­fach. Man muss es erle­ben. Es nimmt die Form eines unfass­ba­ren Gefühls an, wel­ches in der Luft schwebt, und unse­ren Weg in eine Rich­tung lenkt, die sich schnell als bedroh­lich erwei­sen kann – der Spleen ist in die­ser Hin­sicht kei­ne Erfin­dung von Bau­de­lai­re, son­dern er hüllt die Phy­sio­gno­mie der Stadt von Grund auf ein, dringt ins Leben eines jeden Men­schen ein, sei es der betrun­ke­ne Obdach­lo­se, der seit Jahr­zehn­ten neben der Trep­pe der Sta­ti­on Odé­on über­nach­tet, die küh­le Geschäfts­frau, die mit ver­schlos­se­nem Gesicht in den Wagen ein­steigt oder die jun­ge Stu­den­tin, die mit 23 Jah­ren, wie eine 30-Jäh­ri­ge aussieht.

Simone Barbès ou la Vertu von Marie-Claude Treilhou

Glücklich mit Simone

Das „Grand Action“ befin­det sich im fünf­ten Arron­dis­se­ment, genau­er gesagt in der Rue des Eco­les, unweit vom Insti­tut du Mon­de Ara­be. Es ist ein ver­nünf­tig gro­ßes Kino mit zwei Sälen, das Neu­ig­kei­ten eben­so wie Klas­si­ker zeigt. Heu­te, am Mitt­woch, dem 20. Juni, um 14 Uhr, ist da unter ande­rem ein rarer Film zu sehen, näm­lich Simo­ne Bar­bès ou la Ver­tu (wört­lich über­setzt: „Simo­ne Bar­bès oder die Tugend“) von der Regis­seu­rin Marie-Clau­de Treil­hou. Als ich den Saal betre­te, drei Minu­ten vor 14 Uhr, ist er leer. Ein auf die hin­te­re Wand gemal­ter Hen­ri Lang­lois wirft einen bizar­ren Blick auf mich, ich erschre­cke leicht. Lang­sam kom­men wei­te­re Zuschau­er. Zuerst zwei alte Män­ner, dann eine alte Frau, die mich fragt, ob sie in den rich­ti­gen Saal gekom­men ist, und letzt­lich ein ande­rer Mann, der in sei­nen Zwan­zi­gern zu sein scheint. Beson­ders wenn man müde ist, stellt sich einem manch­mal die Fra­ge des Motivs: War­um hat man gera­de die­ses Fil­mes wegen sein Zuhau­se ver­las­sen, wo man sich mit etwas viel­leicht Befrie­di­gen­de­rem hät­te beschäf­ti­gen kön­nen? Was Simo­ne Bar­bès betrifft, hat­te ich mich zwar zuvor erkun­digt, wor­um es in die­sem Film gehen soll­te, wel­che Figu­ren vor­kom­men. Aber auf die­se dum­men Fra­gen gibt es kei­ne Ant­wor­ten. Es wird sie nie geben. Im Vor­hin­ein zu ver­su­chen die mög­li­che Bot­schaft des Wer­kes her­aus­zu­fin­den ist Blöd­sinn. Inzwi­schen habe ich alles ver­ges­sen, was ich gele­sen habe, und war­te jetzt vol­ler Unge­duld dar­auf, dass der Film end­lich anfängt, um zu wis­sen, war­um ich ihn über­haupt habe sehen wollen.

Es beginnt mit elek­tro­ni­scher Musik, die irgend­wie nach „Noir“ klingt. Die ers­ten Bil­der sind sta­ti­sche Ein­stel­lun­gen der Stadt. Paris, Ende der Sieb­zi­ger oder Anfang der Acht­zi­ger, schwer zu bestim­men. Dunk­le, schmut­zi­ge Fas­sa­den, Neon-Schrift­zü­ge („Sex shop“) und Rekla­me­schil­der. Schwar­ze Wol­ken am Him­mel. Mor­gen­grau­en oder eini­ge Minu­ten vor Ein­bruch der Nacht. Es folgt eine leicht ver­wa­ckel­te Auf­nah­me: Das Leucht­schild eines Kinos, von unten gefilmt – aus wes­sen Stand­punkt? Gleich dar­auf schwenkt die Kame­ra nach unten, einem Kun­den fol­gend. Durch eine ers­te Glas­tür, durch eine zwei­te hin­durch, und schon ist man am Hand­lungs­ort des ers­ten – des bes­ten – Teils des Fil­mes ange­langt: einem Por­no-Kino, das von einer geschwät­zi­gen, reso­lu­ten, aber auch lus­ti­gen klei­nen Frau – etwa drei­ßig Jah­re alt – gelei­tet wird. Sie ver­ge­wis­sert sich, dass die Kun­den ihre Kar­ten gekauft haben und führt sie in den rich­ti­gen Saal. Wie man im Lauf eines Dia­logs erfährt, ist es schon spät in der Nacht. Die Haupt­fi­gur – sie heißt Simo­ne und wird von Ingrid Bour­go­in gespielt – und ihre Kol­le­gin Mar­ti­ne (Mar­ti­ne Simo­net) ver­brin­gen ihre letz­ten Stun­den Arbeit mit bana­len Dis­kus­sio­nen, Wür­fel­spie­len und Lan­ge­wei­le, wel­che sie sich aber offen­sicht­lich nicht anstren­gen zu ver­trei­ben. Dann ver­lässt Simo­ne kurz das Kino, um zwei Glä­ser Rot­wein aus einer Bar zu holen. Als sie zurück­kommt, erzählt sie ihrer Freun­din, sie habe dort eine an der The­ke ste­hen­de Ver­rück­te gese­hen, die laut schrei­end Unsinn von sich gege­ben hat. „Was für eine Stra­ße…“, erwi­dert Mar­ti­ne sanft lachend. Sie meint damit leicht abwer­tend „Was für eine durch­ge­knall­te Stra­ße“. Mit die­sem Satz fes­selt mich Simo­ne Bar­bès, denn es ist das ers­te Mal, dass ich in einem Film so deut­lich einen Gedan­ken aus­ge­drückt sehe, der mich selbst seit lan­gem beschäf­tigt. Paris ist mir schon immer wie eine ein­zi­ge Rie­sen­stra­ße erschie­nen. Eine Stra­ße, die einem den Atem raubt, eine Stre­cke, wel­cher man nur schwer fol­gen kann – kurz, eine ver­rück­te Stra­ße. Eine Stra­ße, die mich ver­rückt macht. Das wird gegen Ende die­ses ers­ten Teils des Films noch beein­dru­cken­der illus­triert, in einer Sze­ne, in der die Glas­tü­ren des Kinos zur Lein­wand wer­den, und durch wel­che der Teil der Stra­ße, die man sieht, zu einem Film wird. Plötz­lich wird die Wirk­lich­keit der Stra­ße zu einer melo­dra­ma­ti­schen Fik­ti­on. Die Ver­rück­te, von der vor­hin die Rede war, rennt einem besof­fe­nen Mann hin­ter­her. Ruft ihm nach, dass sie ihn liebt. Schließ­lich fällt sie auf den nas­sen Fuß­weg, außer Atem. Gleich danach ist Simo­ne zurück zum Geschäft. Die Ver­rück­te hat ihr zwar eine unter­halt­sa­me Pau­se gebo­ten, nun muss sie aber wei­ter­ar­bei­ten. Ob sich gera­de eine Anste­ckung des Wahn­sinns durch die glä­ser­ne Lein­wand ereig­net hat, bleibt offen. Das Inter­es­san­te an die­ser klei­nen Sze­ne ist eigent­lich, dass sie para­do­xer­wei­se den ein­zi­gen Moment des Fil­mes dar­stellt, an dem etwas wie eine visu­el­le Idee des Kinos – hier also durch eine schlich­te Lein­wand – gestal­tet wird. Denn an kei­ner ande­ren Stel­le, trotz des stän­di­gen Hin- und Her­ge­hens der Kun­den zwi­schen den Sälen, deren Ein- und Aus­tre­tens, bekommt man außer ein paar Geräu­schen der Sound­tracks etwas von dem mit, womit sich die Zuschau­er befas­sen. Viel­leicht möch­te Treil­hou ein­fach den Schluss zie­hen, dass die Ein­stel­lung der Stadt jeden mög­li­chen Über­gang von der rohen Wirk­lich­keit zur fik­ti­ven Welt – und umge­kehrt – ver­bie­tet, ja, dass eine Ver­schmel­zung die­ser bei­den Uni­ver­sen, wie sie im Kino so oft vor­kommt, eine Lüge wäre.

Die Fil­me­ma­che­rin insze­niert gleich­wohl eine gewis­se Durch­drin­gung der Räu­me und der Zei­ten, vor allem durch die Geräu­sche, die vom Saal oder von der Stra­ße in die Kino­hal­le gelan­gen, nur bie­tet die­se Durch­drin­gung kei­nen Zugang zur ver­steck­ten Dimen­si­on des Rea­len, wie es in man­chen Pari­ser Fil­men von Jac­ques Rivet­te der Fall ist (vor allem in Céli­ne et Julie vont en bateau und in Le Pont du Nord). Marie-Clau­de Treil­hou zeigt viel­mehr eine unan­ge­neh­me, pene­tran­te Über­de­ckung zwi­schen die­sen Räu­men. Und wie schwer die­se Über­de­ckung die Pri­vat­sphä­re der Figu­ren beschränkt. Wenn die Türe der ver­schie­de­nen Säle von den Kun­den oder von Simo­ne geöff­net wer­den, hört man laut den Ton der por­no­gra­phi­schen Fil­me, manch­mal auch noch nach­dem die Türe wie­der geschlos­sen wor­den sind – ohne, dass die Laut­stär­ke abnimmt. Die­se etwas unrea­lis­ti­sche Ent­schei­dung – in einem Film der ansons­ten rea­lis­tisch wirkt – ist wahr­schein­lich erdacht, um dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Simo­ne stets wie auf einem schwan­ken­den Boden steht, immer dazwi­schen und nie wirk­lich „in der Mit­te“. Sie ist, so leben­dig sie aus­se­hen mag, auch ein Gespenst, wel­ches von den Erwar­tun­gen, den Sor­gen, den Sie­gen und den Nie­der­la­gen der ande­ren durch­drun­gen ist. Wie oben erläu­tert gönnt sich Simo­ne in die­sem ers­ten Teil des Fil­mes nur einen ech­ten Moment der Ein­sam­keit, näm­lich als sie durch die Glas­tü­re hin­durch die Ver­rück­te beob­ach­tet, und nur in die­sem Moment deu­tet Treil­hou dar­auf hin, dass Paris womög­lich die ein­zi­ge Stadt in der Welt ist, des­sen Schick­sal ist es, sich auf der Lein­wand bes­ser anzu­füh­len als in der Wirk­lich­keit. Die­ser Rivet­te-Moment ist aber schon längst vor­bei, als wir einen tie­fe­ren Blick ins Leben Simo­nes bekom­men – in den weni­ger über­zeu­gen­den letz­ten zwei Drit­teln der Erzäh­lung, von denen ich noch nicht weiß, was ich von ihnen hal­ten soll. Simo­ne Bar­bès ou la Ver­tu ist ein Film, der aus­schließ­lich die­je­ni­gen zu trös­ten ver­mag, die sich schon bewusst sind, dass Paris auf der Lein­wand kei­nes­wegs schö­ner – aber auch nicht häss­li­cher – ist, als in der Wirk­lich­keit. Ein Film, der also viel­leicht in ers­ter Linie den­je­ni­gen gewid­met ist, die die Stadt durch die Augen des Gespens­tes ihrer selbst erleben.