»Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen«, hört man in Frankfurt am Main dieser Tage oft. Unter anderem im Rahmen von »Pink Moments«, einer Retrospektive über die schwule und lesbische Frankfurter Kinoszene. Interessanterweise beginnen dort die meisten Geschichten in den 1970ern, hören dann aber plötzlich in den 1990ern auf, wie im von Karola Gramann kuratierten Kurzfilmabend „Ich liebe Dich“, in Erinnerung an das erste Lesben-Film-Festival. Indes etwas mehr Gegenwärtigkeit konnte man in Verführung: Die grausame Frau von Monika Treut und Elfi Mikesch finden, wo Mechthild Großmann die selbst bezeichnete Tyrannin einer sadomasochistischen Performancegroup irgendwo im Hamburger Hafen spielt. Vermeintlich echte Liebe wird zum Ausschlusskriterium, es zählen nur die harten Phantasien – Peitschen, Messer und Fesseln. Woher die Begeisterung an den Strafgelüsten damals rührte, kann sich auf Nachfrage vierzig Jahre später niemand mehr wirklich erklären. Waren sie vielleicht schon immer da? Dass dem Film trotz seiner anfänglichen bundesrepublikanischen Ablehnung (nicht nur einmal fällt dafür das Wort: Prügel) heute nun aber doch noch Begeisterung zukommt, sei erfreulich. Nur die Gründe dafür müsste man noch finden, abseits von SM-Wortspielen.
Denkbar wäre, dass das Interesse gar nicht so viel mit den Inhalten oder Stoffen der Filme zu tun hat und stattdessen mehr damit, wie diese auf das Publikum treffen. Sinngemäß kommt das einer Verschiebung vom Sichtbaren auf das Hörbare gleich. Dass man also den Klang des Vergangenen eher hören, als seinen Ursprung beziehungsweise seine Essenz mit dem Auge erfassen kann. So mag die abermals vom Publikum ausgesprochene Feststellung, fast wäre sie untergegangen, über die Besonderheit von Großmanns Stimme, kaum verwundern. Versucht man sie zu beschreiben, gerät man allerdings wieder in dieselben Probleme, Festlegungen zu treffen, die sich kurz darauf selbst widersprechen. Es mag stimmen, dass Großmanns Stimme tief und rauchig klingt. Wie und warum diese berührt, entzieht sich allerdings den Begriffen. Denn in Treuts und Mikeschs Film kann Großmann nicht nur dominant oder einschüchternd tönen, sondern sogleich auch warm und beschützend sein. Für die Filmemacherinnen macht das keinen Unterschied aus. Zuschreibungen erzählen am Ende mehr über sich, als das, was sie zum Gegenstand nehmen. So viel ist bekannt.
Viel schwerer als die konkrete Beschreibung eine Stimme dürfte allerdings die Erinnerung an sie fallen. Jeden Tag hört man Neue; und seit man wirklich überall Filme sehen kann, gleich doppelt so viele. Segen und Manie liegen nah beieinander. Es gibt Stimmen, die sich relativ klar aufrufen lassen. Dabei hängen sie eher am Klang eines bestimmten Wortes oder an der Bedeutung einer gewissen Stimmung. Dann gibt es aber auch jene Stimmen, die sich umso weiter im eigenen Gedächtnis verstecken, desto vertrauter sie erscheinen. Und die Suche danach lässt fast verzweifeln, sodass man glauben will, die Stimme noch nie wirklich gehört zu haben. Ein Wohlklang in der Erinnerung sollte zumindest skeptisch stimmen, das gilt nicht zuletzt auch fürs Kino. Wer meint, eine besonders schöne Stimme gehört zu haben, der war nicht ganz – oder zu sehr – bei der Sache, gehört wurde auf jeden Fall nicht. Von noch größerer (Un-)Aufmerksamkeit sind dahingehend nur noch jene besetzt, die gar keine Stimme besitzen. Die also, die überhaupt nicht zu hören, oder zu hören, aber nicht wirklich zu sehen sind. Beispielsweise in Eva C. Heldmanns Tausend Küsse an Wanda, in dem Frauen von ihren ebenfalls sadomasochistischen Phantasien berichten, dem Nachfilm zu Verführung: Die grausame Frau. Fast möchte man sagen: Echo.
Das damit verbundene politisch motivierte Ziel, jemanden eine Stimme zu verleihen, bedeutet am Ende nichtsdestotrotz, ein Bild zu machen. Im Sinne dieses sadomasochistischen Kinoabends könnte einem aber einfallen, dass diese Stimme genauso auch wieder genommen werden kann. Und sogar wer sich selbst eine Stimme gibt, dem kann diese entgleiten. So kommt man heute dann eben doch nicht daran vorbei, sich Manches vorstellen zu müssen, obwohl es angeblich nicht möglich sei. Die größte Realitätsverkennung liegt vermutlich nicht darin, zu wissen, was jemand sagen könnte, sondern wie dessen Stimme klingt.

