Schwarz sehen (Etalagen VII)

Zwi­schen zwei weiß lackier­ten Git­ter­flä­chen ist eine Schnur gespannt, an der sich drei bis zum Boden her­ab­hän­gen­de Fah­nen auf­rei­hen. Rechts die schwarz-weiß karier­te soge­nann­te Ziel­flag­ge. Links eine zur Hälf­te grün und zur ande­ren Hälf­te gelb gefärb­te Fah­ne, mit einem gewölb­ten, roten Mit­te­schrift­zug, ver­mut­lich eher Ball- als Motor­sport­be­zug. Die Drit­te Fah­ne ist ver­deckt von einem mit dun­kel­blau­en Fla­nell über­zo­ge­nem Tor­so, über den sich unge­ord­net Wap­pen­auf­nä­her ver­tei­len, teil­wei­se Fuß­ball­hin­ter­grund oder Win­ter­sport: Ben­fi­ca, zwei­mal Cana­da, Öster­rei­chi­scher Ski­ver­band, Ber­mu­da, Süd­ti­rol, drei­mal Schweiz, Tepee, Por­to, Lis­boa, Ver­non, New West­mins­ter, Sin­tra, Mt. Sey­mour. Rechts neben dem Tor­so ein Fächer Tisch­fah­nen, dar­un­ter wie­der die Ziel­flag­ge, aber auch ande­re Renn­sport­flag­gen in kla­rem, aus­drucks­star­kem Gelb, Schwarz und Rot. Natu­ra­lis­ti­sche Farb­be­stim­mun­gen sind in der Flag­gen­kun­de, auch Vexil­lo­lo­gie genannt, unüb­lich, Flag­gen haben sich vor allem an der Regel der Ein­fach­heit zu ori­en­tie­ren. Dazu tri­um­phie­ren sie im silb­rig-syn­the­ti­schen Glanz, sodass der Flag­gen­stoff selt­sa­mer­wei­se immer auch an Motor­hau­ben erin­nert. Ein Wim­pel aus wei­ßer Spit­ze, der einen fili­gra­nen Laub­zweig dar­stellt, links neben dem Tor­so, scheint die­ses Cre­do infra­ge zu stel­len. So wie man sich auch fra­gen könn­te, ob es einen Unter­schied zwi­schen Flag­gen und Fah­nen gibt. Außer in der Schweiz ver­steht man unter Fah­nen im Gegen­satz zu Flag­gen das jewei­li­ge Ein­zel­stück. In einem zwei­ten Fens­ter befin­den sich vier Flag­gen in fol­gen­der Rei­he, eine wei­te­re wich­ti­ge Flag­gen­re­gel, von links nach rechts: Alba­ni­en, der Adler nicht ganz erkenn­bar; Irland, oder fälsch­li­cher­wei­se Côte d’Ivoire; Por­tu­gal etwas ein­ge­rollt, aber deut­lich repu­bli­ka­nisch, nach dem Flag­gen­krieg 1910; und Gha­na, unab­hän­gig. Dar­un­ter quel­len schim­mern­de tür­ki­se und blaue Stoff­bah­nen her­vor, ein Fah­nen­meer. Im drit­ten Fens­ter eine ähn­li­che Auf­ma­chung, erneut Adler, dies­mal auf Weiß-Rot; Gold und Rot-Weiß-Rot; ganz links eben­so noch­mal ein Adler-Wap­pen-Ensem­ble hier auf schwar­zem Grund, des­sen Zuge­hö­rig­keit unbe­stimmt bleibt. Mit­tig auf einem Podest ste­hend, ein bun­ter Tisch­flag­gen­strauß, zuvor­derst Ita­li­en, dahin­ter Aus­tra­li­en und ande­re. Das vor­letz­te Fens­ter ist zwei­ge­teilt links die Flag­ge der Euro­päi­schen Uni­on, dane­ben aber­mals eine Ziel­flag­ge. Auf dem Fens­ter­brett davor ver­sam­meln sich eini­ge Pri­de-Tisch­flag­gen sowie sol­che in jeweils ein­far­bi­gem Pas­tell­blau und ‑rosa. Etwas ver­steckt dazwi­schen ein bedruck­ter Wim­pel mit den Wor­ten: »Wir alle haben MUT ANGST LACHEN TRÄNEN (…)«. Dar­über ein Seri­fen­schrift­zug in meh­re­ren abge­stuf­ten Farb­tö­nen mit dem Namen der Besit­ze­rin. Es ist dun­kel im letz­ten Fens­ter, so als wäre es mit den schwar­zen Stoff­fet­zen, dem Rest der hier ansäs­si­gen Fah­nen­pro­duk­ti­on, ver­han­gen, wes­halb sich der vor­bei­zie­hen­de Ver­kehr dar­in beson­ders spie­gelt. Ein wenig wie in den reflek­tie­ren­den Schei­ben des Pfand­hau­ses in Une femme douce von Robert Bres­son, unüber­hör­bar auch in allen sei­nen ande­ren Fil­men. Nur wirkt er da aller­dings am lau­tes­ten, als plötz­lich auf dem Fern­se­her ein Auto­rennen zu sehen ist; und am lei­ses­ten, als ein Stück Stoff durch die Luft fliegt. Mehr als um Hän­de oder den Glau­ben geht es ihm dabei womög­lich auch um Stof­fe und brum­men­de Motoren.

(Kir­chen­gas­se)