Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Taubenblicke X

Farb­klang: Das brau­ne Stück Ing­wer in der Scha­le auf dem Küchen­tisch, die vio­let­ten Glo­cken­blu­men auf dem Fens­ter­brett, das Grün­wer­den des Schnur­baums im Park, die roten Kap­pen der Schul­kin­der am Spiel­platz, das schwar­ze Hals­band eines Hun­des neben den gel­ben Otta­krin­ger-Bier­do­sen im Gras, die hell­ro­sa Kin­der­ja­cke im Fens­ter des geschlos­se­nen Kin­der­gar­tens an der Ecke Gold­schlag­stra­ße und Pouthongasse

Das Kind, das mit aus­ge­streck­ten Armen einer Tau­be hin­ter­her­jagt und dabei fast von einer Stra­ßen­bahn über­fah­ren wird, wäh­rend sein Vater lächelnd zuschaut, wie der Vogel davonfliegt

Das ande­re Kind, das im hef­ti­gen Gewit­ter­re­gen den Park gelas­sen durch­quert, sei­ne Hand­tel­ler vor sich offen­hal­tend, um die kie­sel­stein­gro­ßen Trop­fen aufzufangen

Letz­ter Ein­trag eines nie wie­der ange­rühr­ten Notiz­buchs vom letz­ten Jahr: Herbst­kal­te Hän­de, die sich in der war­men Bahn­hofs­hal­le zum letz­ten Abschied berühren

Der Wunsch, dass man für jede Woh­nung, jedes Haus, in dem man frü­her mal gewohnt hat, einen Schlüs­sel besitzt, mit dem man sich zu jeder Tages­zeit rein­las­sen kann, um aufs Klo zu gehen, sich hinzulegen

Das Ver­gnü­gen, in einer lan­gen Schlan­ge zu ste­hen (auf dem Post­amt, im Super­markt), um die ande­ren War­ten­den zu betrach­ten: die fal­ti­gen Hän­de einer alten Frau, die ein an ihre Brust gedrück­tes Paket fest umklam­mert; ein Kind, das eine über­gro­ße, graue Kap­pe auf dem Kopf trägt und mit zwei Hän­den eine Post­kar­te hält, auf der ein Fluss abge­bil­det ist; eine Jugend­li­che mit lan­gen, schwar­zen, regen­nas­sen Haa­ren, die Trop­fen, die von ihren Ohren­spit­zen auf den Schul­tern ihres Nir­va­na T‑Shirts fal­len, wäh­rend sie den gel­ben Post­zet­tel zer­knüllt und mit der Ober­sei­te ihrer Hand gleich wie­der glät­tet; ein alter Mann in einem dun­kel­blau­en Anzug mit Schup­pen auf den Rücken wie klei­ne, fast durch­sich­ti­ge Schnee­flo­cken, die bei jeder sei­ner Bewe­gun­gen im grel­len Super­markt­licht aus dem dunk­len Stoff her­vor­leuch­ten; eine Grei­sin, die ein Zucker­pa­ket mit ihrem Fuß über den Boden nach vor­ne schiebt und dabei so erschöpft wirkt, als wäre dies ihr aller­letz­ter Ein­kauf; die klei­nen, müden Augen der Kas­sie­re­rin kurz vor Schichtende

Am Him­mel hauch­dün­ne Kon­dens­strei­fen, die zwei still­ste­hen­de Wol­ken ver­bin­den wie lang­sam ver­schwin­den­de Zug­schie­nen und dar­un­ter, neben der S‑Bahn-Sta­ti­on Blu­men­tal, liegt ein beschei­de­nes, unbe­nutz­tes, mit hohem Gras bewach­se­nes Hügel­ter­rain, in des­sen Vor­der­grund ein Schild steht mit der Auf­schrift: „ÖBB-Bahn­an­la­ge. Betre­ten Ver­bo­ten.“ (Favo­ri­ten, Stadtgrenze)

Ein paar hun­dert Meter wei­ter: Fla­ches, unbe­stell­tes Brach­land im wei­chen Licht unter gro­ßem Him­mel, weit­am­tig, gemäl­de­haft, ein Gelän­de frucht­ba­rer Unfer­tig­keit; in der Fer­ne eine reg­lo­se Figur mit einem im Gras lie­gen­den Hund, win­zi­ge Stri­che, die die Gren­ze zwi­schen Him­mel und Hori­zont mar­kie­ren; zwei stum­me, grau­schwar­ze Krä­hen flie­gen nied­rig über das hell­grü­ne Feld, spär­lich bewach­sen mit wie mit einem Pin­sel hin­ge­tupf­ten rosa Mohn­blü­ten, das Schwarz, Grün und Rosa wie die Far­ben einer Fah­ne für ein Land, das es noch nicht gibt; das ein­zi­ge Geräusch ist das Äch­zen der 16A Auto­bus­se, die die Stra­ße alle zehn Minu­ten ent­lang­fah­ren und hin­ter deren getön­ten Fens­ter­schei­ben ver­ein­zel­te Pas­sa­gie­re nur als sit­zen­de, form­lo­se Schat­ten zu erbli­cken sind

Noch ein paar Meter wei­ter ste­hen graue, mehr­stö­cki­ge, von Hecken umzin­gel­te Wohn­blö­cke, die so erschei­nen, als hät­ten sie sich aus einem ande­ren Stadt­teil hier­her ver­irrt und sich als klei­ne Sied­lung unbe­hol­fen in der Ebe­ne nie­der­ge­las­sen, welt­ab­ge­wandt, blick­los, alle ver­se­hen mit Pri­vat­grund­schil­dern; hin­ter den Hecken sind alte Män­ner­stim­men hör­bar, aus denen im lang­sa­men Vor­bei­ge­hen ein­zel­ne Wor­te unwill­kür­lich auf­ge­schnappt wer­den: „Son­ne“, „Hof“, „Donau“, „Park­schein“, „Tes­ta­ment“ – Wor­te, aus dem sich eine gan­ze Lebens­ge­schich­te zusam­men­set­zen lässt

Ein zer­fal­le­nes Back­stein­ge­bäu­de eines Guts­hofs mit von gel­ben Holz­bret­tern ver­na­gel­ten Fens­tern; das Gelb ein Licht, das an die Tage am Land erin­nert und bei dem man sich immer wei­ter in die Ver­gan­gen­heit zurück­t­räumt, bis es nichts mehr zu erin­nern gibt