Taubenblicke X

Farbklang: Das braune Stück Ingwer in der Schale auf dem Küchentisch, die violetten Glockenblumen auf dem Fensterbrett, das Grünwerden des Schnurbaums im Park, die roten Kappen der Schulkinder am Spielplatz, das schwarze Halsband eines Hundes neben den gelben Ottakringer-Bierdosen im Gras, die hellrosa Kinderjacke im Fenster des geschlossenen Kindergartens an der Ecke Goldschlagstraße und Pouthongasse

Das Kind, das mit ausgestreckten Armen einer Taube hinterherjagt und dabei fast von einer Straßenbahn überfahren wird, während sein Vater lächelnd zuschaut, wie der Vogel davonfliegt

Das andere Kind, das im heftigen Gewitterregen den Park gelassen durchquert, seine Handteller vor sich offenhaltend, um die kieselsteingroßen Tropfen aufzufangen

Letzter Eintrag eines nie wieder angerührten Notizbuchs vom letzten Jahr: Herbstkalte Hände, die sich in der warmen Bahnhofshalle zum letzten Abschied berühren

Der Wunsch, dass man für jede Wohnung, jedes Haus, in dem man früher mal gewohnt hat, einen Schlüssel besitzt, mit dem man sich zu jeder Tageszeit reinlassen kann, um aufs Klo zu gehen, sich hinzulegen

Das Vergnügen, in einer langen Schlange zu stehen (auf dem Postamt, im Supermarkt), um die anderen Wartenden zu betrachten: die faltigen Hände einer alten Frau, die ein an ihre Brust gedrücktes Paket fest umklammert; ein Kind, das eine übergroße, graue Kappe auf dem Kopf trägt und mit zwei Händen eine Postkarte hält, auf der ein Fluss abgebildet ist; eine Jugendliche mit langen, schwarzen, regennassen Haaren, die Tropfen, die von ihren Ohrenspitzen auf den Schultern ihres Nirvana T-Shirts fallen, während sie den gelben Postzettel zerknüllt und mit der Oberseite ihrer Hand gleich wieder glättet; ein alter Mann in einem dunkelblauen Anzug mit Schuppen auf den Rücken wie kleine, fast durchsichtige Schneeflocken, die bei jeder seiner Bewegungen im grellen Supermarktlicht aus dem dunklen Stoff hervorleuchten; eine Greisin, die ein Zuckerpaket mit ihrem Fuß über den Boden nach vorne schiebt und dabei so erschöpft wirkt, als wäre dies ihr allerletzter Einkauf; die kleinen, müden Augen der Kassiererin kurz vor Schichtende

Am Himmel hauchdünne Kondensstreifen, die zwei stillstehende Wolken verbinden wie langsam verschwindende Zugschienen und darunter, neben der S-Bahn-Station Blumental, liegt ein bescheidenes, unbenutztes, mit hohem Gras bewachsenes Hügelterrain, in dessen Vordergrund ein Schild steht mit der Aufschrift: „ÖBB-Bahnanlage. Betreten Verboten.“ (Favoriten, Stadtgrenze)

Ein paar hundert Meter weiter: Flaches, unbestelltes Brachland im weichen Licht unter großem Himmel, weitamtig, gemäldehaft, ein Gelände fruchtbarer Unfertigkeit; in der Ferne eine reglose Figur mit einem im Gras liegenden Hund, winzige Striche, die die Grenze zwischen Himmel und Horizont markieren; zwei stumme, grauschwarze Krähen fliegen niedrig über das hellgrüne Feld, spärlich bewachsen mit wie mit einem Pinsel hingetupften rosa Mohnblüten, das Schwarz, Grün und Rosa wie die Farben einer Fahne für ein Land, das es noch nicht gibt; das einzige Geräusch ist das Ächzen der 16A Autobusse, die die Straße alle zehn Minuten entlangfahren und hinter deren getönten Fensterscheiben vereinzelte Passagiere nur als sitzende, formlose Schatten zu erblicken sind

Noch ein paar Meter weiter stehen graue, mehrstöckige, von Hecken umzingelte Wohnblöcke, die so erscheinen, als hätten sie sich aus einem anderen Stadtteil hierher verirrt und sich als kleine Siedlung unbeholfen in der Ebene niedergelassen, weltabgewandt, blicklos, alle versehen mit Privatgrundschildern; hinter den Hecken sind alte Männerstimmen hörbar, aus denen im langsamen Vorbeigehen einzelne Worte unwillkürlich aufgeschnappt werden: „Sonne“, „Hof“, „Donau“, „Parkschein“, „Testament“ – Worte, aus dem sich eine ganze Lebensgeschichte zusammensetzen lässt

Ein zerfallenes Backsteingebäude eines Gutshofs mit von gelben Holzbrettern vernagelten Fenstern; das Gelb ein Licht, das an die Tage am Land erinnert und bei dem man sich immer weiter in die Vergangenheit zurückträumt, bis es nichts mehr zu erinnern gibt