Eines der gro­ßen The­men im Werk von Wang Bing ist das Über­le­ben. Umso dring­li­cher erwar­tet uns, dass es in sei­nem neu­en Film Mrs. Fang, der in Locar­no ver­dient mit dem Gol­de­nen Leo­par­den aus­ge­zeich­net wur­de, um das Ster­ben geht. Man könn­te auch sagen, dass es um das Leben mit dem Ster­ben geht. Die Kame­ra beglei­tet und ver­lässt Fang Xiuy­ing, eine 67jährige Frau, die im Krei­se ihrer Fami­lie in eine dem Tode nahe Star­re ver­fällt, die durch eine unheil­ba­re Alz­hei­mer-Erkran­kung bewirkt wird. Nun hat das Kino dem Tod schon man­ches Schnipp­chen geschla­gen, auch in dem es ihn gefilmt hat, aber mit Mrs. Fang geht es viel­mehr um eine Suche nach dem Ver­ste­hen des­sel­ben. Ein ver­such­tes Ver­ste­hen, das im sel­ben, uner­bitt­li­chen Star­ren gefan­gen ist wie die para­ly­sier­te Frau.

Mit La gueu­le ouver­te, einem hef­ti­gen, zugleich sen­si­blen und unsen­si­blen Film über das Ster­ben, hat Mau­rice Pia­lat vor eini­gen Jahr­zehn­ten womög­lich den per­fek­ten Titel für den neu­en Film von Wang Bing gefun­den. Denn das kör­per­lichs­te und ein­dring­lichs­te Bild in der Begeg­nung mit Frau Fang und ihrer Fami­lie ist die wie­der­keh­ren­de, mys­te­riö­se Nah­auf­nah­me ihres wie ein­ge­fro­re­nen Gesichts. Es wirkt zugleich ent­rückt und ganz bei sich. Immer wie­der bli­cken auch die Ver­wand­ten ins Ant­litz von Frau Fang und fra­gen sich, ob sie noch bei Bewusst­sein ist oder nicht. Dar­in liegt auch das Mys­te­ri­um, denn ihre Unfä­hig­keit zur Reak­ti­on, ihr offe­ner Mund und die den­noch wachen Augen, die sich von Zeit zu Zeit zu bewe­gen schei­nen, erge­ben ein unfass­ba­res Bild. Es ist schwer, die­se Nah­auf­nah­me als etwas wahr­zu­neh­men, was die wehr­lo­se Frau bloß­stellt, weil sich etwas in und hin­ter ihrem Gesicht zu ver­ber­gen scheint, das sich jedem Aus­sau­gen ihrer Situa­ti­on ent­zieht. Der ethi­sche Balan­ce­akt, der durch die Nähe zu die­ser Per­son und ihrer Fami­lie auto­ma­tisch ent­steht, wird para­do­xer­wei­se durch die größt­mög­li­che Inti­mi­tät auf­ge­ho­ben. In die­ser Inti­mi­tät ver­birgt sich etwas, es wird klar, dass nicht alles gezeigt wer­den kann. Im Gegen­satz etwa zu Allan Kings Dying at Grace gibt es hier kei­ne Behaup­tung einer Erfah­rung des Todes. Statt­des­sen wird klar, dass man immer außen steht, dass man zwar erfah­ren will, aber nicht kann. In die­sem Sin­ne gelingt dem Film etwas ganz uner­hör­tes mit den Prin­zi­pi­en der Nah­auf­nah­me. Unter dem Blick von Bing wird sie weder zu einem Ein­gang in die See­le der pas­si­ven Prot­ago­nis­tin, noch kommt es zu einer Iden­ti­fi­ka­ti­on. Die Bil­der des regungs­lo­sen Gesichts ver­nei­nen den Kule­schow-Effekt. Denn statt der Frei­heit einer Inter­pre­ta­ti­on, die durch die Rela­ti­on zu einem Zwi­schen­bild bewirkt wird, erzählt sich hier die Ohn­macht einer Inter­pre­ta­ti­on, die durch das unbe­ding­te Feh­len eines Zwi­schen­bilds bewirkt wird. Da ist nichts, da ist alles: Die Frau, ihr Gesicht und ihr Ster­ben. Die Nah­auf­nah­me wirft hier zurück, auf den, der sie betrach­tet bezie­hungs­wei­se her­stellt. Man fin­det dort nichts, man sucht nur und genau das recht­fer­tigt die Nähe. Was aus grö­ße­rer Ent­fer­nung (die Bing im Augen­blick des Todes ein­nimmt) nur das emo­tio­na­le Bild einer ster­ben­den Frau sein kann, wird aus die­ser Nähe zu einer Unsi­cher­heit über Leben und Tod, also genau jenem Zwi­schen­reich, in dem das Kino zu Hau­se ist.

Man denkt dabei an Foto­gra­fien und Roland Bar­thes. Wie beun­ru­hi­gend ist es aber, dass die­se Nah­auf­nah­me kei­ne Foto­gra­fie ist. Gera­de im Poten­zi­al zur Bewe­gung, gera­de in den klei­nen Regun­gen wie einer plötz­li­chen Trä­ne auf den Wan­gen von Frau Fang, ver­mit­telt sich die Unglaub­wür­dig­keit des Ster­bens. Man könn­te sogar so weit gehen und sagen, dass man durch die­se Nah­auf­nah­me die Bedeu­tung man­cher Reli­gi­on ver­steht. Denn es gibt etwas, das nicht film­bar ist an die­sem kör­per­li­chen und see­li­schen Vor­gang. Nichts wird dabei fest­ge­hal­ten außer der eige­nen Ohn­macht im Ange­sicht die­ses Gesichts.

Mrs. Fang von Wang Bing

Ab und an fokus­siert sich der Film auch auf die Gescheh­nis­se rund um die­se Para­ly­se, was ent­fernt an Fre­de­rick Wisem­ans Near Death erin­nert. Er zeigt Fami­li­en­mit­glie­der und vor allem das nächt­li­che Fischen, das den Ort, in dem Frau Fang gelebt hat und ster­ben wird, prägt. Dabei ist zu bemer­ken, dass Bing erst ganz am Ende sei­nes Films mit gewohnt ruckeln­der Hand­ka­me­ra die Ver­bin­dun­gen zwi­schen den unter­schied­li­chen Räu­men des Films offen­bart. Er folgt einem Fami­li­en­mit­glied durch die Gän­ge des kah­len Hau­ses nach drau­ßen. Es wird klar, dass Frau Wang im hin­ters­ten Zim­mer des Hau­ses liegt, dass die bereits ein­ge­führ­te Stra­ße tat­säch­lich direkt vor dem Haus liegt und es von dort auch nur eini­ge Meter zum Was­ser sind. Durch die­se Ver­zö­ge­rung eines Eta­blie­rens der räum­li­chen Zusam­men­hän­ge ist auch in die­sem Film, trotz der deut­lich gerin­ge­ren Lauf­zeit (86 Minu­ten) als zum Bei­spiel Tiexi qu (556min) oder auch Ta’ang (148min), die Dau­er ein ent­schei­den­des Kri­te­ri­um. Man bekommt das Gefühl einer ver­ge­hen­den Zeit, die eben nicht nur auf den Tod war­tet, son­dern wei­ter geht. Dadurch, dass Räu­me erst spät zusam­men­ge­führt wer­den, wird die­ser Effekt ver­stärkt. Man bemerkt, dass alles, was man sieht inner­halb eines klei­nen Uni­ver­sums abläuft. Nichts ist künst­lich mon­tiert und dadurch in der Zeit­wahr­neh­mung unzu­ver­läs­sig. Bing scheint sei­ne Bil­der zu machen, sei­nen Impul­sen zu fol­gen und dann in einem zwei­ten Schritt mit weni­gen Ein­grif­fen eine Struk­tur zu fin­den, die sich immer wie­der mit den Fra­gen beschäf­tigt: Was kann und muss das Kino zei­gen? Wie kann ich verstehen?

Grob die letz­ten sie­ben Tage im Leben der Frau zeigt der Film. Dabei gibt es kei­ne gro­ßen fil­mi­schen Ideen, son­dern schlicht und bril­li­ant den All­tag einer Fami­lie, die mit dem bal­di­gen Tod eines Mit­glieds kon­fron­tiert wird. Wie so oft im Werk von Bing geht es dabei auch um das Geld. Die Kos­ten der Pfle­ge wer­den frus­triert geäu­ßert und es wird dis­ku­tiert, was man bei der Beer­di­gung zum Essen berei­ten wird. Dass dabei sowohl die Kame­ra als auch Frau Fang im Raum sind, wird igno­riert. Die Fami­lie schaut Fern­se­hen, ab und an blickt jemand ins Gesicht der Frau, man rät­selt, ob sie schläft oder wach ist. Es geht so dahin und die emo­tio­na­le Kraft jener Ein­stel­lung, die aus dem Zim­mer der Frau nach drau­ßen geht, liegt auch dar­in, dass einem klar wird, dass man die­sen Tod nicht unbe­dingt spü­ren muss. Man trifft eine bewuss­te Ent­schei­dung hin­zu­se­hen, wenn jemand stirbt. Jedem ist frei­ge­stellt, sich abzu­len­ken. Im Kino gab es oft Dis­kus­sio­nen rund um die­se Ent­schei­dung hin­zu­se­hen. Pedro Cos­tas No Quar­to da Van­da ist ein gutes Bei­spiel, auch dort wur­den ethi­sche Zwei­fel bezüg­lich der Nähe des Fil­me­ma­chers zu sei­ner dro­gen­ab­hän­gi­gen Prot­ago­nis­tin geäu­ßert. Eine inti­me Nah­auf­nah­me, die eine Zärt­lich­keit für die Schwä­che offen­bart, scheint nicht für alle Zuse­her akzep­ta­bel. Dabei liegt hier doch eine der gro­ßen Fähig­kei­ten des Kinos. Es wird uns nicht nur erlaubt hin­zu­se­hen, son­dern eben auch eine Befrei­ung durch die Kraft der Kame­ra evo­ziert, die einen ande­ren Blick ermög­licht als jenen der Abkehr, Aus­gren­zung und Angst. Wel­che Arbeit und Behut­sam­keit in einem sol­chen ande­ren Blick steckt, wird schnell ver­ges­sen. Zu leicht wird Inti­mi­tät im Kino als absto­ßend emp­fun­den, obwohl man bemer­ken soll­te, dass Inti­mi­tät eine Aus­nah­me ist, kein Verbrechen.

Mrs. Fang von Wang Bing