Three Men of Wisconsin: On Dangerous Ground und The Prowler

In die­sen Tagen ist im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um, eine umfas­sen­de Schau zu den par­al­lel lau­fen­den Wer­ken von Joseph Losey, Nicho­las Ray und Orson Wel­les zu sehen. Die Ver­bin­dun­gen zwi­schen den drei Fil­me­ma­chern sind zahl­reich, her­vor­ste­chend ist jedoch ihre gemein­sa­me Her­kunft aus dem Dachs­staat Wis­con­sin. Zwar war ich noch nie in die­sem Staat, aber die fil­mi­schen Bil­der, die mich von dort etwa durch Wer­ner Her­zogs Stro­szek, Craig Gil­le­spies Lars and the Real Girl oder Micha­el Manns Public Enemies erreicht haben, deu­te­ten nicht gera­de auf eine kul­tu­rel­le Hoch­burg hin, in der die Krea­ti­vi­tät aus jedem Gras­halm sprießt. In den kom­men­den Tagen und Wochen will ich mich also in das Werk der drei Män­ner aus Wis­con­sin stür­zen, die ich bis heu­te völ­lig unter­schied­lich wahr­ge­nom­men habe, um die Magie die­ser Gras­hal­me in Wis­con­sin, bes­ser zu ver­ste­hen. So schwankt Wel­les in mei­ner Wahr­neh­mung zwi­schen völ­li­ger Ableh­nung und manch magi­schem Moment, den ich nie ver­ges­sen wer­de, Nicho­las Ray war für mich immer mys­tisch erhöht durch das Werk von Jean-Luc Godard oder Wim Wen­ders und ich habe bis heu­te tat­säch­lich Berüh­rungs­ängs­te, weil ich die­ses mys­ti­sche Gefühl nicht rui­nie­ren möch­te, wäh­rend Losey für mich ein Ver­spre­chen ist, das sich durch sei­nen famo­sen Mr. Klein ver­mit­telt hat.

Die Pro­gram­mie­rung von On Dan­ge­rous Ground von Nicho­las Ray mit The Prow­ler von Joseph Losey könn­te auch unter der Über­schrift: Offi­cers in Love lau­fen. Es ist die­ses merk­wür­di­ge Gefühl eines Aus­ge­lie­fert­seins der Frau im Ange­sicht des Poli­zis­ten, der sie in ihrem Heim beschützt, obwohl er sie und ihre Fami­lie auch bedro­hen könn­te. Und die Sehn­sucht des Poli­zis­ten, der stän­dig mit einem ande­ren Leben kon­fron­tiert wird, der in sei­nem Beruf immer­zu das sieht, was er selbst nicht hat, nicht wahr­ha­ben will. Bis er es nicht mehr aus­hält. Ohne hier in die unnö­ti­ge Pra­xis einer Hand­lungs­be­schrei­bung ver­fal­len zu wol­len, sei also bemerkt: In bei­den Fäl­len ler­nen Poli­zis­ten Frau­en ken­nen. In On Dan­ge­rous Ground lei­det die Form mit dem Prot­ago­nis­ten Jim (gespielt von einem sehr erns­ten Robert Ryan), einem Poli­zis­ten, der sei­nen Glau­ben an die Mensch­heit und sich selbst schon lan­ge begra­ben hat und der plötz­lich mit einer Wär­me kon­fron­tiert wird, die ihn noch mehr zer­reißt. Zer­ris­sen ist auch Webb (ein fas­zi­nie­ren­der Van Hef­lin), aber bei ihm führt die­se Zer­ris­sen­heit in eine lan­ge Zeit ambi­va­len­te Hal­tung zu Lie­be, Besitz und einer Iden­ti­täts­kri­se, die ihn schließ­lich in fata­le und bru­ta­le Hand­lun­gen führt. Es sind Fil­me über den Schmerz des Poli­zis­ten­da­seins und die gesun­den oder krank­haf­ten Wün­sche, die man sich auf­baut, um sei­ner Welt zu entfliehen.

The Prowler
The Prow­ler
Nicholas Ray Robert Ryan
On Dan­ge­rous Ground

Ray treibt einen wil­den Gegen­satz zwi­schen Stadt und Land in sei­nen Film, als aus dem vor bit­te­ren Trä­nen seuf­zen­den Asphalt der Groß­stadt ein stil­ler Schnee­fall in einem Phan­tom Ride alles ver­än­dert. Die­ses Para­dies jen­seits der Stadt ist aller­dings von einer genau­so erbar­mungs­lo­sen Bru­ta­li­tät beseelt. Jedoch kann der „City Cop“ Jim in die­ser Welt anders sehen, genau wie die Kame­ra, die aus ihren unüber­sicht­li­chen Win­keln kriecht, um plötz­lich in fei­er­li­chen Tota­len, eine Men­schen­jagd durch die Natur ein­zu­fan­gen, eine Natur, die letzt­lich zum Ver­häng­nis wird genau wie die Stadt vor ihr. Das mit dem „anders sehen“ wird auch durch die Blind­heit der weib­li­chen Haupt­fi­gur ver­stärkt, Mary (Ida Lupi­no), die ihren Bru­der vor den Bli­cken ver­steckt, die von Ray bei ihrem Auf­tritt lan­ge ver­steckt wird, als dürf­ten wir nicht sehen, was nicht sehen kann. Die Dar­stel­lung der Blind­heit selbst ist eine mitt­le­re Kata­stro­phe, aber in den Augen­high­lights des ame­ri­ka­ni­schen Kinos kann man nicht wirk­lich nicht sehen. In die­ser Hilf­lo­sig­keit ent­deckt Jim dann sei­ne eige­ne Hilf­lo­sig­keit und die des Films, der von einem gran­dio­sen bis­wei­len gar poe­ti­schen Moment in eine Ermü­dung erschlafft, um wie­der zu erwa­chen beim Auf­leuch­ten eines Lichts, um sich wie­der zu ver­ste­cken, kein Rhyth­mus, kei­ne Chan­ce auf Rhyth­mus, son­dern eine nicht-kana­li­sier­te Wild­heit, die Ray nahe an sei­ne gro­ßen Kino­ex­plo­sio­nen bringt.

Deut­lich kal­ku­lier­ter geht da Jims Kol­le­ge Webb in The Prow­ler vor, der die ein­sa­me Sus­an (Eve­lyn Keyes) in den gro­ßen Plan sei­nes Lebens ein­be­zieht ohne sie ein­zu­wei­hen, für den die Lie­be nichts ande­res ist, als der Kauf eines Motels. Auch Losey geht dabei viel kal­ku­lier­ter vor in sei­nen Sze­nen, die meist in Halb­to­ta­len mit kor­ri­gie­ren­den Schwenks dem Gesche­hen fol­gen und sich völ­lig den Bewe­gun­gen der Haupt­fi­gur unter­wer­fen. Dort wo Ray jeder­zeit alles über den Hau­fen wirft, folgt Losey einer unbe­stech­li­chen Logik, die sich bis weit in den Film hin­ein­zieht. Der Film wur­de von Black­list-Autor Dal­ton Trumbo geschrie­ben und die­ser spielt vir­tu­os mit Rück­be­zü­gen, in denen jedes Detail aus der ers­ten Hälf­te des Films in der zwei­ten Hälf­te sei­ne Bestim­mung fin­det. Avan­ciert wird da mit Moti­ven wie dem Geis­ter­haf­ten (die Stim­me von Susans Mann, Sire­nen aus der Dun­kel­heit, eine Geis­ter­stadt) oder den ver­sperr­ten Wegen (weg­ge­sperr­te Ziga­ret­ten, blo­ckier­te Stra­ßen) gespielt. The Prow­ler ist ein sel­te­ner Film, indem die nar­ra­ti­ve Geschlos­sen­heit per­fekt mit dem mani­schen und klaus­tro­pho­bi­schen Inhalt har­mo­niert. Dabei pas­sie­ren die inter­es­san­ten Din­ge auf dem Gesicht von Van Hef­lin zu dem man irgend­wie kei­ne Stel­lung bezie­hen kann. In sei­nen Augen spie­gelt sich das Ver­lan­gen einer sexu­el­len Unter­drü­ckung, eines fal­schen Lebens und zugleich die kind­li­che Sehn­sucht nach einer fried­li­chen Exis­tenz. Die Träu­me einer Mit­tel­klas­se, die ins Nichts füh­ren. Die Nüch­tern­heit mit der Losey sei­ne Ver­bre­chen und sei­ne Schwä­che ein­fängt, ver­mit­telt fast so etwas wie Iden­ti­fi­ka­ti­on. Und auch Losey wech­selt von der Stadt in die Natur, bei ihm ist es die stau­bi­ge Wüs­te statt des ewi­gen Schnees. Mit unfass­bar ein­falls­lo­sen Sound­ef­fek­ten und ver­streu­ten Gim­micks ver­sucht er die­se Welt spür­bar zu machen, letzt­lich bleibt The Prow­ler aber vor allem ein nar­ra­tiv anspre­chen­der Film, des­sen Kör­per­lich­keit nicht wie bei Ray in der Natur liegt, son­dern im Gesicht sei­nes Protagonisten.

On Dangerous Ground2
On Dan­ge­rous Ground

In bei­den Fäl­len ist es eine Flucht auf einen Berg, die das Ende bringt. Ein gefähr­li­cher Unter­grund als ulti­ma­ti­ves Bild einer Ein­sam­keit, die bei­de Fil­me durch­tränkt. Die völ­li­ge Ver­lo­ren­heit, in der man sich in Rays ers­ten Sequen­zen in der Stadt befin­det, spie­gelt die inne­re Nacht von Jim und Webb, deren Träu­me wohl nur im Kino eine Chan­ce haben, obwohl sie auch dort nicht in Erfül­lung gehen müs­sen. Nur, wenn ein Ver­lan­gen so sehr in die Flucht treibt, die Flucht vor sich selbst, die Flucht vor der Stadt, vor dem eige­nen Leben und Beruf, dann ist das Kino nicht weit. Bei­de Fil­me geben der männ­li­chen Resi­gna­ti­on im Noir Film eine hys­te­ri­sche Note, in der die Anti-Hel­den nicht trin­ken, um zu ver­ges­sen, son­dern ren­nen, um zu fühlen.