Three Men of Wisconsin: The Trial und Figures in a Landscape

In einem para­no­iden Dou­ble­scree­ning zeig­te das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um The Tri­al von Orson Wel­les und den vogel­wil­den Figu­res in a Land­scape von Joseph Losey. Die­se Zusam­men­set­zung war im dop­pel­ten Sin­ne para­no­id, denn ers­tens han­delt es sich um zwei Fil­me, in denen Para­noia eine gewich­ti­ge Rol­le spielt und zwei­tens wur­de Loseys Film, der als zwei­ter gezeigt wur­de, durch die­se Pro­gram­mie­rung mehr oder weni­ger von Wel­les‘ Kaf­ka-Ver­fil­mung gejagt. Nun ist es so, dass ich eine beson­de­re Bezie­hung zu The Tri­al habe. Ich sah den Film zum ers­ten Mal vor etwa 7,5 Jah­ren, als unser Deutsch­leh­rer sich ent­schied, die Kaf­ka-Lek­tü­re aus Zeit­man­gel aus­zu­las­sen und uns dafür zwei Fil­me zeig­te: Das Schloß von Micha­el Han­eke und eben The Tri­al von Orson Wel­les. Wie das so üblich ist, zeig­te man uns Aus­schnit­te (eben­falls aus Zeit­man­gel) von einer untrag­ba­ren VHS-Kas­set­te in einem Raum, der kaum vom ein­drin­gen­den Licht geschwei­ge denn vom Vogel­ge­zwit­scher (irgend­ei­ne Schü­le­rin bit­tet schließ­lich immer um fri­sche Luft bei geöff­ne­tem Fens­ter) sicher war. Doch trotz die­ser Pro­jek­ti­ons­be­din­gun­gen trans­por­tier­te sich eine Art Magie in den Bil­dern von Wel­les, die mich unend­lich beschäf­tig­te und die für mich eine Welt öff­ne­te, die man als Kino bezeich­nen könn­te: Ich sah Licht und Schat­ten, ich spür­te eine mate­ri­el­le Sinn­lich­keit und gleich­zei­tig etwas Ent­rück­tes. Nach dem „Scree­ning“ ging ich zum Leh­rer und frag­te, ob ich mir die VHS-Kas­set­te aus­lei­hen könn­te, weil ich die­sen Gang von Antho­ny Per­kins durch den mit Licht durch­lö­cher­ten Kor­ri­dor gegen Ende des Films noch­mal sehen woll­te. Die­ser war ein guter Leh­rer, nicht nur gab er mir das Video, nein, er ver­stand sogar exakt mei­ne Begeis­te­rung, die ich mir damals – und zum Teil heu­te – selbst nicht erklä­ren konn­te. Eine ganz ähn­li­che, wenn auch deut­lich frag­wür­di­ge­re ästhe­ti­sche Begeis­te­rung zeig­te ich eini­ge Wochen spä­ter, als wir im Geschichts­un­ter­richt mit Bil­dern aus John Fords The Batt­le of Mid­way kon­fron­tiert wur­den, das ist aber eine ande­re Geschich­te. Nur genau wie Fords Kriegs­do­ku wur­de nun auch The Tri­al, den ich auf die­ser VHS wei­te­re zwei Mal anschau­te, im Film­mu­se­um auf Film für mich neu gebo­ren. Erstaun­li­cher­wei­se hat­ten die VHS-Bil­der damals (wohl auf­grund ihrer Fri­sche, doch was heißt Fri­sche im Bezug auf Film?) einen der­ar­ti­gen Ein­druck auf mich gemacht, dass ich trotz der min­de­ren Qua­li­tät fast jedes Bild so in mei­nem Kopf hat­te, wie es sich nun auf der Lein­wand vor mir ent­fal­te­te. Mehr noch sind die­se Wel­les-Kopien im Film­mu­se­um der­zeit äußerst ärger­lich, denn fran­zö­si­sche und deut­sche Unter­ti­tel über­ein­an­der blo­ckie­ren fast ein Drit­tel des Bil­des und in einem Film, in dem zum einen so viel gespro­chen wird, wie in The Tri­al und zum ande­ren sehr viel mit Head­room gear­bei­tet wird, kann man vor lau­ter Schrift auf dem Bild nichts mehr erken­nen. Dies ist ein wirk­li­ches Pro­blem, des­sen Ursprung ich nicht ken­ne, aber wel­ches die Seh­erfah­rung genau­so behin­dert wie ein licht­durch­flu­te­ter Raum.

The Trial
The Tri­al

Den­noch über­trug sich die Begeis­te­rung für die schwarz­hu­mo­ri­ge Macht­lo­sig­keit und die visu­el­le Palet­te mit der Wel­les Kaf­ka begeg­net erneut. Das per­fek­te Cas­ting (Per­kins IST Josef K.) und das ver­schlun­gen-ver­spiel­te Para­dies der fil­mi­sche Form, ermög­li­chen ein Abtau­chen in eine inne­re Höl­le, in der stän­dig Räu­me dyna­mi­siert wer­den, weil sich hin­ter Türen völ­lig über­ra­schen­de Wel­ten öff­nen und in der man so sehr in einer unter­be­wuss­ten Logik ver­fan­gen ist, dass sich sexu­el­le Trie­be und Ver­spre­cher in eine Getrie­ben­heit ein­glie­dern, der man weder mit sei­nen Augen noch mit sei­nem Kopf ent­rin­nen könn­te. Dabei ergibt sich eine fas­zi­nie­ren­de Hei­rat zwei­er gro­ßer Künst­ler, denn natür­lich hält sich Wel­les nicht immer und nicht zu extrem an sei­ne lite­ra­ri­sche Vor­la­ge. Viel­mehr zieht er exakt jene Ele­men­te aus die­ser dubio­sen Hetz­jagd, die ihn selbst nicht los­las­sen: Ein pes­si­mis­ti­scher Blick auf eine Illu­si­on, die mit allen Mit­teln illu­so­ri­scher Kräf­te zu einem dop­pel­bö­di­gen Leben auf der Lein­wand gebracht wird. Er selbst tritt auf als in Zigar­ren­rauch gehüll­ter Anwalt, man kann ihm nicht glau­ben, nicht trau­en, aber es gibt eine Logik, die uns und Josef K. ihm zuhö­ren lässt. Das ist wohl die Logik des Kinos und es ist bezeich­nend, dass Wel­les in sei­ner Ver­si­on den Prot­ago­nis­ten mit deut­lich mehr Wider­stand gegen die­se kaput­te Welt aus­rüs­tet, denn die Selbst­auf­ga­be wäre eine Hin­ga­be zur Illu­si­on und Wel­les will die­se Illu­si­on bis zum Ende mit-reflek­tie­ren. Spät im Film tritt er als Anwalt fast ähn­lich auf wie als Fil­me­ma­cher in F for Fake. Mit wel­cher absur­den Lie­be für das Sze­nen­bild hier erstaun­li­che Sets geschaf­fen wur­den, die sich in der Kom­bi­na­ti­on aus extre­men Kame­ra­win­keln, Objek­ti­ven und extra­va­gan­ten Bewe­gun­gen zu einem Sog ver­dich­ten, der gleich der Spie­gel­wand, hin­ter der sich Romy Schnei­der im Film lockend ver­steckt, immer ermög­licht in eine Welt und auf sich selbst zu sehen. Die­ser Ansatz mit der illu­so­ri­schen Natur der Sets war in ein am Ende nicht umge­setz­tes Kon­zept von Wel­les eingeschrieben:

„Yes, I had plan­ned a com­ple­te­ly dif­fe­rent film that was based on the absence of sets. The pro­duc­tion, as I had sket­ched it, com­pri­sed sets that gra­du­al­ly dis­ap­peared. The num­ber of rea­li­stic ele­ments were to beco­me fewer and fewer and the public would beco­me awa­re of it, to the point whe­re the sce­ne would be redu­ced to free space as if ever­y­thing had dis­sol­ved.” (http://www.wellesnet.com/trial%20bbc%20interview.htm )

Es ist auch äußerst span­nend wie Wel­les hier einen jaz­zi­gen Moder­nis­mus mit den Abgrün­den des frü­hen 20. Jahr­hun­derts ver­eint und zu einer Sym­pho­nie der Tor­tur durch höhe­re Mäch­te ver­eint. Gedreht wur­de ein Groß­teil des Films im ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en in Hal­len und Wohn­land­schaf­ten, die den Alb­traum noch ver­stär­ken, der auch von den durch­ge­hen­den Ham­mer­schlä­gen von sich im Kreis dre­hen­den Dia­lo­gen und dem durch­ge­hen­den Stress im Dia­log in die Ner­ven der Zuse­her ein­prägt. Manch­mal hält man es kaum aus. Das Sound­de­sign ist vol­ler Lärm. Die­ser Effekt ver­stärk­te sich gar noch im zwei­ten Film des Abends, Figu­res in a Land­scape von Joseph Losey. Dar­in wird man mit­ten in wun­der­vol­le und töd­li­che Land­schaft gewor­fen, um zwei Flüch­ten­den (Robert Shaw, der auch das Dreh­buch schrieb und Mal­com McDo­well) bei ihrem Über­le­bens­kampf zuzu­se­hen. Wie The Tri­al bewegt man sich dabei auf einem äußerst abs­trak­ten Ter­rain, denn nichts wird wirk­lich benannt, es ist mehr ein exis­ten­tia­lis­ti­scher Trieb, der den Film befruch­tet. Durch das vor­an­ge­gan­ge­ne Scree­ning von The Tri­al leg­te sich ein Fokus mei­ner Wahr­neh­mung zu Guns­ten des deut­lich schwä­che­ren Films auf das alb­traum­haf­te bei Losey, das durch wie­der­keh­ren­de Bil­der, die feh­len­den Gesich­ter der Jäger, unde­fi­nier­ba­ren Gestal­ten, wie einer bewe­gungs­lo­sen Frau, die zunächst aus­sieht wie ein Veláz­quez-Gemäl­de bevor sie in einem Schock­mo­ment los­schreit und eben die­sem durch­ge­hen­den Lärm, der hier von einem Hub­schrau­ber aus­geht, der immer wie­der wie ein dunk­ler Bote des Todes über den bei­den Män­nern am Him­mel kreist. Und der bestän­di­ge Lärm die­ses Heli­ko­pters ist ein ganz ähn­li­cher Test für die para­no­iden Ner­ven wie bei Welles.

Figures in a Landscape
Figu­res in a Landscape

Die raue Nackt­heit einer Ver­fol­gungs­jagd, die man ja der­zeit auch im regu­lä­ren Kino­be­trieb in Mad Max: Fury Road von Geor­ge Mil­ler rausch­haft genie­ßen kann, bleibt eine gro­ße Fas­zi­na­ti­on, die kei­ner­lei Psy­cho­lo­gie braucht, um zu wir­ken. Katz und Maus, Räu­ber und Gen­darm, hier wer­den Bil­der evo­ziert, die eine Iden­ti­fi­ka­ti­on auf­grund ihrer Natur ermög­li­chen und nicht auf­grund der Figu­ren. Nicht umsonst war die Ver­fol­gungs­jagd auch im Kino der Attrak­tio­nen ein erfolg­rei­ches Gen­re. Doch Losey will ein wenig mehr und dadurch ent­steht ein äußerst bizar­res Stück Kino. Zum einen wird die Land­schaft hier mehr oder weni­ger poe­tisch mit der Jagd an sich ver­bun­den und gleich­zei­tig als inne­re Land­schaft eta­bliert. Fast wie Vic­tor Kos­sa­kovs­ky schnei­det Losey asso­zia­tiv von flie­gen­den Adlern auf den Heli­ko­ptern, ren­nen­den Rin­dern auf die bei­den Män­ner. Fel­der wer­den abge­brannt, eine Schlan­ge erscheint im Was­ser zwi­schen den Flam­men und die Schluss­bil­der, die an Theo Ange­lo­pou­los‘ Eter­ni­ty and a Day erin­nern evo­zie­ren eine epi­sche Grö­ße, die eigent­lich nichts in die­sem Film ver­lo­ren hat. Fast durch­ge­hend hat man da Gefühl, dass eine tie­fe phi­lo­so­phi­sche Ebe­ne unter all die­sen kan­ti­gen Bil­dern liegt, aber viel wird man dort nicht fin­den. Zudem spielt vor allem Robert Shaw zwei Eta­gen emo­tio­na­ler, als er womög­lich sollte.

Wie The Tri­al ent­führt auch Figu­res in a Land­scape in eine abs­trak­te Inter­pre­ta­ti­on einer unheim­li­chen Flucht. Hier wie dort könn­te die Land­schaft über­all sein, aber gleich­zei­tig ist sie auch defi­nie­rend für die­se Welt. Es stel­len sich Fra­gen an die Wich­tig­keit einer Ver­or­tung oder noch viel­mehr einer Kon­kret­heit des Rau­mes. Viel­leicht trifft Losey die­ses von Wel­les anti­zi­pier­te Auf­lö­sen der Sets am bes­ten, wenn er in einer lan­gen Blen­de einen nächt­li­chen Zug durch die unde­fi­nier­ba­re Zwi­schen­welt einer Dop­pel­be­lich­tung fah­ren lässt. Was sich dadurch letzt­lich zeigt ist, dass der fil­mi­sche Raum selbst in sei­ner Auf­lö­sung kon­kret bleibt, ja viel­leicht sogar erst mani­fest wird. Und aus die­ser Sicht betrach­tet, ist es viel­leicht span­nend, dass ich als Ein­stieg für die­se kur­zen Betrach­tun­gen eine sub­jek­ti­ve Erin­ne­rung an eine Vor­füh­rung von The Tri­al gewählt habe. Denn wenn die Auf­lö­sung der Sets tat­säch­lich statt­fin­den kann, dann womög­lich in unse­rer Erin­ne­rung an die Fil­me, in denen oft eher der Geschmack, ein Bild oder eine Emo­ti­on hän­gen­bleibt (so ist die unter­be­wuss­te Logik, die letzt­lich bei­de Fil­me antreibt).

The Trial
The Tri­al