Three Men of Wisconsin: The Criminal von Joseph Losey

Zwei Welten treffen beständig aufeinander in Joseph Loseys bisweilen irrsinnigen und jederzeit faszinierenden The Criminal. Einmal jene Welt der Kriminellen, der Untergrund, der vor allem durch die beengenden Einstellungen (eine großartige Kameraarbeit von The Third Man DOP Robert Krasker) im Gefängnis charakterisiert wird und zum anderen Swinging London, eine Gesellschaft der Moderne, Jazzklänge und ein verspielter Umgang mit dem Leben und Film. Schon gleich in der ersten Szene zeigt sich, wie avanciert Losey mit solchen Gegensätzen umzugehen weiß. Eine Gruppe merkwürdiger Gesellen mit schiefen Gesichtern sitzt dort in faszinierenden, fast bressonianischen Naheinstellungen beisammen, sie spielen Karten und man wähnt sich im Hinterzimmer einer Spelunke, so oder so, in der absoluten Freiheit. Doch irgendwann fährt die Kamera zurück und offenbart die Enge des Zimmers und gleich bemerkt man, dass man sich in einem Gefängnis befindet. Diese Sprengungen unserer räumlichen Wahrnehmung finden sich immer wieder im Film. So hört man in einer Szene im Haus des Protagonisten Johnny Bannion (Stanley Baker, in Rauheit verletzlich) etwas irritierende Klaviertöne, die auch wunderbar in den grandiosen Jazz-Score von John Dankworth passen würden. Jedoch offenbart sich mit fortlaufender Dauer der Szene, dass ein Mann im Haus das Klavier stimmt. Wir sehen ihn erst nach einiger Zeit. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten mit Raum und Interaktionen im Raum zu spielen, ganz so, als wäre Losey selbst ein Jazzmusiker, bei dem jeder Ton in eine neue Richtung zeigen könnte. Die anhaltende Ambivalenz seiner Figuren, zu denen man selbst am Ende des Films kaum eindeutig Stellung beziehen kann, ist Teil dieser gewollt-widersprüchlichen Inszenierung. Hervorstechend dabei ist ein stolzer, verletzter, bösartiger, ängstlicher, steifer, widerwärtiger, komischer, ruhiger, penetranter, ungeschickter, präziser, egoistischer Auftritt von Patrick Magee als Gefängniswärter. Figuren, die so spannend sind, das man seine Augen nicht von ihnen nehmen kann.

Offensichtlich ist der amerikanische Filmemacher, der sich hier unmittelbar vor seinem totalen Durchbruch als großer Name des europäischen Kunstkinos befand, inspiriert von Trends, die sich Ende der 1950er und Anfang der 1960er in Europa durchsetzen. So erinnert seine Verspieltheit mit Form und Inhalt (zum Beispiel eine plötzliche direkte Adressierung der Kamera oder der Blick auf eine Frau durch ein Kaleidoskop) an die Nouvelle Vague. Damit ähnelt der Film Vittorio De Sicas Un mondo nuovo, der zeigt zu welchen Höhen Opportunismus anspornen kann. Losey jedoch zieht auch von weitaus komplexeren Größen wie Antonioni oder Bresson, bei ihm ist alle Form immer eine Möglichkeit, in die offenen Stellen eines Genres (Gangsterfilm, Heist-Movie) und einer Gesellschaft zu treten. Und vergessen wir nicht, dass die Nouvelle Vague nicht alleine stand und diese Aufbruchsstimmung sich praktisch früher oder später durch ganz Europa zog. Das New British Cinema beispielsweise erreichte fast zeitlich mit der Veröffentlichung des Films seine Blüte.

Concrete Jungle

Im Zentrum des Films steht der bereits erwähnte Johnny Bannion, einer dieser Namen, die es heute im Kino kaum mehr gibt, er ist ein König der Unterwelt und Herrscher im Gefängnis, aber auch ein stimmungsabhängiger Einzelgänger und einer vom alten Schlag. Status und Respekt sind dort noch Werte. Damit passt der Film inhaltlich natürlich sehr gut zum vorher gezeigten The True Story of Jesse James von Nicholas Ray. Dort wo Prinzipien und Egomanie Antrieb für Kriminalität sind, scheitert sie oft umso heftiger. Nur werden die Kriminellen dann Helden, wenn die Gegenspieler wie in The Criminal Teil eines kalten und bösartigen Netzwerks sind oder ruhm- und geldgeile Neider wie bei Nicholas Ray? „The dirty little coward, that shot Mr Howard…“ Natürlich lässt sich hier auch die Gesellschaftskritik des Films finden. Bannion kommt aus dem Gefängnis, um seinen nächsten Coup zu landen. Doch dieser geht schief und er landet wieder im Gefängnis. Allerdings sitzt er auf seinem Geld und mit Hilfe eines Kollegen gelingt ihm die Flucht aus dem Gefängnis. Draußen wartet aber Verrat statt Freiheit auf ihn. Der Wechsel vom Gefängnis in die freie Welt ist hier ein besonderes Spektakel. Zwar atmet man die Freiheit nicht so spürbar wie etwa in Jacques Audiards Un prophète, aber die wilden Wechsel von den engen Mauern auf eine hippe Jazz-Party mit Selbstbräunungsapparaturen bis hin zu Verfolgungsjagden über schneebedeckte Felder samt Vogelperspektiven ermöglichen eine Plötzlichkeit, die Ästhetik und Inhalt wunderbar verschmelzen lässt.

Denn eigentlich ist The Criminal ein Musikfilm. Er folgt nicht nur einem ganz musikalischen Rhythmus, sondern arbeitet auch mit dem Widerspruch einer jazzigen Weltsicht und der Realität der Kriminellen, die Traurigkeit, die durch Cleo Laines Thieving Boy die beiden Welten des Films verbindet, die Musik im Gefängnis, sei es Knick Knack Paddywhack oder die sanften Fluten einer karibischen Stimme, die das Geschehen kommentieren. In diesem Sinn ist die Musikalität im Gefängnis doch gar nicht so der Welt entrückt, einer Welt, die sich vielleicht nur ertragen kann, wenn sie sich durch Gesang erhöht, verfremdet und romantisiert. Swinging Criminals stehlen dann zum Klang eines Saxophons, betonte Lässigkeit, sie dürfen keinen falschen Ton spielen, aber es darf im Kino und auf der Bühne auch nicht so aussehen, als würde es sie anstrengen. Darunter jedoch ist eine Welt des Abgrunds, den man erst spürt, wenn die Musik endet, der aber nur durch die Musik aufgerissen wurde. Losey, könnte man sagen, ist ein Krimineller und ein Musiker.

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