Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Three Men of Wisconsin: The Stranger von Orson Welles

The Stran­ger von Orson Wel­les ist eine jener Fil­me, bei denen man beson­ders die Kraft eines Fil­me­ma­chers spürt, der aus jeder Sze­ne ein klei­nes visu­el­les Ereig­nis macht und damit einen eigent­lich durch­schnitt­li­chen Film, zu einem erin­ne­rungs­wür­di­gen Vibe ver­hilft. Der Film ist der ein­zi­ge von Wel­les, der bei sei­nem Release posi­ti­ve Zah­len in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten schrieb und wird von vie­len Theo­re­ti­kern und Kri­ti­kern abge­lehnt bezie­hungs­wei­se als min­de­res Werk im Schaf­fen von Wel­les betrach­tet. Schuld dar­an dürf­te ein recht fla­ches und doch glei­cher­ma­ßen abstru­ses Dreh­buch sein (der desas­trö­se Geschmack der Aca­de­my wird hier mal wie­der klar, denn der Film wur­de aus­ge­rech­net für Bes­tes Dreh­buch nomi­niert bei den Oscars…) und die Tat­sa­che, dass Wel­les den Film selbst als eine Aus­nah­me beschrie­ben hat, da er nach sei­nen Pro­ble­men mit The Magni­fi­cent Amber­sons sei­ne Enfant ter­ri­ble-Sta­tus los­wer­den woll­te. Schließ­lich bekann­te er sich dazu, dass The Stran­ger der schlech­tes­te sei­ner Fil­me sei. Zudem hät­te man 30 Minu­ten geschnit­ten, die Wel­les selbst geschrie­ben hat­te (eine Ver­fol­gungs­jagd in Argen­ti­ni­en). Aber wie so oft tra­gen die unge­lieb­ten Kin­der unge­ahn­te Qua­li­tä­ten in sich.

Der Film spielt in einer para­no­iden Nach­kriegs­welt, die kur­zer­hand in die ame­ri­ka­ni­sche Klein­stadt Har­per ver­legt wird. Dort ist der kau­zi­ge Detec­ti­ve Wil­son (ein metho­disch-gelas­se­ner Edward G. Robinson)auf der Suche nach dem geflo­he­nen Nazi-Draht­zie­her Franz Kind­ler. Die­ser hat inzwi­schen eine neue Iden­ti­tät ange­nom­men, Charles Ran­kin und hei­ra­tet die Toch­ter des Rich­ters, äußerst ner­vig dar­ge­stellt von Loret­ta Young. Wel­les gibt den Nazi selbst und auch wenn ihm das Deut­sche nicht wirk­lich liegt, so liegt ihm doch das Dunk­le und Bedroh­li­che. Ein­mal erklärt er sei­ner Frau in einem flüs­ternd-töd­li­chen Ton, dass der Hund von nun an ein­ge­sperrt wer­den wür­de. Man erschrickt fast, obwohl Wel­les kaum sei­ne Stim­me erhöht. Das Zau­ber­wort hier ist Prä­senz. Es beginnt ein Katz-und-Maus Spiel zwi­schen Wil­son und Kind­ler, bei dem der Zuse­her immer­zu etwas mehr weiß, als die Figu­ren. Das bedeu­tet nicht, dass wir uns hier unbe­dingt auf Hitch­cock-Ter­rain bewe­gen, denn zu domi­nant sind die ver­leug­ne­ten, ver­ges­se­nen und erfun­de­nen Iden­ti­tä­ten, die Wel­les immer wie­der heim­su­chen. Sie fin­den sich vor allem auf sei­nem eige­nen Gesicht, dass jeder Zeit oszil­liert zwi­schen völ­li­ger Panik, berech­nen­dem Charme und Zärt­lich­keit. Zudem war die Nazi-The­ma­tik, die für uns heu­te etwas ermü­dend wir­ken könn­te damals tat­säch­lich inno­va­tiv in Hol­ly­wood. The Stran­ger gilt als ers­ter Hol­ly­wood­film, indem Bil­der aus den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern zu sehen waren.

Orson Welles und Loretta Young

Den­noch sind die etwas arg ein­fa­che Gut-Böse Unter­schei­dung und die stark sim­pli­fi­zier­ten Vor­gän­ge, kaum zu igno­rie­ren. Weder erreicht der Film jenen laby­rin­thi­schen Rausch, der die Exis­tenz einer Sto­ry sonst bei Wel­les oft obso­let macht, noch sind die Figu­ren und ihre Welt in sich jeder­zeit glaub­wür­dig. Die Sinn­lich­keit, die man sucht, liegt viel­leicht wo anders, in der Hei­me­lig­keit des Films, der Sim­pli­zi­tät, die in ihrer Dich­te immer wie­der den Sil­hou­et­ten­rausch von Wel­les anti­zi­piert, aber sich nie völ­lig dar­in ver­liert. Ein Bemü­hen um Schlicht­heit tut dem Gan­zen nicht wirk­lich weh, denn das auf­ge­la­de­ne The­ma des Films wür­de kaum mehr visu­el­le Macht ver­tra­gen. Und doch schei­nen sie immer wie­der durch die lan­gen Sequen­zen ohne Schnitt (zum Bei­spiel in einer bemer­kens­wer­ten Sze­ne im Wald), die extra­va­gan­ten Top-Shots, Weit­win­kel­auf­nah­men in einer expres­sio­nis­ti­schen Per­fek­ti­on, die in der Uhr, für die Franz Kind­ler einen töd­li­chen Fetisch hat, gip­felt, in einer herr­lich über­zo­ge­nen Schlusssequenz.

Beson­ders in Erin­ne­rung bleibt eine Lei­ter, die durch geschick­te Objek­tiv­wech­sel immer gefähr­li­cher und höher wirkt. Sie führt in den Glo­cken­turm der Kir­che, hin­auf zur Uhr, dort wo selbst­ver­ständ­lich das Fina­le des Films statt­fin­den muss. Dort fin­den sich nicht nur das zwei­te ent­schei­den­de Objekt, die Uhr, son­dern dort zeigt sich auch die Poe­sie von Wel­les, wenn er bei­spiel­wei­se Tau­ben durch das Bild huschen lässt im Atem­zug eines Gegen­schus­ses, der bei ihm immer mit extre­men Respekt für Zeit und Raum einer Sze­ne ein­ge­setzt wird. Die mani­pu­lie­ren­den Effek­te kre­iert Wel­les mög­lichst sel­ten mit Mon­ta­ge, son­dern mehr mit Licht&Schatten, Kame­ra­per­spek­ti­ven, Bewe­gun­gen und sei­nen Objek­ti­ven. Auch das über­lap­pen­de Ton­de­sign ist bemer­kens­wert. So hören wir die Uhr immer wie­der und auch das kra­chen­de Holz der Lei­ter, obwohl wir gar nicht im sel­ben Raum sind. Die Uhr selbst läuft rück­wärts, vor­wärts, sie wird repa­riert, es ist die Zeit, die einen ein­ho­len wird, die einen viel­leicht über­ho­len wird, von der sich Kind­ler wünscht, dass sie zurück­kehrt. Es ist die Zeit, die man nicht ver­ges­sen kann und es spricht für Wel­les, dass er die­se Sym­bo­lik bis zur mate­ri­el­len Schmerz­gren­ze aus­lo­tet und die Uhr tat­säch­lich zu einem Cha­rak­ter wer­den lässt, denn die Teu­fel der Zeit sind letzt­lich zwar alb­traum­haf­te Gestal­ten, aber vol­ler Gerechtigkeit.

Welles

Der Film ist public domain und kann unter ande­rem hier legal ange­se­hen werden:
https://​archi​ve​.org/​d​e​t​a​i​l​s​/​T​h​e​S​t​r​a​n​g​e​r​7​20p

Trotz­dem hat man ihn nur im Kino wirk­lich gesehen.